Vellage jur Wulösev Zeitung.
Jtl 196
DonnersLcrg, öen 27. August 1896.
23. Jahrgang
Stromaufwärts.
Roman von Cl. Lötschert (M. Brechten).
30] ------- (Nachdruck verboten.)
Ein Schrei um Hilfe entfährt dem zu Tvde geängstigten Mädchen. Indem nähert sich ein vom Wein glühendes Gesicht dem ihren — sie spürt den heißen Athcm dicht an ihrem Ohr, und zum zweiten Mal schreit sie auf — zitternd, wild, verzweifelt!
Da taucht ein in se wer Hellen regelmäßigen Schönheit wohlbekanntes Gesicht über d-r lärmenden Gruppe auf — ein jäher, kräftiger Schlag auf dm sie umschlingenden Arm macht diesen schlaff herabstnken.
„War geht hier vor? Halt, laß ab von Deinen slavifchen Gewohnheiten, RiS . . ."
Hanna hört nichts mehr. Wie ein befreite- Wild stürzt sie die Treppe hinauf, in ihrer athemlosen Hast dem Hauptportal statt dem Hvfchurrn zu. Irr der Stille de- unteren Flure- aber begisnt der au-gestandene Schreck nachzuwirken. Uuwrllkürlich sinkt sie an der untersten Treppenstufe in die Knree, sich am Geländer frsthaltend.
Da — eilige Schritte werden laut. „Kommen Sie mit auf mein Zimmer!" tönte e- Plötzlich hinter ihr, fo rauh befehlend, fo barsch, und da- m demselben Augenblick, das sie zum zweiten Mal in ihrem Leben beginnt, mit Dank an „Gertrud- Vater" zu denken. Willenlos folgt sie ihm mit dem müdm Schritt, der ihr allmälig eigen geworden, seit sie sich von Allen gemieden weiß.
Es ist hell im Komptoir. Herr Wolfgang Herzog sicht hinter dem Tisch, ans dem der Brief liegt, der lhr auf der Kellertreppe entfallen.
„Lassen Sie die Thür offm!"
Sie gchorcht, und dann sieht sie auf. Wie ist der Mann todteublrich! Die Lippen fest zusammengepreßt!
„Und um eine- solchen Wische- willen, des BrieseS eines bloßen Bekannten, haben Sie fich da hinunter gewagt?" herrschte er Hanna an und zeigte auf da- offene Schreiben.
„Man hatte mir gesagt, daß er möglicher Weise wichtige Nachrichten enthalten könne," stotterte sie mit schwachem Versuch, sich zu Vertheidigen.
„O ja! „Möglicher Weise" hätte er von Goldminen, Brand und Todtschlag handeln können . . . thatsächlich enthält er einen Wetterbericht. Doch wie dem auch ist: Sie wußten, daß ich ausdrückäch verboten hatte, daß Jemand von den weiblichen Personen meine- Hauser am heutigen Abend fich unten blicken ließe."
„Verzeihung, Herr Herzog, ich wußte von nichts. In da- Nähzimmer kommt oft tagelang Niemand."
„Dann hätten Sie auch wissen können, daß Sie nicht unter eine weintrunkene Menge gehörten! Ein anständige- Mädchen fühlt da- von selbst! Aber das paßt ganz zu de«, war ich neulich schon eine Stunde nach meiner Heimkehr erfuhr und nicht glauben wollte. Nun habe ich den besten Beweis: da- Gegenstück zu dem Benehmen während der Stunden meiner Tochter, denen Sie . . . gleichsam al- Hüterin beiwohnen sollten! Wahrlich, meine Tante traf das Richtige, al- dieselbe Sie in Ihr jetzige- abgeschiedene-Revier verwies! .... War dachten Sir sich eigentlich dabei, al» Sir den Unterricht, welchen Fräulein Gertrud erhielt, nebenbei auch für ihre eigenen Zwecke benutzten?"
Hanna'» Athem flog, das Blut kam und ging unter ihrer feinen, dunkeln Haut. Sie verstand fast keine der ihr entgegengeschleuderten Beschuldigungen, und diejenigen, welche ihr deutlich waren, faßte sie in ihrem Sinne auf.
