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Freitag, den 23. Oktober 1896

23. Jahrgang

Der Hirtenbrief unseres Hochwürdigsten Herrn Bischofs au die Katholiken der Stadt Fulda

über die bevorstehende Volks Mission hat folgenden Wortlaut:

Geliebte Diözesane« der Stadt Fulda!

In meinem ersten Hirtenschreiben am Tage meiner Bischofs­weihe habe ich Euch gelobt. Alles zu thun und nichts zu Unter­lasten, was dazu dienen könne, das Heil Eurer Seelen zu fördern und sicher zu stellen. Deshalb wende ich mich jetzt an Euch, und biete Euch eines der vorzüglichsten Heilmittel, welches nach dem Urtheil der heiligen Kirche und dem Zeugniß der Geschichte zu allen Zeiten und an allen Orten große und herrliche Früchte zur Heiligung der Seelen hervorgebracht hat und hervorbringt: es ist die Wohlthat einer

Volks-Mission.

In derselben werden, wie Ihr wißt, die Grundwahr­heiten unserer hl. Religion im Zusammenhänge von beredtem Munde vorgetragen und in den Seelen der Zuhörer mit der göttlichen Gnade die Furcht Gottes, die Hoffnung ans die un­endliche Barmherzigkeit, die Reue über die Sünde erweckt; heilige und feste Vorsätze werden gefaßt, mit vielleicht langjährigen fchweren Sünden zu brechen, und die Pflichten eines Christen, eines Katholiken wieder gewissenhaft zu erfüllen, mit einem Worte: von Neuem ein wahrhaft gottgefälliges Leben zu beginnen.

Während in den letzten Jahren, durch eifrige Seelsorger ver­anlaßt, solche Missionen an vielen Orten der Diözese stattgefunden haben, sind bereits volle 30 Jahre verflossen, seit in der Bischofs­stadt die letzte BolkSmission gehalten worden ist, zum großen Theile auch in Folge der traurigen Tage und Wirrniffe des sogen. Kulturkampfes. Gewiß Grund genug, daß ich dem Verlangen eurer hochwürdigen Herren Pfarrer und dem Rathe des hochw. General-Vikariates entsprechend, nun auch eine solche Mission im Dome angeordnet habe. Sie soll

Sonntag den 25. Oktober beginnen, am 2. November endigen und somit den schönen Rosen­kranz-Monat würdig beschließen.

Ich bin fest überzeugt, daß die meisten Diözesanen der Stadt sich freuen, wieder eine solche Gnadenzeit zu erleben und daß sie dieselbe eifrigst benutzen werden. Ich kenne ja die Festigkeit shres Glaubens, ich weiß, wie gern sie den Gottesdienst besuchen und die heiligen Sakramente empfangen. Sie bedürfen keiner besonderen Einladung, sie werden aus eigenem Antriebe regel­mäßig an den Andachten und Predigten dieser Mission theilnehmen.

Aber wie in jeder Gemeinde, so finden sich auch hier neben den eifrigen, vom lebendigen Glauben erfüllten Gläubigen solche, die vielleicht lange schon dar religiöse Leben wenig, ja kaum gepflegt haben und in der Liebe der himmlischen und ewigen Güter erkaltet sind: Männer, welche einzig ihren weltlichen Geschäften gelebt haben, Jünglinge, welche durch die Shllosen Verlockungen der Gegenwart irregeleitet, vielleicht schon itoere sittliche Schuld auf sich geladen haben. Alle diese meine Diözesankinder möchte ich als liebender Vater, eingedenk meiner einstigen Verantwortung, bitte» und beschwören, die dargebotene Gelegenheit zur Einkehr in sich selbst und zur Rückkehr zu einem religiösen, sittenreinen Leben nicht unbenutzt vorübergehen zu lasten. O wollet eingedenk sein der hl. Vorsätze und Ver­sprechungen, di« ihr einst beim Empfange der ersten hl. Kom­munion Euerm Gott und Heiland gemacht habet! Wollet einge­denk sein, Ihr Väter, daß Ihr Euer« Kindern bei Verlust Eures ewigen Heils das gute Beispiel schuldet! Wollet eingedenk sein, Söhne und Töchter, daß Eure Eltern für Euch strenge Rechenschaft ablegen müssen und machet ihnen diese leicht, indem Ihr durch eifrige Theilnahme an der hl. Mission die guten Grundsätze in Euch befestigt, zu denen sie Such zu erziehen bemüht find! Und wenn sie. Eure lieben Eltern, schon hinübergegangen sind in die Ewigkeit, vielleicht noch dort um Euretwillen büße» wüsten — o bringet ihnen Trost und Hilfe, indem Ihr am

