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Samstag, den 14. November 1896
23. Jahrgang
FuIdilttMZeitling
mit Nnterhaltrmgs-KeUase „Sterne und KLurnen".
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A Landwirthjchastliches.
Dar Berliner Sprachrohr der „Bunde» der Lund- wirthe", die »Deutsche Tageszeitung', zeigte sich vor einiger Zeit sehr erregt, als in der Presse die Bchaup- tuns austauchte, der Antrag Sanitz werde im nächsten Abschnitt der ReickSiagrstsfion, der nunmehr begonnen hat, nicht wicderkehren und jetzt schreibt das Bündlerblatt selbst, daß der Antrag nicht Wieser ringe- bracht werden soll, weil die jetzige Tagung des Reichs- tag» lediglich eine Fortsetzung de» ftüheren sei, und eS nicht üblich sei, in derselben Tagung ein und denselben Antrag nach erfolgter Ablthnung zum zweite« Male einzubringen. Der Ausschuß de» Bunde» soll Ende November zusammentreten und dann auidrückl ch eine Erklärung diese» Inhalt» beschließen. Der Antrag Sanitz ist also für absehbare Z it abgethan. Die formale Begründung, welche die ,Tagr»ztg.' für diese Entsagung der Lavdbündler beibringt, wi.5 wohl nicht mit Unrecht vielfach nur al» ei« Borwand angesehen; denn wenn e» den Landbündlern ernstlich mit dem Anträge wäre und wen« sie glaubte», mit deflen Erneuerung für ihre Zwecke etwa» zu erreichen, (o würden sie gewiß schon eine geschäftsmäßige Form finden, um di: Ziele ihre» Anträge» zur Sprach« zu bringen.
E» wird sich im Ernste wohl kaum bestreite» lassen, daß toten nicht sachliche, so doch taktische Beweggründe für die Enthaltsamkeit der Herren von Ploetz u. Gen. bestimmend stad. Ein Blick auf du Entwickmng der Preisverhältniffe wird die» sofort klar machen. Weizen, der am Schluffe de» Jahre» 1895 147 Mk. die Tonne kostete, »ottrte am Mittwoch 176; Roggen ist in dem- selben Zeiträume von 120 auf 132, Gerste von durch- schnitt -ch 118 auf 126 gestiegen, Spiritu» von 51 aus 57 Mk. E» ist also ganz ohne die vom Antrag Sanitz verlangte künstliche Erhöhung eine sehr erhebliche Preissteigerung auf die landwirthschastlichev Er- zeugnifle eingetreten. Und darum erscheint der gegenwärtige Augenblick nicht sehr geeignet, Forderungen zu erheben, die auf gesetzlichem Wege eine starke Preii- steigeruvg des Getreides herbeiführen würde«. Bo« de» sogenannten „großen Mitteln" ist also darjeaige, da» i» der Agitation des „Bunde» der Landwirthr" die größte Rolle gespielt hat, zunächst in der Ber- serkung verschwunden. Auch für die Verfechtung des zweiten „großen Mittels", der Doppelwährung, ist der jetzige Moment, wo alle Welt »och unter dem Eindrücke der gewaltige« Niederlage steht, welche der Silbersauatismu» bei den Präfidentfchaftswahlen irr Nordamerika erlitten hat, recht ungeeignet. Sein Wunder, daß die anti-agrarische liberale Presse große Siegeszuversicht zur Schau trägt und die Agrarier mit Hshn und Spott überschüttet.
Dieser Jubel scheint ur» aber denn doch verfrüht. Die Liberalen mögen ja nicht glauben, daß nunmehr d»e Freihändler und Börsianer freie Bah« hätie», und alle jene Bestrebungen, die sie unter dem Namen agrarisch zusamwensaflend bekämpfen, nicht mehr zu fürchten brauchte». Wir find Gegner de» Antrag» Sanitz au» prinzipiellen, wie auch aus prakttsche« Gründen gewesen, und wir stehe» dem BimttalliSmu» wenigstens sehr nüchtern gegenüber, weil wir auf absehbare Zeit eme internationale Verständigung über die Währungsverhältniff? nicht für möglich halten, aber wir würde« e» seh- bedauern, wen« man den Antrag Sanitz und die Dopp-lwährung mit alle» ander« im J-rtereffe der Laadwitthfchast erhobenen Forderungen i» einen Topf zu werfe» und sich überhaupt der Ber- pfl chtuag entziehen wollte, unserem Bauernstand die Hrlfe, deren er dringend bedarf, vorzumthalt:«. Und wir glauben auch nicht, daß derattige ant,agrarische R igungm auf Seite« der Regierung bestehe», p w.r find überzeugt, daß nach Aus chndung unerfüllbarer Forderungen, wie de» Anträge» Sanitz, erst recht die Bahn frei geworden ist, um da« tot!Lid) Erreichbare und N thwendigr im Jnterefse der Landwirth- schäft « die Wege zu letten. Gerade deshalb, weil die Elnsestigkrit, mir der sich der Bund der Landtoirthe sei her auf de« Antrag Sanitz und Doppelwährung verbifiru hat — unter Mißachtung arderer Mittel, die man verächtlich die „kiernen" nannte — einer Förderung
dieser letzteren Mittel hinderad im Wege stand, haben wir im Jnteresie der Landwirthschaft selbst die Agitation des „Bunde» der Landtoirthe" ganz beson- der» bedauert. Demgemäß steigt jetzt, wo solche einseitige» Pläue zerücktreten. gerade unsere Hoffnung darauf, daß auf anderem Wege oder vielmehr anderen Wegen Alle» geschehen wird zur Erhattuug unseres Bauernstandes.