„Sprechen Sie . . . ich will eS wissen!"
„Ich ... ich dachte . . . Fräulein Herzog gehe doch nicht» ab, wenn ich . . ."
„Ha, ha! Sie besitzen ja eine köstliche Naivität! Nur schade, daß dieselbe, wie ich mich heute Abend überzeugte, stark an Mweibliche Frechheit grenzt, und mit der gleichen schönen, zum Glück seltenen Eigenschaft nahmen Sie Geschenke an und sicherlich auch Briefe ..."
„Da» war kein eigentliche- Geschenk!" ries Hanna mit bebender Stimme; „auch habe ich Fräulein Brüning wiederholt gebeten, tue wenigen Begleitzeilen zu lesen; sie hat e» aber nicht gewollt."
Er lachte höhnisch aus. „Natürlich nicht; ober haben Sie vielleicht erwartet, daß die Dame dr» Hause» nach mit der Durchlesung der Privatbriefe ihrer Dienerschaft sich befassen werde?"
„Nein; aber man soll auch Niemanden ungehört und ungerecht verurtheilen!" Zugleich wallte das alte auftührerische Gefühl, das sie dem reichen Manne gegenüber stet» empfunden, wieder in ihr auf — sie ahnt, sie verspürt e-, wie einen scharfen körperlichen
Schmerz, daß sie in dieser Stunde in ihren heiligsten weiblich.» Rechten gekränkt worden ist. Ihre Aufregung wird übergroß — das war nicht mehr der vorige müde, gebrochene Ton, mit dem sie jetzt rief: „Ich weiß überhaupt nicht, was man eigentlich von mir will . . . was Sie Alle gegen mich haben!"
Herzog stutzte und sah Hanna an, wie sie dort stand im Schatten der Thüre ohne jede Spur von Furcht oder Schuldbewußtsein in dem dunkeln schönen Gesicht.
„Lassen Sie mich gehen, lasten Sie mich gehen!" „Nnn, so gehen Sie doch. Ich halte Sie ja nicht!" Seine Arme fielen mit fast höhnischer Geberde an den Seiten herab.
Sie eilte hinaus, ohne Wort, ohne Gruß, hastete dir Treppe hinauf, an Gertt- Gemächern vorbei und floh durch den gespenstigen rothen Saal. Die kleine m den Thurm führende Thüre stand weit offen. Im rothen Nähzimmer war der Docht der Lampe tief hinabgeschraubt und Trinchen's Stuhl am Fenster leer. Mit einer wilden Geberde wurden die sauber zusammen- gelegten Damasttücher bei Sette geschoben, daß fie hierhin und dorthin auf die Erde fielen; dann legte Hanna den Kopf auf die Tischplatte und brach in laute» leidenschaftliche» Weinen au».
* * *
In den Arbett-sälen und Borhallen de» berühmten Bildhauers Carpcaux ging es in den Morgenstunden lebhaft zu.
Es war die kurze Zeit der vormittägigen Pause; so sah man denn die meisten der jungen Kunstnovizen in dem großen Hinterzarten auf und ab wandeln, während vorn Gehilfen und Dienstmänner in wthen Blousen, welche fertige Statue« fortzuschaffen hatten, sich breit machten.
Bon all' dm heiteres Stimmen mit de« dazwischen tönenden Gepolter, untermischt von manchem französischen Kernfluch der Blvusenmänner, von all dem Gyprstaub und dem dumpfen Steingeruch verspürte man in der vornehmen Sauberkeit und Stille der oberen Stockwerke nichts.
Eine kleine zierliche Mädchengestalt mit offenem braunem Haar verließ eben an der Hand ihrer Erzieherin das elegante Frühstück-zimmer. Beide schritten langsam die mit breitm holländischen Läufern belegte Treppe hinunter. Doch die» ging nicht ohne Aufenthalt vor sich: dmn bei jeder Stufe suchte dar Mädchen den darunter liegenden Messiagstab mit ben hohen Absätzen seiner Stiefelchen zu treffen, um ihm jenen hell kliagendm Ton zu entlocken, den e» gern hörte. Manon Carpeavx liebte die Musik für aller, «nd wo immer sie selbst einem gar nicht in den Bereich der musikalischen Jnstrnmmte gehörenden Gegenstand einen Klang oder Laut entlocken konnte, da that sie es.
