Einzelbild herunterladen
 

M 217 Montag, den 21. September 1896. 23. Jahrgang

FildaerWZkitlllig

mit Anterhatt««ss-Keilage „Sterne mrd Klumeu".

Erscheint täglich, Som,- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnement-Preis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

z Das 250jährige Jubelfest der Marianifchen Bürger- u. Junggesellen-

Sodalität zu Fulda.

Obschon in unseren Tagen zahlreiche Jubiläen aller Art gefeiert werden, dürfte das Jubelfest, welcher die Marianische Bürger- und Junggesellen»Sodalität zu Fulda gestern gefeiert hat, wohl weit und breit feines Gleichen nicht finden; denn daß ein Verein 250 Jahre — ein Viertel Jahrtaufend — besteht, ist gewiß ei« ganz außerordentlicher Treigniß. Außer­ordentlich schön und würdevoll wurde auch dar Fest begangen, entsprechend dem religiösen Charalter deS Vereins.

Nachdem an drei Abenden vorher die Sodalen durch erbauliche Borträge auf eine würdige Festfeier vor­bereitet waren, begann da» Jubelfest gestern früh um 6 Uhr mit der gemeinfchaftlicheu heiligen Kommunion der Mitglieder der Sodalität in der hl. Geistkirche. Wohl kaum dürste von den Mitgliedern der Sodalität — über 600 — auch nur einer bei der erhabenen Feier gefehlt haben, den nicht zwingende Gründe — Krankheit rc. — davon abhielten. @» ist ein großartiger und für da» katholische Herz ein er­hebender Anblick, eine so stattliche Zahl von Männern am Tische de» Herrn vereinigt zu sehen. Nach Been­digung de» Gottesdienste» machte der Herr Präses be­kannt, daß der Vorstand der Sodalität beschlossen habe, folgende Depesche an den heiligen Vater nach Rom zu senden:

650 Marianische Sodalen zu Fulda, welche heute das - 250. Jubiläum ihrer Kongregation feiern, betheucrn dem Heiligen ? Bater ihre katholische Gesinnung, verurtheilen da» am heuttgen Tage i an dem hl. Stuhl einst verübte Unrecht und bitten demüthigst um j den Apostolischen Segen. (Lateinisch: 650 Sodales Mariani Fuldae j 260. jubilaeum suae congregationis ho die celebrantes Sancto j Patri catholicos sensus testantes injurias Sanctae Sedi hodie 1 olim illatas detestantur et benedictionem Apostolicam hu- ‘ millime petunt.)

Es war also diese» Telegramm zugleich ein Protest gegen die gerade am 20. September an dem apostolischen Stuhle geschehene Gewaltthal.

Um */»9 Uhr zogen dann die Sodalen in feier­licher Prozeffion von der hl. Geistkirche durch die mit Fahnen reich geschmückten Straßen zum hohe« Dome, begleitet von beit katholischen Vereinen: Jüng- lingSverein, Gesellenverein, St. JosephSverrin, Meister­verein, Winftidia, kathol. kaufmännischer Verein und der Männergesellschaft M. N. Außerdem nahmen an der Prozeffion Theil eine größere Deputation der Sodalität in Herbstein, die in Begleitung eine» Geistlichen fchon am frühen Morgen erschienen war, um an der Generalkommunion theilzunehmen. Im Dome celekrirte derHochw. Herr Bischof ein feier­liche» Pontifikalamt, in welchem Herr Dompfarrer Ludert im Anschluß an da» Evangelium vom heutigen Feste (Jesu» und Maria und Johanne» unter dem Kreuze) eine ergreifende Predigt hielt über da» Ber- kauen, welcher wir Christen zur allerfeligsten Jung-

Stromaufwärts.

Roman von El. Lötschert (M. Brecht«»).

50] ------- (Nachdruck verboten.)

12. Kapitel. Herbstfchauer.

Erst im Oktober und schon so winterlich rauh!

Ein scheidender Rordost fährt durch die Allee und fegt dar am Boden liegende Laub zufammen, daß eS geisterhaft raschelt uud in ganzen Wehen umherfliegt.

Durch die Hohlgafle herauf kommt ein Herr, der Mühe hat, die ThSre de» einsamen kleinen Hause» avfzudrücken, so fest stemmt fich innen der Wind da­gegen.

