Jß. 263
Freitag, den 13. November 1896
23. Jahrgang
FlildacrWZkituiift
mit Untrrhaltrrrrgs-DeLlage „Sterne und Ktnmen".
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lieber die Hungersnoth in Indien, die zum Tßeil bekanntlich schon aurgebrochrn ist, sich aber in Folg« bst völlige« Mißernte noch Weiter an»- dehneu dürfte, liegen jetzt weitere Einzelheiten vor. Die HungerSnmh wird in erster Linie die nordwestlichen Provinzen Indien» treffe«, welche — die weiten Gebiete der Provinz»» von Audh mit seinen 12 Millionen Bewohner« einbegriffen — eine Bevölkerung von 40 Millionen aufweisen.
Der Preis der LebesSmitte! ist dort schon jetzt doppelt so hoch, wie vor 2 Jahren um diese Zeit. Jeder, welcher weiß, wie arm dort die meisten Menschen sind, kann sich denken, was da» für sie bedeutet. Rath muß eintreten, selbst wenn Regen fällt. Im Pendschab dient die Frühlings Ernte hauptsächlich zum Unterhalte der Bevölkerung. Dort kann die Lage sich btffern, wenn noch Regen eintritt. So schlimm wie dir HunzerS? noih dk» Jahres 1876 war, dürfte die jetzige doch keinesfalls werde». Drei Millionen Acre» sind jetzt mehr beschützt gegen Regenmangel al» 1876 In den bedrohten Provinzen gibt e» jetzt im Ganzen 18 Millionen Acre», die künstlich bewöffrrt werden. Taasrndr von Meile» Eisenbahnen durchziehen gegenwärtig da» Land, so baß im alleräußersten Falle mit der Bahn in kürzester Zeit LrbenSmittel in die schwer geprüften Orte entsandt werden können. Daneben besteht der sogen. „HungkrSnoth Kodex", welcher alles vorschrribt, war jeder Beamte isr Falle eine» Rothstande» zu thun Hot. Sobald der Getreideprei« um 25 Prozent steift, muß kS der Dorfbeamte der Provinzial-Regierung sofort berichten. Ueberraschungen könne« auf solche Weise nicht entstehen. Dann gibt die Regierung ihre Befehle aus. Sie weiß genau, wie viel Hilfe überall «othwendig ist. Ingenieure werden abgesandt zur Leitung der Roth« bauten ur b Aerzie halten sich für den Ausbruch einer Epidemie bereit.
Der Kodex setzt genau fest, wir die Nothbauten betriebe« werde«, wie dir milde« Gaben, wie dir Nahrungsmittel vertheilt werden sollen. Grundbesitzern werden Vorschüsse gegeben, damit sie Anlagen, besonders Bewässerungsanlage«, aussühren könne«. Rar in SuSnahmefällen läßt die Regierung Getreide hi«- schaff n. Lieber schafft sie Arbeit bei den Rothkauten und bezahlt für die Arbeit. Sie glaubt, daß der Hande! von selbst die Leben-mittel in die Mangel leidenden Gegenden bringen werde. Die Regierung bestimmt die Sätze für die Beförderung der Getreide«; die Sätze sind schon reduzirt worden. Sollte r» aber absolut vöihig sein, so dürfen dir Eisenbahnen nur Getreide befördern. Die Löhne bei den Nothbauten find natürlich so niedrig, daß die Leute sich nicht danach zmücksrhnen, wenn sich die Zeiten b-ffwu. Sine große Schwierigkeit besteht darin, die Rochleidmden zu bewegen, ihre Roth zu mildern. Biele weigern sich avS Kostenvorurtheilrn, mit Anderen zusammen zu arbeiten und zu leben. Man muß die Hungrigen,
Glyrera.
Novelle von H. Fred.
13] ------- (Nachdruck verboten.)
Einige Tage später kramte Wrißkirch in seinem Schreibtisch; der kreme Sprößling war auf eine Fuß- bank geklettert und untersuchte Papa'» Zeicheumoppr.
„Willst Du meine Skizzen habe«, kl-mer Mensq? Da, bringe sie Deiner Mama. Du wolltest ja wohl Deinen kritischen Maßstab an meine jetzt ganz v-rnach- liiffigte Zeichen-Versuche anlegen, Paula?"
Dre junge Frau nahm freudig die Mappe in Empfang; sie hatte erst kürzlich erflchren, daß Adalbert für diese Kunst ein schöner Talent besaß, al» er im Garten mit wenigen Strichen ein ziemlich gelungene» Portrait von seine» Knaben KrauSköpfchen lieferte. Wahrend sie eifrig die Blätter betrachtete, die meisten» Partieen au» dem Schloßgarten seiu-S Wohnortes bar- stellten, rutschte ein etwa» kleinere» Blatt zur Erde. Adalbert und Paula bückten sich gleichzeitig danach and starrten dann beide, freilich mit verschiedenen Empfindungen, «inen jugendlichen Mädchenkopf an, der npt einer gewissen Sorgfalt behandelt und auSge- führt war.
