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M 251 Freitag, dm 30. Oktober 1896. 23. Jahrgang

FilldlikrMZkitiing

mit Unterhattirngs-Keilage „Sterne und Stuwen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

△ Die Enthüllungen des Fürsten Bismarck

in feinem Hamburger Leibblatte, die wir schon gestern erwähnten, werden von der grsammten P esse de» In­länder und deS Au-landeS eingehend beisprochen, und daS allgemeine Urtheil der nicht auf BiSmarck einge­schworenen Blätter geht dahin, daß BiSmarck sich durch blinden Haß gegen seinen Nachfolger, den Grafen Caprivi zu einem schlimmen Streiche hat verleiten losten. In der That hat jener Artikel der ,Hamb. Nachr.' Deutschland in eine recht schiefe Lage gebracht. Der Artikel enthielt bekanntlich die feltsame „Ent­hüllung", daß bis zum Rücktritte Bismarcks eine „ReutralitätSaffekuranz auf Gegen­seitigkeit" zwischen Deutschland und Ruß­land bestanden habe, aber trotz der Bereitwilligkeit Rußland» durch den Grafen Caprivi nicht mehr er­neuert worden fei. Der Zweck dieser „Enthüllung" ist natürlich der, den BiSmarck'schen Borwurf gegen die Caprivi'sche Politik, Deutschland m den Dienst Oesterreichs und Englands gestellt zu haben, aufs Reue zu bekräftigen. Selbstverständlich gelten diese vergifteten Pfeile nicht bloß dem Grafen Caprivi, sondern — dem Kaiser selbst. Die Wirkung dieser Enthüllung ist aber eine ganz andere, als die beab­sichtigte, denn thatsächlich hat sie, abgesehen von dem kleinen Kreise der blindesten BiSmarckverehrer, nur den Erfolg gehabt, die auswärtige Politik BiSmarckS in den Geruch der Doppelzüngigkeit und Unehrlichkeit zu bringen. Leider war BiSmarck damals deutscher Reichs­kanzler, und so fällt diese- häßliche Licht, und da- ist da- Schlimme an dem Borg,Heu des „Altreichskanzlers", auch auf Deutschland selbst.

AuS diesem Grunde ist vielfach der Wunsch laut geworden, die deutsche Regierung möge auch ihrerseits dar Wort zur Sache ergreifen. Der .Reichs- Anzeiger' ist daraufhin zu der Erklärung er­mächtigt worden, daß die» nicht geschehen wird. Dar wird folgendermaßen begründet: „Diplomatische Bor- gänge der von den ,Hamb. Nachr.' erwähnten Art gehören ihrer Natur nach zu den st r e a g st e n Staats­geheimnissen; fie gewissenhaft zu wahre«, beruht auf einer internationalen Pflicht, deren Verletzung eine Schädigung wichtiger StaaiSintereflen bedingen würde. Die kaiserliche Regierung muß daher auf jede Slarstelung verzichten; sie wird jenen Auslassungen gegenüber weder Falscher berichtigen, noch Unvollständiger ergänzen, in der Neber- zeugung, daß die Zuversicht in bie Aufrichtigkeit und dieBertragStreue der deutschen Politik bei anderen Mächten zu fest begründet ift, als daß fie durch derartige „Enthüllungen" erschüttert werden könnte."

AuS dieser Aeußerung geht wenigsten» zweierlei hervor: 1) daß die „Enthüllungen" der,Hamb Nachr.' auch Falsches enthalten, und 2) daß fie zum Theil unvollständig find. Etwa- Wahres scheint immer­hin daran zu fein, daß zwischen Deutschland und Ruß- lard eine „Nevtrolitäl-Versicherung aus Gegenseitigkeit"

Myeera.

Novelle von H. Fred.

1] ------- (Nachdruck verboten.)

L

ES war Mai, Heller, duftiger Mai; und zwar einer jener wenigen Tage des vielbesungenen Monat», denen er seinen Rus verdankt. Die Erde war voll Dult und Blüthen; das Grün zeigte jene saftige Frische, die dem Auge so wohl thut. Die Sonne wä utte, ohne zu brennen, und labte mit ihren milden Strahlen die Keime, die bisher noch nicht erwacht, küßte die Kno pen, die noch zögerten, in's Leben, und begeisterte die gefiederten Sänger zu ihren süßesten Liedern. Ueber dem allen wölbte sich ein tiefblauer Himmel, nur am äußersten Rande umsäumt von hell- schimmernden Wölkchen.