Da» halb offen stehende Wohnzimmer rechter Hand ift leer. In dem niedrige« Ofen brennt ein kleine» Feuer — etwa» qualmend zwar von dem starke« Luft­druck auf dem Kamin, aber doch hell und freundlich den sauberen Raum beleuchtend. Sein Schein huscht über dm fleckenlosen Bodm und zeichnet Figurm auf den weißen, wellenförmig verstreuten Sand.

Draußen fällt die Hosthüre hart in'» Schloß — der Wind hat st« Margareth Willbruch au» der Hand geriffm. Sie kommt über die rothm Fliese« im Flur mit einem Bündel grünen Reisigs, da» fie am Ofen niederlegt. Aber em Ast bleibt mit bett graue« Flechten- mose« an der Wolle ihrer Jacke hängm; so tritt fie

lichm Priesterfemmar, die Versammlung mit folgender ;

in denen die Marianifchen Sodalen, mit Gottes Hilfe, sich von Niemanden werden übertreffen liffsen.

Sodann begrüße ich ehrerbiettg das Hochwürdigste Dom­kapitel und die übrigen geistlichen Herren. Besonderer Dank sei jenen gewidmet, welche durch ihr belehrendes und ermunterndes Wort an den drei vorausgehenden Tagen und heute Morgen

Kopf gelegt — das sieht so merkwürdig, so eigenartig auS. Dir Augen — ja die keimt er!

„'» ist kein AuSkommm mehr mit ihr", unterbricht fie seinen Gedaukergang mit jenem halb flüsternden, halb wichtigen grheimnißvollen Tone, in welchem man — just bei solchem Wetter und solch einem behaglich knisternden Feuer — den Kindern em Märchen erzählt.

»Da war zuerst die Stelle bei der verstorbenen Gräfin — Gott hab' sie selig! — mit einem Loh«, wie ec bei uns zu Land schier unerhört ist. Ich hab' mich müde gesprochen; aber sie hat nicht gewollt! Da kommt nun am verwichenen Sonntag der Herr Holster und macht ihr einen Antrag in der allerschönsten und allerfeinstm Form..."

„Der Buchhalter drüben? Der David Holster?"

„Jawohl, eben der."

Die weiße, gepflegte Hand drückt ihre Fingerspitzm gegen die angelaufene« Scheibm, nicht so, als ob fie den Duft hinwegwische«, sondern so, al» ob sie da» GlaS hinaufstoßeu wolle.

„Und was glauben der Herr? Auch er sprach sich müd' uud wieder umsonst! WaS denkt fie nm? Ein solche» Glück von fich zu stoßen!"

„Hm ... ich werde mit ihr sprechen. @1 kommt indessen darauf an, waS Ihre Tochter als Glück anfieht."

Die Thüre geht auf.

Ansprache:

Hochwürdigster Herr'Bischof!

Hochansehnliche Festversammlungl Nos cum prole pia Benedicat virgo Maria 1 ES segne uns Maria rein Mit ihrem lieben Kindelein!

Mit diesem kirchlichen Wunsche, hochansehnliche Festver­sammlung, sei eS mir gestattet, die Abendfeier dieses denkwürdigen 250. Jubeltages der marianifchen Männersodalität einzuleiten, und Sie alle zusammen auf daS Herzlichste zu begrüßen und willkommen zu heißen.

Wenn ich in weiterer Ausführung dieses SegenSgrußeS, den ich von der erhabenen Königin, unserer lieben Frau, welche dieser Versammlung im Geiste und im Bilde präsidirt, erbitte, noch etwas meinerseits hinzufügen mir erlaube, so können und dürfen das nur einige wenige Worte sein. Nach all' dem Ergreifenden und Erhebenden, das wir in diesen Tagen gehört, geiehen, empfunden haben, dürfte es nicht leicht sein, noch etwas Gutes zu sagen, das nicht in ebenso schöner Weise und schöner schon gesagt wäre. Auch darf ich Ihre Erwartung der beiden folgenden Reden nicht allzu lauge Hinhalten.

