Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klnmen".

23. Jahrgang

Samstag, den 3. Oktober 1896.

Erscheint tSgkich, Smm- nnb Ariertag« auSgenotrnneit. — BierteljLhriicher Abonrre mentSpreiS ohne Briugertohn »ick in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Slabatr.

Zur Saalbausrgge erhalten wir von verschiedene« Serien mündliche und schriftliche Aeuße? ringen und Beitrüge. Wie wir hören, besteht im Bürgerausschuß eine knappe Ma­jorität, welche für den Saalbau eintritt, während eine starke Minorität sich mehr oder weniger ablehnend verhält, so daß das Schicksal bei Saalbauprojektes von Zufälligkeiten abhängig erscheint. Ueber unsere Stellungnahme haben wir von vornherein kemen Zweifel gelassen, glauben jedoch den öffentlichen Inter- essen zu dienen, wenn wir dazu beitragen, daß die Frage möglichst gründlich besprochen und schroffe Gegensätze thunlichst ausgeglichen werden.

Bei wichtigen Unternehmungen ist eine gewifle Opposition immer von Nutzen; sorgt sie doch dafür, daß nicht über» Ziel geschoflen wird und Extravaganzen vermieden werden. Selbst die Herstellung unserer Wasserleitung hat zuerst großen Wider pruch her- vorgerufen und iu allen Stadien der Berathung ihre Gegner gehabt. Wir geben daher gerne nachstehenden Zeilen Raum, welche uns von sehr geschätzter Seite zugehen:

In Nr. 221 der .Fuldaer Zeitung' fand sich ein Artikel unter der Ueberschrift: .Wie steht e- denn eigentlich mit dem Fuldaer Eaalbau?" Aus diesem Artikel haben wir erfahren, daß dem BürgerauS- schufse ein Antrag der Stadtraths zur Beschluß- faffung vorliegt, »ach welchem durch Preisausschreiben ein möglichst guter Entwurf zum Anbau einer SaalkS an das schöne Orangeriegebäude gewonnen werd;« soll. Wie nun verlautet, soll die Stimmuug bei einer Anzahl von Mitgliedern der Bürg rauSschusseS dem ganzen Saalbarp ojekt nicht sonderlich günstig sein, weshalb sich ein Bürger, der in anderen Städten schon Rancher gesehen und erlebt hat, erlaubt, hier einige Gedarken zum Ausdruck zu bringen, die er sich ob des SaalbaueS macht.

Einsender dieses kann nicht recht begreifen, wie eine Stadtverwaltung, deren Finanzen in guter Ocd- nug sind, wie man ja unlängst gelesen hat, ein Saal- bauprojekr, wie dar z. Z. veröffentlichte, nicht mit allen Mitteln fördert. ES scheint doch Pflicht der Ver­tretung eines kräftig aufstrebenden Gemeinwesens zu sein, aller zu thun, wsS dieses Ausstredm unterstützt, und dir ErwerbSverhältniffe der heimischen Bevölkerung fördert. Ein Mitte! zu derartiger Förderung ist gewiß dieHebung deSFremdenverkehrS in der Stadt, zu welchem Zwecke sich auch an vielen Orten Vereine gebildet haben, die die Bemühungen der Stadtver­waltung auch aus der Bürgerschaft heraus fördern wollen. Da nun heutzutage dis meisten Brrgrügungs- reisea unternommen werden im Anschluß an irgend eine Versammlung, — sei es die der GaS- und Wssierfachmänner, der Naturforscher, der evangelischen Mission oder der Kalholken —, so sind die Ziele jener Reisen diejenigen Städte, in denen die Ver­sammlungen statt finden. LuS diesem Grunde bemühen sich die Stadtmagistrate, möglichst viele Generalver­sammlung?« zur Tagung i« ihren Mauern zu veran- lkss.'n. Es geschieht dies in der richtigen Voraus­setzung, daß die fast durchweg wohlhabenden Theii- nehmer, welche in der Regel mehrere Tage in dem Ver­sammlungsorte zubringen, dort recht viel Geld fitzen lassen, welches zunächst den Gasthäusern und W rth- schasten, dann aber den Bäckern und M tzzern, Kolonialwaaren- und Delikatessen - Geschäften, den Sslanteriewaarenhandlungen, kurz fast allen Ge­werben mehr oder weniger zu Gute kommt. Hier­durch wird der Wohlstand der Bürgerschaft durch Geld von auswärts wesentlich gehoben.

Vorbedingung für das Tage« von solchen gern gesehenen Versammlungen ist aber dar Vorhandensein einer oder mehrerer Versammlungslokale. Wollen daher die Städte die Fremde« heranziehen, so müffen sie für den Bau von Sälen sorgen. Dies geschieht nun auch in ausgedehntem Maße. Wo die Privatspekulation nicht elnqreift, unternehme« dir Stadtverwaltungen den Bau solcher Lokalitäten, und können dies auch recht I

gut, denn ein solcher Saalbau gehört zu den gemein­nützige« Anlagen.

