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M 239 Freitag, den 16. Oktober 1896. 23. Jahrgang

FuldaerWZcituiig

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Deutsches Reich.

Berlin, 15. Oktober.

• Bon einer Zvsammevknvst Kaiser Wilhelm» mit dem Zaren in Homburg ist bisher nichts be­kannt. Auch die Meldung, daß der Zar der Ver­mählung des Kronprinzen von Italien beiwohnen werde, findet keinen Glauben, da die Einladungen seitens der italienischen Hofe- nur auf die Familien und Verwandten beschrankt sind. — Ein Besuch des deutschen Kaisers in Bukarest soll nach der.Franks. Zig/ im Anschluß an die für Mai folgenden Jahre» geplante Reise nach PeterSbmg erfolgen. — Die Kaiserlichen Prinzen werden sich von PlS» am 21. Oktober nach Potsdam begeben, um an der Ge­burtstagsfeier der Kaiserin Theil zu nehmen.

ft Der BuudeSrath hat in seiner gestrigen Sitzung den AuSschußanträgen, betreffend die Zollbehandlung der aus dem Hamburgischen Freihafen^biete mit der Post eingehenden Thnprobrn und betreffend die Ver­wendung der Brenr.steuerüberschüsir, sowie den Vor­lagen, betreffend die zollfreie Ablaffung von Raphta- motoren bei der Verwendung zum Schiffsbau und betreffend die nochmalige Erhebung der Stempelabgabe für konvertirte Pfandbriefe der Frankfurter Hypotheken­bank in Frankfurt a. M. die Zustimmung ertheilt. Ein Antrag Badens, betreffend die Errichtung zweier weiterer Schiedsgerichte für den Bezirk der badischen landw'rthschaltlichen Beruftgenoffruschast, sowie ein Antrag Anhalts, betreffend die Ermäßigung der Zoll- abfertigMßsftelle Wallwitzhafen zur EiugangSabfertigung von hartem Kammgarn aus Glanzwolle, wurden den zuständigen AuSschüffen überwiesen. Ferner wnrde beschlossen, der Resolution de» Reichstag-, wegen Ein­führung eine» wirksamen Schutzzölle» auf Quebracho- Holz keine Folge zu geben, und über die Wahl ver­schiedener nicht ständiger Mitglieder de» Reich»ver- ficherung»amt» au» der Mitte der BuvdeSrath», sowie über eine Anzahl von Eingaben Beschluß gefaßt.

* Gouverneur von Wttzmnml ist am Mittwoch nach Berlin znrückgekehrt. Bon maßgebender Seite wird versichert, daß die Entscheidung, ob der Gouverneur nach Afrika zvrückkehren wird oder nicht, dieser Lage fallen muß. Major von Mßwauu selbst hat den lebhaften Wunsch, auf seinen Posten zurückzukehren. Da jedoch sein Gesundheitszustand derart ist, daß ein Rückfall, sobald er wieder in den Tropen weilt, nach Ansicht der Aerzte wohl eintretrn kann, so ist m den letzten Tage« angeregt worden, dem Gosvernem noch eines längeren Nachurlaub zu erthrilen, um ihm Gelegenheit zu geben, feine Gesundheit, die sich jetzt schon so erheblich gebessert hat, vollständig wieder herzustell«.

* Zum Recht der Presse hat die Brschlußkammer de» Landgericht» Stettin eine bemerkenSwerthe Ent­scheidung gefällt. Eine Schülerin der Semeindeschnle Wchend Torney war plötzlich gestorbm, und es ging sofort da» Gerücht, daß daS Kind am Tage vorher

Gi«e Uerrvechselnrrg.

Erzählung von C. Borges.

6] ------- (Nachdruck verboten.)

Eine zahlreiche Gesellschaft war an Bord der „Ätfabia“ versammelt. Biele hatten in Kalkutta Herrn Orwald gekannt, der im Geschäfte de» Herrn Phernoa eine untergeordnete Stellung eingenommen, und sich gewundert, daß der Chef selbst mit allen Zeichen der größt« Hochachtung seinen Untergebenen geehrt und ihn auf daS Schiff geleitet hatte. Aber Niemand der Mitreisenden ahnte die Wahrheit. Niemand vermuthete, daß der ernste Mann, der streng jede Geselligkeit und Zerstreuung vermieden, der nur Befriedigung in rast­loser Arbeit fand, jetzt die Heimreise antrat, um al» Erbe eine» erlauchten Namen» und einer bedeutenden Besitzung aufzutreten.

