Einzelbild herunterladen
 

M 207

Mittwoch, dm 9. September 1896.

23. Jahrgang

4* Der sechste praktisch-soziale Kursus

Erscheint täglich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

FlilimerWZeitiing

mit Unterhaltrmgs-KeUagr „Sterne und KLrrmen".

bei Bolksver ein» für daS kathol. Deutsch­land findet vom 12. bis 17. Oktober d. I. in Schwäbisch-Gmünd (Württemberg) statt. Auf der Tageiordnung stehen folgende Vorträge (Vormittags) bezw. Referate mit anschließender Diskassion (Nachmit­tags): Prof. Dr. Hitze-Münster i. W.: Arbeiterfrage 4 Stunden, Handwerkerfrage 1 Stunde; sodann mit je 1 Stunde: Redakteur Eckard-Stuttgart: Neue Auf­gaben der kathol. Arbeiter-Vereine; Lavdgerichtirath Gröber-Heilbronn: Bedeutung des neue» Bürgerlichen Gesetzbücher für den gewerblichen Mittelstand und Ar­beiterstand; Freiherr v. Köth-Darmstadt: Ländliche Darlehnikassen; Dr. Lieber-Camberg: Maximal-Ar- beitstag; Domkapitular Dr. Linsenmann-Rottenburg; Klerus und soziale Frage; Prof. H. Pesch-Exaeten: Lohnfrage; Dr. Pichler-Passau: Agrarfrage; Dr. Pieper-SR.- Gladbach: Arbeiter - Wohlfahrt««Einrich­tungen; Rektor Schlick-Köln: Handwerker-Genossen­schaften. — Am Mittwoch den 14. Okt. fallen die Bor­träge aus und wird an deren Stelle von dem im vorigen Jahre zu Freiburg i. Br. gegründeten Charitas» Komitee der Erste CharitaStag abgehalten mit folgendem Programm: Dr. Werthmann-Freiburg i. Br.: Die Oraanifation der Charitai-Bestrebungen und Zeit­schrift ,Charitas'; Landesrath Brandts-Düsseldorf: Soziale Bedeutung und Aufgaben des Mädchenschutzei; Pfarrer Eisenbarth-RereSheim: Behandlung sittlich ge­fährdeter und gefallener Mädchen; Landgerichtirath Gröber-Heilbronn: Gesetzgebung zum Schutze der Sitt­lichkeit der weiblichen Jugend; P. Cyprian 0. Cap. Mariabuchen: Bestrebungen der Nichtkatholiken auf dem Gebiete bei Mädchenschutzei; Kanonikus Wörnhör- München: Marianifcher Mädchenschutz - Verein zu München und die katholischen internationalen Mädchen- schutz-Bestrebvngen. — Sm Donnerstag, de« 15. Okt., Nachmittags, findet die General-Versammlung des Ver­bandes Arbeiterwohl statt. Hauptqegenstand der Verhandlungen wird die Reform der WohnungS-Ver« bältNifie, speziell die Arbeiter-WohnungSsrage sein. — Anmeldungen event. mit Angabe der Wünsche betreff» Beschaffung einer Wohnung im Privathause oder Gast­hofe find frühzeitig zu richten an Herrn Stadtpfarrer Saile in Schwäbisch-Gmünd (Württemberg).

Deutsches Reich.

Berlin, 8. September.

* Die allgemeine Handwerker-Konferenz wurde hier heute Bormtttag 91/» Uhr in DräselS Festsaal eröffaet. Seitens der Regierung waren erschienen Geh. Oberregierungirath Dr. Sieffert aus dem Hand-liministerium, der Verfasser des Gesetzentwurf» betreff inb die Abänderung der Gewerbeordnung zur Organisation des Handwerks, Geheime Regierungirath (Brunner aus dem ReichSamt des Innern. Bon hervorragenden Führer« der Handwerkerbewegung

