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Mittwoch, den 28. Oktober 1896.
23. Jahrgang
uldaerWZtitlliig
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Merkwürdige Dinge
werden neuerdings toieoet auS lsmopa'r Wetterwinkel, der Türkei, berichtet. Die türkische Regierung will eine Kopfsteuer unter dem Rame« einer außerordentlichen Zwangr-„Anleihe" (!) erheben — an fich schon gewiß eine seltsame, aber immerhin echt türkische Sache. Nun ist es nicht zu bestreite», daß der türkische Staatsschatz, der ohnehin stets an einem bedenklichen Urb« floß an Geldmangel kcaukt, durch die vielen Aufstande bis zum Grunde geleert worden ist, und bei der Schwierigkeit, im Auslände noch puwpweise Geld aufzutreiben (die bisherigen Versuche in Berlin und Paris find gescheitert), mag daher wohl den türkischen Staatsmännern der verzweifelte Gedanke gekommen sein, durch eine innere „Zwangsanleihe" die für den nächsten Augenblick eöthigeu Mittel zu beschaffen. Gleichwohl find die Botschafter in Konstantinopel mißtrauisch genug, um zu besorgen, daß die durch die „Zwangsanleihe" anfzubringenden Gelder zu weniger harmlosiv Zwecke» Versendung finden sollen. In der »Hat scheint es seine Richtigkeit mit der Behauptung zu haben, daß das Geld dazu diene» soll, um Wafsen zu kaufen, mit denen eine allgemeine Bewaffnung der muhamedanifchen Bevölkerung durchgeführt werden soll. Die Botschafter haben darauf dem Sultan vorgestellt, daß die Truppen hmreich-nd neue Wissen besäßen, eine allgemeine Bewaffnung der Muhamedaner aber geeignet wäre, die Christen zu beunruhigen und die Muhamedaner aufzureizen.
Ob diese Vorstellung Erfolg habe» wird, ist sehr zu bezweifeln, da dar bisherige schwächliche Austreten Der Machte dem Sultan kaum iwponirt haben dürste. Wir stehen daher auch einer Behauptung des offiziösen ,Pester Lloyds wonach das „europäische Konzert" demnächst in Konstantinopel in Aktion treten solle, vorläufig sehr mißtrauisch gegenüber. Grund genug wäre j andererseits freilich für die „Großmächte" vorhanden, ■ um andere Saiten gegen den Sultan auszuziehen. Denn 1 zu de» verdächtigen Anleihe- und Waffrakaust-Plänm Kimmen auch aus Albanien recht merkwürdige und bedenkliche Nachrichten: Der wegen seiner GrwaltthAig-
> leit berüchtigte arnautischr (albanisch-muhamedanischr) Häuptling Mnlla Zeka, der aus Befehl des Sullans eine Zeit lang in Konstantinopel eingesprrrt war, ist ; nunmehr begnadigt worden und nach Peki (Ipek) zurückgekehrt. Sein Wiedererscheinen daselbst rief unter den Serben die größte Erregung und Besorgniß hervor, zumal er gegen die Christen wieder sehr drohend i austritt. UeberdieS ist das Gerücht verbreitet, daß Mulla Zeka die Erlaubniß (oder den Auftrag?) er- i haste» habe, eine arnautischr Liga (Freischaar) zu bilde».
Seinen Bestrebungen wird es auch zugeschrieöen, daß die Albanesen unter sich die Blutrache einstellte« und fich gegenseitig verschonen, um gegebenen Falle- mit vereinten Kräften gegen die Christen auftreten zu kön- ' ne». Auch diese Nachrichten aus Albanien mache« den : Botschaftern schwere Sorge, und gewiß nicht mit litt» . recht, denn wenn fich jene Angaben bestätigen, so muß s man ans ihnen in Verbindung mit der geplanten j mohamedanischr« Volksbewaffnung schließen, daß der ' Sultan alles auf eine Harte setzen und durch eine allgemeine Ausrottung der Christen fich Last machen l will. Welche Meinung muß er dann aber von den s „christlichen Großmächte»" habe»!
