M 231
Mittwoch, des 7. Oktober 1896.
33. Jahrgang
FuIdacrWZeitiiiilj
mit Unterhaltnngs-Kettage „Sterne uttb KLumen".
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Bestellungen auf die IulöcrerZeitung werden noch fortwährend angenommen.
& Ein sozialistischer „Volksbeglücker".
Wiewohl seit einiger Zeit schon mancherlei Mit- theilungen über die von dem belgischen Sozialisten- häuptling Lnseele geübte Ausbeutung von Arbeitern durch die Presse gegangen sind, mag er vielleicht nicht überflüssig sein, auf diese Angelegenheit angesichts des bevorstehende« Gothaer Parteitages der deutschen Sozialdemokraten, wo den Arbeitern jedenfalls wieder sehr viel blauer Dunst über die „völkerbefreiende" Sozialdemokratie vorgemacht werden wird, noch einmal etwa» näher einzugehen.
Der Schauplatz der Handlung ist Gent, die eigentliche Stammburg des Sozialismus in Belgien, und die Hauptperson der erwähnte Anseele, der allgewaltig« Gebieter der dortigen Sozialdemokratie und Leiter der korporativen ErwerbSgeu ossmschaft „Booruit" (Vorwärts), einer sozialistischen Gründung. Deutsche sozialdemokratische Blätter waren, als die ersten Nachrichten über die Arbeiterschinderei im „Booruit" bekannt wurde«, gleich mit der Antwort fertig, hier handle eS sich lediglich um „kapitalistische" Verleumdungen. Demgegenüber ist zu betonen, daß nicht etwa ein „kapitalistisches", sondern ein unverfälschtsozialistischeS Blatt, das Hauptorgan der holländische« Sozialisten „Recht voor Allen" (Recht für Alle) die ersten Mit- theilungen über das Ausbeutungssystem im „Booruit" gebracht hat und daß ein früherer Redakteur des gleichnamigen Blattes dieser Genossenschaft, de Witte, der auch heute noch Sozialist ist, persönlich als Ankläger Auseele'S aufgetreten ist.
Um die im „Booruit" beschäftigten Arbeiterinnen zu den größtmöglichen Anstrengungen zu zwingen., hatte der sozialistische Borstand unter Anderem ein sogenannter „Minimum au Produktion", d. h. dar Mindestmaß dessen, war jede Arbeiterin in einer Stunde zu leisten hat, festgesetzt und der Betrag dieser Minimums immer mehr in die Höhe geschraubt, sodaß die Arbeiterinnen zuletzt erklärten, derartige Leistungen könnte« sie auf die Dauer unmöglich authalten, und sie würden sämmtlich die Arbeit »überlegen, wenn da» Minimum nicht wieder herabgesetzt würde. Dabri verdienten die Arbeiterinnen nicht mehr als 14—17 Gentimer (durchschnittlich also etwa 14 Pfennig) für die Stunde. Andere, die im Akkord arbeiteten, wurden noch schlechter bezahlt. So erhielten z. B. die Näherinnen für dar Unfertigen einer Frauenhrmde» 23 Centimes, wovon sie aber noch 3 Cent, für dar Material und | 2 Cent, für die Streikkasfe sich abziehen lasten mußten, ;
Stromaufwärts.
Roman von Cl. Lötschert (M. Brechten).
64] ------- (Nachdruck verboten.)
Hinter dem Giebelhause her führt ein Seitenpfad quer durch die Weinberge nach dem Eichenwalde hinauf. Er ist steinig und steil, die Sonne brennt sengend, aber Hanna muß eilen; denn über dem jenseitigen Ge- ! birge ballt er sich dunkel zusammen. Die Gewitter, s welche von dorther aufsteigen, brechen plötzlich herein; ? sie find langdauernd und schwer. Sie hat seit dem ' Morgen noch nichts grnoffen, gar nicht geruht und fie ; legt den Aufstieg, der mehr als eine Stunde erfordert, ] in kaum drei Vierte! dieser Zeit zurück.
Oben am Tempel begegnet ihr eilenden Schrittes■ eine Anzahl Touristen; fie wollen noch schnell nach der ? Stadt hinunter ehe das Wetter losbricht. Hanna muß mitten durch den Wald in der Richtung nach dem ■ Jagdschlösse zu!
Rach drei Jahren! Wie wird Gettt'S Vater ihr begegnen? Wie soll fie ihm nur einen Theil besten, > was er erfahren muß, beibringen? Sie schreckt vor der Schwierigkett der übernommenen peinlichen Aufgabe | zurück, und doch ist es ihr, als ob nur sie er ihm • sagen könne und müsse.
Da schimmern die grünen Läden der Pension durch | die Lichtung. Einet der Zimmermädchen steht auf der ’
sodaß sie tatsächlich für ein Hemd nm 18 Centimes (ca. 14 Pfennig) erhielten.