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Allerseelentag ihnen die Frucht der heiligen Uebungen in einer würdigen Kommunion aufopfert! Die Mutter der Barmherzig­keit, welche die Kirche in diesem Monat so innig verehrt, — sie wird Euch Alle gnädig aufnehme», Euch den Seelenfrieden und die Gnade ihres göttlichen Sohne- wiederfinden lasten.

O, wie glücklich würde ich sein, wenn durch diese Mission alle meine Diözesanen der Stadt Fulda lebenskräftige Glieder am Leibe Jefu Christi würden; wenn die Eifrigen befestigt und die Sünder, die vielleicht tief Gefallenen, in die Arme des guten Hirten, der die verirrten Schäflein so sehn­süchtig erwartet, zurückkehren würden!

Da aber in der Ordnung des Heiles Alles an der Gnade von Oben gelegen ist, wollen wir zusammen inständige Gebete zum Vater der Erbarmungen emporsenden. Mit Euch will ich daher die dreitägige Vorbereitungsandacht zum heiligen Geiste halten, und für euch während der Mission jeden Tag das heilige Opfer darbringen.

So will ich der tröstlichen Hoffnung leben, daß diese erste Volksmission nach dreißig langen Jahren ein Ehrendenkmal werde für den religiösen Sinn der Katholiken Fulda's und für ihre tief im Herzen wurzelnde Anhänglichkeit an die unermeßliche Wohlthat des wahren Glaubens. -.M KK.

Fulda, den 18. Oktober 1896.

t Georg Ignatius, Bischof von Fulda.

Friedmrliebe der Zaren einmal arg getäuscht sehen Wenn auch der Zar persönlich ein Freund der Frie« denr zu sein scheint, so ist er doch andererseits auch kein Freund der Deutschen und bei seiner geringe« Willentfestigkeit und Begabung hetzerischen Einflüßen zweifellos leichter zugänglich als sein viel willens- stärkerer Bater.MW^MKILM F-Ä

Mit dem inneren Friede« steht es leider immerwährend auch nicht am besten. Die in letzter Zeit wieder sehr fich mehrenden Begnadigungen von Duellanten tragen gewiß nicht dazu bei, der Unzufriedenheit weitester BolkSkreise entgegenzuwrrken, und dasselbe gilt in noch stärkerem Maße von einer anderen schlimme» Blüthe des Militarismus: dem traurigen Fall des Lieutenants v. Brüsewitz m Karlsruhe, der ohne jeden ernsteren Grund, lediglich von dem Phantom einer besonderen Osfizier»ehre beherrscht, eine« „Civilisten" erstochen hat. Nimmt man dazu die immer bestimmter auftretende« Rach» richten von größeren Neuforderungen im nächste« Marine etat und die an den Rücktritt des Kolonial« direktorS Dr. Kayser, besonders an dessen Ent­hüllungen über gewisse koloniale Cliquen, die unter der Marke der Kolonialsache lediglich Strllenjägerei und anderes Unsaubere trieften und vielleicht noch treiben, sich knüpfenden Erörterungen: so begreift man, warum wir an einen nahe« und raschen Niedergang der Sozialdemokratie nicht glauben könne», so sehr auch ihre innere Entwickelung mehr und mehr greisenhafte Züge und Zeichen des Verfalls aufweist.

