Einzelbild herunterladen
 

Donnerstag- den 8 Oktober 1896. 23. Jahrgang

MssttMZektW

mit Unterhaitungs-Heiiage „Sterne und HLnmen".

Erscheint täglich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

st

Die Nationalliberalen

find »och gerade so klug wie vor ihrem Parteitag. Der Vorsitzende derselbe» Dr. Aub sprach sich freilich in seinem Schlußwort sehr befriedigt üb r den Verlauf de» Parteitages und insbesondere darüber au8, daß die vorgelegten Resolutionen trotz lebhafter Debatte eine so große Mehrheit gesunden hätten Mit diesen Resolutionen, so meinte et, sei glücklicherweise der rechte Mittelweg gefunden worden. Mit anderen Worten: die Rationalliberalen haben mit großer Mehr­heit bestätigt, daß sie nach wie vor eine Mittelpartei, d. h. eine Mischmasch Partei sein wollen und einer klaren Entscheidung in den brennendsten wirthschaft- lichen Fragen der Gegenwart so weit als möglich aus dem Wege gehen. Sie wollen sich, wie Herr Dr. Aub zu erkennen gab, mit ihren Freunden in der Land- wirthschaft nicht Überwerfen, d. h. sie w sien, daß sie bei den Wahlen keinerlei Aussicht auf Erfolg haben, wenn nicht auch der Bund der Landwirthe hier und da sie unterstützt. Die Bestrebungen, welche auf eine klare Stellungnahme in den wirthschaftlichev Fragen Hindrängien, find noch einmal glücklich abgeschlagen, daher die große Befriedigung in den leitenden Kreisen.

Aber was ist damit für die Partei im Ganzen gewonnen? Die matten Resolutionen, die der Partei­tag beschlosien hat, werden doch kaum auf die bäuer­lichen Kreise eine werbende Kraft auSüben, da sie zu wenig pofitiven Inhalt, zu wenig prattische Ver­sprechungen bieten. Ihr ganze- Verdienst im Sinne der Bundes der Lavdwmhe besteht darin, daß sie durch ihre kautschukartige Fasiung den agrarischen Elementen in der nationalen Fraktion nach wie vor die Möglich­keit geben, im Reichstage mit den gleichgesinnten Partei­gängern der Rechten und in manchen Fragen auch der Centrums Hand in Hand zu gehen. Das ist zweifellos ein Erfolg des Buvd.-S der Landwirthe, ein Erfolg, der diese jedenfalls noch zu weiteren Vorstößen in der Richtung, die Nationalliberalen immer agrarischer zn machen, veranlaffe» wird.

Die .Deutsche TageS Zlg/, dar Organ des Bundes der Landwirthe, schreibt denn auch bereits sehr be­friedigt, der nationalliberale Parteitag habe gezeigt, daß man sich vor einer entschiedenen Stellungnahme gegen den Bund der Landwirthe gefürchtet habe, und von der Thatsache dieser Furcht nehme er ge­ziemend Kenntniß, lasse sich aber dadurch nicht täuschen und nicht beruhigen. Gegen die natroralliberalr Partei akS solche vorzugehen, liege kein Grund vor. Er gelte vielmehr, den Osann'schrn Flügel (den agrari­schen) zu stärken und den anderen zu schwächen. Die lauen Halbmänner, die am liebsten gar keine Meinung hätten, dürften keinerlei Unter­stützung finden. Männer wie Graf Oriola, Freiherr v. Htyl und andere könnten wie bisher »och mehr auf den Bund der Landwirthe zählen. Ihren Einfluß in der Partei zu stärken, werde dessen Ziel fein.

Dar entspricht in der That ganz genau der bis-

Strornaufrvärts.

Roman von Tl. Lötfchert (M. B r e ch t e n).

65] ------- (Nachdruck verboten.)

Unheimlich rollt der Donner über dar kleine @e- bLude hin, der Regen schlägt gegen die Scheiben, und Hanna'S Summe ist kaum vernehmbar: „Sie werden el — Ihr Leben meine ich — nicht wegzuwerfen suche«, nicht wahr? Sie müfien ja leben für sie?"

„Wer fagt den», daß ich dar gewollt? Ah . . die Waffe . . . hatten Sie dar gefürchtet?"

Sie kann nicht antworten, aber sie bewegt bejahend den Kopf.

