M 214 Donnerstag, den 17. September 1896. 23. Jahrgang
mit UnterhaLtrrngs-Keilage „Sterne und Ktumen".
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Deutsches Reich
Berlin, 16. September.
den Beheimrath Dr. v. Luca nur und den Finanz- Minister Dr. Miquel zum Bortrage. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe hatte ein Konferenz mit dem ReichS-Schatzsekretär Grafen PofadowSky ES scheint sich bei diesen Besprechungen um die Kon-
Insel, abrr durch eine Sandbank mit dem Festlande verbunden. Der Wärter hält eS für unwahrscheinlich, daß vom„Jlts" auS das Leuchtthurmlicht gesehen sei, weil die Nacht trübe war.
* Zur Flotten - Frage behauptet die ,Korr. SB.' wiederum, daß Admiral Tirpitz mit den Vorarbeiten für neue Marine-Forderungen beauftragt gewesen fei. Die »Deutsche Ztg.' will von „mehreren unterrichteten Seiten" wissen, Tilpitz habe eine Denkschrift auSge- arbeitet. Dieses Blatt ist übrigens das einzige, daß für weitauSsehende Flotter plane eintrilt; rS meint,
vertirungifrage gehandelt zu haben.
* Der .Deutsch. Ztg.' zufolge ist das Gesuch de» Herrn V. Kotze, ihn vom Amte eines Ceremonien- meisters zu entbinden, von dem Kaiser bewilligt worden.
* Tine Wiener Magistrats s Kommission unter Führung des Ersten Bürgermeisters Strobach ist in Berlin zur Besichtigung der kommunalen Einrichtungen «»getroffen.
* Wre der .Vosi. Ztg.' mitgetheilt wird, hat Dr. Peters, der sich bereit» feit einiger Zeit in London
Schaar irgendwie hervorragt, zur Zeit im höchsten Schwange. Da» zeigt sich namentlich auch in dem fanatischen Hasse gegen die sozialistischen Akademiker, den die zielbewußte» Genossen allerorts ganz ungevirt zur Schau tragen. Noch unlängst hat in einer Berliner Versammlung ein Cigarrenhändler unter dem Beifall seiner Zuhörer sein Mißbehagen über die Akademiker geäußert, die bei den Kandidaturen bevorzugt würden, und die für die Arbeitmacher nur „Bettwacher" wären. Der sozialdemokratische Borwärt»- rebatteur Braun hielt e» unlängst für nöthig, sich in einer Versammlung geradezu zu entschuldigen, daß er auch Akademiker fei und zugleich etwas pharisäisch hinzuzufügen, daß man ihn nicht mit seinen akademischen Genossen auf eine Stufe stellen solle. Man traut den Akademikern nicht, weil man sie einmal al» Ueber läufer aus dem Bourgeoislager betrachtet, und weil man sie andererseits um ihre Bildung beneidet, zum großen Theil auch Leute in ihnen sieht, die sich der sozialdemokratischen Bewegung nur bedienen, um ihrem Ehrgeize zu stöhnen oder ihre Existenz, die sonst irgendwo Riste bekommen hat, anrzuflicken. Namentlich in letzter Hinsicht mag mancher Grund I zum Mißtrauen gegeben fein; aber der Hauptgrund zu der Hetze gegen die akademisch gebildeten Genosten ist doch der echt proletarische Neid auf den Mehrbesitz von Bildung und Wissen, und dar richtige Pöbelverlangen, daß Keiner bester fein dürfe al» der Andere.
Bor den großen Führern machte dieser neidische Haß gewöhnlich Halt, um in sein Gegentheil, eine Art Götzendienst umzuschlagen. Auch Liebknecht sonnte sich lange in dieser Allgewalt und Vergötterung. Es ist nicht unmöglich, daß er schon auf dem nächsten Partei- § tage auch den mißgünstigen Neid kennen lernt, den ' die „zielbewußten Genossen" allen Jenen entgegen« 1 bringen, die nicht ganz so sind wie sie.
* Meinungsverschiedenheiten innerhalb der „Partei der sozialen Gleichheit", der Sozialdemokratie, pflegten bisher in der Weise auSgetragen zu werden, daß derjenige, welcher so unvorsichtig oder so unglücklich war, nur eine Minderheit für feine Ansichten gewinnen zu können, „hinaus- flog". Der alte Liebknecht selbst hat einmal diese» Hinausfliegen als den Gipfelpunkt sozialdemokratischer Parteitaktik mit vergnügtem Schmunzeln gepriesen, und die Jungen, sowie mißliebige Akademiker haben den« auch Gelegenheit gefunden, das Hinan!fliegen praktisch „durchzukosten". Das Ocdrepariren ist freilich nicht als Leitsatz in da» Partei-Programm ausgenommen worden; aber in den Erläuterungen, welche die Führer diesem Programm geben, spielt eS eine große Rolle.
