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Samstag, den 17. Oktober 1896
23. Jahrgang
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Eine Verwechselung.
Erzählung von C. Borges.
7] ------- (Nachdruck verboten.)
So unangenehm anfänglich btt junge» Dame die aufgedrungene Rolle auch wurde, fo hatte sie doch in der Folge manchen Vortheil. Biele junge Herren an Bord, die sich durch Kourmachereien die Zeit zu vertreiben juchten, verschonten Agathe; ließ st 4 aber El»« beth, auf den Arm der Schwester gestutzt, in einem günstigen Augenblick sehen, so wurde sie .ait so vielen Aufmerksamkeiten überschüttet, daß ste ängstlich ihre Kajüte wieder aufsuchte.
So ginge» einig« Tage ruhig dahin, bis auf einmal plötzlich in der Nacht der schreckliche Ruf: „Feuer! Feuer!" die ganze Besatzung der Schiffe- aus dem Schlummer weckte.
Ohne daß ms» wußte, wie es gekommen sei, war im Schiffsräume Feuer ausgebrochen, welches in kurzer Zeit so gewaltig um sich griff, daß keine Rettung mehr zu hrffrn war.
Die Mannschaften thaten ihr Möglichster, um dem verhörenden Elemente Einhalt zu gebiete«. Der Kapitän ließ sofort die Rettungsboote klar machen, und befahl, daß zunächst dre Kinder, die Frauen, die kranken und alten Leute in die Boote gefchast würden. Agathe brachte zunächst ihre Schwester in Sicherheit und war dann eifrig bemüht, den übrigen Frauen und Kindern beim Besteigen des BooteS behilflich zu sein. An ihre eigene Rettung schien sie gar nicht zu denken.
In gleicher Weise entwickelte Herr Oswald eine bewunderungSwerthe Tätigkeit, indem er die Verzweifelnden beruhigte und ihnen behilflich war, dar Rettungsboot zu erreichen.
In kurzer Zeit waren dann auch alle Reisenden glücklich in die Boote gebracht, 6 8 auf einen schon etwas bejahrten Kaufmann, der m.t reichen Schätzen nach Europa reiste. Derselbe wollte sich von denselben nicht trennen und alle Bemühungen der Sch ffS- mavnschaft, sowie olle Ueberedungsküuste Osaa^ds waren vergeblich; der Geizhalt» wollte lieber zu Gti-ude gehen als seine Schätze preij-gebcn.
Die Rettungsboote waren fast überfüllt, als auch »och die Sch fftmarmschafi mit Ausnahme des Kapitäns und der Steuermannes in die Boote sprangen und von dem brennenden Schffe abstießen. Herr Olwa'd und Agathe befanden sich noch auf dem Schffe; sie hatte» mit äußerster Anstrengung gearbeitet, um dar Lebe» der anderen in Sicherheit zu bringen, und ihre eigene Rettung dabei aus dem Auge gelosten. Erst als er zu ipät war, gewahrte der Kapitäo, daß roch eine Dame auf dem brennenden Schiffe war und er wandte sich au Agathe mit den Worten:
„Um GotteSwillen, gnädige Frau, wie ist rS ge- kommen, daß sie noch auf dem Sch sie sind?"
„Meins Aufgabe" erwiderte Agathe, „war eS zu- nächst, meine Schwester zu rett« mtb dann dm übrige» Frauen und Kindern Hilfe zu leistm. Mein Sch-cksal steht in GrtteS Hand"
„Aber ich habe doch ausdrücklich befohlen", fuhr der Kapitän zum Steuermanne gewendet fort, „daß zunächst die vcrhrnathet« Frau-n mit den Kindern w die Boote gebracht werden sollten."
Da leuchtete Agathe's Auge auf und sie erwiderte: „Beruhigen Sir sich, Herr Kapitän, ich b:n nicht ti't» hrirathet; ich bin mcht Frau Z-Überg, sondern deren Schwester. Wir haben auf dem Sch-ffe unsere Rollen vertauscht. Meine Schwester wünschte, daß ich unter ihrem Ramm die Reise machen sollte, während sie meinen Namen annahm. Frau ZeLberg ist glücklich gerettet und ich hrffe, daß der Allgütige auch un- erretten wird. Ich freue mich, daß eS mir vergönnt war, an der Rettung vieler Mensch« im Angesichte der Todesgefahr thatttästig mtthelfcn zu können."
Der Sieuerutapn und Herr Oswald schaut« mit Bewundrruug das heldmmüth-ge Mädchen an, nur der Kaufmann faß finster in einer Ecke auf feinem Geldkast«, er fchie» kein Inter sie für feine Müleioerideu zu habe«.
J,tzt trat der Steuermann herzu und reichte der jungen Dame feine btrbe, schwielige Hand.
