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Donnerstag, den 10. September 1896. 23. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klumen«.
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Die Kaiserbegegnung in Schlesien ist durchaus befriebtgenb verlaufen bi» auf eine kleine Störung der Eindrucks durch die schwankende Berichterstattung über den Trinkspruch des Zaren. Nach der ersten Mittheilung des „Wo ff'schen Bureau»", welche mit der Berichterstattung einiger französischer Korrespondenten im Wesentlichen übereinstimmte, sollte der Zar zunächst die übliche Danksagung für die freund- lrche Aufnahme unterlassen, und dann gesagt haben, er sei von denselben traditionellen Befühlen für den deutschen Kaiser und die Kaiserin beseelt, wie sein seliger Vater. Die französische Presie benutzte diese angebliche Redewendung alsbald zu Ausfällen gegen Deutschland, indem an die deutschfeindlichen Stimmungen Alexanders HI. erinnert wurde. Die verbrsierte Berichterstattung geht nun dahin, daß Zar Nikolaus zuerst den Dank für die freundlichen Worte des Kaisers und die Aufnahme in Breslau ausgesprochen und dann versichert habe, er sei beseelt „von den nämlichen traditionellen Gefühlen, wie Ture Majestät". Amtliche Geltung kann nur die letzte Lesart beanspruchen; ob der Kaiser von Rußland wirklich so gesprochen hat, ist nicht von entscheidender Bedeutung, sondern es kommt darauf an, daß er so gesprochen haben will. UebrigenS schien Zar Nikolaus in den Breslauer Tagen nach den Berichte« von Augerzeugen nervös und überarbeitet zu sei«; eine Redefertigkeit, wie unser Kaiser, besitzt er offenbar nicht. Es ist also leicht möglich, daß sein Trinkspruch nicht gerade so gelautet hat, wie er geplant war. Der Zar verehrt seinen Vater und wird seiner gedenken als des Friedensfürsten, der trotz aller Zwischenfälle mit den europäischen Staate« in friedlichen Beziehungen blieb. Am allerwenigsten könnte es dem Zar beifallen, feinen Vater als einen Gegner des deutschen Kaiserpaares erscheinen zu lassen, — und gerade auf die Beziehungen zum Kaiserpaar richtet sich ja eben die Redewendung von den traditionellen Gefühlen. Wir würde« also nichts Beunruhigendes darin finden, wenn Zar Nikolaus wirklich so improvisirt hätte, wie der erste Bericht meldete.
Daß der Zar sich recht kurz faßte in seinen Trinksprüchen, sowohl in Breslau als in Wien, ist nicht bloß aus persönlichen, sondern auch aus politischen Gründen leicht zu erklären. Der Zar muß mit den ; beiden benachbarten Kaisermächten wie ein freundlicher 1 Nachbar verkehren, aber nicht al» angehendes Mitglied ’ des Dreibundes; denn er muß sich zugleich die Fran« < zosen warm halten, die in so aufopfernder Weise ; Rußlands Macht erhöhen und seinen Geldbeutel immer ■ wieder füllen. In Paris muß der Ton um eine Kleinigkeit wärmer gegriffen werden, aber er darf auch ; nicht zu warm werden, um unangenehme Leidenschaften ; zu erregen. Die Klugheit gebietet also durchgängig eine wohlberechnete Reserve. Die beiden Kaiser, die ■ den Besuch entgegennahmen, konnten viel freier und ' frischer reden, als der Zar.
Stromaufwärts.
Roman von Cl. Lötschert (M. Brecht en).
41] ------- (Nachdruck verboten.) <
„Ich habe Ihren französischen Kousin immer als '■ eine« gewandten, unterhaltenden Salonhelden angesehen, aber ihn nicht gerade schön gefunden", bemerkte ; Frau von Lenbach zu der nebe« ihr sitzenden Gertrud Herzog; am heutigen Abend aber erkenne ich, daß er dies dennoch wirklich ist."
„In der That, er sieht ordentlich strahlend aus! s Dar thut jedenfalls die Freude d?S Wiedersehers!" rief ein junges Fräulein, welcher kaum der Uniform deS Pensionats entwachsen zu sein schien. Mit ihr richteten sich wohl fünfzehn Augenpaare von den zuletzt anlangevdeu Gäste« auf die Erbin der Niederburg, auS deren Gesicht aller Blut gewichen war.
„Ihr kommt ziemlich spät, Papa", sagte sie zu diesem, und dann: „Guten Abend, Kousin Löon! Ich hoffe, Ihre Reise hat Sie in jeder Hinsicht befriedigt."
