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Donnerstag, dm 15. Oktober 1896.

23. Jahrgang

uldaerWZeitlliig

mit Unteichaitrmgs-Kettage „Sterne und Hinmen".

Erschrillt täglich, Som,- unb geiertege aoSgenommr». — «iertrtjährttcher Abonuement«pr«iS ohne Brirrgerlshn mS Beßrllgetd m Fulda und audtoArt# 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garawndzeüe oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., be, WiÄrerholungen entsprechender Rabatt.

* Der sozialdemokratische Parteitag.

Wir stehe« heutzutage im Zeichen der Feste und der — Parteitage. Fest folgt auf Fest, Parteitag — auf Parteitag. Nur eine einigermaßen vollständige Liste aller größeren, mit einem politischen oder wirth» fchastlicheu Zwecke verknüpften Versammlungen der letzte« Monate aufzustellen, würde große Schwierig­keiten mit stch führen. Die Sozialdemokraten haben al» ihren Sammelpunkt Gotha gewählt, gewiß mit be­sonderem Vorbedacht; denn dieser Umstand g stattet den Führern, die „Genossen" an den großen Moment der Einigusg zwischen drn beiden Parteigruppen vor 25 Jahren, den „Lastalleanern" und „Eisenachern", zu erinnern. Freilich sollten fienicht allzusehr den Mund ausreißen bei Betonung der Einheit; denn der Kampf zwischen der osfiziellen Sozialdemokratie und der immer offener nach Geltendmachung ihres Eirflvsse» strebenden gewerkschaftliche» Bewegung ist trotz aller Bemühungen der Führer nicht beizulegen. Auch die immer mehr und mehr hervortretende Parteizerrissenheit läßt sich ja »icht mehr verkleistern, die darin gipfelt, daß es im Laufe der Zeit dar Gelehrten - Proletariat verstanden hat, die Herrschaft an sich zu reißen und den Arbeiter nunmehr nur noch als nützliches Werkzeug zu brauchen, um seine Taschen zu füllen und seine eigenen Ideen auSzuführe«. Bei dieser Sachlage ist es zweifellos, daß die Uebelstände sich im Sturme der Debatten ent­hüllen und die Geister mehrfach auf einander platzen werde«.

Da man in Gotha das einzige in Frage kommende Lokal boykottirt hatte, zog man nach dem benachbarten Dorfe Siebleben, und hier war der geräumige, für ca. 300 Personen bestimmte Saal in wahrhaft „sozial­demokratischer Manier" geschmückt. Die Wände waren mit rothen Fahnen geschmückt und mit rothem Tuch draprrt, und auf deutlich hervor tretenden Schilder« waren zur Verherrlichung der Partei zahlreiche Sprüche angebracht, wie: „Der Sozialismus ist Friede," „Die Befreiung der Arbeit ist die Befreiung der Menschheit," und unter den vielen anderen wohl am markantesten: „Richt aus dem Blute des Tyrannen entloder» die Flammen der Freiheit — nein, aus dem Herze«, das sich selber erkennt" Die am Sonntag eröffnete Ver­sammlung erwählte dir „Genossen" Bock und Abg. Singer zu Vorsitzenden. Unter ihrer Leitung ent­spann sich eine kräftige Geschästsordnungsdebatte. Auf dem Programme standen in erster Reihe neben den geschäftlichen Fragen der Achtstundenarbeits- tag, der Achtuhrladenschluß, die Koalitions­freiheit. Die Antragsteller traten natürlich mit Nachdruck für die Wichtigkeit der Gegenstände riv, während andererseits Anträge auf Abänderung der Tagesordnung ein§rbracht wurden- doch ohne Erfolg. Ferner wurde noch ein Gegenstand: „Arbeiterschutz" als Punkt 4 in die Tagesordnung eingesetzt. DaS „nicht aktuell" erscheinende „Proportionalwahl­recht" wurde trotzdem als Punkt 9 in das Programm

eingeschoben. Auch mit der Frauenfrage wird sich die Gothaer Versammlung beschäftigen, insofern eS sich um die Unterschiede in der Emanzipation der bürger­lichen und der Arbeiterfrau bandelt. Im übrigen haben die Genosse« sich «ur mit geschäftliche» Fragen zu befassm.