Der Gothaer Parteitag war in letzterer Be­ziehung ja wieder recht lehrreich. Für das Wohl der Arbeiter wäre» ferne Verhandlungen und Beschlüsse völlig werthloS. ES zeigte fich überhaupt, daß die Führer der politischen Sozialdemokratie immer schärfer ebe Reformarbeit zur Hebung der unteren Bolksklaflen verdamme« und im Segentheü daraus avSgehe», immer weitere BolkSkreise in das Prole­tariat hinabzuziehen »nd durch Rührung ihrer Un­zufriedenheit am Gängelbande zu erhalte«. I« dem Gegensätze, der hieraus zwische« den politische« Führern Bebel, Singer u. s. w. und der Gewerk­schaftsbewegung erwachsen ist, scheinen die erstere« vorläufig die mächtigere Partei zu sei«; aus wie lange, ist eine andere Frage. Liebknecht, der zu ver­mitteln sucht, hat dafür trotz seiner 70 Jahre und seiner Verdienste um die Sozialdemokratie die ge« häufigsten Anfeindungen erfahre«; seine Roll; als Chef« redakteur bei .Vorwärts' dürfte er wohl bald au»- gespielt haften.

Da sollte man allerdings meinen, daß die doch wohl in der Mehrheit befindlichen verständige« Arbeiter von einer so unfruchtbaren und von hähftchru Seifte«« schäften ^beherrschten Hetzpartei fich «ach und «ach in immer größerem Umfange loSsagm müßte«. Dazu ist allerdings auch erforderlich, daß die andere» Parteien und die Regierungen beweise«, daß daS wahre Wohl der Arbeiter bei ihnen in besseren Händen ist,

Trostwort, jede Theilnahme zurück und man wagte sogar nicht einmal, in seiner Gegenwart von dem Un­glück zu sprechet. Er entgegnete seiner Schwester, daß der Gedanke, «ach Europa zurückzukehre», ihm miet» träglich sei.

„So rächt fich denn wirklich alle Schuld aus Erden," stöhnte er krampfhaft, al» er seinen Brief beendet hatte und mit doppeltem Eifer seine Thätigkrit wieder auf« nahm.

So waren Monate vergangen.

„Ich hafte kein Jnterefie mehr sür die Verwaltung dk» Gutes," klagte Johanna eine» TageS ihrer Freun­din, der Frau Dr. Trenck. „Für wen soll ich auch arbeiten? Mein Bruder k<hrt m-matt zurück, er wirft auch nie wieder heiratheu. Wir habe« auch keine nahe« Verwandte», welche nach meinem Tode Besitz von de» Edelhof ergriifen könnten, nur einen Vetter, den ich noch niemals gesehen habe. Ich glaube, er wohnt in Norddkutschland, hat, so viel ich weiß, eine Fra« und mindestens acht bis 10 Kinder — ihm geht er gut, aber AlbrrtS Frau und Kindlein wmden dahingerafst."

Gertrud Trenck hatte ihre Freundin immer ge­döst t, doch war sie unewpfängkch sür jedes wohlge­meinte Trostwort. Deshalb hatte sie schon seit Woche« versucht, ihre Gedanke« voa dem traurigen Geschick ab«

Eine Verwechselung.

Erzählung von C. Borges.

12] ------- (Nachdruck verboten.)

Fräulein Zellberg hatte mit blutendem Herzen die Trauerkunde ihrem Bruder »ach Kalkutta geschrieben. Sie sandte ihm alle Z-iturgri», welche Kunde über daS Urglück gebracht hatten. Sie fügte ihrem Briefe einen ausführliche» Bericht des Seemannes bei, welcher die Leitung dkS ersten RrttungSbooteS übernommen und auSgefagt hatte, daß die vermißte Dame wahrscheinlich in ihre Kajüte zmückzekehrt sei und dort sicherlich dm Erstickungstod gefunden hafte. — Johanna schrieb fer­ner, daß sie glaubte, im Sinne btS Bruders gehandelt zu habm, Fräulein Morris zu einem längeren Aufent­halte in Buchendorf einzuladen. Die junge Dame, die lange Zeit krank in Marseille gelegen habe, sei endlich wieder hergestellt und habe dankbar die Einladung an­genommen. Sie sei schon auf dem W'ge gewesen, habe aber in Paris eine« Rückfall ihrer Krankheit erlitten, der sie lerder schon nach wenige» Tagen erlegen sei. Schließlich bat sie den Bruder flrhmtlich, seine Stel­lung in Kalkutta endlich aufzugeben und zu ihr zurück­zukommen. Er bedürfe nach diesem schweren Verluste bringest) der Erholung, dort im fernen Indien erinnere ihn aller au fei» verlorenes Glück.