Allein nicht nur diese materiellen Beweggründe treiben die Magistrate, welche auf der Höhe der Zeit stehen, zu solchen Saalbauten, sondern auch wesentlich ideale Momente sind kS, die hinzukommen. Das Vereins- und Korporationswesen hat in der Erkenntniß, daß in dem großen Kampfe, um materielle wie geistig? Güter, der Einzelne nichts auSrichtet, mächtige Dimen­sionen angenommen. Deshalb Versammlungen und ZusammeMnste aller Art und aller Orten. Aber auch hierzu sind Säle nothwendig. In diesen Bereinigungen befinde« sich aber nicht nur wohlhabende Leute, sondern viel mehr wenig Bemittelte. Auch diese in ihren, doch fast durchweg berechtigten Be­strebungen zu unterstützen, ist Pflicht der verständigen Stadtverwaltungen. Rentirt daun ein solcher Saalbau sich nicht ganz, und bleibt seitens der Verwaltung ein Defizit zu decken, so mag das ruhig durch öffentlich? Mutel (städtische Steuern) geschehen, zu der Alle bei­tragen. Die Wohlhabenderen, die mehr zahlen, kommen dann ihrer Christenpflicht nach, mitzuhelfen, daß auch den Aermere« durch ihre Beiträge geholfen werde, schöne und geräumige Räume zu benutzen, die den Reicheren schon hie und da in einzelnen Vereins- und Kasiuogebäuden zur Verfügung stehen.

Von anderer Seite wird uns in derselben Sache geschrieben:

Gestatten Sie m'-r, kurz auf die angebliche« Be­denken eiuzugehen, welche Einzelne gegen den pro- jektirten Saalbau hegen und damit ihre ableh­nende Haltung moüvirm.

Die Bedürfnißfrage wird eigentlich kaum mehr ernsthaft bestritten, doch wendet mau ein:

1) Ein Saalbau rentirt sich nicht.

2) Die Finanzlage der Stadt gestattet eine solch? Ausgabe nicht.

3) Will man absolut einen Saalbau, so mögen die Inter-ssenten eine Aktiengesellschaft gründen.

Daß ein Saalbau, d. h. ein Neubau, welcher allen Anforderungen der Neuzeit entspricht, also vielleicht 250—300,000 Mark kosten würde, sich gegenwärtig nicht rentiren kann, weiß wohl Jeder. Es handelt sich jedoch in unserem Falle gar nicht um einen Neubau, sondern nur um einen Anbau an einen bestehen­den Saal auf einem vorhandenen, für die Stadt jetzt fast werthlosen Grundstücke."

Nachdem der Bürgerverei« einen Saal gebaut hat, der für die Veranstaltungen der Mitglieder dieser Vereins genügt, nachdem andererseits dir Stadt Fulda das Schloß erworben hat und es nur eine Frage der Z-it sein kann, daß eine umsichtige Stadtbehörde die ihr damit zugefallenen Säle den hiesigen Bedürf- nisten entsprechend einrichtet, ist er geradezu unmög­lich geworden, daß heute eine Aktiengesellschaft zum Zwecke eines SaalbaueS gegründet werden könnte.

Es ist ja bekannt, daß eine solche Aktiengesellschaft bestanden hat, daß bereits bedeutende Summen für Pläne:c. auSzegeben worden sind, daß es am guten Willen wahrlich nicht gefehlt hat, daß aber der Aktiengesellschaft die Fertigstellung eines SaalbaueS durch mvnatelanges Hinhalten und durch fast un- auSfshrbare Bauvorschriften unmöglich gemacht worden ist.

Aber warum soll denn die S t a d t Fulda nicht im Inter-sie ihrer B vohner thun, war Hunderte von beut- schm Städten von j-her gethan haben und noch immer thun?

Fasten wir den Kostenpunkt und die Finanzlage der Stadt Fulda etwas näher in8 Auge! Man sagt: „Der Saal wird nicht 60.000 Mark, sondern mehr a'S 100,000 Mk. kosten und die Zinsen müsten wiraufbrisgen." Nehme man dm denkbar ungünstigsten Fall au. daß der Saalanbau 100,000 Mark kostet und die Zinsen jährlich auS ben laufenden Einnahmen in ihrer ganzen Höh- mit 4000—5000 Mark bc- stritten werben messen. — Nau betrachte mau sich die städtische Finanzlage und einige Ausgaben für gemeinnützige Zwecke, welche in der allerletzten Zeit von den städtischen Körperschaften genehmigt worben sind. Der GesammthauShaltuagSplan der Stadt Fulda in Einnahme und Ausgabe übersteigt i» den letzten Jahren eine halbe Million. Der ordent­liche Etat, dessen Einnahmen zum größeren Theile

durch direkte und indirekte Steuern aufzubringen find, beläuft fich auf 258,000 Mk. Ich bin durchaus für sparsamste Verwaltung, aber für einen gemein­nützigen Zweck von solcher Bedeutung erscheint die aufzubringeude Summe gering.