„Stein Sott, wie gut Du sie getroffen hast! Wann sahst Du sie? Sie hat in der That rin Gesicht zum Malen," sagte Paula.
besonders viele Kranke und die Pfleger derselben, förmlich zwingen, sich um Hilfe zu bemühe«. Weiter werden Bolkrküchen zur rechten Zeit eröffnet tmb Rasthäuser auf den Laubstraßen angelegt.
Die englische Regierung führt, wie man sieht, in der That gegenwärtig einen regelrechten Felbzug gegen bie HungerSuoth; aber e» ist noch lange nicht sicher, ob sie bomit auch Erfolg haben wirb. Die englisch- inbische Regierung rechnet noch gar nicht mit bem Schlimmsten, waS emtretsn kann: mit einer allgemeinen HungerSnoth in Jnbien. Sie trifft darum, soviel sich bie Sachlage übersehe« läßt, auch noch keine Vorkehrungen, um einer etwaigen Hungers- noth in Borber- unb Hmterinbien mit einer Gesammt- brvölkrrung von mehr als 200 Millionen wirksam zu begegnen. Großbritannien will vorerst nur bie Hungerrnoth in be« nordwestlichen englischen Provinzen Vorderindien» bekämpfen. Dar nicht-englische Hmderindien, wozu dar Königreich Siam mit seinen 6 Millionen Einwohnern gehört, hat noch gar keine Anstalten getroffen, um die Hungerrnoth abzuwehren, obwohl auch in Siam eine Mißernte zu verzeichne« ist. In dem unter ftanzösischem „Protektorate" stehenden Kaiserreich An«m mit 6 ein halb Millionen Einwohnern sieht es nicht bester aus. Also würden ohne die gleichfalls in Mitleidenschaft gezogenen Himalaya st aalen voraussichtlich etwa 215 M-ll. Menschen in diesem Winter in Asien der Hungersnoth ausgesetzt werden.
SS wüsten sonach, wenn die HungrrSnoth nicht Millionen Menschen hmraffen soll, schleunigst andere, umfass ende Maßregeln getroffen werden. Diese Sorge wird, da von dm indischen RajahS (Fürsten) wmig zu erwarten ist, in erster Linie England zufallen. Die mglische Regierung wird tief in de« Säckel greifen wüste«, soll umfassende Hilfe geleistet werde«. Bereits hat sie eisten ersten höheren Betrag angewiesen, um in Asien Kor« und Rn» zu kaufe« und bie» nach Indien zu schicken. Dre französische Regierung wird auf biesem Wege folgen müstm.
Inzwischen wird auch die Milbthätigkeit in Europa gegen den grimmigsten M-nschensemd: ben Hunger, aufgerufen werbe«. Dieses hat schon jetzt, wie der englische Geistliche von Neugong in Mittel- iubien, Macbonald, schreibt, manche« Opfer ge- fordert. E» mußte bort Militär rtqainrt werden, um die Kaufläden vor der PAuderusg durch die hungrigen KuliS, zu beschütze«. Obgleich Sie arme« Kali» wissen, daß in nächster Nähe von Neugong Militär steht, hat der Hunger sie zu Verbrechern gemacht. In Sa gor (Mittelindim) habe« ein Kuli und seine Frau in ihrer Verzweiflung das eigene Kind gegrstenl . . . Da» geschah Ende September. Wie werde« aber seitdem die Zustände in Indien sich verschlimmert haben!
In England sind bereit» SammelkomiteeS a« der Arbeit; e« dürste» solche bald auch in anderen europäischen Staaten gebtlb t werden. Ist ja auch Surr pa
„Wer, liebt» Kind? Kennst Du diese Züge?"
„Nun, Frau Döring; Du weißt, ich sah sie in Koblenz uno erzählte Dir, wie reizrnd st- wäre."
„Aber ich sah sie nicht, kenne überhaupt Frau Döring nicht. Dreß ist sie gewiß nicht," gab Adalvert zurück. „Frauchen," er beugte sich zärtlich über sie und schaute in ihre herrlichen Augensterne, „Du wirst doch nicht mit Deinem — Fehler Dir oder mir Unrecht thun?"
„Rein, gewiß nicht, Adalbert; ich meinte nicht» Schlimmes. Ich hätte nicht» darin gefunden, wenn Du einen so reizenden Kopf gezeichnet hättest."
„Ohne Dir etwa» zu sagm — die Frau meine» Inspektor»? Run, eigevthümlich wäre das immerhin."
Beide scherzte« über bie Sehnlichkeit, aber keiner ging darauf ein, wm da» Bild denn eigentlich bar» stelle; sie nicht, um nicht von neuem ben Verbucht ber Eifersucht zu erregen, unb er, weil e» daS Portrait btr Gärtnerstochter war, gezeichnet in btti Tagen be» kurzen bräutlichen Glück s btr armen Rtpka.
Infolge diese» Vorfälle» besuchte Wrißkirch so feiten wie möglich da» Vorwerk, auf wrlchem Döring wohnte. ES war spät im November, al» er, im Dämmerschein au» bem BrrihschaftShofe in „Marien- höhe" tretenb, ber Frau seine» Inspektor» zum erstenmal begegnete.
