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Montag, den 19. Oktober 1896

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* Ausartung des Ehrbegriffes

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Elsbeth war 22 Jahre, bildschön, aber leidend, da» war die eirz'ge Vorstellung, die sie fich von ihr machte, und je mehr fie an dar bevorstehende Zusammenleben dachte, desto mehr scheute fie davor zurück.

Eine Verwechselung.

Erzählung von C. Borges.

8j ------- (Nachdruck verboten.)

Johanna war ihrem Bruder mit herzlicher Liebe zuge- than und hatte gehofft, daß er nach dem Tode de» Vater» au» fernem Lande heimkehren uud seme «Suter in der Heimach verwalte» möge, die ihm, al» eivzigen Sohu, zufallen mußten. Sie hatte fich getäuscht, doch »ahm sie ausrichtigen Antheil an seinem Beschick. Sie freute sich, daß er eine Gattin erwählt hatte, betrauerte mit ihm den Verlust der beide» Kleinen, die fie in Gedanken schon wie ihre eigenen Sinder geliebt hatte.

E» war vierzehn Tage vorher, ehe ine „Arkadia" in Marseille eiutreffen konnte, al» Johanna die erste Nachricht von der bevorstehende« Ankuust ihrer unbe­kannten Verwandten erhielt.

„ES gefällt mir nicht," sagte fie halblaut, al» fie . der Brief de» Bruder» aufmerksam dmchgelrseu hatte, „wenn sie wirklich so schwach und leidend ist, -aß fie Ort»verä«deru»g und »eue Umgebung haben muß, so hätte Albert auch kommen müffen. Er gibt freilich sein reiche» Arbeitsfeld al» EntschuldigungSgruud an — bah! Wenn er nur gewollt hätte, so hätte er rS schon anders einrichtm können! Er schreibt, er wolle im nächsten Jochte Nachkommen — spricht von einer zipölsmonat-

ich darf ihr die Ankunst ie ihrem neuen Heim nicht verbittern."

Sie rief ihre Verwalterin und gab ihr den Befehl, drei der schönsten Gemächer für die neue Herrin her. zurichten, dann schrieb fie selbst nach der Residenz, «m kleine Luxus gegenstände nnd niedliche Rippsachm zu bestellen, die in chrer alte« Einrichtung gänzlich fehlten. Dann ließ fie ansparmen und fuhr in da» nächste Dors, um den Doktor Trenck, mit deffen Gattin fie innige Freundschaft geschloffen hatte, diese unerwartete Rach, richt untzutheilen.

Der alte Doktor, welcher fie vor Jahren m den Dienst der Nächstenliebe emgeführt hatte, war längst gestorben. Sri« junger, rüstiger Nachfolger, Dr. Trenck, war Vater von acht gesunden klästigm Kindern. Johanna hatte fich oft im Stillen gewundert, wie e» möglich war, daß er seine zahlreiche Familie mit ferner wenig einträglichen DorsproxiS ernähren konnte.

Gertrud Trenck, seine Satti», stand fast ungleichen Alter mit Johanna. Sie unterrichtete gerade ihre vier Aeltesten — denn die Dorfschule war mangelhaft nnd die Pensionen zu hoch, um fie »ach der Stadt zu schicken —, dabei wiegte fie da» längste und strickte gleichzeitig die Strümpfe ihre» Manne».