„Ich freue mich, daß Sie endlich frei gesprochen habe«, Fräulein Morris," begann er herzlich, „aber mir war die Täuschung kein Geheimniß; ich kannte Sie, aber ich schwieg, weil ich glaubte, Sie hätten einen bestimmten, triftigen Grund zu dieser Verwechselung. — Ich sah Sie mehrere Male bei Frau Kattmar, die weitläufig mit mir verwandt ist, aber Sir Haden mich nicht i iedererkannt."
Herr Oswald schwieg beharrlich, doch wandte er keinen Blick von dem geliebten Mädchen ab. Ec hatte ste in der kurzen Zeit lieben gelernt, und obgleich er sich täglich zwanzig Mal gesagt hatte, daß sie die Gattin eines Andern sei, war doch die Versuchung, fie zu lieben, in ihm aufgestiegm.
„Herr Kapitän," flehte Agathe, „wollen Sie uns nicht unsere Aursichten sag n? ES ist gewiß barmherziger, unS das Schlimmste zu sagen, als mS in Ungewißheit zu lassen."
„Der Geizhals ausgenommen," warf der Steuermann mit einem verächtlichen Bl ck auf den Kaufmann ein, „er denkt nur an sein Gold und die Gefahr, daß das Meer eS bald verschlingen werde."
Herr Oswald drückte AgathenS Hand, dann wandte er sich an den Kapitän:
„Sagen Sie e» uns — er ist nur barmherzig."
Der Kap tän willfahrte gern. Wenn kein Sturm die Flammen zu größerer Wuth anfachte, so würde sich da» Sch>ff noch 18, vielleicht 24 Stunden halten, länger aber nicht. D.e einzige H ffnung sei die Annäherung eines Schiffer, welches die Nothfignale bemerke. „Im schlimmste» Falle", schloß er seine Auseinandersetzung mit einem väterlichen Blick auf Agathe gerichtet, „gehen wir einem schnellen und verhältmß- mäßig leichten Tode entgegen. Wir find vor den Qualen deS Hungers oder deS Durstes geschützt; wir haben hinreichend Proviant an Bord, um uns eine Woche zu erhalt«, aber brS dahin ist rS längst mit uns vorbei, wenn nicht Hilfe kommt."
E Mich röthrke sich im firn« Osten der Horizont. Rach und rach warf die Sonne rhre goldenen Strahlen über die unendliche See, das rauchgeschwärzte Wrack und über die angsterfüllten, bleichen Gesichter der Sch ff -rüchigen.
Der Kapitän spähte vorsichtig mit seinem themr geretteten Tel kcop nach allen Richtungen, der Steuermann dachte tu dar leibliche W hl und bereitete dar Frühelück, der Kaufmann bewachte feinen aufgeipsicherten ReiHthum, und Herr Oswald saß an Agath-n» Seite.
„W nn ich nur gewußt hätte, daß Sie nicht in d'm Rettungsboote gewesen wären," seufzte der junge Marrn, „aber der K p-tän versicherte, daß alle Fmuen und Kinder gerettet f'ien. Ich fah selbst Ihre SÄwcster im Boot und dachte nichts anders, a!S daß Sie an ihrer Seite wären."
„Ich freue mich aber, daß Elisabeth in Sicherheit ist."
„Ist ihr Lebe» etwa kostbarer, wie dar Ihre?" ftagte Herr Oswald mit leichtem Unmuth „Ihre Schwester hatte ohnehin viel to» Ihnen v-rlangt."
„v nein", entschuldigte sie Agathe, „Esse liebt mich sehr; wenn sie auf der Verwechselung bestand, geschah es nicht aus Laune, sondern weil fie krank und unglücklich war. Sie mußte gerettet werden, dei n sie hat einen Gatten, für den fie leb« muß, ich hingegen stehe allein, ich habe Niemanden auf der Welt."
„Sie schien bitter wenig nach ihrem Gatt'» zu fragen."
Agathe erhob ihre seelenvoll!» Augen und schaute ihr« Beschützer ernst an.
„Sie liebt ihn innig, obgleich ste an seiner Seite höchst unglücklich war; aber Aller wird wieder gut werd«, wenn ec von vrr Gefahr hört, die ihr drohte. Daher bin ich froh und dankbar, daß sie gerettet wurde. Wen» man mit allen Menschen in Frieden lebt, erscheint der Tod nicht bitter; aber mit dem Gedanken an ouSgcfprocheve harte Worte sterben zu müssen, da, ist schrecklich!"
„Agathe," rief der junge Mann, fich selbst ver- gtssend, „denken Sie noch an rmfere Unterredung von gestern Ab«d? sie sagten, daß Maa» und Weib in all« ©tiirm« des Lebens zusammen hatten müßten, aber daß diese Ideale nicht immer realifirt werden. OI Geliebte, trotzdem ich damals Sie als Gattin
eines Andern wähnte, gesö te 3in« mein ganzes Herz, und dieser frevelhafte Gedanke folterte mich mit den bittersten Borwürfen. Doch Sie find frei — hat meine heiße Liebe kein Echo in Ihrem Herzen gefunden? Darf ich hoff«?"
