M 212 Dienstag, den 15 September 1896. 23. Jahrgang
FiildattMZeitrnig
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klnmen".
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X Keine Marinevorlage!
„Spät kommt er, doch er kommt", nämlich der ,Reichsanzeiger4 mit einer Erklärung, daß eine Marinevorlage an amtlicher Stelle nicht beabsichtigt fei. Diese Erklärung knüpft an eine Auslass rng der »Köln. Vztg.4 an, worin gefragt worden war, was Wahres an dem Gerücht von dem durch Kontreadmiral Tirpitz anSgearbeiten Flottenvermehrungsplan sei. Demgegenüber stellt der .Reichsanzeiger4 fest, „daß ein FlotteuvermehrungSplan von jenem Flaggoffizier weder an Allerhöchster noch der der verantwort« lichen Stelle, welche einen solchen Plar allein den gesetzgebenden Köperschaften zugehen lassrn könnte, zur Borlage gebracht worden ist! Hier fällt sofort ine Schärfe auf, mit welcher das ausschließliche Recht der verantwortlichen Stell« zur Vorlage von Gesetzentwürfen betont wird, und man bat dabei unmittelbar dre Empfindung, daß sich die Erklärung der ReichSanz. in ihrer scharfen Begründung und Fassung nur scheinbar gegen die ZeitungSgerüch'.e, in Wahrheit aber gegen den Einfluß der „Unverantwortlichen" richtete. In dieser Aufiafiung wird mau durch die wetteren Ausführungen des amtlichen Blattes nur bestärkt. Schon bie folgenden Sätze lauten, man möchte fast sagen, geringschätzig und auch drohend: „Der Kontre-AdmirÄl Tirpitz -st zu einer derartigen Vorlage nie berufen gewesen und hat fich auch nie in einer St-llung besonder', in welcher ihm em Auftrag zur Ausarbeitung einer Marinrvor- lage hätte zugehen können. D-e Hereinziehung seine- Namens in dieZeitungSpolemikdürste ebensowenig seinen persönlichen Interessen dienen, wie es der Gepflogenheit militärischer Tradition entspricht, einen Offizier in unverantwortlicher Stillung in Gegensatz zu den leitenden Stellen zu brmgen." Schärfer tote hier ist in einem amtlichen Blatte den „Unverantwortlichen" wohl noch nie zu Gemüthe geführt worden, daß sie nichts zu sagen haben.
Im selben Sinne wird dann weiter dargelegt, daß zur Ausstellung der Marive-Vorlagen „ganz allein die Marine-Betwaltuug", welche der Staatssekretär der Reich--Marine-Amtes unter Beravtwonlichkeit de» Reichskanzlers bezw. feine» Stellvertreters führt, befugt ist. ES liege aber nicht in der Absicht der Marine - Berwaltung, von dem b sherigen Gebrauch, durch den Etat dasjenige zu fordern, was die Marine zur Erfüllung ihrer Aufgaben gebrauche, abzugehen und den gesetzgebenden Körperschaften einen
Strorrmnfmarts.
Roman von El. Lötschert (M. Brechten).
45] ------- (Nachdruck verboten.)
Irmgard'» weiße Hände theilten die Baumzweige.
„Gerti, kommst Du noch immer nicht? Dein Fernbleiben beginnt aufzufallen . . . Aber so kannst Du gar nicht zu den Anderen gehen! Soeben find meine Berwandlen von Ziegenhof angelangt, ich will Dich zu Herrn zur $ume führen. Seine Persönlichkeit schützt Dich vor allen taktlosen Bemerkungen."
Gettrud folgte willenlos.
„Du siehst so gebrochen au» . . . sag' mir nur da» Eine: Wa» hat auf der Meinen Weltschau stattgefunden, da» Dich so erschüttern konnte?"
„Richt-, al» mein Fest der Sonnenwende."
Mit ttebenSwürdigem, fast väterlichem Ausdruck neigte sich der Indier zu der ihm Anbefohlenen und bot ihr feinen Arm. Sie war ja ein Kmd noch und em so holdes, dar wohl just um da» Fehlschlagen einer die Toilette oder da» Vergnügen betttffenben Hoffnung geweint — er aber segnete diese Thränen, hatten sie doch die blonde stolze Fee veranlaßt, eine Bitte an ihn zu richten!
Doch während sein reiche», tiefe» Organ die sonnen- durchglühtm indischen LandschaftSbilder vor Gertrud'»
IweitauSschauenden Plan oder eine besondere Marine- Vorlag- zu übergeben, wiche durch dir unübersehbare Entwickelung der Dinge in kürzester Zeit werthloS werden könnte. Diese sehr verständige Aeußerung wollen wir unS für alle Fälle merken!