Neuerdings ist nun aber auch, wie die .Tägliche Rundschau' mit gutem Humor schreibt, an Herrn Liebknecht die Frage der HinauSfliegenS praktisch herangetreten, und nun lautet sei« Sprüchlein auf einmal wesentlich ander». Während er geruhsam von Offenbach ans den englischen Genosten die frohe Mär verkündete, daß er die schwierigsten und verzwicktesten Welthändel fein und sauber ein», zwei, drei lösen könnte, wenn erst die sozialdemokratische Gesellschaft etablirt wäre, entspann sich in seinem eigenen Hause ein Handel, dessen Lösung sich al» wesentlich schwieriger heraus- stellte, als die armenische, kretische, kubanische Frage zusammengenommen, oder al» der russisch - englische Gegensatz, oder als die deutsch-fravzöfische Spannung und ähnliche Liebknechi'sche „Bagatellen". Die Redakteure des,Vorwärts' waren über die Gewerkschaft»- Organisation anderer Meinung al» ihr Herr und Meister, und al» dieser auf seiner Meinung beharrte, sagten sie ihm einfach offen die Gefolgschaft auf und rebellir- ten gegen ihn. Ein Theil der sozialdemokratischen Provinzpresse unterstützte die Aufständischen und Liebknecht sah sich auf einmal einer Mehrheit gegenüber, welche nicht übel gesonnen war, ihn hinanrfliegen zu lassen.
Nun änderte Herr Liebknecht seine« Sinn und schrieb an eines dieser ungetreuen Blätter: „Da» absolute Recht der Majorität ist der größte Despotismus und zugleich die größte Absurdität." Das ist ein ganz werthvolle» Zngeständniß des Veteranen der sozialdemokratischen Partei; denn e$ ist eine klipp und klare Berurtheilung der Sozialdemokratie, die ja auf dem absoluten Recht der Mehrheit gegründet ist. Für Leute mit eigenem Denken und eigenem Wüchse wäre in der sozialdemokratischen Gesellschaft nach der Hinausflugsiheorie kein Platz, und eS ist eine Ironie de» Schicksal», daß Herr Lieb- knecht diese Einsicht am Ende seine» Wirken» selbst unterschreiben und selbst gegen sie Einspruch erheben muß! In bett sozialdemokratischen Mafien wird er mit feinem Protest freilich wenig Gegenliebe finden, denn in btt fer ist ber Glaube an bie Unfehlbarkeit ber Massen und dar Mißtrauen gegen Jeden, der auS ber
B"ltn, 16 September, j Leuchtthurmwärter herrührt. Der Schreiber berichtet, * Der Kaiser empfing am Mittwoch Vormittag s baß ber „Iltis" in bte Ausläufer eines Taifun ge- rathen, auf eine Klippe gesetzt und dort auseinander gebrochen fei. Nur das Vorschiff habe sich noch zwei Tage erhalten. Nach bett Berichten be» Leuch thurm- wärters heißt ber Ort, in dessen Nähe der „Iltis" gestrandet ist, Tschueta und ist bei Hochwasser eine kleine
befindet, bett Auftrag zur Auflösung seines Berliner Haushaltes ertheilt. Zu vorübergehendem Aufenthalt gedenkt Peters jeboch demnächst nach Berlin zurückzukehren. (Er wirb nach Berlin kommen müssen, wenn bie vom Kolonial-Amte gegen ihn geführte Untersuchung bi» zur g e r i ch t l i ch e n Entscheidung gediehen fein wird. Dir Red.) Bekannten gegenüber hat er geäußert, „daß ihn die Undankbarkeit der deutschen Vaterländer schmerzlich berührt, welches die Verdienste seiner großen Söhne nicht zu ehren verstehe." Daran» ist wohl zu ersehen, daß die afrikanische Sonne auch auf den geistigen Zustand des Herrn Peter» schlimmen Einfluß auSgeübt hat, denn er leidet entschieden an Größenwahn!
* Die deutsche Kolonial - Verwaltung sucht daS Heirathen in den Kolonien nach Kräften zu fördern. Sn der Sitzung des Ausschüsse» der „Deutschen Kolo- nial-Gesellschast" vom 1. d. M. wurde ein Schreiben deS Auswärtigen Amtes vom 21. August zur Kenntniß gebracht. In demselben wird mitgetheilt, daß bereits seit dem Jahre 1892 die Kolonial - Verwaltung den Leuten der Schutzkuppe, welche sich nach Ablauf ihrer Dienstzeit in Südwestafttka niedergelassen haben, zur Ueberführung einer Braut von Deutschland nach dem Schutzgebiete eine Beihilfe von 350—500 Mark zn- gesichert hat. Es wurde beschlossen, den Eingang des von dem Landeshauptmann erbetenen Berichtes abzuwarten.
* Der,Reichsanzeiger' veröffentlicht einen Bericht de» Kontre-Admirals Tirpitz über den Untergang »es Kanonenbootes „Iltis", welcher Tschifu, den 28. Juli, batirt ist. Aus demselben geht hervor, baß Kontre-Abmiral Tirpitz sogleich nach Empfang ber Nachricht von ber Stranbung be» „Iltis" die „Arcona" und den „Cormoran" nach der Strandungsstelle hat abgehen lassen, er selbst beabsichtigte, mit dem „Kaiser" nachzufolgen, sobald er den Kaiser!. Gesandten von Heittng gesprochen hätte. Dem Berichte sind zwei Anlagen beigefügt, bereit eine von dem geretteten Schreiber be» „Jlti»", bie anbere von bem öfter» erwähnte«
Stromaufwärts.
