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Samstag, den 7. November 1896

23. Jahrgang

FiildakrSZcitiliig

mit Anterhattirngs-Dettagr „Sterne und Kinmeu".

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□ Zwei Reichstagsersatzwahlen haben am Donnerstag in hessischen Wahlkreise« statt- gesunden: in Gießen und in Mainz. Der erstere Wahlkreis erstreckt fich auf eine größere Zahl ländlicher Ortschaft«, au» denen die Wahlresultate nicht so schnell bekannt werden; aus diesem Grunde geben die Stimmen­zahlen, die bisher aus Meßen gemeldet werden, noch kein vollständiger Blld von der Bedeutung dieser Nach­wahl, aber » scheint doch bereits festzustehen, daß der erste Wahlgang die Entscheidung noch nicht gebracht hat und erst i« der Stichwahl fallen soll, m welcher fich der sozialdemokratische Bewerber Scheide- maun und der bisherige antisemitische Vertret« Köhler gegeuLberst hen wer d m. Die Nationalliberalen und Freifinnigen find ausgefallen und müssen fich nun entscheiden, ob fie bei der Stichwahl de« Antisemiten zum Siege verhelfen oder de« Sozialdemokrat« de« Wahlkreis zufalle« taffe« wollen.

Auch in Mainz, d. h. in dem au» de« drei Kreise« Mainz-Stadt, Mainz-Land und Oppenheim bestehe«, de« Wahlkreise, aus welchem esdgiltrge Zahle« schon vorliege«, ist eise Stichwahl erforderlich, und auch hierbei kommt ei« Sozialdemokrat in Frage, deffe» Gegner aber in Maioz ei« CentrumSmann ist. ES erhielt «ämlich der sozialdemokratische Be­werber Redakteur Dr. David annähernd 7300 Stimmen, der LmtrumSkaudidat Rechtsanwalt Dr. Schmitt etwa 100 Stimm« weniger, ferner der nationalliberale Oberschulrath Soldau ca. 3000 trab Geometer Wolf (Antts.) etwas über 800 Stimm«. Der Unterschied -wisch« den beide« erstg«avnt« Bewerbern ist so -erragfögig, daß daS Ceatrum bei der Stich­wahl de» Wahlkreis sehr gut aus eigener Kraft gewinne» kau«, vorausgesetzt, daß nicht etwa nationalliberale oder antisemitische Wähler bei der Stichwahl für den Sozialdemokraten stimme« werde«. Bisher war Mainz durch d« Sozialdemokrat« Joest vertrete». Der Sieg de» Centrums in Mainz würde also den Verlust eines ReichStagSfitzeS für die Sozial« demvkratie bedeute».

Aber auch schon da» Srgebuiß de» erst« Wahl­ganges «Mainz ist politisch überaus beachtens- Verth. Bei den allgemeine« WM« im Jahre 1893 erhielten die Sozialdemokraten 8955, dar Ceutrum 5153, die Nationalliberalen 5269, die Antisemiten 270 »nd die Demokraten 2042 Stimmen. Letztere haben diesmal auf die Anfstellung eines eigenen Kandidaten verzichtet und fich darauf beschränkt, ihre Wähler vor dem nationalliberalen «nd de» ErntrnmSbewerber zu war»« (nicht vor dem sozialdemokratisch«!) und fie zugleich zu ermahn«, „nur in freiheitlichem Sinne zu stimm«." Dari« lag also eine kaum verhüllte 6m- pfehlung de» sozialdemokratischen Bewerber». Die vemokräischen Wähler schein« e» aber doch vorge* zogen zu haben, fich der Stimmabgabe zu enthalt«, znm Schell find fie vielleicht auch de» Ceutrum zu- «fall«, womit fie ja erst recht „in freiheitlichem Sinne" gestimmt hab« würd«. E» ist charakteristifch, daß die demokratische ,Frankfurter Zeitung jetzt »ach der Wahl schreibt, der Erfolg der CentrumS- Partei sei erleichtert Word« „durch die Person de» nltramontaneu Kandidaten, der persönlich beliebt ist nnd in richtiger Würdigung der Lage «ergisch link» Stellweg nahm. Im Wahlkampfe mag da», wo ei« demokratischer Untergrund wie in Mainz-Oppenheim vorhanden ist, angehen, int Reichstag würde er a!» Mitglied der TentrnmSftaktio« die reaktionäre Politik dieser Partei mitmachm müssen. Er wäre dort eine Bestärkung dieser Politik, die wir vom freiheitlichen Standpunkte «ergisch bckämpf«. Es kann deshalb keinem Zweifel unterliegen, daß er in der Stichwahl bekämpft werd« muß trab e» wäre angebracht, wen« bie linksstehende« Partei« dies in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise ihr« Wähle« nochmals nrittheilm würdm." Aach ei« anderer liberaler Blatt gibt s!S Grund für den großen Aufschwung de» CentrumS die Belebtheit des Centrumrkandidaten Dr. Schmitt an. Die Wahl dieser Kandidat« war

allerdings ein glücklicher Griff, aber zweifellos ist der große Stimmenzuwachs des CentrumS nicht bloß der persönlich« Brliebheit seines Kandidaten, sondem auch der wachsmdm Wetbekrast seines Programms zu ver­danken. W