„Jedenfalls dar Ende derselben am meisten; denn r» hat mich wieder zurück an den Fuß des Eichenwaldes, in Ihr schöner Heim gebracht. Bos der Fahrt an und für sich hatte ich mir mehr versprochen. Dar Lahnthal mit seinen beiden engen Bergzügen wirkte wahrhaft beklemmend auf mich; dagegen fand
Die deutsche Regierung ist offenbar von dem Verlauf der Dinge ganz befriedigt. Eine hochoffiziöse Mittheilung besagt, daß die Besprechungen zwischen den leitenden deutschen und russischen Staatsmännern in Breslau „von Neuem die völlige Ueberein- ftimmung derselben sowohl bezüglich der Ge- sammtlage als auch hinsichtlich aller schwebenden Fragen konstatirt" hätten. Entschiedener läßt sich die Beftiedigung kaum ausdrücken. Wie in Breslau, so werden gewiß auch in Wien ernste Besprechungen über die schwebenden Frage« stattgefunden haben. Ja der günstigen Auffassung von den gegen- wärttgen Beziehungen der drei Kaisermächte zu einander bestärkt uns auch die Sprache der russischen Presse. Sie hat sich seit Langem nicht so deutschfreundlich und so friedfertig ausgesprochen, wie in den Artikeln über die Breslauer Begegnung. E» läuft fteilich hier und da ein Ton der Selbstüberschätzung mit unter, indem er so dargestellt wird, als ob Deutschland und Oesterreich durch das großmächtige und großmüthige Rußland mit Glück und Freude überschüttet würden. Aber dieses „Vergnügen" kann man den ehemaligen Deutschenfteffern in Rußland schon gönnen, wenn sie nur sonst zum Frieden reden. Daß der Friede und seine Segnungen auf Gegenfeitigkeit beruhe», wissen wir ja alle, und das amtliche Rußland erkennt es rückhaltlos an. Daß gerade jetzt die Friedens- zuverficht gestärkt wird, ist von besonderem Werthe angeficht» der Krisis im Orient.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. September.
* Der ,ReichSanzeiger^ schreibt: „Getragen von der Liebe der Unterthanen und der Dankbarkeit deS ganzen deutschen Volkes begeht heMe Se. königl. Hoheit der vrotzherzog Friedrich von Baden seinen siebzigste« Geburtstag. Au» den Blättern der verschiedensten politischen Richtungen tönt dem edlen Fürsten da» einmüthige Lob seine» vorbildlichen Lebens und Wirkens entgegen. Tiefer noch, als die Zeitgenoffen, wird einst die Nachwelt begreifen und durch den Mund der Geschichte aussprechen, wie viel da» neugeeinte Vaterland dem echt deutsch gesinnten Herrscher Badens schuldig ist, von deflen Lippen an einem ewig denkwürdigen Tage unserer Geschichte zum erstenmal nach langer Zeit wieder der Name eine» deutschen Kaiser» erklang. Auf der ehrfurchtgebietenden Gestalt, die heute über die Schwelle de» Greisenalters schreitet, ruht ei« Abglanz der milden Weisheit unsere» ersten Kaiser», welchem Großherzog Friedrich, neben dem unvergeßlichen Fürste«, der denselben Namen trug, ein zweiter Sohn gewesen ist. Möchte es ihm beschiede« sein, bis zu den Grenzen menschlicher Lebensdauer seine treuen Augen über da» Wohl seines blühenden Landes und über die Geschicke de» jungen Deutschen Reich» wachen zu lasten!"
* General Brousart von Lchellendvrff, der Ex
kriegSminister, hat sich in Blankensee bei Hamburg eine Billa käuflich erworben, um dort dauernden Wohnsitz zu nehmen.
• Durch die Presse geht die Mittheilung, die preußischen Gewerbeinspektoren seien angewiesen worden, der Frage, ob und in welchem Maaße die Beschäftigung von Gefangenen die freie Arbeit beein- flasse, dauernd ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die hier berührte Thatsache ist, so schreibt die ,N A. Z.', richtig; indessen ist die erwähnte Anweisung der Gewerbeinspektoren bereit- im Jahre 1894 auf Grund einer Vereinbarung zwischen dem Handelsminister und dem Minister des Innern erfolgt. Die Gewerbe- Inspektoren sollen insbesondere etwaige Klagen freier Arbeiter über Beeinträchtigung durch den Wettbewerb der Gefangenarbeit auf ihre Berechtigung eingehend untersuchen, gleichviel ob eS sich dabei um Außen- arbeit der Gefangenen oder um ihre Beschäftigung in den Anstalten handelt. Die GewerbeauffichtSbeamten haben zu diesem Zwecks nach vorheriger Verständigung mit dem Gefängnißvorsteher auch die Arbeitrein- richtungen der Strafanstalt, sowie die von den Unternehmern verwendeten Maschinen zu besichtigen und über ihre Beobachtungen de« zuständigen Stellen zur Prüfung und Beseitigung etwaiger Mißstände Bericht zu erstatten. Die Anordnung hat sich übrigen», wie daS offiziöse Blatt verstchert, gut bewährt.