Herr Oswald war kaum 25 Jahre alt; aber die selbstauferlegte Schuld bei Bruder» und dar sorgen­volle Leben der letzten Jahre ließen ihn älter erscheinen. Sein ernste» Antlitz hatte längst jede Spur der Jugend- frische, der heiteren Sorglosigkeit verloren. Der me­lancholische Blick schwerste ost träumend über die schäumenden Meereswellm, so daß Fräulein Adele Manners, eine reiche Kaufmannstochter, die mit ihrer Mutter nach Marseille reiste, erklärte: Herr Oswald

t von dem Rektor schwer mißhandett worden sei. Der .Bolkrbote' brachte diese» Gerücht imb knüpfte daran die Bemerkung, daß in dieser Schule solche Vorkomm­nisse nicht zu den Seltenheiten gehörten. Bon dem Magistrat, al» der vorgesetzten Behörde de» Rektor», wurde Strafantrag gestellt. Die Bkschlußkammer erkannte jedoch auf Einstellung de» Verfahrens und begründete dies in folgender Weife: „Dem Ange- ? schuldigten als Redakteur muß daS Recht zuge- i sprachen werden,Mißstände in der Schulverwaltung i seiner Wohnortes zur Sprache zu bringen. Sehr häufig ist dies bei der Aengstlichkett der Publikums, i direkt mit Beschwerden den Verwaltungsbehörden r gegenüberzutreten, der einzige Weg, um wünschens- ' werthe Abhilfe zu schaffen. Demgemäß steht dem An- \ geschuldigten der § 193 be» Str.-G-B. zur Sette, $ und aus der Form oder aus den Umständen läßt fich ? auf eine Absicht der Beleidigung nicht schließen." — * Er wäre sehr zu wünschen, daß alle Richter fich diese zweifellos richtigen Grundsätze zur Richtschnur nehmen wollten.

* Mit Rücksicht auf die Bestimmungen der am 1. Januar 1897 in Kraft tretenden Novelle zur Gewerbeordnung hat der Finanzminister für Preußen nnter dem 27. August eine neue Ausführung»'- Anweisurg zu dem Gesetze über die Besteuerung bei Gewerbebetriebes int Umherziehen vom 3. Juli 1876 erscheinen lassen. Au» den jetzt vorliegenden Bestim­mungen derselben ist folgender Satz hervorzuhrben:

So lange daS Gesetz vom 3. Juli 1876 nicht abgeändert k wird, muß eS in Betreff der Besteuerung dabei bewenden, daß I daS Aufsuchen von Waarenbestellungen und das Auf- kaufen von Maaren, wenn die sonstigen Boraussetzungen zutref- fen, auch in den vorstehend bezeichneten Fällen nicht der Steuer vom Gewerbebetriebe im Umherziehen unterliegt, sondern dem stehenden Gewerbe zugerechnet wird.

Daraus ergibt fich, daß dal „Detailreisen", so weit nicht zu Gunsten delselben seitens de» BuadeS- rathes Ausnahmen von dem gesetzlichen Verbot ge­macht werden, zwar künftig nur auf Grund eiuel Wavder-Gewerbefchemel erfolgen kann, aber in Preuße« nicht al» Haufirhandel besteuert werden darf.

* Ueber die Auswanderung «ach bett bereinigten Staaten liegt eine statistische Aufstellung vor, der wir Folgende» entnehmen: Die Zahl der in Amerika eingewanderten, in New Usrk gelandete« Fremde« be­trug, laut der von der Einwandererbehörde heran»- gegebenen Statistik, im letzte« mit Jali abgelaufenen Jahr 250 072 Persone«. Allen voran steht Italien mit 66445 AvSwanderern. Ungarn nimmt mit 52085 den zwetten Platz ein, Rußland verlor 39859 und England 38226 Personen an Amerika. E» folgen Deutschland mit 24,230, Skandinavien mit 22978, die Türkei und Griechenland mit 6249 Au»- Wanderern. Unter den au» Italien gekommene« 66,445 Emigrante« befanden fich 30 728 Analphabeten (de» Lesen» und Schreiben» Unkundige), während unter den 24230 Deutsch« um 410 weder schreiben noch lese« konnte«.

sei nur mit einem altes Helden au» der alten Zeit zu vergleichen, der au» feiner Gruft emporgestiege«, um wehmüthig auf seine entarteten Nachkommen herab­zuschauen.

„Er ist vollständig mittello»,* flüsterte ihr die über­leg mde Mutter in» Ohr, „halte Dich fern von ihm, mein Kind, damit Du nicht thörichte Hoffnungen m ihm erweckst."

„Er ist sehr zurückhattend und schweigsam, Mama," versicherte da» lebenrlustigr Töchterchen, mein Kopf würde mir bei dem Gedanken schmerze«, daß ich zert- lebes» in die ernsttranrigen Angen blicken soll. Rein! Beruhige Dich, Mama, er ist nicht nach meinem Ge­schmack. Selbst wenn er mir Aufmerksamkeit erweise«, oder mir die Cour machen würde — was ihm sehr fern liegt —, so würde da» sehr ernst und feierlich geschehen. Da ziehe ich doch einen gewöhnlichen, hei­tere«, lebensfrohen Menschen al» späleren Gefährten durch'- Leben vor. Aber um Ein» bitte ich Dich, Mama, sei freundlich gegen Herrn Oswald, versuche ihn anfzuhettern; ich glaube kaum, daß er bi- heute mit einem einzigen Menschen an Bord gesprochen hat.