Au solchem Tage ist auch die ärmlichste Gegend und das prosaischste Lanistädtchen nicht ganz ohne Reiz» Der stille Ort, an den wir unsere Leser führen, war zwar sehr bescheiden gebaut, entbehrte aber der landschaftlichen Schönheit durchaus nicht. Er streckte seine lange, mit niedrigen Häusern besetzte Hauptstraße am Ufer einer kleinen Landsee'» dahin und war von

bestanden habe. Wie diese zu verstehen ist, bleibt ■ eine andere Frage. In Men, wo die „Enthüllungen" ; der ,Hamb. Nachr.' sehr peinlich berühren mußten, t scheint man sich inzwischen mit der Deutung beruhigt zu haben, daß e» sich um jene» wechselseitige Neu- . tralitälsverhältniß handelte, das von alter»her zwischen $ Preußen und Rußland bestand, und dem Preußen die ] im deutsch-französischen Kriege so wichtige Neutralität

Rußlands zu danken hatte. Man glaubt in Wien — ! so wird wenigsten» der ,Köln. Ztg.' von dort gr- ? meldet —, daß es zu formaler Aenderung diese» Brr- i HAttnsseS nicht gekommen ist, und daß deshalb desieu Fortbestand bis zum Rücktritte B smarck» formell be- haupiet werden kann, obgleich e» thatsächlich durch den Abschluß deS Dreibundes allen Werth verlor, und daß Caprivi sich an diese wesentliche - und nicht an die formale Seite der Frage gehalten hat.

Wir find geneigt, diese A ffassuog zu der unserigen i zu machen und mit allen W.ener Blättern, die auf l die Vertragstreue Deutschlands vertraue«, dem Arttkel I deS Hamburger Bi»marckb atteS jeden aktuellen politischen Werth adzusprechen. Wenn aber diese ruhige Auf- sassung bei uns und besonder» in Oesterreich Platz greift und dadurch eine Lockerung bei Bündnisse» beider $ stammverwandten Reiche nicht zu befürchten ist, so hat | daran Fürst BiSmarck gewiß nicht dar Verdienst, I sondern die aufrichtige Politik seiner Nachfolger gegen Oesterreich. Wenn B smarck wirklich auf da» Neu- tralttätSverhältniß mit Rußland den großen Werth gelegt hat, den die ,Hamb. Nachr.' jetzt demselben bei- messe«, so wäre seine Politik gegen Oesterreich eine unehrliche gewesen, denn jene« Verhält» ß hätte be- ’ deutet, daß Deutschland bei einem Kriege zwischen dem : ihm verbündeten Oesterreich und Rußland ruhig zu- gesehen, feine Vertragstreue also gebrochen hätte. Hoffentlich wirb der schlimm; Eindruck, de« der Arttkel der ,Hamb. Nachr.' allerdings nur in Verbindung mit der gegenwärtigen Kriecherei auch der regierende« Kreise vor Rußland Hervorrufe« konnte, bald wieder völlig verwischt.

BiSmarck hat jedenfalls wieder einmal bewiesen, daß er in seinem blinden Hasse gegen seinen Nach­folger und wohl auch gegen eine höhere Stelle sich i nicht scheut, Deutschland vor der ganzen Welt bloßzustellen und sogar „strengste Staatsgeheimnisse" zu verrathen, deren ge- wiffenhaste Wahrung, wie der ,Reich»anzeiger' mit deutlicher Spitze gegen den Hintermann des Hamburger j Blattes hervor hebt, auf einer internationalen Pflicht l beruht, deren Verletzung „eine Schädigung wich- ’ tiger StaatSintereffen bedingen würde." Also: » wo ist der „Reichsfeind"? Richt weit von Hamburg!

Deutsches Reich.

Berlin, 29 Oktober.

i * Der Kais? wird am 4. November als Jagdgast deS Grafen v. TschirSky-Renard in Groß Streh- litz (Oberschlefien) und am 5 gegen Abend beim Für- i sten v. Pleß in Pleß zur Jagd eintreffen, von wo

einem für kleine Frachtsch ff- fahrbare« Flüßche« durchschnitten.

Sie Stadt, wie viele deS GroßherzogthumS oder der Provinz Posen, war ehemal» Ergenthum einer vornehm'« polnischen Geschlechter gewesen. Noch trägt sie von demselben den Samen, und das alte Stamm­schloß mit seinem schönen, etwa» verwilderten Parke bildet eine Hauptzierde der Gegend und eine Annehm­lichkeit für die Bewohner — in so weit diese geneigt find, davon Gebrauch zu machen.

Dar Schloß war zu Anfang der fünfziger Jahre sehr vernachläsfigt; sei« Besitzer wohnte nicht darin, hatte aber einem Gärtner einige Zimmer zur Woh­nung Herrichten Icfiat Dieser, so Die ein Forst- beamter, der den W.rthschastihof inne hatte, benutzten fast ausschließlich den ausgedehnten Park. Ein statt­licher Festur>g»thor führte von der Brücke der Wall­grabens durch die mächtigen Wälle. Bon dort au» ; bot sich dem Eintretender: ein überraschend schöner | Bild.

Dar fand auch der junge Mann, der, vom raschen ■ Gehen erb tzt, in di sem Augenblick im kühlen Schatten s rastete. Bor ihm lag der massive Bau, unter befien X Fenstern ein lieblicher Blümer parterre sich au»-

• die Rückkehr nach Potrdam am 7. November Abendr ; erfolgt.

