23. Jahrgang
Samstag, den 31. Oktober 1886.
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FuldaerMZeituia
K3
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# Wer ist der wahre „Reichsfeind"?
Die Erklärung, welche der .Rrichlsnzeiger' in Sachen der „Enthüllungen" der Fürste« Bismarck abgegeben hat, spricht von den in Frage kommende« Ent« Hüllungen als von „strengsten Staatsgeheimnissen" und von einer „Schädiauug wichtiger StaatSinteressen," und § 92 der Deutsche« Strafgesetzbuches bestimmt: „Wer vorsätzlich Staats- geheimniffr. . . oder Nachrichten, von den« man weiß, daß ihre Geheimhaltung einer anderen Regierung gegenüber für das Wohl der Deutsche« Reiche» oder ei«eS Bundesstaate» erforderlich ist, dieser Regierung mittheilt oder öffentlich bekannt macht . . . ., wird mit Zuchthaus nicht unter zwei Zähren bestraft." Bei Einleitung der Untersuchung auf Grund dieser Paragraphen kann da» Vermögen derselben gemäß § 93 deS Strafgesetzbuches mit Beschlag belegt werd?«.
WaS würde Fürst Bismarck wohl gtthsn haben, wenn er noch im Amte wäre uvd ein ent- laffeuer Minister oder sonstiger Beamter hätte fich d-s Birrath» strengster StaatSgeheimnifle schuldig gemacht? Wir enuuern nur an dm Grafe« Harry v. Arnim und au de« Prozeß Seffckrn wegen Veröffentlichung der Tagebücher der Kaiser» Friedrich. Würde es bei Wahrung de» Strafrechts als eines „gleichen Rechts für Alle" vom rechts chen Standpunkte au» bemängelt werd« können, wenn die Staatsanwaltschaft auf Grund des § 92 bei R.-St.-K. gegen die,Ham» Bürget Nachrichten' und — deren Hintermann ein» schreiten würde? Zu der Erkürung bei .RetchSaNz.' wäre dazu die volle Handhabe gegeben. Der ,Berl. Börs.-Kom' plaidirt bereits für eine Ausnahmestellung zu Gursten bi 8 Hintermannes bet ,Hamö. Nachrichten' als Angeklagter,: „Man wirb fich damit begnügen, koustatirt zu haben, baß biese große Per- söulichkert versucht hat, zu zerstören, wa» er aufdauen half, und bann wnb man ruhig, in ehr- licher unb lautloser Arbeit da» i« Frage gebrachte Vertraue« wieder festmauern, den gewaltsam folgt- riffenen Mörtel wieder ergänzen."
Sehr lehrreich ist ei fitzt, wo der Urheber der Hamburger „Enthüllungen" al- LandeSverräher gebrands arkt dast-ht, an den Beschluß deS Reichstag» vorn März 1895 zu erinnern. Di« Mehrheit der BolkSoertretung l'hite 'S ab, dem Pensionär von Fried ichSluh ein B rtrauer.Svo um zu rrtheilen und hat sich dafür herbe Worte gefallen lvffen mrffrn. An gewiss « hohen Stellen hat damals dal Erstaunen über die Hrliung deS RttchStageS nur verschwindend kurze Zett währen kömnn, indem fich dort a Sbald Gelegeu- hett bot, dieSehrsrite desBiSmarck'schen Charakters kennen zu lernen. Aber i« bet große» Maffr der konservativen und liberal« B-völkerung hielt man immer noch an entern Jdealbilve Bismarck» sest. I tzt ist für Alle, de noch Aagw zum Sehen hoben, bie beste Gelegenheit geboren, diese» Phantafiedttd mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Auch drejeuigen, welche dem Fürsten BiSmarck einst die Fronde gegen den Kaiser verziehen habe«, muffen doch jetzt fiutzig werden, wenn der Mann gegen die Ehre und Sicherheit de» Vaterlandes einen so niederträchtigen Streich führt.
Die bismarckfreundlichen Blätter winde« und drehe« fich in der ärgsten Belegenheit. Einige greifen zu der Ausrede, daß die B.thisigusg de» alte« Herrn an drrn Schurkenstreich noch nicht erwiefen fei; andere suchen fich zu helfm durch Schm pf-m out die „Umgebung" bei Fürste« Bismarck. Die frtikovservaüve ,Post' wagt fich von den politischen Parteiblättern am weitesten vor m ber Bntheidigung de» BerrätherS; sie redet von einem warnende« Fanal, da» vielleicht zur Abwendung von Kriegsgefahr dienen frlle, «ad meint, kleine Menschen könnten einen so großen Geist nicht begreife«. T otz biefet Phrasm muß bet „kleine" Mann bet .Post' im folgend« Absatz bie BiSmarck'schm Enthüllungen al» fchädlich für oa» Batetlaud bezeichn«. Die AuSr-de, baß Fürst BiSmarck» Schuld nicht erwiesen »ei, ist natürlich ganz HMoS, da bie .Hamburger Nachricht«' nicht» Der- artige» ohne Bismarck'ich u Stempel abdruckeu.