Den letzten Absatz müsien wir, weil $8 dabei sehr auf die Worifassung ankommt, wörtlich wiedergeben: „Den Versicherungen de» Staatssekretärs im Reichstage und der Budget Kommission, daß exorbitante Forderungen nicht gestellt toetten, dieselben sich vielmehr in denjenigen Grenzen halten sollen, welche entsprechend der wachsende« Bedeutung der Flotte für die Aufrechterhaltung de» Ansehens bei Reiche» und zum Schutz desselben und seiner Jntereffe« in Krieg und Frieden g zogen werden müffm, sollte von dem deutschen Volke und der patriotisch gesinnten Preffe ein höherer Werth beigewesien werden, als den grundlosen Andeutungen über uferlose Pläne, von denen sich die maßaebenden Stellen fern wiffen." Dagegen ließe sich ja wohl einwenden, daß man nun immer noch nicht weiß, wie weit jene „Grenzen" gesteckt sind, „bte entsprechend der wachsenden Bedeutung der Flotte sür die Aufrechterhalrung deS Ansehens dcS Reiches rc gezogen werden müssen", aber wir wollen ohne WenereS zugeb-n, daß solche Einwendungen sich gegen jede Fassung erheben werden kaffen, so lange nicht im Etat bestimmte Zahlen unS vorliegen.
DaS SLwergermcht der Au'fuhrungen bei »Reichs- Anz4 lugt aber auch weniger in dieser wiederholten Ableugnung „uferloser Pläne," als in der Schärf, mit welcher die unberechtigte« Prätensionen der „Unverantwortlichen" zurückgewiesen werden. Du» ist viel beruhigender und wichtiger al» daS Erstere, denn e» beweist, daß die verantwortlichen Stellen wenigsttN» selbst sich stark kühlen und überzeugt find, daß sie den Einfluß der Unverantwortlichen nicht zu fürchten brauchen. DaS ist gewiß schon sehr viel Werth, und eS kann uns nicht einfallen, durch Rührung der Beunruhigung dem FLrüen Hohenlohe, den wir hier einen gutenÄarnps mit erfreulicher Entschiedenheit kämpfen sehen, diesen Kampf zu erschweren. Aber erleichtert werden wir doch ausathmen, wenn die fast zwei Monate, die unS noch von dem Wiederbeginn der Reichstag»- arbeiten trennen, glatt vorüber sind und der EtarS- entwurf UNS lehrt, baß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe in der Lage war, fein Versprechen, nicht mit „exorbitanten" Marineforderungen zu kommen, etnzu- löse«, und wenn er dann überhaupt noch am Ruder ist und nicht etwa einem der Eulenburger oder dergl. hat weichen müssen.
Deutsches Reich.
Berlin, 14 September.
* Der Kaiser ist gestern Vormittag um 8 Uhr in Potsdam w.eder eingettoffen. Zum Empfange war die Kaiferin auf der Wllbpaikstai-on erschien«. Da» Kaiseipaar begrüßte fich herzlichst und fahr in offenem
geisttgrm Auge zu entrollen sich bemühte, ,uy diejeti in Wirklichkeit nicht» vor fich als eine nebelgraue endlose Oede — ihr Leben.
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Diese Stimmung hielt noch vor, al» sie nach vielen Stunde« daheim auf der Veranda ihre» Barer» saß, fröstelnd in ihrem weißen Kleide, Kopf und Schultern in ein dichte» Tuch gehüllt.
Der Garten lag kühl und schattig vor ihr. Fräulein Brüning hatte fich schon zurückgezogen. Zwischen den Bäumen und Hecken sprang aber Asior wie wild umher, zuweilen mit lautem Gebell über Die kunstvollen Beete setzend, dann wieder mit dumpfem Knurre« hinter einen Zierstrauch kriechend, bi» >ha Leon d'E»- parre wieder hervorlockte.
Der junge Franzose hatte schon wiederholt ein Gespräch anzuknüpfen versucht; allein Gertrud erklärte, müde zu sei« — ihr Gesicht leuchtete au» der rothen Umhüllung auch so weiß hervor, daß er et gern glaubte.
Endlich war er de» Spielen» mit oem Hunde überdrüssig, stieg die wenigen Stufen hinauf und blieb in der Nähe de» Schaukelstuhle» stehen. Wie er gegen die geschnitzte Brüstung gelehnt dort stand und da» schöne, stille Rädchen ansah, da verlor et plötzlich alle Herrschaft über sich. Alle guten Entschlüffe, jede Ueberlegung war wie weggeweht. Er trat ganz nahe
zweispännige« Wagen nach dem N'nen Palair. — Der Kaiser hat den Generaloberst der Kavallerie, Graf Walderfee, zum Chef de» Schle»wigschen Feld- Artillerie-Regiment» Nc. 9 ernannt.