Er ist jedenfalls gor nicht «»denkbar, daß der ; Sultan, von allen Seiten bedrängt und keinen ver« nünftigenAuSwegmkhrsehend,aufallerleiBrrzweiflungS- s Pläne verfällt. Melleicht hofft er auch durch Entfesse- lung der mohamedanischrn Volksleidrnschast gegen dir t Christen der jung türkische« Bewegung Herr werden | oder fich mit dieser verständigen zu könne». Es wird - ja auch gemeldet, daß die türkische Regierung Unter- 1 Handlungen mit Murad Bey, dem Biz Präsidenten der jungtürkischen Komitee'- in Pari-, angeknüpst habe. Daß die jungtürk sche Bewegung nicht so bedeutungslos ist, wie die türkischen Offiziösen es bisher dargestellt haben, wird überhaupt immer klarer. Erhält doch sogar eines der bestunterrichteten russischen Blätter, die russisch« ,St. Petersburger Ztg.', Briefe aus Syrien, wonach die jungtürktsche Bewegung dort einen überaus bedrohlichenU «fang angenommen haben muß. Ueberall im Lande, heißt eS da, fei der Sultan gleichermaßen unpopulär geworden und Niemand halte e- mehr für der Mühe Werth, ferne Gisinnungen zu verheimlichen, in den Kasernen läsen die Offiziere (!) den Soldaten Artikel auS revolutionären jungtürk,schen Blättern vor, die Soldaten, seit langem ohne Sold und Verpflegung, seien aus'S höchste erbittert und zu allem sähig, eine völlige Anarchie drohe einzureiße» rc. Dar würde freilich die Angst des Sultan- vor den Jungtürken erkläre». Ob sein Bemühen, der jungtürkischen Gefahr zn begegne», nicht aber auch wieder zu spät kommt, ist eine andere Frage.________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 27 Oktober.
* Der Kaiser ist gestern Abend kurz vor Mitternacht mit dem Prinzen Heinrich nach Meppen
abgereist, «m auf den dortigen Schießständen der Kr uppsche« Fabrik Schießversuchen mit neuem Artilleriematerial beizuwohnm. Nach Beendigung der Schieß» versuche, welche Nachmittag» 3 Uhr wieder aufgenommen worden waren, traten der Kaiser und Prinz Heinrich mit Gefolge mittel- Sonderz'rgeS die Reffe nach der Krupp'schen Billa Hügel bei Esse« an. — Der Kaiser wird im Anschlüsse an seinen diesjährigen JagdauSflug z« dem Grafen Tschierfchky - Renard m Sroß-Strehlitz auch dem Fürsten von Pleß eine« Besuch abstatten, um in befielt Forsten zu jagen. Die Ankunft de- Kaiser- in Pleß erfolgt nach de» bis- herigen Fefis tznngrn Donnerstag, den 5. November, die Abreise vorausstchtlich Sonnabend, dra 7. Rovbr.
. * Hinsichtlich der neuen Militär-Strafprozchr
ordnnng, die gegenwärtig dem BundeSrathe vorliegt, \ wird bestätigt, daß darin die Mündlichkeit ohne Einschränkung durchgesührt ist und daß auch das i Vorverfahren zu Gunsten der Aageschuldiqten umgestattet werden soll. Hingegen wird die O ffentlichkeit der Verhandlungen großen Beschrärlkungen unterliege» und die Forderung der Zulassung bürgerlicher Berthei- > diger nicht erfüllt werden. Wie fich der Bundrsreth zum Entwurf stellt, läßt fich noch nicht sagen, indeß j wird versichert, daß auf fast allen Setten große Rei- < gung vorhanden ist, des Zustandekommen einer solche» I Gesetzes nach Thunlichkeit zu sörds». Zu diesem
Zweck soll Bayern bereit sein, einige Opfer zu bringen.
* Der Entwurf einer Landgemeindevrduuug für Hessen-Rafsau, dem ein von dem R«qierungrp:äfiventen z: von Tepper-Laski au-gearbeiteter Eitwurf zu Grunde , gelegen bat, wird bekanntlich dem Landtage in der nächsten S ssion vorgelegt werde«. Rach dem Entwurf t sollen offiziösen Mittheilungen zufolge im Allgemeine« die Bestimmungen der Landgemeindeordnnng für die östlichen Provinzen auf die Provinz Hesse« - Nafia« i ausgedehnt, dabei aber möglichst die Einrichtungen und Verhältnisse geschont werden, wie fie fich »amentlich in dem kurhesfijche« Theile der Provinz nach der bort bestehenden Gemeindeordnung vom 23 Oktober 1834 gestaltet haben. Die letztere bestimmt u. A., daß einzelne Gebäude und Grundstück: jeder Art, mit Einschluß | der Domänen- und Rittergüter, der Staat-- und an- ; derer Waldungen, „welche bisher nicht in der Gemarkung einer Gemeinde begriffen waren", derjenigen Ge- \ meinde, zu der sie nach den Verhältnifirn am beste» i poffen, und unter thnnlichster Berücksichtigung der \ Wünsche der Betheiligten einzuverleibe». Die Ver» ! waltungSbrhörde hat zu diesem Zwecke womöglich eine l Ueb.reinkunst unter den Betheiligten zu vermittel», | oder nach Maßgabe der einschlägigen Bestimmungen » der Gemeindeordnung die »öthigen Anordnungen zu erlassen. Beim Erlaß deS R-ichsgesetzes über dm UnterstützungSwohnsitz wurden ober viele Rittergüter und fiskalische Grundstücke zu selbstständigen GuS- bezirken zusammengelegt, so daß die Gemeindeverbäude durch die Armenpflege m hr belastet wurde«. Ferner
Eine Permechselung.
