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Donnerstag, den 24. September 1896.
23. Jahrgang
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mit Unterhattrrngs-KeiLage „Sterne und Ktnmen".
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L Die sozialdemokratische Parteileitung, genauer der „geschäfi-führendZ Ausschuß" der sozialdemokratischen Partei, veröffentlicht jetzt im „Vorwärts" seinen Rechenschaftsbericht an den Parteitag zu Gotha. Der Ausschuß nimmt darin, nach der hergebrachten Manier, den Mund natürlich so voll wie möglich: de Bedeutung der Sozialdemokratie soll gewachsen und alle- in schönster Ordnung sein. lieber unangenehme Erfahrungen wird möglichst flüchtig hinweggegangen, vieles überhaupt verschwiegen. Trotzdem kann der Ausschuß nicht umhin, bei den Einzelheiten auch manches zu erwähne», was nicht zur Beftredigung der „Besoffen" gereichen kann. Selbst die Agitation, die ja zweifellos von den Sozialdemokraten eifriger als von jeder andern Partei betrieben wird, ließ im Berichtsjahre stellenweise sehr zu wünsche« übrig. Die einzelnen Orte sind ihrer Pflicht, an den Vorstand regelmäßige Situationsberichte einzusenden, „mehrfach nicht nachgrkommeu" — vermutlich deshalb, weil fie nichts Gute- zu berichten gehabt hätten. Der letzte Parteitag zu Breslau hatte die Durchführung einer einheitlichen Agitation gegen die Gesindeordnungen im deutschen Reich und die Herausgabe agrarpolitrscher, d. h. auf den Bauernfang berechneter AgitatiorS- schristen beschlossen. Diese Beschlüsse blieben aber im Wesentlichen aus dem Pcpiere stehen. Bei der sächsischen Wahlrechtsagitation hat sich die Partei gar gespalten, indem der eine Tßeil die Verschlechterung drS Wahlrecht- mit der Niederl?gung der Mandate beantwortet wissen wollte, während der andere Theil auch unter den ungünstig gewordenen Verhältnissen den parlamentarischen Kampf unentwegt weiter zu führen für gut fand.
Mit der Maifeier ist der Ausschuß zufrieden, ebenso mit der Einträglichkeit des „Vorwärts" und der Buchhandlung desselben. Gleichwohl muß er mittheilen, daS der Gewinn des „Vorwärts" 3500 M. und der Gewinn der „Vorwärts" - Buchhandlung um 9000 Mk. niedriger war als im Vorjahre. Andere Parteibimter erforderten wieder große Zuschüsse auS der Parteikbsse. So erhielt daS BrsSlauer Blatt über 17,000, das Kölner 10,000 Mk. Zuschuß. Der Sozialdemokrat' erhielt 6000 Mk. Zuschuß und ging dann trotzdem ein. Auch ausländische Blätter wurden unterstützt; so erhielten das Agramer und das Bukarester Sozialistenblatt je 1000, die Wiener „Arbeiterzeitung" sogar 10,000 Mk.! Im Ganzen verursachte die Unterstützung leben-schwacher Paiteiblätter einen Aufwand von etwa 7000 Mk. Trotzdem find noch drei Parteiblätter ganz ein gegangen, wodurch die Gesammt- : zahl der Parteiorgane von 76 auf 73 sank, außerdem stellten auch mehrere sozialistische Gewerkschaftsorgane ihr Erscheinen ein; die Zahl der letzteren beträgt jetzt 50 gegen 53 im Vorjahr.
Recht peinlich muß für die „Genossen" die Lektüre ! d-SKassenberichtS sein, denn der geschästSsührende I
Stromaufwärts.
Roman von Cl. Lötschert (M. Brechten).
53] ------- (Nachdruck verboten.) ?
Ja, eS war leichtsinnig gewesen. Hanna fühlte eS \ selbst, als sie zum zehnten Male inmitten des nied- l rigen, mit verblichenem Prunk auSgestatteten Zimmers stand und wieder dieselbe Antwort erhielt: „ES ist nichts für Sie da. Doch warten Sie, ich will noch einmal nachsehen."
Mechanisch ließ sie ihre Blicke umherschweifen von dem ausgedienten rothen Plüschsopha und den staubigen Makart-Sträußen, der üppigen Gestalt der Stellen- Vermittlerin, welche sich, schmuckbeladen, über ihr Pult ] beugte, bis zu dem gewissen Etwa« auf dem Tisch in ■ der Mitte des Zimmer-, da- ihre Augen mit magischer i Gewalt anzuzirhen schien, so oft dieselben auch davon ? sich abwkvden wollten.
Sie konnte nicht mehr denken. Dar Licht der i trübe brennenden Petroleumlampe nahm vor ihrem ■■ Auge einen eigeuthümlichen Schimmer an, eine Art< rothrn Rebel-, in dem Alles in einander schwamm, ; je länger das Blättern dort hinten und der süßliche, ' heiße Geruch in dem engen Raume fortdauerten, der i Dust, welcher wohl betäuben, aber nicht sättigen, konnte.