Diese Angaben wurde« durch die Arbeiterinnen in einer Versammlung, die Anseele einbrrufen hatte, um sich von seinen Anhängern gegenüber de» Anklagen daS „Recht vor Allem" ein Vertrauensvotum geben zu lasten, vollauf bestättgt, und der Zentralvorstand, an besser» Spitze Anseele steht, versuchte nicht einmal, fie zu widerlegen. Anseele verweigerte in heftigem Zorne die Vorlage der Bücher mit der bezeichnenden Begründung, seine Gegner würden fie jedenfalls doch der Staatsanwaltschaft übergeben, und diese könne stets aus allen Büchern etwa- herautfinden, „worüber man Bemerkungen mache« könnte!" „Und deshalb", so schloß er leidenschaftlich, „bekommt ihr die Bücher nicht, die Bücher nicht, die Bücher nicht!" Die Gegner wurde« dadurch so erregt, daß Worte wie „Lügner", „Betrüger", „Schlagt ihn tobt" u. bergt bem ehren- werthe« Herrn Anseele zugerufen würben. Der Vor- fitzenbe „Genosse" Hatdyn» drohte den erregten Leuten darauf mit dem echt sozialistischen „HinauSfliegen". Die Gegner zogen eS daher fast sämmtlich vor, freiwillig die Versammlung zu verlaflen, worauf sich dann Herr Anseele von seinen übrig gebliebenen Freunden daS gewünschte Vertrauensvotum geben ließ, da- unter solche« Umstände» natürlich gar keinen Werth hat.
Die Hungerlöhne im „Booruit" sind um so verwerflicher, al» der „Booruit" sehr gut in der Lage wäre, bessere Löhne zu zahle«; hat er doch im letzten Halbjahre nach der veröffentlichten Bilanz einen Reingewinn von nicht weniger al- 214 605 46 FrcS. (ca. 172 000 Mk.) erzielt! Herr Anseele und die anderen Vorstandsmitglieder haben für sich selbst natürlich viel besser gesorgt; sie beziehen glänzende Gehälter, die in schreiendem Gegensätze zu den Hunger- löhnen der Arbeiterinnen stehen, von deren Arbeit doch auch sie leben. Wenn dabei wenigstens die Behandlung der Arbeiter zu loben wäre! Aber nein, eS wird fast noch mehr über schlechte Behandlung als über schlechte Bezahlung geklagt. „Die Tyrannei AnseeleS", so erklärte der genannte de Witte, „macht den „Boourit" zu einer wahren Hölle für die dort Angestellten, eS herrsche dort ein DespottSmuS sonder Gleichen; die bürgerlichen Industriellen thäten sehr unrecht, daß sie keine Arbeiter annähmen, die beim „Booruit" beschäftigt gewesen, denn Jeder, der einmal 2 Jahre dort gearbeitet, wäre mehr antisozialistisch (sozialistenfeindlich) gesinnt, als die erbittertsten Gegner deS Sozialismus e» sein könnte». Herr de Witte will demnächst in einem Buche spezielle Enthüllungen über die Bedrückung der Arbeiter im „Booruit" machen, i Als Beispiel der Unduldsamkeit der sozialistischen Führer * sei nur erwähnt, daß eine Arbeiterin, die von einem X VorfiandSrnitgliede des „Booruit" beim Lesen einer | katholischen Blatte- überrascht wurde, sofort z entlassen und erst wieder angenommen wurde, ■ nachdem alle übrigen Arbeiterinnen mit Festigkeit er« ]
Schwelle, wickelt dieSpitze deS koketten weißen SchürzchenS ] um den Finger und sieht nach dem drohenden Gewölk) am Himmel.
„Welche Nummer Herr Herzog bewohnt? Nummer 2, erster Stock. Er ist jedoch vor einer Viertelstunde ausgegangen, vielleicht nach der „Weitschau", wie gewöhnlich. Bor Ausbruch des Weiters kommen Sie nicht mehr hin," fügt da- Mädchen mit einem warnenden ; Blick auf die einfache, aber feine Kleidung der vor ihr | Stehenden hinzu. Doch diese biegt schweigend in den Waldweg ein.
Unter den hohen malten Eichen ist eS fast Nacht ' und die bleierne Schwüle wirft herzbeklemmend im Berein mit der ringsum herrschenden Stille. Gegen ; den AuSzang hin wird e» heller. G rade, als die ? ersten schweren Tropfen niederstürzen, steigt die Moo». bürg auf mit ihren epheuumrarkien Mauern, dunkel I von dem lichteren Rhein-Panorama sich abhebend.
DaS untere Geschoß besteht aus einer auf Säulen! ruhenden Halle. Das obere hat ein große», viereckiges > Gemach, dessen tiefe, unverhüllte Fenster auf den Fluß hinabgehen. An einem derselben steht Wolfgang Her- ■ zog — starr und geistesabwesend in die düster um- \ zogene Landschaft sehend.