waren anwesend der freikonservative LandtagSabgeord- nete Baumeister Fetisch, die CentrumS-LandtagS- bezw ReichStagSabgeordneten Metz«er und Euler, die Obermeister Faster, Beutel, Bernard und Schumann (Berlin), Zander (Halle), Möller (Dortmund) u. a. Der Vorsitzende der Central« auSschuffei des deutschen JnnungiverbandeS, Faster, führte den Vorsitz und testete die Verhandlungen durch ein übersichtliches Referat über die Vorlage betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung zur Organisation de» Handwerks ein. An da- Referat schloß sich eine lebhafte Diskussion, in welche anch die Vertreter der Regierung eingriffen. Znr Spezialdiskusstoa sind bereits zahlreiche AbänderungSanträge eingebracht worden. Wie bei der vorjährigen Konferenz am 29. bis 30. Juli sollen die Ergebnisse später offiziell ver­öffentlicht werde«. Die Konferenz wird 3 Tage in Anspruch nehmen.

* Die Denkschrift des Landwirthschasts - Ministers berichtet il6er die Wirkungen der Aushebung des JdentttätS-Rachweisei folgendermaßen:

In Folge dieser Maßregel hat sich nicht nur die Ausfuhr von Getreide und Mühlenfabrikaten gehoben, sondern es kommt jetzt auch in den Ausfuhrhäfen Danzig und Königsberg der Unterschied des Preises zwischen unverzolltem ausländischen und inländischen Getreide um denBetrag des Zolles im Gegen­satz zu früher voll zum Ausdruck, und es ist ferner der Unterschied zwischen den Getreidepreisen im Osten (Danzig und Königsberg) und dem Westen (Mannheim und Neuß) erheblich gesunken, zeitweise sogar gänzlich ausgeglichen. Die Ausfuhr von Weizen hat sich von 2931 D.-Ctr. im Jahre 1893 auf 699,109 D.-Ctr. im Jahre 1895 gehoben, die Roggen- ausfuhr von 2705 D.-Ctr. auf 359,923D.-Ctr. Die Ausfuhr von Hafer betrug 1893 2760 D.«Ctr., 1895 dagegen 514,272 D.-Ctr.; die Ausfuhr von Gerste ist von 82,349 D.-Ctr. auf 490,197 D.-Ctr. gestiegen.

i? Der Ceremonienmeister von Kotzt, ber gegen­wärtig seine Festungshaft i« Glatz abbüßt, soll, wie bem .BreSl. Gen.-Anz.' von einem Augenzeugen mit- gecheckt wirb, in persönlicher Angelegenheit aus einige Tage beurlaubt gewesen sei«. Diese« Urlaub hat er theils bei seiner Gattin in Lübeck, theili in Breslau zugebracht. (Bin fideles Gesängniß!

* Gegen ben konservativen Reichstagsabgeordneten Prediger Schall hat ber protestantische Pfarrvereiu Lüben I wegen ber unglücklichen, ungewollten Heiter­keit erweckende« Art und Weise, wie er in seinen Reichs- tagSreden die protestanttsche Sache vertreten hat (z. B. bezüglich der Doppelehe Philipps von Hessen), eine geharnischte Erklärung einstimmig beschlossen.

* Görlitz, 8. S-pt. Rach der Mittagstafel int Ständehause gestern Nachmittag vlio Uhr erfolgte um 6 Uhr Abends die Abreise de» russischen Kaiserpaares «ach Kiel. Dieselbe gestaltete fich zu einer neuen groß­artigen Kundgebung. Auf bem Platze vor bem Bahn­hofe war eine Ehrenkompagnie sowie das Wahlstätter Kadettenkorps aufgestellt. Die ganze Einfahrtftraße war mit einem Militär kordon besetzt. Auf dem Bahn­hofe fanden sich särnrntliche hier anwesenden Fürstlich- ketten ein; dieselben versammelten fich in ber Licht­halle. Kaiser N kolan» fuhr mit dem Kaiser Wilhelm

