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193 Montag, den 24. August 1896. 23. Jahrgang

FilldlikrWZkitllng

mit UnterhaLturrgs-KeiLage „Sterne und Kinmen".

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£5 43. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands zu Dortmund.

Dortmund, 23. August.

I.

„Die Sache wird großartig", so wurde neulich aus Dortmund eine siegeSgewisse Vorhersage laut, und wahrlich, der Prophet, der so geschrieben, war kein schlechter. Der Andrang ist ganz ungeheuer. Schon am SawStag sah man Leute, die absolut im Hotel und nicht in „PrivailogiS" wohnen wollten, ver- zweiflungsvoll suchend umherirren: die Gasthäuser waren alle bis auf den letzten Platz gefüllt. Aber Dortmunds Bewohner, auch viele Andersgläubige, haben in fchöner Gastlichkeit so viele Quartiere in ihren Wohnungen zur Verfügung gestellt, daß doch jeder ein guter Unterkommen findet. Auch an Ort und Stelle ist die Antheilnahme groß; nicht weniger als über 2000 feste Abonnements auf das Festblatt find dafür ein deutlicher Beweis. Im Ganzen werden mindestens 5—6000 Exemplare von den einzelnen Nummern des Festblattk gedruckt werden müsfen.

Wen» eine Katholiken - Versammlung überhaupt verregne» könnte, so hätte man gestern Vormittag die ernstesten Besorgnifle hegen müssen. Schwere graue Wolken bedeckten den ganzen Himmel und sandten einen ebenso kräfttgen wie ausdauernden Regen herab. Das „Weichbild" der Stadt war unter solchen Um­ständen nichts weniger als einladend, am wenigsten draußen beim Fredenbaum, wohin füns Tage lang viele Tausende mehrmals täglich pilgern sollen. Dal muß ja eine feucht-traurige Versammlung werden, wenn eben eine Katholiken-Versammlung überhaupt verregnen könnte! Aber einmal hat ei noch nie eine ganz verregnete Katholikenversammlung gegeben, son­dern immer wieder lachte der Himmel freundlich, wenn er einmal einen Regenschauer gesandt hatte, so daß der Eonnenschein im Bortheil war. Und dann läßt sich eine Versammlung wie die der Katholiken Deutsch­lands durch kein Wetter verderben. Also bange machen lassen wir unS nicht. Und richtig, gestern Nachmittag schon klärte es sich auf. Zwar gibt er noch einige Spritzer, aber der Himmel wird doch immer blauer, so daß wir in dieser Beziehung den kommenden Tagen mit ziemlicher Ruhr entgegensehen können, zumal da wir schon eine dreiwöchige Regenperiode hinter unS haben, die doch endlich einmal aufhören muß. Im Sonnenschein nimmt sich Dortmund schon ganz ander! aus als heute Vormittag. Bei dem Namen Dort­mund denkt man gewöhnlich an Kohlen, Eisen und Bier und stellt sich eine rauchige, schmutzige, mühselige Stadt vor. So ist er indcß nicht. Daß hier viel und schwer gearbeitet wird, sieht man allerdings der Stadt und den Menschen an, aber daS ist wohl kaum etwas TadelnSwertheS. Dortmund war bekanntlich im Mittel- alter eine reiche, freie und mächtige Hanfastadt. „Das stet is org, dem ryke holt, Verkoept dat nicht umb

Stromaufwärts.

Roman von El. LStfchert (M. Brechten).

28] ------- (Nachdruck verboten.)

7. Kapitel. Irren und Wirren.

Herr Wolfgang Herzog war für kurze Zeit verreist. Die Bewohner der Niederburg athmeten unwillkürlich ein wenig freier auf; denn wenn auch Fräulein Brüning das häusliche Uhrwerk in tadellosem Gang erhielt, so ließ man sich doch etwa- mehr gehen, als sollst.

Nur die hübsche Tochter deS Hausherrn schien sonder­barer Weise unter einem gewissen Zwang zn stehen. Ihre reizenden Züge drückten eine pnnliche Gespann- fctt aut, welche die Folge innerer, mühsam unter­drückter Aufregung sein mußte.

Wenn sie nicht mit Irmgard von Rasfeldt zu­sammen war — die beiden jungen Damen hatten eine wahrhaft schwärmerische Freundschaft zu einander ge­faßt, welche von Irmgard- Seite mehr der mütterlichen Zärtlichkeit einer älteren Schwester glich — so saß sie in dem Speisesaal, dessen Thüren nach der Veranda hin wett offen standen. ES war schon Februar und die Witterung ungewöhnlich milde.

Aber obschon Sertrnden'S zarte Hände fast nie ohne ein aufgeschlagenes Buch zu sehen waren, so er­freuten sich dennoch die Blätter desselben der größten

alles galt“, stand, wie uns der für die Besucher der Generalversammlung verfaßte Fremdenführer erzählt, über dem ehemaligen Oftenchore zu lesen. Bon der mittelalterlichen Herrlichkeit ist nun fteilich außer einer Reihe prächtiger Kirchen, dem alten, sehr restaurationS- bedürftigen Rathhause und der Fehmlinde nicht viel übrig geblieben. Rur die Straßennamen in der inneren Stadt erinnern noch an Zeiten, wo die Namen­gebung für die Straßen noch nicht fo nüchtern be- trieben wurde wie heute. Dafür zeigt uni aber Dort­mund, was eine fleißige, zähe und energische Bevölkerung in wenig Jahrzehnten aus einem kleinen unbedeutenden Städtchen unter günstigen äußeren Bedingungen mache« kann. In seinem Straßenverkehr und seinen neuen Bauten, insbesondere den öffentlichen, zeigt el bereits den Charakter der Großstadt. Bor allem aber zeigt es uns, wo» energische, opferwillige Katholiken leisten können. Bon 10 000 Seelen rasch auf 50 000 ange­wachsen, haben die Katholiken Dortmunds sich mehrere neue Kirchen, ein prächtiges und originelles Gesellen­haul u. s. w. geschaffen. Dal katholische BereinSleben steht in höchster Blüthe.