Es erübrigt sich, im Einzelnen Alle» das anfzu- sühren, was in dieser Richtung »och geschehen kann uad soll; e» ist die» unsererseits — ganz vortrefflich besonders von demAbg. Dr. Pichler auf dem praktisch- sozialen Kursus i« Schwäbisch-Gemünd — ja ost genug geschehen. Wir möchten an dieser Stelle nur wiederholt die Mahnung au»'preche», daß mau bei Zeiten daran denke, was beim Ablauf der jetz gen Handeltverträge an deren Stille zu setzen ist, und daß mau den Abschluß der nächsten Handelsverträge schon jetzt so vorbereite, daß wir da« besonder» vom Standpunkt unserer Landwirthschaft au» eine befl-re Position gegenüber drm AuSlandr habm, al» die» 1891 der Fall war. Wir möchten deshalb erneut die Auf- merkiomkeit auf den Vorschlag lenken, eine» hohen deutfchen Maximal ° Tarif aufzustellev, der kräftige Zölle, besonders auch für die landwirthschaft- lichen Produkte enthalten müßte. Wir hätten dann eine Waffe, mit der wir größere Zugestcudn-ffe, al» dies 1891 der Fall war, vom Su»lande erzwingen könnte», und zugleich auch eine Wuff: für den Fall, daß schon bald die siegreiche hochschutzzölluerische Partei in Nordamerika Zollplackereien gegen Deutschland versuche» sollte. Wir möchte» dringend wünschen, daß dieser Gedanke spätesten» beim Etat de» Reich»- schätz am», dem da» Zollwesen untersteht, auch im Reichstage zur Sprache käme.
Glycera.
Novelle von h. Fred.
14] ------- (Nachdruck verboten.)
Adalbert konnte de» Zasammenhaug, wie das so verwöhnte und geliebte Sind von seiner Mutter und von seinem Bräutigam fortgekommen, durchaus nicht begreifen. „Hat sie denn nicht nach Hause, nach ihrer Mutter begehrt?"
„Rein; die Mutter de» Pfarrers, welche wie eine barmherzige Samariterin a» ihr gehandelt hat, fragte sie, als es aufing, bester zu werde«, ob sie nicht nach Hause schreiben sollte; aber da» Mädchen verweigerte jede Au»ku«st, wo sie zu Hause wäre. Sie hielt sich fast ein Jahr am Pfarrhofe auf, wo sie sich körperlich ganz erholte. Sie sorgte mit für die Wirthschast und übersetzte dem Pfarrer feine Predigte», die er den polnische« Leuten, welche unter den Arbeitern im Sommer stet» vertreten sind, halten mußte. Er hat mir erzählt, wie er sich verwundert, daß sie deutsch und polnisch so rei« und richtig sprach und schrieb. Ich kam Abends manchmal zam Pfarrer hinüber. Da» Mädchen dauerte mich; sie war immer still und traurig. E» gingen viele Leute beim Pfarrer ein und ans; ich glaube, .e» hatte mancher ein Auge auf sie. Aber wer sich einbildete, die Rrpka würde mit sich schön lhun laste», war im Jrrthum; dazu war sie zu brav und zu stolz. Da bewarb ich mich nm sie. Ich weiß nicht, was den Ausschlag gab; sie hatte anfang» keine Lust, weil ich ent Deutscher und auch nur ein schlichter Mann hin. Aber Herren gab e» auf unserem Dorfe nicht, und so wie es da war, konnte e» doch nicht immer bleiben. So sagte sie Ja, und der Pfarrer, der sie genau kennen gelernt hatte, bot un» auf und traute uns, ohne viel «ach ihrer Herkunft zu fragen. Sehr glücklich sieht sie nicht aus, besonder» seit unser Kindchen gestorben ist. Sie grämt sich, da» arme Weib; aber sie ist immer gut und still und macht alle» so sorgsam und zierlich, daß einem ganz wohl um sie herum ist. Gott gebe, daß e» wieder bester werde."
„Ich will sie frag-n, ob ihre Mutter noch lebt. Bielleicht sehnt sie sich »ach chr. Aber nuu wollen wir die Pferde traben lasten, daß Sie nicht zu lange von Hause fortbleiben." M VI.
■ ? „Du hast Dich pewiß geängstigt, Paula? Ich bin heute spät nach Hause g>bannen."