„St, Manv» . . ordentlich gehen!"
„Ich bin schon zwei Stufen ganz ehrbar und regelrecht hinuntergegangen! Aber nun sagen Sie mir auch, wenn ich nachher so recht fleißig war ... so recht!... werden wir dann auch am Nachmittag nach Fontrnay aux Roses fahren?"
„Gewiß, mein Kind, Mama hat e- ja soeben erlaubt."
„O, tote freue ich mich! Wir bringen auch herrliche Blumen für Ihre schöne Freundin Romanie mit; denn auf dem Rückwege müssen wir unbedingt bei Monsieur O'Danne vorsprechen, der so wundervoll spielt. Ach bitte, liebste Miß Waitwell!"
„Vielleicht, wenn unS noch Zeit dazu übrig bleibt", erwiderte die junge Engländerin. „Doch für'S erste wollen wir jetzt Monsieur Achilles daS Billet übergeben, das irrthümlich unter die Postsachen Deiner Eltern geschoben worden."
Manon nickte. DaS lebhafte Kind stürmte in da» offensteheude große Atelier hinein und strich kosend über den Hellen saltenreichen Arbett-rock des Vater-. „Wir sind wichtige Boten . . . hier ein verirrtes Billet an Deinen Lieblingsschüler."
„Da muß ich den Glücklichen wohl schleunigst herbeischaffen laflen ..." Mit einer artigen Verbeugung gegen „die blonde Tochter AlbionS", wie sie von den jungen Herren genannt wurde, und einem etwas schelmischen Lächeln winkte der Maestro einem der Gehilfen.
Der junge Künstler kam. Manon sprang an ihm empor, während die Dame ihm mit vertrauender, heiterer Miene die Hand reichte.
„Komm' mit, Wildfang, Du hast die neue Löwen- grvppe doch noch nicht gesehen", gebot Carpeaux mit einem gütigen Blick auf die jungen Leute.
Sle standen allein, draußen im Borsaale. „LieS zuerst die Karte, sie könnte eilig sein", bat sie.
Er that es. „Ah von Leon!" „Dem Bräutigam Deiner Schwester?"
„Ja, und ich muß sofort zu ihm. Die Karte hat eine bedeutende Verzögerung erlitten. Doch Du, meine AthenaiS, mein süßes Lieb, waS treibst Du? Roch Alle- wohl daheim?" Er legte den Arm um ihre Schulter und strich zärtlich über das reiche aschblonde Haar, da» ein Gesicht umrahmte von solch' reiner Farbe, wie sie eben fast nur bei den Kindern de» lieblichen Alt-England zu findm ist.
„Dank, mein Achilles! Mama schreibt, daß ihr altes Leiden sich ein wenig gebessert hat, und mir geht es auch gut. Wer so, wie ich, von Kind auf an ein einfaches, thätige» Leben gewöhnt worden ist, der liebt feine Pflichten. Doppelt leicht aber werden die- selben, wenn man eine süße Hoffnung nährt und auf ein frohe» Ende Hinblicken darf."
„Und diese» Ende wollen wir Beide fest im Auge behalten, meine holde Blume. In längsten- einem Jahre sind wir am Ziele. Bis dahin hoffe ich ein bescheidene» Kapital errungen zu haben; da- kommt zu Deinen Ersparniffen, und dann nehmen wir Dein Mütterchen zu un», das mir meine Athenai» so herrlich erzogen!"
Ein seliges Lächeln überflog da» liebliche Gesicht. „Du guter, treuer Mann!"
„Doch nun leb' wohl, Lson wird schon mit Schmerzen auf mich warten."
„Leb' wohl! Wenn wir können, werden Manon und ich am Nachmittag kommen, um Deinen Vater spielen zu hören. Grüße mir einstweilen Romame."