Erzählung von C. Borges.
16] ------- (Nachdruck verboten.)
Vielleicht hatte die Krankheit während der letzten Stunden einen ernsten Charakter angenommen, denn Johanna fühlte sich ermattet und nach dem Mittag» efien wollte fie ein wenig schlafe».
„Ich habe zwar noch nie in meinem Leben ein Mittagsschläfchen gehalten", sagte fie, fich gleichsam entschuldigend, „aber war soll ich anders thun, wen« der Doktor darauf besteht, daß ich das Bett hüte» soll. Untr» im Wohnzimmer ist es behaglich warm, dort amüfiren Sie fich bis vier Uhr, Fanry. Sie dürfen auch heute nicht nach Trenckr zurückkehren, denn ich habe Gertrud gefügt, daß Sie einige Tage hier bleiben sollen. Ich halte eS überhaupt für viel richtiger, daß Sie immer bei mir bleiben. Gertrud kann leicht eine andere Erzieherin für ihre wilden Kinder finden, ober ich finde keine Dome, die ich so gern haben möchte, wie Sie. So, Fanny, nun gehen Sie, unten hegen Zeitungen und Bücher schon bereit"
Die junge Dame gehorchte, aber ein seltsam ängstlicher Gefühl beschlich ihr Herz. Anfänglich war fie »ur liebevoll und aufmerkfam gegen Johanna gewesen, weil fie die Schwester ihrer Gatten war, aber später hatte fie die eigenartige alte Dame lieben gelernt,
nnd fie hing jetzt mit hingehender Zärtlichkeit an ihr. Der Doktor hielt gestern ihre Krankheit nicht für erheblich, ober doch wollte eS ihr scheinm, daß ihr Zustand fich in den letzten Stunden verschlimmert habe. Johanna hütete gehorsam da- Bett — dar war gewiß kein guter Zeichen; daß fie aber jetzt schlafen wollte, erfüllte dar Herz der besorgtm Freundin mit Besorgniß.
Sie ließ fich in einem bequemen Sessel am Ofen nieder, ober fie konnte nicht lesen, chre Gedanken weilte« im Schlöffe bei der glücklichen Gräfin, und ein schmerzlicher Seufzer entfuhr ihren Lippen. Dann gedachte fie ihrer Gatte«. Wenn fie sterben sollte, so wäre mit dem Tode dar letzte Band zerriffm, dar ihrm Gatten an bi». Heimath fesselte; er würde in Indien bleiben und bet entfernt verwandte Vetter mit feinen vielen Lindern nähme Besitz vom Edelhof in Buchendorf.
„Er liebte mich einst," flüsterte sie dann, „aber ich war feiner Siebe nicht würdig. Er hat gewiß der Tobten verziehen — würde er auch der Lebenden verzeihen?"
Tie alte Haushälterin trat leise ein, um Wein und Erfrischungen auf den Tisch zn stellen. Sie war seit länger oI8 dreißig Jahren im Neuste der ZrllbergS thätig gewesen und war ihrer Herrschaft sehr zu- gethlln.
„Wie finden Sie heute das Fräulein?" fragte fie, ehe fie das Gemach verließ.
„Schlechter. Sie sandte mich hinaus, damit sie ruhig schlafen könne. Ich glaube, dar Fieber ist heftiger geworden." ,
„So dachte ich auch. Ich habe dm Kutscher schon nach dem Doktor geschickt, aber er war schon auf bem Schlosse. Heute Abend muß er jedenfalls noch komme«. Sie bleiben doch einige Tage bei uns, Fräulein Wild» Hagen?"
„Ja, Fräulein Zrllberg wünscht e»."
Die Haushälterin war gegangen. Die ungewohnte Ruhe im Hause — die Gouvernante war an dar im» ruhize Hin- und Herrenven der Kinder gewöhnt — die behagliche Wärme, dazu der beruhigende Gedanke, daß sie im Hause ihn- Satten sei, wirke wohl» thuend auf das erregte Gernüth der jungen Dame. Sie zog dm Lehnsessel näher znm Ofen, lehnte dar müde Haupt zurück, ließ die Hände in den Schoß finkm und schürf bald ruhig und fest wie ein tt- müdeter Kind. Sie hörte nicht einmal, daß die große Wanduhr vier schlug; fie schlummerte ruhig »eiter, und die Haushälterin, die fest glaubte, daß die junge Dame längst in das Krankenzimmer ihrer Herrm zurückgekehrt fei, beschäftigte fich m der Küche mit der Zubereitung der Besperbrod S.
Plötzlich wmde au der Hausglocke gezogen.