* Dem Bnndesrath tteae« nunmehr f ä m m t l i ch e . Spezialetatr für 1897/98 mit Aurnahme bei ' Militäretats vor, der aber auch noch in dieser Woche ; dem Bundesrathe zugehen soll.

t * * ft, Der chinesische Zolldirektor DtMng (ein Deutschr), ? der Begleiter Li-Hung-Tschana- auf veffrn Europa- ' reife hat auf telegraph sche Aufforderung hin seinen | ursprünglich auf 2 Jahre berechneten Urlaub abgebrochen l und wird in den nächsten Tagen Berlin verlast e«, um < nach Peking zurückzukehren, wo er Li-Hung-Tschang - Sei der Abstattung der Berichte über dt stsn europäische | Reise unterstütze« wird. Marr geht wohl nicht fehl — ( so meint die .Post' — in der Annahme, daß die» der erste Schritt ist, um deu auf dieser Reise gewonnenen I Eindrücken L-Hung-Tschang» praktische Folge»

zu geben. Abwarten!

* In Bezug auf die Konvertirnng der 4proz;nt. Reichs- und Staatsanleihe« ist wSher die Frage über r, die gesetzlich feftzul gende Frist, innerhalb welcher eine | weitere Konversion der 3^/sprozent. in eine Zprozent. ! Anleihe nicht stattfindrn soll, «och nicht dtfiattio ent­schieden. Wie die ,B. Bö-senztg.' hört, ift jetzt be« 3 stimmt, daß sowohl im Reich wie in Preußen diese | Frist auf 8 Jahre festgesetzt werde« soll.

* Für den R st der Wahlperiode 1895/97 ist der । Unterstaatssekcetär im Estendahnmivisterrum Fleck ? zum Vorsitzenden de» LandeseiseubahurathS und < der Abthrilungsririgmt Möllhausen in demselben j Ministerium zum Stellvertreter des Vorsitzenden er» I£ wannt worden.

* Mit dem Fürsten Bismarck hatte sich der ,vorwärt-' in der letzten Z it mehrfach beschäftigt » und dabei verschiedene starke Ausdrücke gebraucht. In Folge deffen ist in BiSmarck'schen Blättern bie Frage i erörtert worden, ob nicht gegen den.Vorwärts' wegen - seiner Invektiven gegen den Fürsten BiSmarck eine ■ Beleidigungsklage erhoben werden solle. Wie die \ .Harnb. Rachr.' erfahren, hat Fürst BiSmarck, al« in $ diesem Sinne angefragt wurde, geantwortet: Nein, s denn wenn er öffentlich sagen wolle, war er über die I Hintermänner be» .Vorwärts' denke, so würde er sich auch einer Jnjurienklage auSsetzen. Der ,Vor­wärts' bemerkt d^zn: „Fürst B.Smarck wird sich, seit er seine Gegner nicht einfach erdrücken kann, wohl | hüten, politische Klagen anzustrengen, gegen welch; der ; Beweis der Wahrheit angetreten werden kau». - eine faule Ausrede ist eS, zu behaupten, er würde f sich, wenn er feine Meinung über u«S sagte, selber < einer Jojurienklage aussetzen. DaS wird er nicht."

ft In den sozialdemokratischen Ber ammtunze», $ die am Mittwoch Abend in Berlin stattsaaden, er- l statteten die Delegieren zum G»rhaer Parteitage über diesen ihre Berichte. Die Unzufriedenheit mit ‘ dem .Vorwärts' trat auch hier wieder lebhaft zu Tage, l wen« auch ein Theil der „Genoffen" die Angriffe auf ? den Chefredakteur Liebknecht, den „verdienten B.teran" ' der Partei, al» „schwarzen Uidauk" brandmarkte.

■

>. breitete; zur Pechten zwei blühende Kastanien, wahre I Prachtexemplare von riesenhafter Größe mit den un­zähligen Blüthenkerze«, und dahinter weit ausgedehnte saftgrüne Raser fläche«, durchschnitten von Bachenhecken Md schattige« Laubgängen, besetzt mit malerisch grup» | Puten Strauchgewächsen und mächtigen Baumriesm — < das alles prangend im Frühling-schmucke.

Ein Smizer der Erleichterung entrang sich des ; Jünglings Brust, und dann sachte sein Auge nach 5 dem Gärtner, dem zeitweiligen Bewohner des Schloss s. I Da ringS umher alle- still und einsam war, schritt er I langsam weiter, an dm schöne« Kastanien vorüber,

• bog link» um da» Gebäude und befand sich nun an I der Rückseite des Schlöffe», noch immer, ohne einem \ Mü schen begegnet zu sei«.

„Man scheint hier zu Lande nicht sehr sür Natur- ! gmuß eingenommen zu sein," sprach er vor sich hi«. ; „Nun, für mich vielleicht desto brfscr."

Die Bemerkung ließ zweierlei Deutung zu. Der junge Man«, Adalbert von W:-ßkirch war sei« Name, hoffte nämlich von dem Gättner eine Wohnung miethen ? zu können, weil daS Städtchen, in welchem er gestern i eingetroffen, um sich al» Arzt niedkrzulaffen, seinem *■ Geschmack keine einladenden Räumlichketten bot. Adal-