M 204 Samstag, den 5 September 1896. 23. Jahrflan«
FuIdaerMZeitiiiig
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WM- Erstes Blatt.
♦ Zu den Kaisertagen in Breslau schreibt der .Reichsanzeiger' in seinem nichtamtlichen Theile:
„IhreMajestäten der Kaiser nnd die Kaiserin von Rußland werden in den nächsten Tagen zum ersten Male seit ihrer Thronbesteigung aus deutschem Boden weilen. Freudigen Herzens begrüßt dar deutsche Bolt in dem junge«, mit so vielen Tugenden geschmückten Herrscherpaare den edelsinnigen Sohn Alexanders der Dritte« und die erlauchte Fürstin aus deutschem Stamme, die an seiner Seite den Thron des befreundeten Rach- barreicheS ziert. Die kommenden Tage werden dar zwischen den hohen Gästen und unserem Kaiserpaare bestehende Band herzlicher Zuneigung noch fester knüpfen. Möge eine vertrauensvolle Freundschaft der Herrscherhäuser für immer daS Wahrzeichen sein, unter welchem Deutschland und Rußland sich in friedlicher, oft gemeinsamer Arbeit der Erfüllung chrer Kulturaufgaben widmen können."
Dem in den letzten Worten gezeichneten Programm wird man nur freudig zustimmen könne». Ob Deutschland und Rußland bisher nach diesem Pro- Samm verfahren sind, ist eine Frage für sich, deren eaatwortrmg wohl mehrfach weniger freudige Empfin- | düngen wecken würde. Wir haben aber jetzt keine Ber- ! anlassung, uns mit der Vergangenheit zu beschäftigen; \ die Gegenwart und die nächste Zukunft dagegen bietet i Anlaß genug, zu wünschen, daß nach jenem schönen Programm auch thc-tsächlich verfahren werde.
Gerade jetzt bietet sich zwei so mächtigen Reichen, wie Deutschland und Rußland, eine Kulturaufgabe ersten Ranges, der sie sich in friedlicher, gemeinsamer Arbeit widmen können und müssen. Das ist die Aufgabe, wieder Frieden und Ordnung zu stiften in dem Wetterwinkel Europas und den unter der grausamen Tyrannei deSHalbmond schmachtenden und verblutenden christlichen Völkern den Weg zu bessern, erträglichen Zuständen zu ebnen. Lange genug haben die mächtigen Reiche des „christlichen" Europa rath- und thatloS in feigem Zage» der scheußliche» Christenverfolgung im türkischen Reiche und sogar den Gemetzeln in Konstantinopel selbst zugeschaut, eine Thatsache, die stet- einen Schandfleck in der Geschichte aller europäischen Großmächte bilden wird. Jetzt endlich, nachdem Tausende und Abertausende armeniskber Christen geschändet und geschlachtet worden sind, rafften sich die Botschaft ter in Konstantivope zu einem ersten, etwa- energischerem Schritte auf, indem fie in einer gemeinsamen Vorstellung die türkische Note, welche alle Schuld den ! Armeniern zuschob, widerlegten und bewiesen, daß die \ türkischen Staats» und Hofbehörden den i blutdürstigen Pöbel zur Verfolgung der | Armenier geradezu aufgeboten und orga« ? nisirt hatten! Damit — so schreibt jetzt selbst die \ offiziöse ,Nordd. Allgrm. Ztg.' — ist also dar ' Schlimmste bestätigt, wat verschiedene Blätter - über daS Konstantinopeler Blutbad berichtet haben, s Auch dem oft osfiziös bedienten ,Hamb. Korrefp.' wird < aus Konstantinopel von dem Ausspruch einer „ver- - bindung-reichen Türken" geschrieben, der erklärt hat: i „Es besteht die Ordre, drei Tage zu wüthen - und zu morden, war von den Armeniern erreichbar ist." Auch ein Bericht der offiziösen österreichische» ' Korrespondenz - BureauS ergibt, daß daS Christen- . gemetzel von Oben herunter angeordnet war. Hochstehende Staats- und Hofbeamte hätten den , Pöbel zum Morden aufgemuntert; erst nach zwei Tagen i des Mordens, am Freitag, fei der Befehl ergangen, ; die Verfolgung der Armenier einzustellen, ein Befehl, I zu dem der Sultan fich natürlich nur durch die drohendere | Haltung der Botschafter veranlaßt sah. In den Moscheen ; wurde vor dem Beginn des Morden- öffentlich gebetet! ! So wurde der moSlemitischr Pöbel von Obe» her i sanatifirt und organisirt.