„D nein, nein, der Bedanke konnte mir »iemalr kommen! Der Revolver ist ein Geschenk meiner russischen Freunder. Ich hatte mit einem andere» Herr« in der Pension ein Wettschießen nach einem bestimmten Punkte verabredet, darum lag er dort. So tief auch meine Reue, so heftig auch mein Kummer über den Leichtsinn meines Schwiegersohn« r sein mochte, diese» Ausweg hätte ich nie gesucht... Ich hatte schon als Knabe die Ansicht, der Mensch vermöge sein Schicksal Md dar der ihm Anvertrauten in bestimmte feste Bahnen zu lenken Md durch weise Vorsicht fast aller Ungemach von sich fern zu halten. Ja, selbst att mir ahnte, daß Läsn'r Charakter von verwerflichen

herigen Taktik des Bundes. Er vermeidet ei als neue besondere polittsche Partei bei den Wahlen auizutrtten Md sorgt dafür um so mehr, Leute in die bestehenden Parteien zu bringen, die sich auf sein Programm ver­pflichten; die bestehenden Parteien also will er von innen her au» agrarisch machen. Bei dem Centrum, das jr ohnehin stet» hilfsbereit die Inter«ssen der Landwirthschaft vertreten hat, ohne darum die be­rechtigten Jntereffen anderer Berufistände zu schädigen, hat der Burd der Landwirthe mit seinen Bestrebungen allerdinqS kein Glück. Bei den Konservativen z-igt sich seine Einwirkung auch nicht so sehr, weil die Konservativen ebenfall» von HauS aus darauf ange- wirsen find, die landwirthschaftlichea F rderunzm zu unterstützen. Etwas mehr bedeutet der Bund der Landwirthe schon für die Freikonservativen, die unter seinem Einfluffe immer mehr in ausgesprochener Weise nach rechts rücken. Mit aller Deutlichkeit aber bewährt sich die Agitation des Bunde» der Landwirthe bei den Nationalliberalen. Bei den letzten all­gemeinen Wahlen fivd infolge der Bedingungen, die sich natiovalliberale Bewerber von dem Bunde der Landwirthe haben vorschreibrn lassen um de» lieben Mandates willen, schon zahlreiche Elemente in die nationalliberale RrichStagSfraktion gekommen, die fich in wirthschaftlicher Beziehung sehr stark der Rechten nähern. Vielleicht haben sie sogar bereit» die Mehr­heit in der Fraktion. Wenigstens war dies in der Frage de» B-rbotS des G. trndetermir. Handels, de» ZackerstemrgesktzeS und bergt, bereit» der Fall.

Au» der Ankündigung der ,Deutschen TageS-Ztg? ist zu entnehmen, daß de? Bund der Landwirthe bei den nächsten allgemeinen Wahle» dahin streben wird, »och sehr solcher Elemente, die fich auf sein Programm verpflichten, in die nationalliberale Partei hinewzu- bringen. Ja manche» Wahlkreisen dürften fie damit auch Erfolg haben Dazu kommt, daß andererseits die mehr manckesterlich gerichteten bisherigen Mitglieder der nationalliberale» Partei, deren Organ die ,Nat.» ßtg.' ist, nach deren Voraussage „stiMchweigend ab­fallen" werden, wodurch dann die agrarische Mauserung der Natioaalliberalen um so schneller und reinlicher fich vollziehen würde. Mit dem „Mittelparteilichen" wird e» daher wenigstens in wirthschastlichen Fragen bei den Nationalliberalen bald nicht mehr weit her sein.

Um so mehr wird sich da» Centrum al» die wahre Mittelpartei erweisen, in welcher die Interessen der verschiedenen Berufsstände in Stadt Md Land ihren gerechten und billigen Ausgleich finde».

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Oktober.

* Heute findet in Hubertusstcck unter dem Vorsitze de» Kaiser» ein Kronrat- statt, den die ,Bosfische Zig.' nach einem Rückblick auf frühere Kconcothr- Sitzungen — im Kronrath vom 24. Januar 1890 stand die kaiserliche Sozialpolitik, im Kronrath vom Richtungen nicht frei war, da glaubte ich noch, daß e» nur meine» persönlichen Einfluss -» bedürfe, um die Ehe zwischen ihm unb meiner armen Tochter zu einer glücklichen zu gestalten. Thor, der ich war! An dem Schicksal de» eigenen Kindes habe ich einsehen gelernt, daß wir nicht vorgreife« sollen, und daß unsere stolzen Pläne nicht- vermögen gegen die weisen Beschlüsse eine» höheren Willen»! . . . Nun werde ich noch einmal von vorn beginnen, aber ich will auch für mich zu erringe» suchen, wa» ich mir stet» versagt, vielleicht daß, wenn ich selbst glücklicher bin, ich auch btffer verstehen werde, da» Wohl Anderer zu begründen."

Er ist ganz nahe an den Tisch getreten, indeß das Gewitter draußen mit einer Gewalt fortdauert, al» ob der jüngste Tag anbrechen wolle.

„Hanna, ich habe in dieser Stunde zu Ihnen ge­redet, wie ich nie vorher zu einem Manne, einem Freunde gesprochen . . . fühlen Sie, was ich Ihnen damit gewährt habe?"

„Ja, aber ich möchte mehr ... ich möchte selbst spreche» dürfen."

„Da» dürfen Sie! Gewiß!"

„Ohne Furcht, Sie zu beleidigen? Meine Worte werden sehr kühn sein."