Mainz war stets ein sehr unsicherer Wahlkreis. Im ersten Reichstage vertrat ihn der Freifinnige Dr. Bamberger, der mit 7306 Stimmen über dm CentrumS- kandidaten Domkapitular Dr. Moufang gesiegt hatte; 1874 siegte dagegen Dr. Moufang in der Stichwahl mit 9281 Stimmen über die Rationalliberalen, 1877 die BolkSpartei, 1878 in der Nachwahl wieder das Centrum, 1881 zuerst die Sozialdemokrat«, die aber alsbald, da Liebknecht ablehme, nochmals durch die BolkSpartei verdrängt wurde«. Später eroberten die Sozialdemokraten Mainz aufs Neue, um es hoffrutlich jetzt endgiltig a« das Ceutrum zu verliere«, das den Überwiegmd katholische« Wahlkreis überhaupt aiemalS hätte aus der Hand lasse« dürfe«.. Zwistigkeiten und mangelhafte Organisation wirkten seither lähmend auf alle Aktionen de» Ceutrum» in Mainz; diese Z Hände find jetzt hoffentlich endgiltig überwund«. Möge die Sttchwahl da» „getane Mainz" dem Ceutrum wieder­geben, und wöge diesem der Wahlkreis Mainz dann allzeit treu bleiben!

Deutsches Reich.

Berlin, 6. November.

* Der Kaiser hat fich gestern nach Pleß (Ober- schlefi«) begebe«, um dort in den Forste« be» Fürsten Pleß der Jagd obzulieg«. — Dar Staat»- Ministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Borfitz de» Fürst« Hohenlohe im Di«stgebä«de am Leipziger Platz zu einer Sitzung zusammen.

* Adg. v. Canern soll, wie e» heißt, jetzt definitiv die Führung der nationalliberalen Partei übernehm«. Die ,Frkf. Ztz.' begrüßt diese A«»ficht, indem fie schreibt:

Ma» wird sich mit dem (Bebauten vertraut machen müssen, daß auf Rudolf von Bennigsen Herr Ernst von (Einern folgt. DaS ist für alle außerhalb der nationalliberalen Partei Stehenden kein unfreundlicher (Bebaute; er wirb desto freudiger wirten, je ferner man dieser Partei steht und Sinn für Humor hat. Der falsche Gebrauch und bie Berwechselung von Fremd­wörtern ist zwar ein etwa» abgenützter Scherz; unfreiwillig geübt und von einem hervorragenden Parteiführer wirtt er aber immer noch.

»eiter wird dann darauf hingevies«, daß Herr v. Cyrern fich dazu schon „gemeldet" habe al» Präfideut de» uatioualliberal« Delegirteutage» «nd durch seine „autoritative" Erklärung in Sachen Kayser». Die nationalliberale ,Magdeburgische Zeitung' zeigt fich tmn sehr ungehallm über die Bemerkung, daß Herr v. Bennigsen in der Führung der Partei durch Her« v. Eynern abgelöst werd« solle, indem fie dazu bemerkt: „Wenn die» nicht ein bloßer Witz ist, so kann e» nu: eine Bosheit sei«, bet« sich bie «atio«alliberale Partei seit«» ihrer Gegner oft gm«g zu erfreue« hat" — Die Magdeb. Zig.' stellt hier bem Herrn v. Eynern nicht» weniger al» em« Befähigungsnachweis für bie Führerschaft bet nationalliberalen Partei an», wenn fie behauptet, e» müsse bie Bemerkung entweder ein schlechter Witz ober eine Bosheit sein. Im E«st ist also bet Magdeb. Ztg ' zufolge nicht batan zu beul«, daß Herr Emst v. Eyaern Anwartschaft auf die Führerrolle in seiner Partei hat. E» wäre auch schade, wen« er bannt seine bisherige humoristische Rolle aufgeben müßte.

* Dem polnisch« »Kuryet Poznaniki' zufolge soll bet DistriktSkomnriffariu» v. Carnap in Opalemtza von bet Posener Regierung vom Amte suspendirt worbe« sein. DaS wäre allerbingS «ine unabweisliche Folgerung au» bem Opal«itzaer Prozesse, bet auf jenen Beamt« seht settsame Schlaglichter ge­worfen hat.

* Englands Vorherrschaft in Südafrika hat wieder einmal ein esgusch :« RrgiernngS-Mitglied, bet UnterstaatSsekretärEarl of Setborne, in einer R-.de zu Edinburg proklamirt. Darauf antwortet die offi­ziöse ,Rordd. All gern. Ztg.' mit bemrrk-uSwerther und gewiß auch nicht unberechtigter Schach: „Auf bem Äotttinmt wirb man hum begreif«, wie ein im Amte stehender Politiker fich solcher Bierbank- RedeuSarte« bedien« mag. Was soll das heiße», die Königin Viktoria habe allein bie Borherrschast? Soll damit ein thatsSchliche-Lrrhältniß bezeichnet

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sein oder ein rechtlicher? Wenn daS erstere, wozu dann daSPathos? Falls auf Rechte hingedeutet sei» soll, dann müsse« Zuhörer, dir fich nicht wie dnmme Junge« behandel« lass« voll«, höflichst fragen: Wie laut« dm« diese Rechte? Wo stehe« fie ge­schrieben?" Davach kann man fich vorstell«, wie ge­spannt noch immer unsere diplomatisch« und höfischen Beziehungen zu England sind.