Roman von El. Lötschert (M. Brechten).
47] ------- (Nachdruck verboten.)
Kein Laut, aber ein gesenkter gold-n schimmerndes Haupt, ein schneebleicheS Gesicht und krampfhaft im Echooße gefaltete Hände; dann der Versuch, aufzu- strhen. Er gelingt, und sehr langsam, ohne den gebotenen Arm zu bemerken, schreitet sie an seiner Seite dem «ach dem Rittersaale führende« Strintreppchen zu. Lange, dicht mit Pflanzen besetzte Glasgänge verbinden diesen mit den Festräumen.
Allein die Stufen find steil, und die Anstrengung bei dem mächtig klopfenden Herzen groß. Mit der Rechten ihr Kleid vorn haltend, greift sie nothge- drunge« nach der ihr zum zweiten Male willig gebotene» Stütze.
„Zürnen Sie mir nicht und vergessen Sie nicht, daß Sie mich zu sprechen gebeten. Ich ihat e», so gut ich konnte."
Der freundlich leise und doch ernst mahnende Ton an ihrem Ohr verfehlt seine Wirkung nicht. Als sie oben sind und an der um den Saal herumlaufenden Umfassungsmauer, eine Art Ballerie, stehen, kehtt ihre sichere Haltung zurück. Sie sucht in ihrem pochenden Hirn nach einem Gegenstände, der Gelegenheit zu einer gleichgiltige» Bemerkung bö.e.
Da, ein leichter Schritt — und eine weißgekleidete Gestalt, die in ber Ferne vorüberschwebt — hoch unb anmuth'g. Wolfgang Herzog glaubt seine Begleiterin erschrecken zu sehen unb sagt in ruhigem Tone: „Es ist nur eine Dame ber Gesellschaft."
Komtesse Ra»felbt lächelt gezwungen. „Nicht doch, ! Sie irren und geben mir zugleich Gelegenheit, Sie um Entschuldigung zu bitten, daß wir einen Eingriff in Ihr Personal getha» haben. Zos ist erkrankt und so i hat bie frühere Bonne Gerte'» einstweilen bereu Amt : übernommen. Nur mit Mühe ließ sie sich überreden, eine meiner Sommertoiletten für diesen Abend anzu- lege«. Merkwürdig, wie dieselbe sie kleidet!"
Dunkele Röthe war bei den letzten Worten in fein Gesicht gestiegen. In dem Blicke aber, mit dem er j gleich darauf auf Irmgard und die goldenen Löckchen niedersah, die ihre Stirn befchatteten, lag der Ausdruck unendlichen Mitleid».
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„Sie find ermüdet vom Tanze, Gräfin. Gestatten Sie mir, Sie unter die Blumen zu führen. Ich bitte nochmals darum." I
Wenn diese Stimme bat, so lag stets etwa» wie ! Befehl darin.
Unter einer Gruppe weißblühender Akazien war ent ; Causense geschoben. Dort ließ sie sich nieder, den schönen Kopf etwoS müde zurückgelehnt. Leise knisternd
schmiegte sich die lichtblaue Seide ihre- KreideS — für ihn ein Stückchen feine» Himmels — an daS dunkele Sammel p.ilster an.
E» war anfangs wirklich kühl unter de« Palmen und Blumen. Ein Z mmer-Springbrunnen sandte er» frischende Strahlen durch den Glrspaoillon. Rach und nach aber machte sich der starke fremdartige Geruch der ausländischen Gewächse fühlbarer; dreLuft wurde heißer, sinnverwirrender und da» um fo mehr, je länger die klangvolle, biegsame Stimme sprach, die mit jenen ein Land unb eine Sonne gemein bitte.
Wie viel Zeit mochte überhaupt verflossen sein, feit bie Stimme begonnen ? Waren es Sekunden ober Minuten? ES schien sich zu Stunden auszudehnen, und noch tönte sie fort in b m mächtigen Halbdunkel, wechselnd und farbenreich, wie bte leuchtenden Blüthen um sie her, schildernb, berauschenb, athemraubenb wie der süßliche Dust, der ihren glockenförmige« Kelchen entstieg. Gab e» denn nichts, da» diesem doppelten Strome Einhalt thun konnte? Ein tiefer Seufzer entfloh ihren schön gewölbten Lippen.
„Gräfin RaSfeldt ... ich habe so lange getoartet, gewartet mit einer mir fremden Geduld."
„Worauf?"
Der Ton, der Blick, mit dem sie zu ihm aufiah, wie er, an den Stamm einer riesige« Fächerpalme gelehnt, vor ihr stand, brachte ihn zu sich. Ja, sie hatte