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Samstag, den 31. Oktober 1896

23. Jahrgang

FiiIdiltrWZkit»»«

mit Untrrhaltungs-Keilage „Sterne und Hlnmen".

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o Allerheiligen und Allerseelen. 2

Der KathoU'. der seiner treuen Mutter, der Kirche, von Herzen ergeben ist, hat an den beiden bevor­stehenden Festtagen ganz besonderen Anlaß zu ernster nachdenklicher Emkehr in sein Innerstes. Mahnt die hl. Kircke ihn doch durch die EmsetzMg dieser beiden Feste, Aller zu gedenken, welche au» dieser Zeitlichleit geschieden und in daS Jenseits hinübergegangen find, um dort oben als Heilige am Aott>» Throne den ewig« Lohn sür ihre treue Pflichterfüllung während der irdischen Pilgersahrt zu genießen, sowie auch jener, die zwar auch in der Freundschaft Gottes gestorben find, aber noch im Reinigungsorte, dem Fegfeuer, die letzten Heller ihrer Schuld abzutragen haben, bevor auch fie zur ewigen Anschauung Gotte» gelangen könne«.

Wer von uns Allen Hütte nicht wenigsten» eine Person, welche, mit usS durch du» Band de« Liebe verknüpft, schon da» Zeitliche gesegnet hat. Wenn so die Kirche in ihrer vorsorglichen Art mit Macht in an» den Gedanken an die Ewigkeit weckt, so geschieht das in zweifacher Absicht: fie will diejenigen, welche von ihren Lieben getrennt, im Thale des Leiden» und der Trauer wandeln, trösten mit jener A«»ficht, daß unsere Kampfe allhier nur von kurzer Dauer find und wir u«S darum nicht sollen in unserer Pflicht irre machen lasten; fie will aber andererseits uns auch an- feuern, daß wir im Streit auSharren müssen, denn der Lohn einer dauernden Glückseligkeit ist nur den muthigen Streitern bescheert, und auch nm dann, wen« wir den letzten Heller bezahlt h<ch«.

Mit welcher Betrübniß muß jeden Gläubigen da ein Rundblick in der Gesellschaft erfüllen: welche religiöse Verwilderung hier allerseits! An die Stelle de» Glaubens ist allgemein der Unglaube getreten, der unter der Maske der Wissenschaft der Religio« und Kirche ihre Ex steuzberechtizung ab- streitet. Mit kecker Miene bezeichnet di« große Schaar aller sogenannten „Gebildeten" und nun gar der „Studierten" die Kirche als Magd der Dummheit oder auf der andern Seite als die pharisäisch gesonnene Heuchlerin, welche vom Triebe der Selbsterhaltung ge­leitet, lediglich danach trachte, den Pöbel, die Volks- maffn in ihrer Ignoranz durch die Märchen und Fabel« des leidende«, menschgewordenen Gottessohnes za erhalten und „als melkende Kah" auszunutzen. Mit erschreckender Schroffheit tritt darum der kopttal- krästige Liberalismus und die „Volk»- und arbeiter­beglückende" Sozialdemokratie — und leider jetzt nicht mchr allem in den Großstädten, sondern schon überall, auch auf dem platte» Lande — mit hrem materialistisch- uatmalistffche« Eoangelium hervor: kein Jenseit» gibt», kein Wiedersehen. Und wir können««» nicht verhehlen, daß die Zahl der Gläubige« diese» Evangelium» eine Legion ist.

Da» ist leicht, sehr leicht erklärlich. Da» Eva«- gelium de» Diesseits schmeichelt dem Egoismus, in­dem e» uns znrust: Genieße!! genieße, soweit Du nm genieße« kannst, indem er Jedem eine» unbe­schränkten Freibrief darüber aurstellt, seine« Wünsche« allseitig Rechnung zu tragm. Und wir alle habe« ja mrsere schwache Augenblicke gehabt, wo wir un» von dem Scepter de» ®eofp» beherrsche« ließen. Da» andere Evangelium verlangt dagegen während unsere» irdische« Lebens eine dauernde Enthaltsamkeit, eine dauernde Aufopferung. Jetzt, wo der Ge­sellschaft immer wieder durch die Wissenschaft da» Recht ans Freiheit in der Forschung gepredigt wird, verallgemeinert fich auch immer mehr dir Frei­heit rmd Ziellosigkeit iw Gerüste, die gleichzeitig eine Sittenverwilderung in sich schließt. Wie weit diese in gleichem Brrhältniß mit dem st-tS wachsenden Un­glauben und der steigenden Genußsucht um fich ge­griffen hat, darüber können wir angesichts der zahl­losen^ Verbreche«, welche von Tag zu Tag unsere Blätter in de« scheußlichsten und gräßlichsten Farben auSmalm, nicht einen Augenblick im Zweifel sein.