* Der ,Reichsanzeiger4 publizirt da» Gesetz betr. die Gewährung von Umzugskosten an Regierung»- baumeister.
* Fürst Karl zu Löweustetn schreibt ««»: „Der Trienter Kongreß findet statt in den Tage« vom 26. bis 30 dr. nad nicht wie in dem Beschluß der Gmeraioerjammluug irriger Weise steht vom 23 —29. Alle Zeitungen werden um Nachdruck dieser Berichtigung gebeten. Karl Fürst zu Löwenstein."
* Da» katholische SU HedwigSkrankeuhau» in Berlin feierte am Montag sein 50jährlges Bestehe« mit einem F xstgotteSbienste in der reich geschmückten Kapelle, wo sich auch zahlreiche Bertteter der Hof-, Staat-- und Grmeindebehörde« eingefunbee hatten. Aach Kulturminister Dr. Boss; war erschienen; er überreichte dem Delegaten Propst Dr. Jahnel ben Rothen Adler-Orden 3 Klass'. Auch die leitende« Aerzte erhielten Auszeichnungen.
* Der Wunsch, daß die Breslauer Kaiserbegegnung eine Verständigung über ein schärfere» Vorgehen gegen den Christenmörder von Byzanz zeit-gen möge, ist allem Ä -schein« - ach nicht in Erfüllung gegangen. Im Gegenteil sehen wir sämmtliche ganz oder halb offiziöse Federn wieder eifrig bei der Arbeit, die Armemer so viel als möglich in’» Unrecht zu setze«. Den Bor- wand müssen ihnen wie gewöhnlich bie angeblichen Sonbetbeftiibttngen England» abgeben und man stellt sich, al» glaube man, daß England beabsichtige, in nächster Zeit den Sultan abzusetze« selbst auf die Gefahr hi«, einen allgemeinen europäische« Krieg herauf- zabeschwöre«. Die Nichtigkeit birst» Gefasel» ist so durchsichtig, daß man vorüber lachen könnte, wen« r» nicht so überau» traurig wäre, zu sehen, wie die Sold- schreibet der deutschen und österreichische« Regierung stch bemühen, durch solche Gespenster - Beschichte« die Armseligkeit der deutsch »österreichischen Orient-Polittk zu verschleiern. Die Festlandsmächte haben übrige«» ein unfehlbares Mittel, um jede Sonderaktion England» zu vereiteln: sie brauchen nur ihrerseits ein schärferes Auftreten gegen den Sultan vorzuschlagen, etwa die Aufhebung de» bie freie Durchfahrt durch die Dar- danelle« verbietenden Vertrage»; England könnte nach seiner ganzen bisherigen Haltung diesem Vorgehen nur stch anschließen, ohne die Führung den FrstandSmächt« entreißen zu könne«. Der Grund, wrum bie Fest- lanbrmächte an ihrer türkenfreundlichen Politik fest- halten, ist nur der, daß es dem russischen Gewaltherrscher nicht behagt, die freiheitlichen Bestrebung« der christlichen Unterthanen der türkischen Gewaltherrschers zu fö dern. @8 wird sogar mehrfach be- stättgt, daß der gute Nikolaus seinen edlen Kolleg« auf dem Throne von Konstantinopel zu der schnell« Unterdrückung deS Armenier - Aufstandes beglückwünscht hat! Er fürchtet offenbar, daß ein Sieg bet
an üe heraa und sprach beredt von feuer Siebe uab • Hoff'rmrgSlosigkeit m seiner eigenen, zum Werbe« so gescyaffenen Schrache.
„Habe ich Ihnen den« jemals gesagt, daß ich Jha« nicht angehören wolle?"
Er stürzte zu ihrer. Füßen: „O Gertrud, scherz« Sie nicht so grausam! Wollen Sie wirklich die Meine werden?"
„Ja. Aber wenn ich daS Wort nicht zurücknehmm soll, so verschonen Sie mich mit diesem Freudenaa»- bruch ... er tödtet mich! Nicht, nicht ... lass« Sie mich, ich will zu meinem Batet!"
Sie ließ ch« stehen und ging hinein.
Ei« leise» Pochen an der Kontor-Thüte.
„Darf ich eintreten, Papa?"
„O, Du bill mein Smd! Ich habe ja Deine Stimme gar nicht erkannt." Er zog sie liebevoll an sich.
„Ich wollte Dir nur sagen, daß ich Leon soeben mein Jawort gegeben."
„Hast Du'» gethan? Ich danke Dir, daß D« meinen Wunsch so g-achtet hast. Und nun komm' z« mir an'» Fenster, und laß mich mit Dir sprechen vo« den Freud«, welche die Zukunft Dir biet« wird t« dem schönen Lande Deiner selige« Mutter!"
Doch ihre Füße bewegt« fich nicht vorwärt», und