Jtt es da za viel gesagt, wenn wir den Sultan ein Ungeheuer in Menschengestalt, eine» zehn- ; tausendfachen, ja — wenn wir an die Abfchlachtungea ■! in Armenien und Kreta selbst denken — einen hundert« - tausendfache» Mörder nennen? Und für einen : solchen Massenmörder soll ei auf Erden keine Strafe
geben?! Der erste Schrttt ist ja, wie gesagt, von den Botschottern jetzt auf einem befferen Wege ge- tha», ein Schritt, der — wie sogar die ,Post' zugibt — dazu nöthigt, „den einmal betretenen Weg bir zn Ende zu verfolgen, weil jedes, auch nur scheinbare Zögern und Schwanken den auf der Lauer liegenden Fanatt-mu- de» muselmännischen Pöbels von Renem zu Wuthausbrüchen reizen müßte." Die .Post' warnt die Festlandsmächte außerdem davor, den Engländern, die ein ganzer Geschwader in die türkischen Meere entsandt habe«, die Führung in einer so hochwichtigen Angelegenheit zu überlassen. Wir hoffen, daß die beiden mächtigsten Herrscher Europa-, die jetzt in Bre-lau fich begegnen, nicht die Abficht habe», die Führung in dieser Frage den Engländern zufallen zu lasten. Mögen fie sich selbst entschlossen an die Spitze einer großen Hilf-- und Schutz-Aktion für die von den Türken geknechteten Christen stellen; da- wird fich ihnen über kurz oder lang beim Zusammenbruch de- O-manenreich- lohnen. Und außerdem ist un-, wenn Deutschland und Rußland einträchtig in dieser ernsten Frage zusammenwirken, der Friede gesichert, und die Breslauer Kaisertage werden dann einen Markstein in der Weltgeschichte bilden!
Deutsches Reich.
Berlin, 4. September.
O Der Kaiser hat aus Anlaß der Anwesenhett bei den Manöver« der V. und H Armee-KorpS in Schlesien zahlreiche Auszeichnungen verliehen. Es haben unter Anderen erhalten: Die Brillanten zum königlichen Kronen-Orden I.Kl.Dr. KoppKardinal- Fürstbischol von Breslau; da- Großkreuz der Rothen Adler-Orden-Fürst von Hatzfeld-Trachen- 6erg, Oberpräsident der Provinz Schlesien; die Brillanten zum Rothen Adler-Orden 1. Klasse mit Eichenlaub Dr. v. Seidewitz, Wirkt. Geh. Rath und Vorsitzender des schlesischen Provinzial-Landtag- zu Görlitz; den Rothen Adler-Orden 1. Klaffe Graf von Pückler-Burghauß, Ober-Mundschenk und General-LandschastS-Drrektor von Schlesien auf Ober- Weistr'tz, zu Breslau; die königliche Krone zum Rothen Adler-Orden 2. Kl. mit Eichenlaub Dr. v. Heyde- brand und der Lafa, Regierungspräsident zu BreSlau; den königlichen Kronen-Orden 1. Klaffe mit dem Stern: Dr. v. Bitter, RegierungSpräfident zu Oppeln, Dr. v. Heyer, Regierungspräsident zu Lieg-- nitz, und Schwarz, General-KommisstonS-Präfident zu BreSlau; den königlichen Kronen-Orden 2. Klaffe v. Roeder, Landeshauptmann von Schlesien zu BreSlau, und Graf von Tschirfchky-Renard, Mitglied deS Herrenhauses an! Schlanz und zu Groß- Strehlitz; den Rothen Adler-Orden 3 Klaffe mit der Schleife Pütter, LandeSgerichtS-Präsident zu Reiße; den Rothm Adler-Orden 3. Kl. Graf v. Pro schma, auf Schloß Falkenb-rg; den königlichen Kronen-Orden 3. Kl. Bender, Oberbürgermeister zu BreSlau. Bon sonstigen Auszeichnungen erwähnen wir, daß dem bekannten Grafen Fred-Frankenberg, Mitglied deS Herrenhauses und des StaatSrath», aus Ttllowitz, Kreis Frankenberg, und dem Rittergutsbesitzer unb Professor, Mitglied d«r königlichen Akademie der Künste, Ferdinand Grafen von Harrach auf TiefhariSmannSdorf, Kreis Schönau, der Charakter al» Wirkt. Geh. Rath mit dem Prädikat „Exzellenz", sowie dem 1. Bürgermeister Warmbrunn zu Reiße der Tttel Oberbürgermeister verliehen worden ist.
* Dem Prinzen Albert voa Sachsen, jüngstem Sohne des Prinzen Georg, ist, wie die,Post' hört, von dem Kaiser bei der Parade bei Zetthain der Schwarze Adler-Orden verliehen Vorder. Prinz Albert wurde am 25. Februar 1875 in Dresden geboren und gehört der Armee als Premierlieutenant im König!. Säcks. 2. Jägerbataillon Rr. 13 an.
* Der Reise der Kaiserin nach Plön soll, wie neuerdings mitgtthettt wird, ein Unfall deS Prinzen Eitel Friedrich zu Grunde gelegen haben. Der Prinz war, als er mit feinem Bonny über ein Stoppelfeld ritt, mit dem Pferde gestürzt unb von diesem leicht am Fuße beschädigt worden. Ec ließ fich zwar sogleich auf da- Pferd heben und ritt zur Stadt zurück; die Kaiserin wollte fich selbst nun von dem Zustande ihre» Sohne- überzeugen und fuhr sofort noch Plön.
Der Prinz mußte kotz der unbedeutende« Verletzung das Bett hüten.