Die stolze KaufmannSfran war mit der Auseinander­setzung ihre» Töchterleins vollkommen zufrieden. Gut- müthig von Natur, war sie gern bereit, sich bei ein­sames Manne- anzunehmen, der der traurigste unter

• Gotha, 15. Okt. Der sozialdemokratische ; Parteitag beschloß, am 1. Mai 1897 wie bisher z zu feiern. Bebel berichtete über den Londoner Ar- 5 heiter kongreß und theilte mit, el sei gelungen, Vor­kehrungen zu treff tu, baß bei nächste internationale | Kongreß 1899 ungestört in Deutschland tage, die i Teilnahme der Anarchisten sei von vomherein aur- . geschlossen. Sodann wurde dem Anträge Auer zu- ; gestimmt, die politische Lettung der Partei der sozial- । demokratischen RrichStagSfraktion, die GeschästSlettung l dem geschäft-führenden Ausschuß in Hamburg zu ; übertragen.

Ausland.

« Paris, 15. Okt. Richt 1200 Mill. Francs, I sondern 1200 Mill. Rubel, also 4800 Rill. Fram» [ will Rußland in Frankreich „anleihen". — Wohl ein : etwas „themer" Dank vom Hause Moskow!

* Madrid, 15. Okt. AuS Havanna wird ge» j meldet: General Castellano» zwang die Aufständisch«, die Belagerung von Caßcorro aufzuheben, indem er 5000 Mann, die unter dem Oberbefehl Gomez' standen, zurückwarf. 300 Aufständische wurden kampfunfähig gemacht. Die spanischen Truppe« hatte« 5 Tobte und 50 Verwundete.

* Bombay, 15. Okt. Die Station Sanari an der Eisenbahn nach Quetta wurde von Angehörig« de» Marri-StammeS angegriffen. Alle Beamte« mit Ausnahme des Stationsmeister», der ein« Arm verlor, wurden getübtet. Auch ein europäischer Bahn­arbeiter kam um» Leben. Eine Truppenabtheiftmg steht zur Absenbung bereit, um Sanari zu besetzen.

Die landwirthjchastliche Bevölkerung in Preußen.

AlS eines der wichtigsten Ergebniffe der BerufS- unb Gewerbezählung vom 14. Juni 1895 kann die Feststellung der Thatsache angesehen werden, daß die auf die Land wir thsch aft entfallende Bevölkerung nicht mehr, wie «och bei der Berufszählung vom Jahre 1882, die Mehrheit unter dm drei großen BerusS- gruppe« ausmacht, sondern daß a« ihre Stelle die Industrie getreten ist. Bon diesem Rückgänge der landwirthschastliche« Bevölkerung find namentlich anch die größeren deutschen Staaten betreff«. Neulich ver­öffentlichte Zahlen geb« für Preuß« nach dieser Richttmg Ausschluß. Danach entfielen ans die Land- wirthschaft im Jahre 1882 von allen GrwerbSthätig« über drei Viertel in dm Bezirk« Sumbttm« und Marienwerder. Im Jahre 1895 betrug die Prozentzahl in Mmienwerder nur noch 72.29. Ja dm sechs Bezirken Königsberg, Körli«, Pos«, Bromberg, Osnabrück und Sigmaring« waren 1882 noch zwei Drittel bis drei Viertel zur Landwirthschast zu zählen, 1895 waren aus dieser Klaffe Königsberg und Osnabrück geschieden, währmd allein Sigmaringe«

allen Mitreisenden schien und schon längst ihr Mitleid erregt hatte. Herr Oswald' beantwortete alle ihre Frag« ernst aber freundlich, und ba eS ihm vollständig gleichgilttg schien, ob er «eben Tochter ober Mutter saß, so schwand biefet jede Besorgniß.

„Haben Sie schon Frau Zellberg oder der« Schwester, Fräulein Morri», gesehen?" fragte Frau Manner» iLren Schützling am dritt« Tage der Fahrt. „Sie ist die Gattin de» deutsch« Konsul» und soll die schönste Dame am Bord sein."

Rein! Herr Oswald hatte keine der beidm Dam« gesehen.

„Warum verläßt fie Indien?" fragte er.

Frau Manner» zuckte mtt bedeutung»vollem Lächeln die Achseln.

„Man sagt, fie sei leidend, aber e» sollte mich nicht wundem, wenn sie nicht wieder zurückkehrte. Ich kannte b« Konsul schon vor seiner Berheirathung — er war heiter unb lebensfroh, aber die letzt« Jahre hab« ihn traurig v-rändert. Er war eine rowanttsche Ver­bindung, er heirathete ein junger Mädchen, da» halb so alt war wie er. Dergleichen Ehen fallen seltm gut au»."

Frau Manner» hatte kaum ge«bet, al» der Kapitän eine bildschöne Dame in den Salon einführte, die er