Für die Geradelegung der Bahn ho frstraße und sie Herrichtung eines freien Platzer ist man be­reit gewesen, mehr als 100,000 Mk. auszugeben. Wem kommt düse Ausgabe zu gut? Rentirt fich denn eine solche Ausgabe? Wem wird die Verbesserung des Schönheitsfehlers Nutzen bringen? Wirb wohl ein Fremder mehr nach Fulda kommen, nachdem die Bahn­hofstraße gerade gelegt sein wird? Wirb rin Saaldau nicht mehr dazu beitragen, Fremde herbeizuführen und den Bekehr zu heben? Bsn den Koste«, Selche jähr­lich die Unterhaltung der ftädt. Anlagen verursach:«, Sill ich schweigen, aber wenn man für die ReichSbank- nebe«stelle, durch welche doch auch nur verhältnis- mäßig r e ch t w e«i g e hiesige Bürger Nutze« haben, recht erhebliche Mittel aus der Stadtkaffe bewilligt, während in anderen Städten nicht die Stadtkasi-, sondern nur dieJnteressentenfür etwaige Ausfälle aufkommrn, wenn man für eine Handelsschule, die ebenfalls nur einem Theile der Einwohner von Nutze« fein kann, 2000 Mark in den Etat stellt, so bürste mm für einen Saalbau doch auch etwas übrig haben, wie es in so vielen andere« Städten der Fall ist. „Ja", sagt mau, „Fulda ist jetzt auch «Bankplatz»-; das ist gewiß recht schön und ich bemängele keineswegs die AuSzaben; aber wenn man wird sagen körmm: „Fuldaist ein angenehmer «BersammlungSplatz»," ss wird damit den hiesige« Gewerbetreibende« mehr genützt sein; hat doch Fulda eine günstige geographische Lage und eine hübsche Umgebung.

Wenn man diese Verhältnisse etwas näher be­trachtet, ist man versucht, anzunehmr«, daß die vor­geschützten finanzielle« Bedenke« den eigentlichen Grund der ablehnenden Haltung nicht bilde«. Leider hat man auch in diese durchaus neutrale Frage kon­fessionelle und parteipolitische Erwägungen zu tragen versucht. Ich bin jedoch fest überzeugt, daß kein Mirglied der BürgerauSschusseS solchen Einflüsterungen Gehör geben werde, umso­mehr, als all; AuSfchußmitglieder aus Erfahrung w'.si -n, wie man in Fulda bestrebt ist, in Schule, Arm er pflege re. peinlichste Parität zu wahren. Dagegen möchte ich sehr wünschen, daß man die sozialpolitische Seite der Saalbaufrage nicht unterschätze und sich der Pflichten eines Stadtbehörde nach dieser Richtung bewußt sei.

Unsere christlichen Arbeitervereine und jene mächtig aufstrebenden segensreich wirkenden Organisationen, deren zahlreiche Mitglieder sich aus den weiten Schich­ten des Volker rekrutiren, ersehne« seit vielen Jahre« ein geräum ger Versammlungslokal, in welchem die Veranstaltungen dieser Vereine stattfinden und von Mitgliedern und Nichtmitgliedern besucht werden könne», ohne Gefahr zu lausen, erdrückt zu werden. Einiges Verständniß für die gesellschaftliche« Bedürfnisse dieser Mitbürger, welche auch ihre S-euern zahle«, wenn selbst nur mdinkte Abgaben, darf man gewiß auch bei jenen Herren vorauSietzm, die für ihre Person wohl den Mangel eims Saalbaues nicht empfinden.

Zum Schluß sei mir auch noch ein kurzer Apiell an den LokalpatriotiSmus meiner Mitbürger gestattet. In unserer Stadt lebt und wirkt ein weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus bekannter Kom­ponist, H:rr Domkopitular Heinrich Fidelis Müller, dessen Werke« in allen fünf Welt-heilen ungeteilter Beifall gezollt wird. Der Aufführung dieser herr­lichen Oratorien bei gefeierten Komponisten unter seiner eigenen Leitung in seiner Baterstabt stellt sich als Hinderniß der Mangel eines genügend großen geeigneten Saales entgegen. ES wäre gewiß beschämend, wenn durch ein nur schwer zu begreifendes ablehnendes Votum der städtischen Körperschaften daS einst so her­vorragend musikalisch bekannte Fulda bei Genusses und ber hohen idealen Einwirkung beraubt würde, welche die Kompositionen seines berühmten SohneS gewähren. Ob man die ideale« und Praktische« Be- dürfniffe unserer Vaterstadt mit hohem weitem Blick »fassen und würdigen wird, wird die demnächstige Entscheidung ja lehren.