* Die Zeitungsnachricht, daß der Generaloberst Freiherr v. Lok fich demnächst in den Ruhestand zu begeben gedenke, findet, wie der ,Köln. BlkSztg.' au» Koblenz geschrieben wird, in dortigen mit der Familie des Generals in Beziehung stehenden Kreise» schon deshalb Glauben, weil derselbe schon in seiner Stellvng als kommandirender General mit der Abficht umging, au» Gesundheitsrücksichten vom praktischen Dienste zurückzutreten und nur durch sei» stark entwickelte» Pflichtgefühl daran gehindert worden ist. Frhr. v. Los hat bereit- vor mehrere» Jahren in Bonn ein Hau» käuflich erworben, um nach seinem Rücktritte den Rest seiner Tage an einem Otte zu verleben, an den ihn außer seiner Studienzeit und an- der Zeit, wo er da- König-- Husaren - Regiment kommandirte, so mannichfache Beziehungen fesseln.
* Der Finanzminister Dr. Miquel, welcher zur Zeit auf der Besitzung seines Schwiegersohnes in Schlesien weilt, ist, wie ein Berichterstatter meldtt, daselbst nicht unerheblich erkrankt, weshalb sein Urlaub, der am 1. September abgelaufen war, ihm verläugett werden mußte.
* Die Landräthe find der ,Kreuzztg.' zufolge von der Regierung angewiesen tootben, eine übersichtliche Zusammenstellung aller derjenigen Vorschriften einzu- reichen, die in ihren Kreisen durch OrtSpolizei- Berordnuugen zur Durchführung der Grundsätze der Gewerbeordnung bekeffend den ArbeÜLMUtz^er- laffen worden find. Hierbei find auch ete noch in Geltung stehenden älteren Vorschriften zu berücksichtigen. Ferner follen in eine gesonderte Zusammenstellung auch diejenigen bezüglichen Vorschriften ausgenommen werden, die lediglich auf Grund deS Landrechts erlassen worden find.
* Betreffs der Geheimhaltung der Steuererklärungen und Bermögen-anzeigen weist der Finanz- Minister dir mit der Einschätzung beschästiqtm Beamte» erneutdaranf hin, daßdieBorschristen übrrGeheimhaltnag der Steuererklärungen und Bermögen-anzeigen sowie der Kommisfion-verhandlungen über diese Angelegenheit auch dann beachtet werde« müssen, wenn die weitere Aufbewahrung der betreffenden Urkunden a»S dienstlichen Interessen nicht mehr erforderlich ist. Die Personal- aften über die Steuerpflichttgen, insbesondere die Steuererklärungen und BermögenSanzrigen, find in jedem Falle bis zum Ablauf eine- fünftährigen Zeitraumes nach dem Schluffe desjenigen Jahres aufzubewahren, in welchem der betreffende Steuerpflichtige gestorben ist. Wird alsdann zur Bernichtuung der bezüglichen Akten geschritten, so darf dieselbe nur im Wege des Einstampfens erfolgen, wobei durch geeignete Maßregeln dafür Sorge zn tragen ist, daß jede Kmnt- nihnahme des Inhalts von Seiten Unbefugter aus« geschloffen bleibe.
* Wie schon berichtet, findtt am 29. und 30. d. M. im Rathhaussaale zu Berlin der erste nögewetne preußische Städtetag statt. Die Sitzungen beginnen Dien-tag 12 Uhr Mittags und Mittwoch 11 Uhr Vormittags. Die Tagesordnung ist laut der ,K A. Ztg.' folgende: 1) Neuwahl des Vorstandes. 2) Satzungen. 3) dies Forderung der gesammten Berwaltungs-(Wohl- fahtt--)Polizei für alle Städte und die Durchführung de- Polizeikosten-GesetzeS, Referent: Stadkath Wentzel- BreSlau; Correfermt: Kämmerer Kötte-BreSlau. 4) Anstellung der städtischen Beamten auf Lebenszeit oder auf Kündigung. Referent: Oberbürgermeister Becker- Köln ; Correfermt StadtsyndikuS Weise Berlin. 5) Heranziehung der Stadtgemeinden zur Uebernahme von Geschäften für allgemein staatliche Zwecke unb zur Verableistungen zu Gunsten der Geiammthett. Referent: Senator ReimersdeS-Osnabrück; Correferent: noch unbestimmt. Zn Punkt 2 der TageSordung schlägt ber Berliner Magistrat Folgendes vor: „Den Stäbtttag bilden die preußischen Städte mit mindestens 25000 Einwohnern Jede Stadt mit weniger als 50000 Einwohnern ist berechtigt, einen Vertreter, jede Stadt von 50000 bis zu 100000 Einwohnern zwei Vertreter zu entsenden. Die Städte mit 100000 unb mehr Einwohnern können für die ersten 100 000 Einwohner zwei Bettrtter für jede fernere 100000 Einwohner je einen Vertreter entsenden. Die Stadt Berlin kann fich durch neun Abgeordntte vertreten lassm. Die Abstimmungen erfolgen nach Stimmenmehrhett.^Beüräge