Zunächst entbiete ich ehrfurchtsvollen Gruß Er. Bifchösl. Gnaden dem Hochwürdigsten Oberhirten der Diözese Fulda, welcher an Gottes und der Kirche Statt wie die gesummte Streitmacht der fuldaischen Kirche, so auch diese unsere Marianische Truppe befehligt. Damit verbinde ich ehrerbietigsten Dank sür dar oberhirtliche Wohlwollen, womit Hochdieselben die Sodalität stets erfreut und ermuthigt haben. Davon zeugt auch Hochdessen persönliche Theilnahme an unserem Feste, das er durch die großarttge Pontificalseier am heutigen Morgen trotz der damit verbundenen Anstrengungen hat verherrlichen wollen. Genehmigen Sie, Hochw. Herr Bischof, für all' dieses gnädige Wohlwollen den Ausdruck des herzlichsten Dankes, und die Versicherung treuen kirchlichen Gehorsams und echter katholischer Gesinnung,

preisen alle Geschlechter."

Hochansehnliche Festversammlung! Noch ist ein Name nicht genannt, der nicht vergessen werden kann, der bei keiner kirchlich- religiösen Feier, noch weniger bei der hemigen, fehlen darf: es ist der Name Leo's XIII., unseres hl. Vaters, der die LeidenS- krone trägt, des ersten Dieners Mariä, der die ihm anvertrauten Gnadenschätze auch für uns so weit geöffnet hat durch Verleihung eines vollkommenen AblaffeS. Zu ihm kaffen Sie noch unseren Blick und unser Herz emporrichten, um dem Gruße, den wir ihm heute Morgen auf den Flügeln deS Lichtes übersandt haben, mündlichen und laute» Ausdruck zu verleihen.

Leo XIII., ist er nicht unser Führer im gegenwärtigen schweren Kampfe? Leo XIII., ist er eS nicht, der nicht müde wird, jedes Jahr, beim Herannahen deS Rosenkranzmonates, vor der Christenheit das siegreiche, nie überwundene Banner unserer lieben Frau vom Siege emporzuheben? Und ist es nicht wiederum Leo XIII., auf den sowohl der Haß der feindlichen Mächte deS Umsturzes wie die Liebe und die Verehrung aller wahrhaft Christus- und Gottgläubigen sich richtet, und der gerade am 20. September, dem unheilvollen Tage der Okkupation Storni, welcher dem Haupte der Kirche vor 26 Jahren die Gefangenschast brachte, doppelt ehrwürdig und groß erscheint?

Darum Bitte ich Sie, verehrte Anwesende, mit mir einzu­stimmen in den Ruf: Leo XIII., unser hl. Bater, der Führer im Streite, der Sodale auf Petri Thron, er lebe hoch!

Mit großer Begeisterung stimmte bie Versammlung in ba8 Hoch auf be« hl. Vater ein. Darauf verka­bel Herr Präses eilte Reihe von Glückwunschbepeschen zum Jubelfeste. Se. Eminenz Karbinal Kopp tele- graphirte: „Der in Pflege kirchlichen Sinnes mtb kirchlichen Lebens jo hochverbiente« Sodalität jenbet

freu haben falle«. Nach ber Prebigt wieberholte« bie Sobalen ihre feierliche Weihe an bie Gottesmutter. Da» Pontifikalamt würbe burch bett mehrstimmigen Gesang ber DomknabenchoreS unter bet Leitung be» Herrn Domkapitular» Müller verherrlicht. Am Schluffe be» Pontifikalamtes stimmte bet Hochwürdigste Herr Bischof bas Te Deurn an und ertheilte soban« be« sakrameritalett Segen. Darauf zogen bie Sodalen in Prozeffion zur hl. Geistkirche zmück.

Nachmittags 5 Uhr fand in bet städtischen Turn­halle eine Festfeier statt. Der Saal war mit Kränzen mtd Guirlanden festlich geschmückt. Im Hintergründe sah man in einer Gruppe von Lorbeerbäumen und frischem Grün die Büste unserer glorreich regierenden Papste« Leo XIII., überragt von einer Statue der Mutter Gottes, während an den Seiten die Statuen bei hl. Joseph und be» hl. Bonifatius standen. Die Berfammlung war recht zahlreich besucht; anwesend wate« Se. Bischöflichen Gnaden, der Herr General­vikar, die Mitglieder des Domkapitel», die Professoren de» Priesterseminar», die Pfattgeistlichkeit und viele Geistliche von auswärts, der Herr Oberbürgermeister mit mehreren Mitgliedern des StadtratheS und des