Ob die Berhandluvgen in Siebleben zu irgend | einem Ergrbniß von praktischer Bedeutung führen s werden, ist u»S von vornherein zweifelhaft und wir l haben alle» Grund dazu. Abgesehen von der oben ' angedeutrterr Zerrissenheit im eigene» Lager, ist es ja j die Art der sozialdemokratischen Parteileitung, ihre i Massen mit luftige« Hirngespiunstm zu ködern, an­statt auf festem Grunde zu bauen und Schritt für Schritt zu einem erre'chbaren Ziele fortzuschreitev. Man wird über de» „Arbeiterschutz" und die „Frauen- frage" viel hin- und herfchwatzen, aber eine feste Form wird dieser Gegenstand hier nicht gewinne». Auch die bevorstehenden Debatten über de» Acht stunden- ; arbeitStag, Achtuhrladenschluß, die Koa- litio»Sfreiheit, da» Pro Port io nalwahlrecht 1 werden wohl nichts weiter zu Tage fördern als großen ; — Durst. Der übrige Strff des Programmes wird »och weniger dazu dien?» könneu, die Kampflust in de» Reihen der Partei zu mehren, und namentlich ist es ja dir vorgelegte Abrechnung, welche bei den denkenden „Genossen" einigss Kopfschütteln erregen muß. Wenn man vernimmt, daß die Organisationen ganzer Orte und Wahlkreise rhre partergenössischen Pflichten vernachläffiqe« un) zwar oft in der gröb­lichsten Weise (der Wahlkreis Köln hat z. B. einen gemeinsamen Beitrag von 6 M., Köln von 4 M 85 Pf., zwei weitere Wahlkreise mit 14 000 resp. 12 000 sozial­demokratischen Stimmen 00 Pf), darf man sich bei einiger Wahrheitsliebe ja auch nicht verhüllen, daß hier eis sicheres Züchen für den absterbenden Eifer vorhanden ist, und das ist doch er» böses, böses Ding.

Eine allmählich eintretende Erschlaffung in den Reihen der „Rothen" ließ sich ja ouch vorauSsehe». Immer sind es die nämlichen Phrasen, welche die Führer in die Maffen schleudern: der Hinweis auf eine glückliche Zukunft, die keine Gestalt gewinnen kann, da die Bedingungen, unter welchen ein solcher Zukunsts- staat sich verwirklicht, die fernere Existenz der Menschen nebeueinander zur vollendeten Unmöglichkeit machen müßte. Diese Redensarten, welche den „Genoffen" schon genügend bekannt find, erregen mittlerweile Ueberdrvß und Ekel. Sie geben nicht, was die Religion allein gibt Md gebe» kann: Trost für die Gegenwart, wenn Roth undKeiden unS verfolgt, während die Religion bemüht ist für alle Klaffen ihre Schätze zu bieten und jeden mit neuer Kraft und nen-m Muth zu begäbe».

Deutsches Reich.

Berlin, 14 Oktober.

* Wie der ,Rrichsanzeiger' meldet, ist der Bunde»- rath am Donnerstag von neuem zu einer Sitzung zu- sammengetreten.

I* Dem Herrn Laudwtrthschaftsmtntfter ist der ,Post' zufolge von den LaudwirthschaftSkammern in Posen ein Gesuch betreffs Gründung eines besonderen königlichen Instituts für Forschungen aus dem ^Gebiete der Vieh - Jnfektions - Krankheiten l unterbreitet worden.

* lieber dar neue LehrerbesolduugSgesetz bringt i die demokratische .Berliner Volkszeitung' einige Mit- I theilunge«, die gegenüber den „Bermuthungen", welche | darüber bisher in der Preffe verbreitet wurde», mehr i als „zuverlässige Informationen" erscheine« , wollen. Ob da» zutrifft, mag dahingestellt bleiben. Die Mittheilungen der ,Volkszeitung' lauten: „Wen» * gesagt wurde, dis Vorarbeiten seien bereits so weit - gediehen, daß der Entwurf erst jetzt an da» Finanz- i Ministerium habe abgegeben werden können, so i trifft dies tatsächlich nicht zu. Vielmehr find die ? Verhandlungen zwischen dem Kultusministerium und dem Finanzministerium schon so weit zum Abschluß . gebracht, daß der Entwurf bereit» in diesen Tagen ? vollständig fertig gestellt werd?« konnte, nach­dem bei drn Ministerien über die einzelne» besonder» in Betracht kommenden Punkte eine Verständigung ° erzielt worden war. Die bis dahin noch vorhandene« i Differenzen find nach dem, wa» wir darüber höre«, 5 ausgeglichen, so daß der Entwurf alsbald in das StaatSminifterium gehen und dort zur Verhand­lung kommen kann, wa» aller Wahrscheinlichkeit nach schon in der nächsten Woche geschehen dürfte. Auf besondere Schwierigketten wird er dort voraussichtlich nicht stoße», so daß seine Annahme an dieser Stelle nicht zweifelhaft erscheint. ES steht die Annahme um so mehr zu erwarten, al» der «em Entwurf sich im ; Großen und Ganzen an de» vorjährigen eng an- schließe», im übrigen aber den Wünsche» und In­teressen der große» Städte möglichst wett ent- s grgeukommen soll. ES soll den letztere» annähernd j das belassen werden, was ihnen bisher anDotatio« gesetzlich zustand, so daß man sich der Hoffnung hin- l gibt, die Städte werden sich damit zufrieden erklären e und ihren früheren Widerstand aufgeben. Auch sonst l enthält der Entwurf noch einige Verbesserungen, auch ; solche zu Gunsten der Lehrer, beispielsweise in Bezug i auf dir Anweisung der Feuerung, die in dem letzte« ■ Entwurf so vorgesehen war, daß ei» Th eil der Lehrer ' dabei empfindlich betroffen werde« mußte. In Betreff ' des Grund gehakt» scheint der Satz von 900 Mk. : sestgehalten zu sein, wa» nach de« Verhandlungen i« l der letzten Session vorau»zusrhe« war. Die Bor- •. lcgurig des Entwurfs wird übrigens sofort beim Zu- ' sammentritt der Landtages erfolge», so daß bei An­nahme des Gesetzes, auf die man nach den damit vorgeuommrnen Verbesserungen zuversichtlich glaubt - rechnen zu dürfen, den Lehrern die ihnen zugrdachten Gehaltserhöhungen zu dem im vorigen Entwurf in - Aussicht genommenen Termin (1. April 1897) noch i erhalten würden, wie es der Kultusminister feiner f Zeit ausdrücklich versprochen hatte."