„Das ist gleich. Sagen Sie alle-, wozu Ihr Herz

17. Mär; 1892 stand das Bolkrschulgesetz der Minister- Graf Zedlitz auf der Tage-ordnung — al- einen „kritischen Tag" bezeichne» zu müssen glaubt. Sie vrrmuthst, daß wichtige Gesetzentwürfe, wie über die Organisation de» Handwerks, über die Beamten­besoldungen, über die KonvertirMgSfrage, über das BiremSrecht oder auch die Militärstrafproz'.ßordnung zur Berathuvg gestanden haben, und schließt ihre Be- tracht ungen folgendermaßen:

Es ist auch nicht unmöglich, daß die Frage der mini­steriellen Verantwortlichkeit, die im Jahre 1890 eine Rolle spielte, im heutigen Kronrath zur Erörterung gelangt und der Versuch unternommen wird, den Gerüchten über die Thätig- keit unverantwortlicher Rathgeber für die Zukunft auch den Schein von Berechtigung zu nehmen. Diese Bermuthungen über die Bedeutung des Kronrathes ergeben sich aus der inneren Sage von selbst. Man wird den 7. Oktober für einen kritischen Tag in der deutschen Politik halten. Und es könnte nach den bis­herigen Erfahrungen nicht besonders Wunder nehmen, wenn nach dem Kronrath, der angeblich den Arbeitsplan für die Gesetz­gebung feststellen soll, die Mittheilungen über einen Kanzler- Wechsel oder über Ministerwechsel wieder austauchten und schnelle Bestätigung fänden.

* Der Streit der Regierung über de» Bes \ ginn der LaudtagSsesfion ist noch immer nicht ge­schlichtet Herr Miquel läßt durch den bekannten ; Ministerislrath in dem Organ deS Herrn Schwein- . bürg entgegen der ReichSverwaltung neuerdings wieder s plädiren dafür, daß der Landtag gegen oder bald »ach - der Mitte November einberufen wird. Abgesehen von der H ffischen LudvigSbahn würden die Vorlagen wegen Bildung eines AuSgleichzfond» und die Tilgung der Staatsschulden, da» Lehrerbesoldung»gesetz, die Bo läge wegen weiterer Durchführung der Erhöh« g ' der Beamtenbisoldungen, die Landgemeinde- Md Städte- ; Ordnung für Hessen-Nassau, vielleicht auch noch andere Vorlage» von Bedeutung, zu diesem ZeilpMkt vorlage­reif sein. Man würde die erste Lesung dieses 8e« rmhungtstoffrS in rascher Folge erledigen und de» Rest des Ab chnitte» vor Weihnachten mit den Rom- misfionSberathungen ausfüllen lassen, so daß au» dem gleichzeitigen Tagen mit dem Reichstage den Arbeiten des letzteren keinerlei nennens werthe Störung er­wachsen würde. — Letztere» trifft doch insofern zu, al» die ca. 90 ReichStazSabgeoi dneten, welche zugleich Mitglieder des Abgeordnetenhäuser find, gerade zu derselbe» Zeit auch durch die ersten Berathungen der Reichstagsvorlagen abgezogen werden.

ft. Sicherem Vernehmen nach wird den parlamen­tarischen Körperschaften in der bevorstehenden Session wegen Konverttrung der vieep ozentigen Reich»- und preußischen Staatsanleihen in dreieinhalbprozentige eine Vorlage gemacht werden.

* Dar Kolonialamt wird sich zunächst beschäftigen mit dem Kolonialetat, dem Entwurf Bett. Abschaffung der Hau-fllaverei, der Vorlage bett, die Ableistung der Wehrpflicht in der füdwrstafrikanischen Kolonie, der Frage betr. die Ausbildung der Kolonialbeamtr» sowie die Regelung des Strafrecht» und de» Straf­verfahren» gegen Eingeborene. Voraussichtlich wird Sie drängt. Sie wollen' doch nicht . . . wieder fort?"

„Noch nicht gleich. Aber ich brauche Ihre Zu­stimmung zu einem Plane."

Ein flammender Blitz zuckt bei diesen Worten an der Felrburg vorüber. Hanna schreit leise auf, be­kreuzt fich und gleitet von ihrem Sttthl herab. Ohne zu ahnen, wie anziehend sie in dieser malerischen, halb ksieenden Stellung auisieht, verharrt sie so, die Stirne gegen ihre auf der Tischplatte ruhende Hand gelehnt. Ob sie vor dem Gewitter fich fürchtet?

Herzog störte Hanna nicht. Er muß immer wieder nach ihr Hinsehen; in dem halb dunkeln Raume schimmert ihr Kleid wie Silber, und der zart graue Schleier des kleinen ReisehuteS schmiegt sich weich an da» glanzlose, aber nachtschwarze Haar, da» unter dem schweren Knoten im Nacken zu kleine» Löckchm fich kräuselt. Die lange» Wimpern mildern da» Feuer der fast mrnatürlich großen Äugen, welche jetzt ge­schloffen find, um den feuchten Schimmer, der über ihnen liegt, zu verbergen.

„Unten in der Niederburg ist alle? so furchtbar verödet," beginnt fie leise, nachdem fie fich gefaßt und wieder gesetzt hat. „Wenn Ihre Tochter fich wirklich erhole» soll, so braucht fie noch etwa» andere- außer der Liebe ihre- BaterS: eine ordnende Hand. Lassen