Sie staad mtt dem Knaben a« der Hand in der Mttte des Salons; das blaue Kleid umschloß ihre
ebenmäßigen Formen und wallte in graziöse« Falten zur Erde; ihr glänzende» Haar, von den Händen des Kinde» etwas verwirrt, fiel in reizender Unordnung um Stirne und Schläfen und ihr Mund lächelte so bezaubernd den WillkommerSgrußl
„Ja, ich war ein wenig unruhig; aber nun ist alles wieder gut. Hat Jemand Deinen ärztlichen Rath in Snsp.uch genommen? Ich sah Dich mit Döring nach dem Laboratorium geh:«."
„Seine Frau ist krank."
„Ist es bedenklich? Sie soll brustleidend sein."
„Sie hat Lunaeablutunge» und, wie er mir sagt, schon zum dritte» Male. Unmöglich ist das nicht; aber aber wenn sie keine Aufregungen hat, wird'» wohl vorübergehe». Sie hätte lieber nicht hierher komme» solle»; die Lust ist zu rauh sür sie. Du hattest übrige«» recht
3» diesem Augenblicke kam die Kiudersrau mit Paul'» Süppchen. Der Kleine, welcher aus Papa'» Kniee geklettert war, schlang die Arme um seine» Hal» und bat: „Hier bleiben, Papa, hier ess!«."
„Er hat sich so nach Dir gesehnt; darf er? Fra« Soppel wird ihm helfen."
Lachend gab der Papa diesen vereinte» Bitte« nach. Aber die Umerhaltung war nun abgeschnitte», gerade in dem Augenblicke, al» er beginnen wollte, feiner Frau zu erzählen, daß Frau Tö.ing doch wirklich dieselbe Person stt, die seine Zichnung dargestellt habe.
„Die arme Frau," bemerkte Paula teilnehmend, ließ aber damit den Gegenstand fallen.
Kurz darauf brachte der Diener die Postsachen. Adalbert fand einige wichtige Briefe, um derentwillen er noch nothwendige Anordnungen treffen mußte, und auch Paula wurde durch eine Mlttheiluvg ihrer Tante sehr in Anspruch genommen. Frau von Brixiu» war gefallen, hatte sich den Fuß verrenk: und fcg nun mit heftigen Schmerze» zu Bette. In dem Schreiben der Tante hieß e» u. a.:
„Leider ist keiner meiner nähere» Bekannten jetzt anwesend. Ich sehne mich sehr «ach Dir und empfinde de« Unterschied zwischen einer zarten, geschickten Hand wie der Deinen und ben handwerksmäßige» Kunstgriffen meiner bezahlten Wärterin. Pflegende Schwestern haben wir leider nicht."
Sie reichte ihrem Manne da» Schreiben, al» er wieder eintrat, und sah ihn besorgt an.
„Möchtest Du gern zu ihr, liebe» Herz?"
„O Adalbert, wie gut Du bist. Kannst Du mich auf einige Zeit entbehren?"
„Ich werde wohl müssen. Bei einem Akte der Nächstenliebe soll man nicht zu viel an sich selber denke». Ich werde Dich morgen selbst hinübecfahre», sobald ich in Marienhöhe gewesen bin."
Run gab e» »och viele» zu bespreche«; e» war die erste Trennung zwischen dem jungen Ehepaare, und wu de Beide« recht schwer. Wer wollte e» da dem Gatten verdenke», daß er die Mittheilung über Glycera auf eine spätere Zeit verschob!
Freilich wurde er selbst bald inne, daß aufgeschoben sehr leicht auch aufgehoben ist. Während seine Frau fort war, mußte er fast täglich zu der kranken Frau Döring, und diese Besuche waren da» Peinigste, wa» es für ihn gab. Während ber allerschlimmsten Tage hatte er Franz» Döring immer bazu gerufen; aber al» die absolute Gefahr schwand, mußte ja ber Mann seinen Geschäften nacha-hen, war oft gar nicht in ber Nähe. So sanb er Nepka fast immer allein. Sie hatte feit jenem ersten Ausbruch fich bemüht, nicht wieder direkt von ber Vergangenheit zu sprechen; aber ihre trostlose Seetenverfaffung sprach an» jeder Andeutung, lag in Ton und Blick, in der ganzen gebrochene« Haltung de» unglückliche» Weibe». Ihr Anblick war ein steter Vorwurf für Adalbert.
Einmal hatte er sie gefragt, ob er ihr nicht einen Priester senden sollte.
„W.-rde ich sterben?" hatte fie gefragt, unb ihre großen Augen starrten ihn anjisthast an.
„Da» stiht in Gotte» Hanb; aber jedenfalls ist es gut, wenn man fich für alle» bereit hält."
„Ich kann nicht deutsch deichten; alle» andere geht in der fremden Sprache, aber beichten kann ich nicht."
„Aber ich denke. Sie find schon lange au« Ihrer Heimath fort, Fran Döring. Haben Sie fich da noch nicht daran gewöhnt?"
„Im Rübenland beichtet man nicht, und hier — fehlte es mir auch an Lust." (Forts, folgt.)