in so hervorragender Weise zum Gelingen des Festes beigetragen und, wie wir hoffen, das geistliche Leben der Sodalen auch für die Zukunft mächttg gefördert haben: ihr Wort, so versprechen wir, soll nicht auf unftuchtbaren Boden gefallen sein. Herzlicher Dank auch jenem Herrn, welcher mit so großer Liebe und Hin­gabe die falschen Mnderstimmen für daS Ponttficalamt eingeübt und geleitet, und so die Saiten unserer Seele mächtig bewegt hat. Und vergeffen darf ich nicht jenen hochverehrten Herrn, dessen Name mit der Geschichte der Fuldaer Sodalität in den letzten Jahrzehnten so innig verbunden ist, und der auch bald nachher durch «seine Worte unS erfreuen will. Ich brauche nur den Namen des Herrn Generalvicar Engel zu nennen und jeder Sodale gedenkt in Dankbarkeit der großen Verdienste, welche gerade er um das Wachsthum und die Erstarkung der Sodalität in trauriger gefahrvoller Zeit sich erworben. Möge Gott und die hl. Jungfrau, in deren Dienst er so lange seine besten Kräfte gestellt hat, es ihm lohnen!

Und nun lasten Sie mich grüßen unsere lieben Mitsodalen aus Herbstein, welche den mühevollen Weg vom Gebirge her nicht gescheut und in so rührender Weise schon heute Morgen in aller Frühe an der General-Kommunion theilgenommen haben. Sie haben die gemeinsame Mutter in Fulda, die Kongregation I Mariä Himmelfahrt, von der sie vor Jahren abgezweigt wurden, die alten Bande, welche sie an Fulda einst knüpften, nicht ver- gesfen. Nun, die Verehrung Mariä kennt ja auch keine Schranken.

Sodann begrüße ich noch alle bte übrigen verehrten Freunde und liebwerthen Festgenossen, alle die katholischen Vereine FuldaS, begrüßte Der hochw. Präses Der ©ooautüt, Herr welche unserer Einladung gütigst Folge geleistet und heute Morgen

Dam. Schmitt, Regens unb Professor am Bischöf- '■ ihre Fahnen, vereint mit dem Siegesbanner Marias, durch die «ix.— :— u. on-t---r..-- s Straßen der Bonifatiusftadt, hin zum Grabe unseres Glaubens­

vaters getragen und ihre Stimmen mit dem Gesänge der Sodalen vereint haben, oder noch heute Abend ihre Kraft und Kunst ein­setzen werden, um auch ihrerseits beizutragen zur Verwirklichung deS prophetischen Wortes: „Siehe, von nun an werden mich selig

an’» Fenster, um ihn loszulösen, fährt aber in dem­selben Augenblick erschrocken zurück.

„Ei, ei, Frau Willbruch . . . Sie sind boch sonst so beherzt!"

„Freilich, Herr. Aber '» ist auch manch Safier ben Rhein hinabgelaufen, seitdem Sie zum ersten und letztenmal hier gewesen find."

Er nickt unb fieht sich mit Jnttreffe im Zimmer um. „Ja, ich war bamal» noch ein Knabe. Lassen Sie nur" — fie hat ben hinter ihm stehenden Stuhl mit dem Schürzenzipfel abgewischt —, „ich ziehe für bie paar Minuten das Stehen vor. Wo ist Ihre Tochter?

„In bie Stabt, Herr; fie muß aber bald kommen. Wenn ber Herr mit ber Johanna zu sprechen hat, so möcht' ich ihn sehr bitten, dem Mädchen doch einmal ben Kopf zurecht zu setzen." Mrt diese« Worten geht fie nach ihrem gewöhnlichen Platz am Ofen.

„So . . . inwiefern benn?"

Er sieht fie nachdenklich an, wie fie dort sitzt. DaS hell geblümte, zum Schutz gegen ben Wind um- geknüpfte Kopftuch ist zurückgefallen, und das Haar zeigt fich stark und voll, aber eisgrau, trotzdem bie Frau noch keine fünfzig Jahre zähle« kann. E» ist hoch hivaufgeflochte« unb wie eine Krone um ben