im erste«, die beiden Kaiserinnen im zweiten Wagen. I« ber Lichthalle verabschiedete fich Kaiser Nikolaus von de« Fürstlichkeiten und höheren Offizieren. Nach dem Aufstiege durch ben Tunnel zum Bahnhofssteige intonirte bie Kapelle bie russische Nationalhymne. Kaffer Nikola«» küßte ber Kaiserin Auguste Viktoria bie Hanb unb bann bie Wangen; in derselben Weise verabschiedete sich Kaiser Wilhelm von der Kaiserin Alexandra. Die beiden Kaiserinnen umarmten und küßte« sich darauf in sichtlicher Bewegung. Auch die beü>en Monarchen umarmten unb küßten fich in über­aus herzlicher Weise. Als der Zug sich in Bewegung setzte, winkten fich die beide« Herrscherpaare AbschiedS- grüße zu. Bei ber Rückfahrt des Kaiser» Wilhelm unb ber Kaiserin Auguste Viktoria «ach bem Stände­hause erschollen jubelnde Hnrrahs seitens der Be­völkerung. Die Stadt war festlich erleuchtet, die Schaufenster der größeren Geschäfte waren prachtvoll geschmückt. Um 7 Uhr Abends begann int Gefell- schaftthanse der Oberlaufitz da» Paradediner. Bei demselben saßen Kaiser Wilhelm und Kaiserin Auguste Viktoria «eben einander. Zur Linken der Kaiserin saß der Graf von Turin, rechts von dem Kaiser Prinz Ludwig von Bayern Bei dem Diner brachte Kaiser Wilhelm auf dar V. Armeekorps eine« Trinkspruch au», ben wir schon gestern unsere« Leser« als Tele­gramm mittheilen konnten. General ber Infanterie Freiherr v. Serckt bankte Sr. Majestät. Nach ber Tafel folgte em großer Zapfenstreich. Zahllose Men- schenmaffen durchflutheten noch in sväter Nachtstunde die Stabt. Sämmtliche Hotels und Privatwohnungen der Stadt waren von Truppen unb Offizieren üb er­füllt. Die Kaiserin unternahm heute Vormittag eine Rundfahrt durch bie Stabt unb besuchte bie Peter»- kirche, besichtigte bie Rathhau»treppen, das „Heilige Grab" und das Diakoniffenhau» und begab fich hierauf nach dem BlockhanS, wo ber Oberbürgermeister ihr die Gegend erklärte. Zu ben Orbenrauszeichnungen, welche der Kaffer von Rußland verliehen hat, ist «och zu erwähne«, baß ber Seneralabjuta«t be» Kaisers v. Hahnke ben St. AnbreaSorbeu, der Oberhofmarschall Graf zu Eulenburg ben Alexander- Newskyorden mit Brillanten und der Chef der Civil- kabmetr Wirkt. Geh. Rath v. Lucanu» de« Weiße« Adlerorden erhalten hat.

* Kiel, 8. Sept. Der Kronprinz ttaf heute früh 71/* Uhr von Plön hier ein und wurde von dem Prinzen Heinrich empfange«. — Die gesammte Ma- növeiflotte, an der Spche der Kreuzer „Kaiserin Augusta", lief heute früh 8 Uhr hier ein. Die Schiffe hatten über den Toppen geflaggt. — Anläßlich der An­kunft Ihrer Majestäten de» Kaiser» und der Kaiserin von Rußland ist der Bahnhof sowie der ganze Weg vom Bahnhof bi» zum Schloß mit Blumen, Gnirlanden unb Fahnen in russischen unb deutschen Farben reich geschmückt. Die Ankunst der Majestäten erfolgte um 10 Uhr. Zum Empfang waren am Bahnhof an- toefenb der Kronprinz, sowie der Prinz und die

Stromaufwärts.

Roman von El. Lötschert (M. Brechten).

40] ------- (Nachdruck verboten.)

Mit einer artigen Bewegung lud Wolfgang Herzog seinen Gast ein, zu seiner Rechten Platz zu nehmen. Der Tffch war nur für zwei Personen gedeckt, aber wie stets mit derselben Genauigkeit und zierlichen Eleganz, ob nun Fremde zugegen waren oder nur die Glieder der Familte. DaS alte Silbergeräth erinnerte an die gediegene Vornehmheit be» Hause»; eS blitzte im Lampenlicht mit ben ans bem geschnitzten eichenen Büffet aufgestellten krystallenen Prunkgefäßen um bie Wette.