Diese Lage mahnt «a» aber nachdrücklich darüber

nachzudenken, auf welcher Sette mag denn die Wahrheit liegen? DaS Evangelium der Sinnlichkeit hat de« Vorzug, den Gelüsten jeder Einzelnen zu schmeicheln, während dar Evangelium vom Jenseits allerdings mit Aussicht auf eine« ewigen Lohn nach dieser kurzen Probezeit nur Opfer verlangt. Solange dar Gesetz der Liebe besteht und wir bereit find, im Sinne der christlichen Moral unsere Pflichten allseitig auf da» Gewiff-nhafteste zu erfüllen, find die Grundlagen, auf welchen Staat und Gesellschaft ausgebaut find, sichere und feste. Ganz anders aber würde die Sache stehen, wenn — wa» ja niemals sich verwirklichen wird — das Evangelium der Sinnlichkeit die ausschließliche Herrschaft gewinnen und an die Melle der vo hrndenen Familien und Stände, sowie Befitzu-tterschiede die „Brüderlichkeit, Enhett und Bleichheit" gesetzt Wirde. Dieser Zustand könnte fich nicht einen Augenblick er- hatte«. Wer hätte da Lust zur Arbeit länger, als «ur absolut nothwendig wäre? Denn im übrigen wä r er ve-pflichtet, die freie Zeit zum Genösse zu verwende«, und wie dürste er nm eine Minute Zeit verlieren! Rachholen könnte et ja da» Verlorene nuntalS. Die Arbeitszeit jede» Einzeln« müßte reglementmäßig ge­regelt sei« und hinter Jedrm während Erledigung der Arbeit noch ein Staatsbeamter stehe», damit bie Arbeit i« rechter Weise erledigt würde. Sonst würde die stets um fich greisende Trägheit wohl auch nicht ein Mm- destmaß der Arbeit uns auSzusühren die Lust übrig lassen. Der gute Wille würde au» dem demokra­tischen Schlaraffenland bald ganz und gar verschwinden, d-r aber dann wie ein Kartenhaus sogleich zusammen­stürzen müßte, vo« de« einen Forderungen der S-tt- lichkeit, ohne welche eine Gemeinschaft nicht bestehen kann, ganz zu schweigen! Geben wir angesichts dieser Erwägungen unserer Mutter daS Selöbniß, bis an «nser Ende getreulich bei ihr auSzuharren.

Deutsches Reich.

Berlin, 30 Ottober.

* Der Kaiser hat sämmtlichen deutschen Fürsten em WrdmungS-Exrmplar der neuesten, nach seine« Angabe» entstandenen Knacksuß'schen Zeichnung übermitteln lassen. Der Sendung dieser Z ichnuug, welche bekanntlich de« Sieg des deutschen Michael über die die Friedenswohlfahrt bedrohenden Mächte der Fmsteruiß darstellt, ist eine Erklärung des malerische« Vorganges beigefügt. — Der Kaiser wird nach der heutigen Jagd in Blankenburg brS Abends verweilen, um 11 Uhr die Ruck reffe «ach Wildpark antreten und morgen früh daselbst bezw. im Reue« Palais wieder eintreffen. — Die Letzlinger Kaiserjagd findet am 13. und 14. November statt. Am 13. werden zwei abgestellte Jagen auf Damwild in dm Obersörsterüm Kolditz und Plankow und am 14 em abgest-llreS Zage« auf Damw.ld »nd ein Jagen auf Schwarzwild h den R-viere« der Ooersörsterere« Lrßlmgrn und Jävenitz stattfinden. DaS Umfangen de» Wilde» in den ein­zelne« Revieren ist bereit» beendet. Er steht eine reichliche Jagdbeute zur Verfügung.

f Ganz unerwartet kommt au» Rom die Nachricht von dem plötzlichen Hinscheiden des Kardinal- Hohenlohe, de» jüngere« Bruder» unseres Reichs­kanzler». Ein Herzschlag hat seinem Leben ein Code gemacht. Gustav Adolf Prinz zu Hohmlohe-SchillmgS- fürst, der jüngste Bruder de» jetzigen Reichskanzler», war geboren zu Rotenburg an der Fulda. Nach Beendigung der Gymnafialstudie» zu Ansbach und Erfurt widmete er sich zuerst in Bonn dem Studium der Rechte, dann in Breslau und München der Theo­logie. 1846 ging er nach Rom und 1849 wurde er in ®aeta, wohin er dem Papst gefolgt war, zum Priester geweiht. Pius IX. rrnasnte ihn in der Folge nach einander zum Geh. Kämmerer, Almosenier, Bischof i. p. i. und endlich 1866 zum Kardinal. Während dr» Vatikanischen KonzU» hatte es, wie viel­fach bemerkt wurde und auch heute von den Der« schiedeusten Seiten hervorgehobev werden dürfte, de» Profeffor Friedrich aus München, den später» Stt- katholiken, al» B>rather bei fich. Nach de» Konzil lebte er längere Zeit hindurch in Deutschland. In der Zett der brenneni-sten Kulturkampfes wurde bekanntlich der Name des Kardinals — ob mit Grund oder nicht, darauf wollen wir in diesem Moment nicht weiter eingehr» — vielfach i» Verbindung mit grwiffm Be­