Agathe zitterte heftig
„Sie vergessen, was der Kapitän unS sagte, — in wenden Stunden stehe» wir vor den Thoren der Ewigkeit."
„Ich vetgeffe nichts Geliebte," rief er leidenschaftlich und drückte fie fest an sein Hetz. „Ich weiß, daß der Tod uns nahe ist. Es ist auch jetzt keine Zeit, viele Umschweife zu machen, und ich muß sogen, was mir auf dem Herzen liegt. Du, meine holde, süße Braut! Willst Du mein Eigen fein, wenn wir errettet werd« ? Sollen wir zusammen dem Tode entgegengehen, wen» wir sterben müffen? Horch! die Feuer flammen singe» uvs knisternd ein HvchzeitSlicd! Du list mein! sei eS für eine Stund«, oder für'S Leben."
Agathe schauderte; fie barg ihr Haupt an der Schulter ihres Beschützers. Hier, in dieser entsetzlichen Stunde angesichts de, Todes gestand sie ihre Liebe, die in ihrem Herzen tiefe Wurzeln geschlagen hatte.
„ES sei; ich bin Dein," flüsterte sie leise, „gleichviel ob wir dem Leben oder dem Tode entzege «gehen. ES ist leicht, mit denen zu sterben, die wir lieben."
Herr Oswald drückte einen Kuß auf ihre bleiche Stirn.
„Du bist mein," hauchte er, „hier oder wir werd« in der Ewigkeit vereint."
Die Stunden vergingen nur langsam. Kein Segel wurde am Horizont sichtbar, der Muth des Kapitäns fank mehr und mehr."
Endlich brach der Abend heran.
„Wir wollen zusammen Wach« hatten." schlug der Kapitän dem Steuermann und Herrn Oswald vor, „b.itn dort der alte Geizhals kann uns nichts nützen. Fräulein Morris und er können ruhig schlafen; ehe der nme Tag graut, ist uuser Sch cksal entschied«."
Sie wußten nicht, daß inmitten der Gefahr sich treue Herzen gefunden hatten, fanden ei aber ganz natürlich, daß Herr Oswald Decken herbeischaffte uco seiner Geliebten ein möglichst erträgliches L oen bereitete.
„Versuche jetzt die Augen zu schließen," bat er, ehe er seinen Platz mb« dem Kap tän auf der Kommandobrücke einnahm, „die Zeit vergeht Dir oadurch schneller."
„Karl," flüsterte sie mit bebend« Sippen, „willst Du zu mir komme», wenn die letzte Hoffnung geschwunden ist? wenn die Erlösung nahi?„
„Ja, Geliebte!"
Sie legte fich wie ein gehorsames Kind nieder. Ei» wohlthätigec Schlummer d ckte ihre müden Lider, und sie vergaß im Schlaf die Schrecknisse der letzten Stunde».
Ali fie erwachte, stand er mit auSglstreckte» Armen an ihrer Seite. Warum war er gekommen? Sollten sie vereint dem Tode entgegengehen? Sie wußte es nicht. Schweigend legte sie chre Hand in die ferne und ließ fich von ihm Hinwegführen, ohne zu wisi-n, ob sie dem Tode oder beta Leben entgegengingen.
3. Kapitel.
Der Edklhof in Buchendorf mit feinen groß« Vorwerk« und weitläufigen Grundstücken gehörte zu den angifeheasten Besitzungen der ganz« Umgegend. Dai Herrenhaus, ein schloßartigeS Gebäude, war im üppigen Rocccostil ausgeführt. Mit feiner reichen Stvccatur und vielfachen Verzierungen machte eS einen ebenso malerischen als imposant« Eindruck. Große Freitreppen erweitert« fi-q ttrraffenförmig und, durch mächtige Schlinzflanzen überdach;, boten fie behagliche und luftige Aufenthaltsorte. Der Front des Haus-s entlang stand« große Kübel mit Oran,«• und Mycthenböum«, die einen süßen, fast betäubend« Duft auSströmt«. An der einen Gerte des Herren- houseS breitete sich ein Park aus, in dem herrliche Blumen und hohe stolze Baumgrupp-n dem Auge malerische Abwechselung boten. Auf der ardereu Sette ipregelten fich die Besitzung« in einem klaren See, auf dessen ruhiger Oberfläche weiße nolz; Schwäne ihre Bahnen königlich dahin zogen.
Wohl war -S erstaunlich, daß dieser reiche Grundbesitz — deS Konsuls Zellverg in Kalkutta — nicht