Ausschuß kann trotz aller Bemühung, schön zu färben, doch nicht umhin, den .Genossen" wie folgt den Kopf zu waschen: „Die Organisationen ganzer Orte und Wahlkreise vernachlässigen ihre Partei« genössischen Pflichten in der gröblichsten Weise, indem sie von ihren Einnahmen Jahr für Jahr keinen Pfennig an die Parteikasse abführen. Leider sind eS vielfach dis ältesten Partei- orte (der Äifer läßt nach, ein löseS Zeichen!), die in dieser Beziehung mit schlechtem Beispiel vorangehen. So haben nach der diesjährigen Ausstellung zwei zusammenhängende Wahlkreise (nämlich Breklatk), in denen bei der letzten R-ichstagSwahl 47 500 svzialdMv- kratische Stimmen abgegeben wurden, einen gement- samen Jahresbeitrag von 6 Mark, ein anderer Wahlkreis (Köln), der beider letzten ReichstagSDshl 18000 sozialdemokratische Stimmen abgegeben hat, einen gemeinsamen Jahresbeitrag von 4 Mk. 85 Pfg. und zwei weitere Wahlkreise mit 14000, resp. 12000 sozialdemokratischen Stimmen haben Jahresbeiträge von 0,00 Mk. abgeliefert." Dar muß allerdings tief betrübend für den Parteikaffirer sein, der den säumigen „Genoffen" in Bre-lau und Köln obendrein auch noch ihre Provinzialblatter mit so bedeutenden Zuschüssen (17000 und 10000 Mk ) erhalten helfen mußte!
Gleichwohl verfügt die Sozialdemokratie von allen Parteien über die reichste Parteikasfr; diese nahm im Brtriebsjahre 270171 Mark ein, von besten 230122 Mk. verausgabt wurden. Uster den Ausgaben nehmen biqenigen für die Agitation (Agitatoren, Flugblätter rc) mit 41512 Mk., die Beamten der Parteivorstande- mit 15 058 Mk. und die Diäten der RrichStagsabgeordneten mit 24147 Mk. den hervorragendsten Platz ein. Da sehen also die von der Sozialdtmokratre beihörtrn Arbeiter, wo ihre Groschen bleiben.
Wie man sieht, bietet der Bericht neben manchem Erfreulichen für die „Genossen" auch viele- Unerfreuliche. Ts zeigt sich schon so etwas wie Altersschwäche bei der Sozialdemokratie. Trotzdem glauben wir aber nicht, daß eS so bald mit ihr abwärts gehe. Die Gewaltpolitik der Stumm und Genossen, da- Ungeschick der Bureaukratie, die sozialpolitische Erschlaffung in Regierung-« und konservativen Kreisen, das überhandnehmende schlechte Beispiel aber ganz besonders, das die „Gebildeten und Besitzenden" durch Sittenlosigkeit, Duellblödsinn u. s. w geben, der Militarismus, die Angriffs auf das Reichstagswahlrecht und so manches andere liefert immer wieder Waffer auf die Mühlen der Sozialdemokraten, Wasser genug, um stets auch noch einen Jungbrunnen zu füllen, aus dem die alternde Partei immer wieder gestärkt hervorgeht. Soll eS besser werden, so müssen die durch GkbmtSreichthum bevorzugten Kreise erst selbst besser werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. September.
* Der Kaiser trifft Erde November in Pleß al- ? Gast des Fürsten Püß zur Jagd ein. — Der Kaiser | hat der,Herweb. Ztg.' zufolge aus seinem DiSpositionS- l fondS für den niedergebraunten Ort Brotterode die Z Summe von 60000 Mark bewilligt. — Nach einer l Münchener Meldung bat der Kaiser daS schon früher i im Besitze des Hauses Hohenzollern befindlich gewesene Schloß Abenberg in Mittelfranken von dem Tenorist:» Schott für 350,000 Mk. erworben.
k * Der Bundesrath ist, wie bis ,Post' hört, zu ^Anfang Oktober einberufen worden. Auf der l Tagesordnung stehen zunächst dir Handwerker-Borlage 5 und die Novelle zr dm Arbeiterversicherungs-Gesetzen, | sowie einige kleinere Vorlagen für Elsaß - Lothringen.
fr Der Kammergerichtsrath Geh. Oberjustizrath v. Glt-zczyrrki, geb am 22. Dezember 1820, hat, wie die ,Kreuzzeitung' vernimmt, seine Dienstentlassung nachgesucht und erhalten. Mit ihm scheidet der älteste der KammergerichtSräthe, wie überhaupt der ! älteste der preußischen OberlandeSgerichtSräthe nach nahezu 55jähnger Dienstzeit ans. Bei seinem 50- | jährigen Jubilcum am 2. November 1891 wurde ihm ! der Rothe Adler Orden 2. Klaffe mit Eichenlaub ver- | liehen, v. GliSzezyaSki ist seit einer Reih- v. Jahren i Mitglied des DiSziplmarhofrS für nichtrichterlich- Be« | amte. Bom Jahre 1886 bis 1893 gehörte er auch « dem Reich!tage als Centrumsmitglied an.