Die alte« Verehret de» Fürst« B-Smarck müsien fich mit bet Thatsache abfind-n, daß et von Rechtswegen vor den S tt af richt et gehört wegen Gefährdung de» Reiche». Die ganze Ce«trum»partei aber darf stolz darauf sein, daß fie von diesem Manne ganz besonder» gehaßt und verso gt wo d n ist und fie ihrerseits über den Cha akter diese» Manne» schon längst das richtige U lhal vehabt hat. Der U Heber der landeSverrächerttchen Etthüllun-r« hat u»S all „Reichs- und Staa Ss-inds" beschmpst; da» wi'kt fitzt wie em Ruhmelzeugniß für unser« Patriotismus!
Deutsche Mission in China.
Aus China empfangen wir von einem Deutschen eine Mttth-ilung, die wir hier auszitglich medergeb m:
In der deutschen und in bet französischen ka ho- lischen Mission hat vor Kurzem eire fürchterliche Ehristenversolgung gewüthet. Cirka 30 Kirchen unb Gebethäuser sind eingeäschcrt unb vernichtet, di; Häuser ber Christen verbrannt und bie CH ist« theilweste verjagt. Schon war Tag «ab ©taube, an dem bie b.schöfl che Residenz in Tnning erstürmt werden sollte, bestimmt. An den deutschen Gesandt« wurde von uns telegraphirt und die französischen Jesuiten in Kiangna g telegrepmte« an ihren Gesandten. In Folge dessen unterblieb da» Schrecklichste. Den Franzosen wurde nun voller Ersatz btt ihnen zugefügten Beschädigungen geleistet; aber Vit heule, den 8. August, ist den Deutsch« ein Ersatz noch nicht geleistet. Wit Deutsche glauben, d.ß bie C Mesen nicht jene Furcht vor dem Deutscher! Reiche Haven, bie vöthiz wäre, um Verfolgungen deutscher Staatsbürger hi rsrlbst zu verhüten. Wir fürchten, daß wir sehr bald die nm gegründeten Missionen verkaffen urffen. Als vor einigen Jühren bet deutsche Konsul Sick-rdmff aus Zentschofe vertrieb« wurde, hatte« mit gehisst, die von dem deutschen R ichrkanzlet ergriffene« Maßregeln würden auSeeichen, um zu bewirken, daß in Zukunft jede Be- läü gmig Deutscher vermieden werde. ES scheint aber, daß bie Vorstellungen d S deutschen Reichskanzlers keine« Erfolg hatten.
Al» im Jahre 1890 vorgeschlagm wurde, bie von b ntschen Missionare« in Csina «egründtten M sfionen, welche bis dah n unter fron Arischem Shutze Nauden, unter deutschen Schutz zu st llen, hoffte man gerade von dieser Maßregel b sonders sicheren Stutz. AiS fie unter deutschen Schutz -erstellt WM«, schrieb bie ,Gennasia' am 26 Rov. 1890: „Daß diese dm-sche Misst»« in SÜs-Schantung fich unter b ntschen Schutz gestellt hat, ist auch ehre patriotische Tyat, und wir ? hoff «, die deutsch - Regierung nk-mt sie an durch eine ! fördernde Behandlung oeS katholischen M siorSwesen» l m allen Welttherlen." Welche Schri te der deutsche i R ichSkanzler zu Gunsten der deutswen Mnfioaen 1 während und nach der Verfolgung g-rhan hat, »ff« 5 wir nicht; wir u-iff n nur, daß ver ermattete @ro!g - nicht zu Tag- trat — w mgstenS n cht bi» zum 8 August, dem $rge der Absendung de» vottiegeudeu B-isseS Der H rr R rchSkwzlrr w rd wohl gleich b i Zu ammentntr des RsichStaM a fragt werden, weßh lb nicht b » zum 8 August 1896 der deutschen Misstvn in derselbe- SB: je eine Eh'chä-igung gezahtt ‘ worv-n -st, wie der franzöfischea M ston, und ob » vi>ll icht nach dem 8. August eine solche Emschädigmtg 3 gezahlt woiden ist.
Glycera.
Novelle von H. Fred.
2] ------- (Nachdruck verboten.)
„Glycera!" rief er halblaut und verrieth dadurch der Kranzwmderin feine Gegenwart. Sie schaute aus und glitt, dm eben fertigen Kranz in der Recht«, gewandt von ihrem foft'gen Sitze herab.