Ein sonnige» Lächeln glitt über chr glückstrahlende» litz, al» Johanna eintrat, die Kinder flohen davon,

„Jedoch," schloß fie ihre« wirren Gedankevflug, ■ .hier dieses Hau» ist Albert» Eigenthum, in dem feine ! Gattin schließlich eia größeres Anrecht hat, wie ich ' selbst. ES ist ohnehin für da» arme kranke Wesen hatt \ ,------------

genug, die weite Reise allein machen zu müffen, und Antlitz, al» Johanna

Generaladjutanten v. Hahnke. Mittags nahm der Kaiser im Reuen Palai» militärische Meldungen ent- gegen. Morgen (Sonntag) wird da» Kaiserpaar früh um 8 Uhr 20 Mi«, von der Wildparkstation au» bte Reise nach Minden und Wiesbaden antreten. In Minden erfolgt die Ankunst gegen 2 Uhr Nachmittags, von wo dann die Fahrt «ach der Porta Westfalica zu Wagen geschieht. Bon Minden dürste die Weiterreise nach Wiesbaden morgen gegen 4 Uhr Nachmittag» a«. getreten werden und die Ankunft in W«e»bade« Montag Bmmittag, kurz nach 9 Uhr, erfolge«.

* Eine «eue MMSrvorlage für die Art, Her re soll in Aussicht stehe». Der Kaiser hat gestern den Schießversuchen der Artillerie auf dem Schießplätze zu KuanerSdorf beigewohnt. Dem,Berl. Lok.-Anz? wird «un „von besonderer Seite" mitgetherlt, drese Schieß« versuche dürften der Anlaß für die Regierung sem, dem Reichitage eilte «eue Militär Vorlage zu machen, welche die Mittel für die Verbesserung der Artillerie verlangen soll. , ..

* Eine «eue Religion wollen laut.Kreuzztg/ bte Berliner Professoren Harnack mtb Kaftan bringe«: „eine Glaubenslehre, die nicht» weiß von Sünde und Sündenvergebung, von Erlösung und vom Erlöser." „Mr aber," so schreibt die ,Kreuzzig/, „brauche« keinen neuen Glauben, bleiben bei dem Glauben unsrer Väter; wir bekennen, wa» sie bekannt zu Augsburg und zu Schmalkalden; wir brauchen nicht erst zu warte», bis die Professoren eine neue Formuürung gesunde» habe«, sondern wir bekennen, wa» wir im Katechirmus flefa«t" — Sehr schön, ei bleibt aber nur die Frage: Wie kann die .Krenzztg.' die Profefforen Hareack «ab Kaftan hindern, ein neues Christenthum z« bringe«, nachdem Luther ebenfalls ein neue» Ehrfftenthum ge­bracht und da» Recht der freie« Forschung das einzige „Dogma" de» Protestantismus ist? Die Har» nack und Sastan setzen nur da» Werk Luthers, da» Werk der Reformation fort. Die beiden Herren find Profefforen der evangelischen Theologie an der Berliner Univerfität und berufen, die jungen Predigeramt»- lanbibaten auszubilden!!! Schöne Aussichten!!

• «egendie konfessionelle« Hetzereien im Gustav« Adolf-Verein ist eine erfreuliche Stellungnahme aus dem Lager der Protestanten zu verzeich­nen. „Wie die ,«ugsb. Abendztg.' berichtet, hat eine in Augsburg abgehaltene Diözesansynode den em- stimmigen Beschluß gefaßt, es sei sehr zu beklagen, daß in neuerer Zeit auf deu Hauptversammlungen des Gustav-Adols-Berem» feiten» feine» Vorsitzenden eine diesem Vereine nicht zukommende und über das rechte Maß gehmde konfessionelle Polemik getrieben würde; man solle energisch dahin streben, daß die» in Zukunft vermieden würde. Die ,«ug»b. Abdztg.' theilt biesen Beschluß natürlich unter Ausfällen auf die „Kaplan», preffe" und über deu in der katholischen Kirche gegen- wärtig herrschenden „jesuitischen Geist" mit, aber daS thnt nichts. Wir find zufrieden, endlich einmal im protestanttsche« Lager den schwachen Versuch einer