strebungen der R-qirrung in Rom gebracht. Auf Wunsch der heil Btte S kehrte er 1876 nach Rom zurück und wurde 1879 zum Bischöfe von Albano ernannt. Im Jahre 1884 verzichtete er indessen auf den bischöflchen Stuhl und verlebte die folgende» Jahre alr Erzpriester bei Sorto Maria Maggiore i» R m. ohne w-tter eine bedeutendere kirchliche oder gar politische Rolle zu spielen. Der nunmehr verewigte Kardinal war seit längerer Züt leidend und am letzte« Montag von Tivoli nach Rom zurückgekehrt. Heute (Freitag) Morgen wurde er nach einer ruhig ver- brachten Nacht beim Ausstehe« von emer Ohnmacht brsallen, d-e i« wenige» Minute« zum Tode führte. AerztlicherseitS wurde Herzschlag al» Todesursache festgestellt. Bereits vor seiner Abreise von Twoli wat der Kardinal mit den Sterbesakramenten ver­sehen worden.

* Der russische StaaiSrath Timirjasew trifft dem ,Ham. flott.' zufolge zu den meyrerwähnten Berhand» langen über Tarif-Differenzen in den nächsten Togen hier ein.

* Die Enthüllungen der,Hamb. Nachr.' habm im AuSlande degteflche Erregung Hervorgerufe«. In der österreichische« Preffe wnd die Haltung deS Firsten Birma: ck scharf getadelt. Bald heißt er, die Mrttheittmg deS Fürsten B Smarck, wen« sie wahr wäre, enthielte den Beweis für eine unerhörte Treu­losigkeit; bald wird auf den Acmm-Paragraph« hingewiesen, al» müßte der frühere flavzler wegen LandeSverraihs in Snklagezustand versetzt werden, da er StaatSgehrttNmsse willkürlich preiszegeS« habe; bald wieder wird das ganze Reuttalttül-abkommen in daS Gebiet der Fabel verwiese«. Die .Neue Freie Preffe' glaubt nicht, daß da» vom Fürsten BlSmarck gegen den Dreibund geschleuderte Spreng­geschoß, da» in Oesterreich keinen ernste» Schade» verursachte, iu Deutschland zünde» »ns die Sicherhett deS gegenseitigen Bethältn ff S erschüttern werde.

Auch die französische« Blätter besprechen m lebhafter Weise dir Mittheilunge« der ,Hamb. Ruhr.' und erheben auf Grund derselben nicht nur heftige An­kiagen gegen Bismarck, sonder« auch gegen da» Deutsche Reich. Da» ,Journal bei DöbatS' hebt hervor, daß an der Erkaltung der Beziehung;« zwischen Deutschland und Rußland Fürst BiSmatck selbst schuld gewesen sei. Der orleanistische .Soleil' chatak- terifirt die Politik Bismarck» al» Doppelspiel und dankt Gott, daß Frankreich fich nicht mchr das-m fürchterlichen Gegner gegenüber befindet. Der .Eclair' meint, Deutschland habe, nachdem -S Rißkand zum Bortheile Oesterreich» auf der Balkan • Halbinsel zu verrathen versucht, auch an Oesterreich in Polen und anderSwo zumBortheileRußlands Berrath geübt.— Auch in London habe« die Enthüllungen großes Aufsehen hervorgerufen. DaS Blatt der englischen Regierung, der .Standard', hält jeden deutschen Versuch, Rußlands Freundschaft als traditionell zu rettamtten, für aussichtslos. Rußland mißtraue Deutsch­land seit dem Berliner Kongresse; Deutschland solle sich endlich in seine Lige fügen. Die .Time»' meint, die Erklärung deS .ReichSanzeigerS' höre fich an. als ob wenig in de« Enthüllungen der Hamburger Nach­richten' zu berichtigen wäre; Oesterreich werde aber einen Trost finden in der Tatsache, daß Deutschland nicht länger seine natürlichen Bonheil- über OHer­reich durch hmterrückl abgrschloss:ne Sch-imverträge vermehre« werde. Die Enthüllung werde die durch aktuelle Umstände bestimmte«, von der Auffassung der leitenden Kreise abhängende» Beziehungen der Staaten nicht beeinfl affen; aber man dürfe gegen Gefahr« niest blind fein, da eine beträchtliche Menge nicht stabilirten SebietSgleichgewicht» in Europa Vorhand« sei. Jrder betone de» Wunsch nach Friede», und seine Erhaltung verlange allgemeine und thäügste Wachsam- kett. — Der .Standard' sagt, der .ReichSanzeiger' habe dem Fürsten Bismarck einen gerechte» Tadel ertheilt. Europa sehe i» der Beständigkeit de» Dreibundes noch ramut die wichtigste Garantie deS Friedens.

* B i der Reichstags Ersatzwahl im Wahl­kreise Wefihavelland-Brandeubu g erhielten: PeuS (Ioz.) 7859, v. Loebell (kauf. Landrath) 6286 und Blell (jq. Bp) 4807 Stimmen; mithin ist Stich­wahl zwischen den Verden Erstgenannt« erforderlich. Bisher vertrat ein Nationalllberaler, der ober nur als