* Freiburg, 6. Rov. Der verstorbene Erzbischof hat zu seinen Universalerben die Bewarb- und die Hermann-Stiftung eingesetzt, deren eine allgemein« kirchlich« Zwecke«, die andere der Unterstützung von Knabrn-Seminatien diese« soll. Zn Testamentr-Boll- strecket« find die HH. Domkapitular Dr. Schmitt und Hofkaplan Dr. Werth mann« bestimmt. Für seine fiebenzigjährige Schwester hat der 'Hochselige eine Leibrente, für bedürftige Betwandte bescheidene Legate aurgewofe«.' WWR W M

* Mannheim, 5. Rov. Bot der hiesig« Straf­kammer stand« gestern unter der Anklage be» Betrug» bet Buchhändler Emil Adolf Hertmann au» Braun­schweig und der Kaufmann Lürgust Ihm von Hanau. Herrmann, der Mitinhaber, und Ihm, der Reisender bet Bnchhanbluug Krausbauer und Hertmann in Kassel ist, suchten Sude August dS. I». hier Abnehmer für ein Buch, da» d« Titel „Gelobt sei JrsuS Christu»" führt. Sie trüge» fich dabei, obwohl Protestant«, völlig wie katholische Priester, ward« infolgedrssm auch „Herr Kaplan", „Hochwürden" angeredet, und da fie angaben, bald vom Stadtpfarrer Bauer, bald vo» Erzbischof selbst geschickt zu sein und darauf hin­wiese«, daß der Reinertrag ober boch ein Theil des­selben für religiöse n«b wohtthätige Zwecke bestimmt sei, so totttb« fie nur in wenig« Familien abgewies«. Da» Buch selbst, ba» fie von bet Firma Rottmeistet u. Co. in Btatmschweig zum Preise vo« Mark 7.50 bezog« und da» im Buchhandel zum Preise von Mk. 15 erhältlich ist, verkauft« fie zu Preis« von Mk. 20 und 24. Zieht man in Betracht, daß sie allein hier in Mannheim innerhalb einer Woche 74 Abon­nenten fanden, so ist ersichtlich, wie rentabel da» Ge­schäft wat. Der wegen Betrug», Diebstahl» und Be­günstigung schon vorbestrafte Hertmann wurde zu einet Sefänguißsttafe von 1 Iaht, Ihm zu einer solchen von 2 Monaten verurtheilt. Der Antrag de» Staatsanwalt», da» Priesterhabit der beide« Ange­klagten einzuzieh«, wurde abgelehnt.

Ausland.

* Meran, 6. Rov. Herzog Wilhelm von Württemberg ist heute Rächt am Herzschlag ge­storben. — Der Berewigte wat das Oberhaupt der protestantischen herzoglichen Linie trab, ba ber Ehe be» gegenwärtigen Monarchen be» Lanbe», be» König» Wilhelm, bisher kein Sohu entspross« ist, in Gemäßheit ber württembergischen Verfassung ber nächste Anwärter auf be« württembergischen Königs­thron. Diese Anwartschaft ist nun, ba Herzog Wil­helm nnvetmShlt war, auf sein« am 1. März 1833 geborenen Stuber, b« Herzog Nikolaus von Württemberg übergegaug« trab wird fich, ba auch bieset keine Ehe eingegangen ist, aller Voraussicht nach auf bie katholische herzogliche Linie fort- pflanzen unb zwar auf be« du Jahre 1865 all Sohn drS Herzogs Philipp geborene« «ab mit einer Richte be» Kaiser» von Oesterreich verheirathetm Herzog Albrecht. Der soeben vetstorb«e Herzog Wilhelm war ber Sohn be» 1857 verstorbenen Herzog» Eugen unb beffen 1880 verstorbenen zweiten Gemahlin Helene, einer geboren« Prinzessin von Hohenlohe- Langenburg. Gebote« zu Karlsruhe am 20. Juli 1828, war er österreichischer Feldzeugmrister, Inhaber eine» österreichische« Infanterieregiment», württem- brrgischer General ber Infanterie, zweiter Ches be» 5. württembergischen Gr«adietregim«t» König Karl Re. 123, unb Chef be» preußisch« (1. Westfälische«) J«fanterieregim«t» Herwarth vo« Bittenfeld Nr. 13.

* Madrid, 6. Nov. Auf be« Philippinen steht eS so schlecht wie nur je, bet Muth bet Auf­ständischen ist offenbar im Wachse« begriff«. Nach einem Telegram« de» .Jmparcial' au» Singapore dauern die Ruhestörungen auf Manila fort. E» ist unmöglich, die Hauptstadt zu verlass«; die Auf­ständischen komm« vo« den Berg« herab bi» in die