* * *
In dem nämlichen Zimmer, in welchem er an jenem Oktober-Abend die attgriechische Statuette betrachtet hatte, aber nicht in derselben sorglos nachlässigen Haltung, traf Achilles O'Danne seinen Freund an.
Mit allen Zeichen der höchsten Ausregung wandette der junge Franzose umher, bald diesen, bald jenen Gegenstand anfaffend.
„Ust Gottes willen, Lson, was gibt’» ? Bist Du krank, daß Da mich so eilig hierher rufst?"
„Eilig? Ja, sicherlich habe ich Eile, aber Du kehrst Dich wenig daran, fönst hättest Du mich nicht eine ganze Stunde warten lassen. Und krank? Wollte Gott, ich wäre e»! Alles würde besser sein, al» da» . . . Wenigstens hätte ich dann Grund, diesem Stufe auszuweichen."
„Welchem Rufe? Sage mir doch klar, was Dich ankommt und waS eigentlich passirt ist."
„Was passirt ist? Nichts mehr und nicht-weniger, als daß mein Oheim mich schleunigst zurückruft. Da liegt der Brief, gestern Abend mit dem letzten Zuge angekommen."
„Dich ab ruft, auch wenn Da noch hier zu bleiben wünschest? Wie, hast Du mir nicht hundertmal versichert, Du feiest in allem Dein eigener Herr?"
„Nun ja . . . wie man'» nimmt. Das bin ich auch. Aber Du weißt doch, daß man älteren Verwandten immer Rücksichten schuldet, und mein Onkel hat überdies seit meinem zehnten Jahre Vaterstelle an mir vertreten."
Mit dieser nur halben Erklärung setzte sich Schiller' Freund auf einen der Seidenmuff-, schlug ein Bein über das andere und bewegte den Fuß hin und her, unruhig ärgerlich. Achilles O'Danne stand vor ihm, den Künstlerkopf nach feiner Weife etwa- zmückgebogm und Lson betrachtend. Dabei nahm fein Gesicht einen mißtrauischen und nach und nach verstötten Zag an.
! Fortsetzung
Vermischtes.
* Exclnfiv. A.: „Waren Sie schon in Rom, gnädige Frau?" — Frau von I.: „Nein, wo alle Wege hinsühren, dahin gehe ich nicht!"
Literarische-.
„Katholischer Schulfreund." Die soeben zur Versendung gelangte August-Nummer dieser vortrefflichen katholisch-pädagogischen Monatschrist ist abermals durch reichen Inhalt in Wort und Bild ausgezeichnet. Professor Kovar setzt die Ueber- setzung seiner mit so großem Beifalle aufgenommencn Rede über die „Religiös-sittliche Erziehung der Jugend" fort; Br. E. schließt seine interessante Schilderung der k. k. Waisenhauses in Wien und Appell setzt seine gediegenen Mahnungen an die kath. Lehrer Oesterreichs fort. Der „Katholische Jüngling" enthält einen praktischen „Leitstern der Jugend" und neben vielem anderen Interessanten eine kleine Biographie Julius Dietels, eines mustergiltigen Mitgliedes des I. Wiener kath. Jünglingsvereincs, sowie eine interessante Beschreibung von KukuS in Böhmen, dem Begräbnißorte des berühmten Reitergenerals Spork. Bei dem billigen Preise von 1 fl. 20 kr. für einen ganzen Jahrgang und der schönen Ausstattung ist eS erklärlich, daß die treffliche Monatschrift bereits große Verbreitung gefunden hat. Als Illustrationen zieren das Heft: Das k. k. Waisenhaus in Wien, em Porträt des Fürsterzbischoss Dr. Theodor Kohn, eine Ansicht von Kopenhagen, „Mariä Krönung", Kukus und ein Porträt Julius Dietels.
Solch' vorzügl. Tabak habe kaum erwartet... lauten taus.Zuschrist. a. B.Becker i.Seesen a.H.üb.Holl.Tabak, 10 Psd. lose i.Beut. 8M.