Er war in Gedanken versunken und wäre vielleicht
insofern bei dieser gewaltige« Hu«ger»noth mteresfiri, all Indien bie größte Kornkammer ber Welt barstellt. SB’??« in biesem Jahre bie Getreidepreise höher werbeu als ht früheren Jahren, so ist bie» zweifellos auf bie schlechten Ernten in so vielen außer- europäische« Landern und gewiß auch auf die Mißernte in Jnbien zurÜckzuführe«.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. November.
K Der Kaiser hat am Donnerrtag Mittag ben Staatssekretär Frhr v. Marschall zum Jmmebiat- Vortrag empfangen. Man vermuthtt, baß e» sich hierbei $tm die Antwort handelte, welche im Reichstage auf bie Interpellation be» Centrum» über be« deutsch-russische« Geheimvertrag ertheilt werben soll. Fürst Hohenlohe scheint bie- selb- boch selbst beantworten zu wolle«. Den« bie ,Rorbd. Allg. Ztgll schreibt in auffiQenber Schrift entgegen be« gestern mitgethritten Aeußerungen brr ,Post' u. A.: „Verschiedene Blätter ergehen sich in Bermuthungen darüber, wer am Reqierungrtische bie Interpellation beS Centrmn» wegen der Enthüllungen brr .HamburZer Nachrichten" beantworten unb wa» bie Antwort der Regierung enthalten werbe. Diese Kombinationen sind zum mindesten verfrüht, da gutem Vernehmen nach erft nach ber Rückkehr de» Reichskanzlers, Fürst-» z« Hohenlohe über die Behandlung ber Interpellation entschieben werben wird." Die Hofjagd, zu ber Fürst Hohenlohe eingelade« ist, findet übrigens nicht in „Lothringen", wir bis ,Post' infolge eines Druckfehlers berichtete, sondern in Letzlingen Satt.
O Der Reichsetat für 1897/98, der soeben dem Reichstage zugegagLN ist, fwfct m AuSgab- unb Einnahme mit 1328 301824 M' ab, d. i. nut 61277265 Mk. mehr al« im laufenden EtatSjahre. Aufbie fortdauernden Ausgaben 1169386556 Mk, auf die einmaligen Ausgaben deS ordentlichen Etat» 401311521 Mk. unb auf die einmaligen Ausgaben deS außerordentliches E at« 57603747 Ml Bon dm fortdauernder- Aurgabrn bebe« wir hervor: Verwaltung deS RrichSheere» 486 460 645 (4~ 6 935 571 Mk), kaiserliche Marine 58925 277 (+ 3542971 Mk.), Zinsen der Reich»schuld 76191300 (+ 248 750), allgemeiner PessionSfw vr 58587054 (+ 2024911), Re-.chS n- validensoud» 28504497 (— 358011). Baz« kommen an einmaligen Ausgaben ?m orbentliche« Etat u. A.: Verwaltung des ReiMheereS 46046965 (4- 772370). Marine 31750927 (+ 6704127), Reichsschatzamt 753 000, E seabatzsserwalmng 3 790000 240000). — Die einmaligen Au»gaben im außerordentlichen Etat betrage«: bei der Ber- Weitung b=» ReichSheereS 14270406 (— 10519003), Marine 38683341 (+ 1796500), inSi-sammt ergebe« bie AuSgadrn em Me-r von 61277265 Mk., achtlo» vorüber gegangen, wenn Nicht ein hoh er Husten ih« aufmerfam gemacht hätte. Stehend-ribend, wandte er feinen Blick der zierlichen Gestalt zu, die unter einem Kastimienbaume vor bem Hosthor stand. ,
„Endlich!" sagte sie mit einem mühsam zurück- gehaltenen Freubknjauchzen.
„Mein Gott, R-pka Brzyl, woher kommst Du?" war feine Antwor.t DaS altgewohnte Du war ihm unbewußt entschlüpft.
„Woher ich komme? Nun, aul meine» Mannes Hau»; ich bin jetzt eben Repka Döring."
„Sie sind Frau Döring?" DaS Blut trat ihm plötzlich in'S Grsicht bei bet Erinnerung, in welch' seltsame» Licht dieser Umstanb ihn bei seiner Gattin stellen könnte. „Unb Sie wußten, wer ich bin? Weshalb kamen Sie btmn nicht unb meldeten sich al» alte Bekannte?"
„Weshalb? ... Ja, wie konnte ich wissen, ob ich bürste. Ich wäre übrigen» auch nicht im Stande ge- wesen, in das Hau» zu treten, in da» .... in da» .... aus bem sie mich vertrieben mir ihren Ahnen nvb, wir ich nun auch weiß, mit ihrem schönen Gesicht. Hätte ich vorher begriffen, roa» ich jetzt gesehen, wenn ich von fern im Park lauschte, dann hätte ich wohl nicht geglaubt, daß Wrißkirch mich heilen könnte. Aber sei e» nun, wie es ist; meine Tage finb gezählt,