* Reue Vorschriften für die Prüfung der Thierärzte, welche das Fähigkeitszeugniß für Vie Abstellung als beamteter Thierarzt in Preußen zu erwerben beabsichtigen, werden im Reichsanzeiger veröffentlicht.
* Rach der ,Nat. 3 g.‘ soll in nächster Z-it eine DiSziplinarkammer für Kvlonialbeamte errichtet werden. Die Errichtung einer solchen Kammer hat den Bortheil, daß sie wenigsten» zum Theil an» Per- fönen gebildet werden kann, welche mit den Verhältnissen in den Kolonien bekannt und mit Kolonial- Angelegenheiten regelmäßig dienstlich beschäftigt sind.
* Für Deutschland steht die Bildung eine» großen Müllerringe- bevor. Achtzehn große Mühlenfirmen haben an eine ganze Anzahl von Müllern ein Rundschreiben erlassen, worin diese zum Besuche einer zu konstituirende« Versammlung anfang» Oktober in Berlin eingeladen werden. Er soll daselbst ein eigener Großmühlenverband „zur Abwehr agrarischer Uebergriffe" gegründet werden.
ff. Laut einem Bericht der ,Boss Zig.' ist das neue AuswaudernugSgesetz, welches dem Reichstag bei seiner nächste» Tagung vorgelegt werden soll, dazu bestimmt, vor allem de« Gewerbebetrieb der Au»- wanderungSunternehmer und Auswande ungSagenten zu regeln, sowie Vorschriften über Beförderung von außer- deutschen Häfm auS und über die Beaufsichtigung des AuSwandernngSwesenS im Jntereffe der Auswanderer zu treffen. Da man keineswegs eine Beschränkung dec Auswanderung hHbeiführen will, so dürsten die von der polizeilichen Erschwerung der Auswanderung handelnden Verordnungen des AurwanderungSgesetz-
ich einige Parthieen an der Mosel wunderbar schön." ; „Unter den Bildern ist ein Genrestück, daS ich in — „Ah, endlich doch einmal ein anerkennendes Wort! i Oel auSführen werde, wenn ich hoffen kann, daß Sie Ich glaube, Sie lassen sich sehr leicht von Vorurtheilen | es von mir annehmen. Ls würde die erste Gabe sein, einnehmen, und so ist Ihr Blick schon zum voraus \ Koufincheu!"
getrübt." i „Haben Sie schon meine Großtante begrüßt?"
„Da» ist leicht möglich. Doch ist der Umstand, ! fragte fie, ohne auf die letzte Bemerkung zu achten, daß ich etwa» verwöhnt bin, sehr begreiflich. Wer j „Wenn nicht, so holen Sie er schnell nach, sie ist auS Südfrankreich kommt, wer in jenen paradissifchen ! etwas eigen in solchen Dingen."
Landschaften daheim ist, der stellt eben überall zu < Ihr doppelter Zweck war erreicht. In der Ecke, scharfe Vergleiche an. Ihr Vater und ich sprachen wo Fräulein Brüning saß, wurde der liebenswürdige, heute Abend von Cannes ... Sie sollten meiner al» fabelhaft reich verschrieene Franzose im Nu vo« OheimS HauS sehen, Kousine!" j einer Anzahl Mütter umringt. Die Gesellschaft war
Haben Sie während Ihrer Reise Zeichnungen nach ohnehin größer, als Herzog vorautgesetzt hatte.
der Natm ausgenommen?" unterbrach sie ihn hastig. ? Die Damen, welche nach dem ftühen, im Reben- Sie fühlte da» unwiderstehliche Verlangen, selbst immer« zimmer an kleinen Tischen ausgetragenen Abendessen fort zu sprechen, und die Furcht, eS möchte am Ende zu ihren Handarbeiten gegriffen hatte«, erhöbe« sich schon heute Abend etwas komme«, was sie «och nicht ' nun und nahmen an einer langen Tafel Platz, womit hören konnte, trieb die Röthe der Erregung in ihre : erst der eigentliche gemüthliche Theeabend begann. Die Wangen zurück. „Sie hatten das vor, wenn ich nicht , wenigen anwesenden Herren schoben sich Sessel in die irre", setzte fie hinzu. \ Nähe oder standen mit ihren Taffen umher, manche
„JÄ habe e» auch gethan, ebenso ein kleine» Tage- ' mit so gelangweilten Gesichtern und einer so linkischen
buch geführt, in dem manche» drollige Erlebniß ver- Haltung, als ob sie nicht recht wüßten, wa» fie eigent-
zeichmt ist, ba8 mir in den einzelnen Gasthöfen, wo l,ch mit sich anfangen sollten. Doch da» dauerte nur
ich übernachtete, zustieß. Vielleicht darf ich es Ihnen kurze Zeit.
morgen mit den Ansichten vorlegen." Jemand warf ein Wort von der Witterung hin
„Ich denke, beide» wird mich interesfiren." ' — diesem unter den WeingutSbefitzern bis zum Heber*