„Ich heiße niht Glycera sondern N'pka Brzyl. Wollen Sie zu meinem Vater, H-rr Doktor?"
„Woher kennst Du mich?" fragte Adalbert überrascht.
„O, ich sah dm H"rrn heute morgen in der Kirche und hörte, wie die Leute sich freuten, daß ber neue Doktor polnisch wäre."
„Ta» bin ich nun zwar nicht, wenn auch katholisch. Aber kannst Du mich zu Deinem Vater führen?"
Nepka — oder N pomucena — sah aus, als be» gr ff: fie bie letzten Worte We ßkirch'S durchaus nicht. Sehr natürlich , denn selbst bei ewut Thüle der sogenannten „G bildeten" in der Provinz Posen, sowohl Polen wie Deutschen, find die Begriff- derartig ver- wirrt, daß polnisch und katholisch, evangelisch und deutsch ihnen gleichbedeutend erscheint. So hielt bie Kleine eS für bas Bist;, nur von dem zweiten Thelle seiner Bemerkung Notiz zu nehmen, unb geleitete ben saugen Doktor nach d-m GewächShause, wo er Her tu Brzyl unb seine Ehehälfte fand
Nachdem ber Arzt sein Begehren vorgetragen, fanb ber Gärtner sich bereit, ihm bie beiden von ihm nicht bmutzim Zimmer zu zeigen. Da» eine stieß dicht an da» Gewächrhan», war an dm Wäadm mit grünen Gewinden, Wsinlaub darstellend, bemalt und hatte zwei große Fenster, da» eine an der Südseite, da» andere gerade gegenüber; ans diesem Gemach gelangte man in ein noch g ößrre», au» welchem eine Tgür in’» Freie, n«d zwar nach dem Blumrnpirterre sühtte. Beide Zimmer waren hoch und geräumig, mit dick« Mauern und Gewölben, und entsprachen den Wünsch« Adalbert'» vollständig. Bereitwillig übernahm rr bie Renovirung und nahm sich vor, noch heute nach Posm zu schreiben, fich eine passende Ausstattung gemäß dem Umfange seiner Mittel zu bestellen.
Sehr erleichtert legte der junge Arzt an diesem Abend sich zur Ruhe; um vieles mnthigrr blickte er ber Zukunst entgegen, da diese sich freundlicher zu gestalten -egann.
Noch wckhrmb Abalbert in Erwartung seiner Mobi- lim :m Gasthose wohnte, hatte ei sich gefügt, daß er einige LavdprvxiS gewann Ec hüte da» Glück, mehrere erriste KranktzettSfälle zu eine.« günstigen Anßgang zu führe«, unb daher empfahl man ihn weiter. So ; wurde er in kurzer Z it a gestellter Arzt auf den ■ meisten Dominien, was ihm eme, wen« auch nur be- ' scheibens, boch sichere JahreSeinnahme gewährte. Die» gestattete ihm, dem kleinstädtischen Treib« und dem schnell für und wider ihn in Bewegung gesetzten In- - trigu-r sprsl ber Stadtbewohner gegenüber sich unab- ? hängig zu fühlen. Die „Honoratiorm" hatten in zwei Parteien sich gespalten, von denen die eine ben jung« Arzt all natürlichen Gegner Doktor Friedmann'» be- ; sehdete, bie andere in ihm eine angenehme Acqrtisttiou . für bie geselligen Wende und vielleicht auch eine „gute Partie" für eine der Töchter erhoffte.
Adalbert, nicht bewandert in der Kunst, mit Kleinstädtern zu verkehren, wurde von dem Klatsch und dem ihm widerwärtig erscheinenden Getriebe sehr ball) so zmückgefchreckt, daß er keine der auf ihn gesetzten Hoff« nungrv erfüllte. Ec arrangirte weder Landpirtt«, noch trat er ber Schützengilbe bei ober schloß sich bem «egrikänzchen an. Richt einmal ber „Mandarin«. Klub", welcher boch alle „akademisch gebilbeten" Städt- ler vereinte, konnte seine» B:ttritte» sich rühm«. So hatte er es sehr bald mit bem lieben Städtchen ver- bord« unb wurde, er wußte selbst kaum, wie e» gekommen, geflissentlich nicht mehr in beu geselligen Verkehr gezogen. ,
Das gerade war bem jungen Manne angenehm. Anregung für Geist unb Herz fand er nicht in dem Bei kehr mit den Leuten, unb so brachte er seine Maße- stundm lieber bei seine« Büchern zu. Jrn Anfang hatte er wohl erwartet, daß auf bem Lavbe zu finden sei« würde, was bi- Stabt ihm nicht bot; aber darin täuschte er fich. Die polnischen Häuser, so gern man