Durch die furchtbare Ausschreitung eine» Offiziers in Karlsruhe, der ein Menschenleben znm Opfer fiel, ist die qrsammts öffentliche Meinung »m Reiche in eine sehr starke und leider nur zu sehr berechtigte Aufregung gerathen. Die Einzelheiten, die bisher über das unfelige Befchehniß bekannt ge­worden sind, find in der That geeignet, in dem ge- iammten deutschen Bürgerstand ein Gefühl der Un­sicherheit aufkomme« zu lassen. Während man der «Klaubens lebt, einem zivilifirten Staate, einer »ach Gesetzen geordneten Gemeinschaft anzugehören, macht man plötzlich die entsetzliche Erfahrung, daß Leben und Gesundheit jede» einzelnen Bürgers in daS Be­lieben jeder einzelnen Offizier» gestellt find, der sich durch irgend eine absichtslose Miene, irgend ein unbedeutendes Versehen in seiner „Ehre" ge­kränkt, nun sofort auch auf eine „Sühne" zu dringen für berechtigt hält und im Weigerm-g-falle mit feinem Säbel auf den vermeintlichen Kränker seiner Ehre eindringt, ganz in der That so, wie wir hier manchmal bei raufenden Bauernburschrn Messer- Affairen sich abspielen sehen.

Der Offizier, der in dieser Weise sich selbst Recht verschafft, behauptet, dazu durch den in seinem Beruf geltenden Ehrbegriff verpflichtet zu sein, weil er sonst fich der Gefahr aussetze, feinen Dienst aufgeben zu müffen. Kan« unter derartigen Voraussetzungen überhaupt ein geordneter GesellschastSzustand gedacht werden? Wa» in Karlsruhe sich zugetragen, kann fich in jedem Augenblick irgendwo in einem der zahllosen Wirthshäuser in Deutschland ereignen, wo Offiziere verkehren. ES braucht nur ein Civilist °uS Bersche« # an den Stuhl zu stoßen, auf dem ein Offizier fitzt, § und nicht in der von dem Offizier verlangten Form sofort Abbitte zu thun, und im nächsten Augenblicke I fliegt der Offizier Ssäbel dem Civiliste« in deu Leib. ?

Zu kermüMN ungeheuerlichen Folgen führt der 1 lrankhaft übertriebene sogenannte „Ehrbegriff" be8 | Offiziers. Man wirb fich auf baS Peinlichste abge- ! stoßen fühlen von einer solchen Ausartung de» S Ehrbegriffs, der nicht mehr der eines vernünftigen ß und ernsten Wanne» ist, der geradezu alle Gesetze der * Religion, der Moral und de» Staates aufhebt, ja so- S aar prinzipiell verneint. Man denke nur, daß der | Offizier den Bürger nieder stach bloß weil er glaubte, I dieser habe auS Versehen an seine« Stuhl gestoße«; | daß der Offizier der Meiuuug war, hierdurch „eutehtt" I Ju fein nnd „quittiren" zu müssen. Um seine materielle | sxiftenz zu sichern, begeht er einen Todtschlag, opfert er also ohne Zandern und ohne Bedenke« ein Menschen­leben RamenS der sog. StandeSehre. Muß man darauf aufmerksam machen, wie niedrig vom Standpunkt wahrer Moral und wahrer Kultur eine solche Hand­lungweise ist? Wohin sollen derartige Mißstände in: einem Staate führen, in dem durch die allgemeine MH: pfl,cht eine nngebeuere Bermehrvng der Offizier-

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mit Untrchaltnngs-Keilage „Ktrrnr und Klnmeu".

Personals zur Nothwendigkeit geworden ist, so daß der Reserveoffizier und der auch diesem aufaedrungene Ehrbegriff alle Schichte« der bürgerlichen Gesellschaft immer mehr durchdringen?