fr DaS ,Armee - Verordnungsblatt^ veröffentlicht | einen kaiserlichen KabtnetSbefehl, batirt vom 5. Sept. 1 ans Bre-lau, woburch dem Husaren-Regimerit ? Kaiser Nikolaus II. von Rußland (1. West- i PhälischeS Nr. 8) der Namenszug seines Chefs, l bi8 Kaisers Nikolaus, zum Tragen auf den Achsel- | klappen u. s. w. verliehen wird.
* Daß der Landtag nicht, wie versprochen wurde, im Oktober, sondern wie immer in den letzten Jahren erst anfangs Januar einberufen werden wird, darf heute als sicher betrachtet werden. Diese Hinausschiebung einer zweifellos sehr arbeit-reichen Session wird allgemein um so mehr gemißbrlligt, als auch die Reichstagsarbeiten darunter leiden werden. Denn es ist klar, daß der Landtag, wenn er erst so spät einberufen wird, alle Tage angestrengt ohne Rücksicht auf den Reichstag, dem ja auch ein großer Theil feiner Mitglieder angehört, wird arbeiten müssen. Und da ja diejenigen Abgeordneten, welche sowohl im Landtage, wie im Reichstage fitzen, im allgemeinen auch die eigentlichen „Arbeitspferde" sind, die sich aber doch nicht verdcppeln können, so muffen nothwendig die Arbeite» beider Parlamente durch Nebeneinanbertagen sehr beeinträchtigt und verlangsamt werden; der Reichstag seinerseits kann keine Rücksicht auf Sen Landtag nehmen, da ihm eine noch weit arbeitsreichere Session, l als dem Landtage bevorsteht. So ist eS denn kaum zu bezweifeln, daß von den Aufgaben des Landtages oder
„Nein, auch diesmal leider nichs Passendes! Damit hörte da- angreifende Blättern auf; daS war für den Augenblick die Hauptsache, nicht der erhaltene Bescheid.
Im Gehen nach der Thür mußte fie eine besondere Wendung ober Bewegung gemacht haben, denn fie würbe noch einmal zurückgerufen.
„Könnten Sie nicht irgenb einen Gegenstand von Werth bei mir niederlegen, nur der Form halber?"
„Ich habe nichts, all dal" — sie zog zwei echte Perlen-Nadeln, ein Geschenk Gerü'S, aus ihrem Haar, so daß die prächtigen schwarzes Zöpfe an ihr nieder« fielen, während Jene fonfuhr:
„Ich habe Sie da soeben genauer beobachtet; eS wäre nicht unmöglich, daß ich Ihnen einen, zwar schon einen halb vergebenen Platz überlaffen könnte, gegen eine besondere Vergütung heißt daS. Kommen Sie jedenfalls morgen wieder."
„DaS kann ich nicht."
„Wie? Sie wollte» doch etwas Feineres, wo möglich, um sich weiter bilden zu können, und nun eröffne ich Ihnen die Aussicht auf eine Anstellung, die ich schon acht orderen jungen Damen fast zugesagt habe, und Sie weigern sich, nur danach fragen zu kommen? Und warum denn nicht, wenn ich bttten darf?"
„Weil ich nicht die Kraft dazu habe."
„O Himmel . . . wie schwach Sie auf einmal auS- sehks! Daß ich daS auch nicht früher bemerkt habe." Sie war eine gutmüthige Frau, trotz ihres vielen besonderen Bergütigungen und ihrem außergewöhnlichen Talent beim Aussuchen der „allein passenden jungen Damen", wenn eS sich um die einträglichsten Stellen handelte. Als sie jetzt das blaffe Mädchen auf einen Stuhl sinken sah, zitternd nab elend zum Sterben, da vergaß sie für den Augenblick alle- andere.
„Geschwind, Betty, bringe den Th re . . . koche auch einige Eier dazu und richte das Stück kalten Braten her."
Und während Hanna nun als Gast an dem gedeckten Tische Platz nahm, der ihre fiebernden Argen angezogen, und den labenden Duft de- Thee'S einsog, welcher ihr vorhin so Übel gemacht hatte, da rannen große Thränen über ihre Wangen herab in der Erinnerung an die au-gestandene Roth.
Bald jedoch hörte Hanna gespannt den näheren Erörterungen ihrer Wirlhm zu. Die Stelle war bei einer russischen Familie ... das Gehalt auffallend hoch, doch touibe verlangt, daß die Erzieherin bet beiden Kinder hinsichtlich ihrer Toilette und ihrer Auftretens befähigt sei, allmälig den Platz der Dame der Hauses tingune^men. Auch mußte ein auf drei