Die Fenster stanben weit offen; beim e» war schwül. Al» ber erste Gang vorüber unb bie Herren mit Wein versehen waren, winkte ber Hausherr bem anfwartenbe« Diener, fich zu entfernen.

„®ir werben un» allein mit bem Röthigen ver­sorgen. Hier, Leon, ist warme» Fleisch unb dort Kompote."

»Rein, bester Oheim ... nach Ihnen, bitte. So, baute."

Herzog genoß nur wenig; aber er beobachtete um w schärfer feinen Gast. Immer wieder glitt da» hellblaue forschende Augenpaar von den schönen Ge- !

mälden an den Wänden in ihren breiten Goldrahmen und der dunkeln nußbraunen Thürvertäfelnng nach ber Miene be» neben ihm Sitzenden.

Wie eS auch sein mochte, er hatte keinen Anhang, ber lästig werden konnte, wie dies bei Dohna's oder einem der benachbarten Weingut»befltzer der Fall war. Charles Reufville war eine ihm verwandte Natur; sein Neffe noch jung unb lenksam; er ließ fich vielleicht heranziehen wie ein Sohn. Unb zeigte er fich dennoch leichtsinnig, so wohnte der strenge Oheim in nächster Nähe, um ihm ben Daumen auf'» Auge zu hatten.

LeonS Schulde«, unb zwar nur bie angegebenen, waren allerdings beträchtlich. Was wollte ba8 übrigen» sagen, ba da» Vermögen be» jungen ManneS dieselben gut um da» Zehnfache überstieg, von Gertruden'- Mitgift ganz abgesehen. Gerti mußte überdies fort oder wemgsten» bald anderweitig gebunden sein. Ein Etwa» in ihrem Gesichte sagte seinem erfahrenen Blicke, daß ihr Herz einen tieferen Stoß erlitten, als er neulich geglaubt. Sie mußte gewaltsam von ihren Gedanken abgelenkt werden, wenn sie nicht dahin- schwinden sollte!

Eine schnelle Berührung ber Tischglocke rief ben Diener herbei.

»Eine Flasche Achtundsechziger Auslese, Hinterhaus!" Leon b'Tsparre stutzte. Diese Sorte, welche sonst

nur bei festlichen Gelegenheiten auf ben Tisch (am, für sie Beide? Was mochte denn dahinter stecken?

„Sie wollten etwa» sagen, Leon. . . nicht? Ich glaubte es an der Bewegung Ihres Mundes wahr­nehmen zu können."

„Allerdings. Ich wollte fragen, woher es wohl komme, daß Koufine Gertrud sich hu Ganzen so kühl meiner angelegentlichen Werbung gegenüber verhalte. Sie kann hier doch unmöglich Jemanden kennen gelernt haben, ber einen tieferen Eindruck auf ihr junges Ge- müth gemacht hat."

„Unmöglich, sagten Sie? AH,Lson, ba spricht bie Eitelkeit des Franzosen aus Ihnen!" entgegnete Herzog etwa» geringschätzig unb stellte bie inzwischen gebrachte bestaubte Flasche neben fich. „Sie kennen bie Herren unserer Kreise kaum zur Hälfte. Warten Sie einmal bis zum Balle ber Gräfin Raunheim, ber in Kürze stattfinben wird, unb bann sehen Sie fich bie junge Männerwelt etwa» genauer an! Wahrlich, es find anziehende Persönlichkeiten darunter, ausgezeichnet durch Rang oder Geburt, durch vorzügliche Erziehung oder bedeutendm Reichthum. Selbst in einem Falle, wo dies alle» fehlt, ba tritt persönliche männliche Schön­heit, Geist unb jene» moralische Gewicht so sehr in ben Borbergrund, daß ihr ein schwaches Mädchmherz sehr leicht zum Opfer fallen könnte, "j IAMMM