Der Offizier erhält den Degen von der Hand de» König», damit er ihn zur Bertheidigung des Lande» führe. Ihn gegen den Bürger zu zücken, ist unter allen Umständen ein Mißbrauch; denn wir leben in einem Rechtsstaate und find für etwaige Ver­fehlungen nach de« Gesetzen, aber nicht nach dem Sr- messen eines in Aufregung gerathenen Lieutenant» ver- antwortüch. Der Offizier aber spielt sozusagen Klager, Richter und Urtheilsvollstrecker in einer Person, um zwar aller im Augenblicke bet Erregtheit. Kann man sich einen gefährlicheren Widersinn denken? Solche Zustände, die da» Ueberwuchern bei Militaris­mus gezeitigt hat, sind unhaltbar. Der Bürger, welcher mit seinem Leben bem Staate bient, ber ihn in Zeiten des Kriege» vettheibigt, hat ein unveräußer­liches Anrecht darauf, daß fein Lebe» gegen jedweden Angriff geschützt werde. ES kann nicht länger ge­duldet werde», daß sich unter uns friedliche» Bürgern eine Klaffe in berorzugter Stellung bewege, eine Klaffe, die vermöge eines unhaltbaren Ehrbegriffes dazu ge­zwungen wird, sich selbst gegen vermeintliche Beleidi­gungen Recht zu verschaffen und dabei bei Leders der Mitmenschen nicht zu achten. Es ist ja nicht da» erste Mal, daß ein Offizier um einer Bagatelle willen einen Cwifesten ersticht.

Da» Urtheil der Oeffentlichkert geht einstimmig dahin, daß e» für diese neue Blutthat eine Ent­schuldigung nicht gibt Eine Ehre, die Jemande» zwingt, unter Umständen ei« schwere» Verbrechen zu begehen, ist keine wahre Ehre, sondern et« Zerrbild derselben. Die bürgerliche Gesellschaft aber, die auf Grund gesetzlicher Ordnung besteht, darf nicht ruhen nnd rasten, bi» fie diesen gefährlichen Ehrbegriff be- seitigt hat. Solch ei« krankhaft überspannter Ehrbegriff verstößt gegen jede» göttliche und menschliche Gebot und Recht. Darum darf die gesammte öffentliche Meinung, sowohl die in den VolkSverttttungen ver­körperte al» auch die m allen Schichten de» Volke» vorhandene, nicht aufhören, immer wieder ihre Stimme laut und eindringlich zu erheben und die Bes'ttigung dieses entsetzlichen Mißstandes zu erstrebe«. E» muß endlich einmal ernst gemacht werden mit der Dmch- führnng de» Grundsätze» vom „gleichen Recht für Alle und gleicher gesetzlicher Sühne für alle Vergehe» und Verbrechen.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Oktober.

* Da» Kaiserpaar unternahm heute früh einen gemeinsamen Spazierritt in die Umgebung Potsdams. Hiernach hörte der Kaiser den Vortrag der Chefs de» Generalstab.Z, Seneraladjutanten Grafen Schliefst», und arbeitete daraus mit dem Ch f be» MilitärkabinetS, liehen Trennung so leicht, al» ob eS fich um 8 Tage han- belte. Run, Gott sei Dank, baß ich mich nicht verheirathet habe! Aber wenn Leute so thöricht find, fich an em- ander zu ketten, so müffen fie auch zufammenhalten! Heutzutage scheinen Ehegatten ihre Pflichte« sehr leicht zu nehme», wiewohl ich dachte, daß Albert ei»e Aus­nahme machen würde."

Sie tief fich alle Einzelheiten in'» GrdSchtniß zurück, die fie von ihrer jungen Verwandten wußte! Ach, e» war nur recht wenig! Jetzt bedauerte fie, daß sie vor vier Jahren die Bitte ihres Bruder» nicht erfüllt und mit der jungen Gattin nicht i« Briefwechsel getreten war. Damals hatte fie ihm geantwortet: „Wa» liegt mir an ihren Briefen, da ich sie persönlich nicht kenne!" s Und jetzt hätte fie so gern die anscheinende Lieblofig- kett ungeschehen gemacht.