Er ist nur wenig verändert, vielleicht etwas hagerer geworden, auch weniger sorgfältig gekleidet wie ehedem ' und seine Gesichtsfarbe mag um einen Schatten gelb- ‘
klärt hatten, die Arbeit «iederlege« zu wolle«, »ernt ihre Mitarbeiterin nicht sofort wieder zurückkehren könne.
Das ist ein so kleiner Vorgeschmack von der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" und den paradiesischen Freuden, die der Arbeiter in einem sozialistischen Zukunftrstaate harren würden. Die Führer denke« nur an die Befriedigung ihrer Habsucht und ihre» Ehrgeize», und das Volk muß für fie ftohnden!
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Oktober.
* Der Kaiser «ahm im Jagdschlösse Hubertu-stock gestern Nachmittag de« Vortrag de» Chefs des Civil- kabinets entgegen and empfing heute Nachmittag de« Kriegsminister nvd den Chef des Militärkabinet» zum Bortrage. — Der Kaiser wird Mitte Oftober incognito mit kleiner Begleitung in Esse» eintreff-n, um die Fortschritte der G-schütztechnik in den Krupp'schen Werken auS eigener Anschauung kennen zu lernen.
* Dem Kardinal-Erzbischof von Capua Alphonso Capecelalrv zu Neapel ist vom Kaiser der Rothe Adler»Orden erster Klasse itt Brillanten verliehen worden.
* Der Sultan hat den General Srumbkow Pascha mit einem Handschreiben an unser« Kaiser gesandt. Dieses Handschreiben enthält nach einer bem ,B<rl. Lok.-Anz.' von unterrichteter Seite zugehenben Mittheilung lediglich ben Dank beS Sultan» für bie Uebersenbung bei Photographier« ber kaiserlichen Familie. Grumbkow Pascha, ber ohne Gefolge in Berlin eingetroffen ist, wirb einige Wochen Urlaubs- weise in Deutschland verleben.
* Wie bie ,N. A. Q.‘ erfährt, wirb am Mittwoch in HubertuSstock ei» Kronrath stattfinden, zu welchem sämmtliche Staatsminister Emladungen erhalten habe«. Dem Vernehmen nach handle eS sich um Feststellung der Arbeiten für die bevorstehende parlamentarische Session, dann wird bei bem Kronrath auch wohl bie Entscheidung über ben Beginn bet Landtagssession fallen. DaS StaatSministerimn soll am Montag über diese Frage berathen haben, aber noch nicht zu einer Entscheidung gelangt fein, wie ein Parlaments- berichterstatter meldet. Was derselbe sonst noch mit* theilt über die zu erwartende» Vorlage» und dergleichen halte» wir für Bermuthunge» und lassen wir daher »nerwähnt. Der betreffende Berichterstatter hat sich häufig als sehr unzuvrtlösfig erwiese».
* Gegen ei« verletzendes Vorgehen der Behörden — so schreibt die ,Germania' — muß einmal energisch protestirt werden. Wir lesen in rheinischen Blättern, daß, als in dem bei RüdeSheim gelegenen Marienhausen jüngst Exerzitien abgehalten wurde», der Landrath durch seine Organe eifrig bemüht war, die Liste derjenigen Studenten zu bekommen, welche sich an den vor einigen Wochen im dortigen Kloster
kicher geworden sein. Aber der Ausdruck seiner Züge ist ein völlig anderer. Genau beobachtet, macht er den Eindruck einer Menschen, ber schwer, aber im Geheimen leibet — sei eS nun geistig ober körperlich, unb ber für bie eigenen wie für bie Jrrthümer seiner Mitmenschen keine anbere Empfindung mehr kennt, alr bie beS beißendsten Spötter.
Hinter ihm, in greifbarer Nähe auf bem in bet Mitte bei Zimmers stehenden Tische, liegt ein Gegenstand, ber eben, als Schritte auf ber Treppe draußen ertönen, mit bem Taschentuche bedeckt werden soll, ober beim Oeffnen ber Thür schon bemerkt worben ist.
Eine Dame, bie wohl Schutz vor bem Gewitter sucht, tritt ein . . . fie muß schwache Nerven haben; benn obwohl fie sich nut eine Sekunde lang leicht und graziös gegen bie Wand lehnt, erscheint cht Gesicht schon bis in bie Lippe» hinein erblaßt.
„Herr Herzog . . . verzechen Sie, baß ich Sie Hirt auf suche."
„Sie wünschen, meine Dame?" fällt et ein, ba ihr ba» Sprechen offenbar schwer fällt.
„Nicht doch . . . Sie kennen mich nicht mehr . . .
bie frühere Bonne Ihrer Tochter."
„Sie ... Sie wären Hanna?"
„Gewiß ..." Sie sieht an ihm vorbei nach bem leblosen Ding, dessen Gegenwart ben ganzen Raum zu beherrschen scheint.