FiilhacrWZcitiiN!]

mit N»trrhaltn»s»-H«iiagr „Ktrrur und Kim»«««.

Zur politischen Lage.

Die zweimalige Zusammenkunft unserer Kaiser- mit dem Zaren in Wiesbaden und in Darmstadt wird von gewiss;» aurländischm Blätter» al- ei» hoch­politisches Ereiguiß behandelt, während die deutsche Presse einstimmig nur eine Höflichkeit in den gegen­seitigen Besuchen der Herrscher steht. Bekanntlich war unser Kaiser nach Wiesbaden gekommen, um der Erst- aussührung einer Oper beizuwohnen, die einer seiner Freunde kowponirt hat. Da nun zur selben Zeit dar rusfische Kaiserpaar im nahegelegene» Darmstadt weilte, so war er nicht wohl zu umgehen, daß die beiden Herrscherpaare sich gegenseitig besuchten. (Sitte größere politische Bedeutung kann daher dies« Besuche» nicht beigemefie» werde» und wird auch vom .Reichs« anzeiger' bestätigt, so gern die Osfiziösm vielleicht auch Werth auf die Thatsache gelegt hätten, daß der rusfische Kaiser unmittelbar «ach de« StrbrfiberuttgSfeftett in Frankreich nochmalr mit bim deutschen Kaiser zu- sarnmengetrvffm ist. Daran ist aber andererseits gewiß auch nicht mehr zu rütteln, daß ein Bündniß zwische« Rußland und Frankreich in ausreichender Form be­steht, und bei dem rff-nkundigen Rachegrist der fran- zöfischen Politiker sollte da- russisch-französische Bündniß gewiff en sich sonst sehr „national" grberdenden Kreisen in Deutschland und auch an maßgebenden Stellen mindesten- ehe Mahnung fein, mit der entwürdigenden Bauchrutscherei vor de« Kosakenthum endlich einmal aufzuhören.

Gewiß ist große Vorsicht nöthig, zumal angesichts der Unzuverlässigkeit Italien», auf da» jetzt neben Frankreich auch England im deutschfeindlichen Sinne einzuwirken scheint, aber die Vorsicht muß mit Würde und Festigkeit gepaart sein, denn jede« Zeichen von Schwäche bildet einen Anreiz zum Uebrrmuthe für die Gegner und deshalb eine Kriegsgefahr. Dabei könnte man fich einer Tag-S über die oft betheuerte

Der Konsul prall'« beim Lesen dieser Zeilen entsetzt zurück; da» Blut in seinen Adern erstarrte zu Ei». Daß die „Arkadia" verunglückt war, wußte er lange; er kannte sogar die kleinsten Einzelheiten, welche die Zritungen gebracht hatte», aber der Gedanke, daß seine Gattin umgefommzn sein könnte, hatte ihm sehr fern gelegen. I» jeder Nachricht hieß eS ausdrücklich, daß fast sämmtliche Passagiere, zuerst sämmtliche Frauen und Kinder, in Sicherheit gebracht seien, und der Konsul war so sehr daran gewöhnt, fich al» Hauptperson zu betrachten, daß er die Rettung seiner Gaisin al» eine Hauptsorge deS Kapitän» erachtete.

Er las den Brief der Schwester noch einmal sorg­fältiger durch. Er verschlang mit seinen Augen jede Zeile der Z iturlg, er konnte, er wollte dar Unglaub­liche nicht für Wahrheit halten. Und dennoch war jeder Zveifel unmöglich; SlSbeth war tobt, er hatte sie selbst in den Tob geschickt. — Der starke, kräftige Mann barg fein Antlitz in den Händen und schluchzte laut. Dann gedachte er des bitteren Borwursr», dm er ihr kurz vor der Abreise gemacht hatte — namen­lose» Weh durchschnitt sein Herz — daS war die Wieder« vrrgeltnng.

Freunde, die am nächsten Tage den Konsul ttösten wollten, sahen mit Entsetzen, daß sein Haar gebleicht, seine Stirn sorgenvoll gefaltet war. Er wie» jede»