Eine Verwechselung.

Erzählung von C. Borges.

5] ------- (Nachdruck verboten.)

„Gott helfe meinen armen Eltern," stöhnte der Graf, denn er war es, und barg fein bleicher Antlitz in de» Händen, „dieser harte Schlag wird ihnen da» Herz brechen!"

„Habe ich also Recht gehabt?" rief tciumphirend Herr Phernon, „unser unermüdlicher Freund ist also wirklich der vermißte Erbe? Ich erinnere mich, vor drei Jahre« von der Beraubung der Kasse des Herrn Grafen gelesen zu haben, und konnte nur durchaus nicht begreife«, daß der eigene Sohn verdächtigt wurde.

„Sie sehen, Herr Phernon, ich durfte mich nicht vertheid-gm, denn ich kannte den Schuldigen. — Meine Stiefmutter errieth die Wahrheit; fie flehte mich an, ihn zu retten — er war ja ihr einziger Sohn, da» Glück und die Freude ihre» Alters. So war es bester, viel bester, daß ich entfloh. Denn bei der öffentliche» Verhandlung hätte ich leicht mein Alibi Nachweise» können, — mein Stiefbruder aber nicht."

„Sie scheinen gar keine Ahnung von dem große» Opfer zu haben, welches Sie Ihrem Stiefbruder ge­bracht haben," bemerkte Herr Phernon lächelnd. „Sie

l gaben Namen, Rang, Erbe — Alle» auf, — Sie er­duldeten den Flecken, der auf Ihnen ruhte, nur um einen Schuldige» zu retten."

„Ich liebte meinen armen Benno so innig, und , er liebte mich. Er war das einzige Kind seiner Mutter; sie war gütig und liebevoll gegen mich und meine jüngere Schwester gewesen und ersetzte uns die eigene Mutter, die wir durch den Tod so früh ver­löre« hatten. Dafür wollte ich dankbar sein und nahm die Schuld ihre» einzigen Sohne» auf mich."

„Wa» war die Veranlassung bei Diebstahl» ? Der Sohn des Grafe« von Her»feld war sicherlich mit hinreichenden Geldmittel« versehen!"

„Es war gewiß nicht seine Schuld. Schon seit seiner Kindheit zeigte Benno großen Hang zur Ver­schwendung, ich glaube, er war bei ihm eine Krankheit. Als er älter wurde nnd die Versuchungen größer, fehlte es ihm an Kraft zu widerstehen. Ich sah, daß er die Kaste de» eigenen Vaterr erbrach, um enorme Schulden zu decken. Da kam er zu mir und flehte mich an, ihn zu retten — ich dachte an seine Mutter und — entfloh."

„Hatten Sie meines Vetter, den Anwalt, ins Ber- traue« gezogen?"

„Er vertraute mir und glaubte meinem Wort als Ehrenmann, daß ich das Verbrechen nicht begangen

, habe. Vermuthlich ahnte er den Schuldigen, aber vov ; mir hat er keine Silbe darüber erfahren."

„Und jetzt kehren Sie im Triumphe heim, unb uns ■ bleibt nur die Erinnerung, einen bet ebrlsten Menschen mit Arbeit überhäuft zu haben."

Der junge Graf erröthete.

„Sie sinb gütig gegen mich gewesen, Herr Pher­non, daher erbitte ich mir eine Gunst von Ihnen. : Bewahren Sie mein Geheimniß! Wenn Sie mir ge- ! statten, Sie zu verlassen, unb ich mit ber „Arcabia" I die Heimreise antrete, so darf bie Welt nicht er« X fahre», daß Ihr Kastirer mit beut vermißten Grafen | identisch ist."

„Sie berauben un» bamit einer romantischen Ent­hüllung."

„E» ist meine einzige Bitte, Herr Phernon. Ich reise »ach Marseille unter bem einfachen Namen: Karl OSwalb. Erst in meiner Heimath nehme ich meinen | Titel wieder an. DaS Einzige, wa» ich jetzt «och thnn | kann, um da» SedSchtniß meines unglücklichen Bruder» ! zu ehren."

„Ich will Ihr Geheimniß bewahren, Herr Graf," ’ versetzte der Kaufmann feierlich, „aber wenn ich Ihnen t soweit nachgebe, wollen Sie mir bann auch ba» i Vertrauen schenken? Sinb Sie fest überzeugt, baß Ihre Stiefmutter Sie liebevoll empfangen wird, und