Heute hielten die Dortmunder katholischen Vereine ihr Berbandlfest ab, gewissermaßen all Präludium zum deutschen Katholikentage. Ein Leviten­amt in der Liebfrauenkirche, wobei Dechant Hammer an! Wolfstein eine begeisternde Festpredigt hielt, er­öffnete daS Fest. Mittag! bewegten sich die Vereine in imposantem Zuge durch die Hauptstraßen Dortmund», und dann fand eine große Versammlung i« der Kronenburg, wo der Abg. Dr. Porsch die Festrede hielt, statt.

Daß die Dortmunder bei aller Arbeitsamkett auch recht vergnügt sein können, verrache» uni ihre Fest­lokale. WaS brauchte der Fredebaum de« größten Saal Deutschlands zu haben, wenn el nicht so viele vergnügte Dortmunder gäbe, die sich ab und zu von del Tage! Last und Hitze erholen wollen. In diesem Saale wird bekanntlich die Generalversammlung tagen. Heute war man den ganzen Tag über noch fieberhaft an der Ausschmückung thätig. DaS Schönste wird man aber ohne Zweifel draußen im Garten erblicken. Beim Eingänge leuchtet uns die mächtige Gestalt der dl. Bonifatius entgegen, dal Kreuz in der erhobenen Rechten, den Hntenstab in der Linken, auf hohem Felsen stehend Gegenüber dem rückwärtigen Eingänge znm großen Saale steht eine herrliche Gruppe der „Charttal." Urheber dieser beiden Kunstwerke ist der Münchener Künstler Busch. Schade, daß fte aul so vergänglichem Material hergestellt find. In einem eigen! für diesem Zweck errichteten Gebäude in dem­selben Garten ist die Ausstellung für christliche Kunst untergebracht. Sie ist namentlich au8 Rheinland und Westphalen reichlich beschickt. Besonders interessant ist die Ausstellung alter Knnstwerke, theill im Original, theill in Abbildung. Dergleichen verdient die Aus­stellung deS Bereins für christliche Kunst eingehende Aufmerksamkeit, vor allem wegen der vorgesührten

Ruhe, nid Herr Bernhard hätte, wenn gefragt, nicht über allzu groß; Fortschritte seiner Schülerin berichten können. Er begnügte sich damit, sie zuweilen erftauot anzusehen und durch diese stumme Sprache gleichsam eindringlich um größere Aufmerksamkeit zu bttten.

So wurde eben ihre Zerstrenthett die Ursache, daß er sie öfter- ansah — öfters, al» für sie Beide gut war. Sie aber dachte vorläufig nur an eines: ob die stille Beobachterin am Fenster de» blauen Zimmer» wieder da» Tuch, an welchem sie doch sticke« sollte, im Schooßr liegen habe, uib Augen und Mund mit jenem merkwürdige« Ausdruck — o ganz und gar nicht mit dem gewöhnlich thnlnahmlosen Blick — dem Tische zukehre. Und sie lauschte auf die geringste Veränderung m Herrn Bernhard'- Stimme — wenn er da- geist­volle Gesicht um einige Linien der Stelle zugewandt hatte, wo der eifrige Lehrer allerdings eine dankbarere Zuhörerin wußte.

Sie zerknüllte und zerriß das Buchzeichen in ner­vösem Spiel. Dann blickte sie auf — nein, fte hatte sich geirrt. Er sprach nur zu ihr, und in seine« Miene« lag etwa- wie Bekümmerniß. Doch der Spiegel gegen­über zeigte die „Stickerin", welche jede- Wort mit wahrer Gier auf jufangen schien. Wenn sie doch ein­mal diese- Mädchen lo- wäre!

Als die Stunde vorüber war, trat Gertrud Herzog

Gemälde und Kartons. Soweit der Fredebaum für die Nebenversammlungm und AnSschüffe nicht aulreicht, stehen der Generalverfammlung noch die in der Nähe liegende WilhelmSlust und die HobertSburg zur Ver­fügung. Auch in ihnen wurde gestern fleißig an der AuSfchmückung gearbeitet. Sc lange es in Strömen regnete, konnten die Dortmunder nicht recht daran gehen, ihre HSnfer mit Flaggen und Kränzen zu ziere«. Als eS aber am Nachmittage sich aufhellte, begann e- sich überall zu regen, so daß die Stadt morgen offenbar im schönsten Schmuck prangen wird. Wenn man den Bahnhof verlassend auf bett Burgthor benannten Straßmtheil kommt, hat man zur Rechten unb zur Linken einen Triumphbogen, bie zur Be­grüßung bet Generalversammlung errichtet find. Be­sonders originell ist der zur Rechten, ein alte- Stadt« thor mit Thürmen und Zinnen.

Alljährlich sagt man von der eben stattfindenden Katholikenversammlung, sie sei so besucht, wie noch nie eine gewesen. Tatsächlich mehrt sich auch der Besuch von Jahr zu Jahr. Auch die Dortmunder wird wieder ihre Vorgängerinnen allem Anscheine nach übertreffen. Sind doch jrtzt schon, am Tage vor dem Beginn der Bersammlnng, etwa 1500 Mit- gliedlkarten (4 7,50 Mk.) gelöst worden; das war noch bei keiner Bersammlnng. Unter andern angesehenen Persönlichkeiten werde« auch vier Bischöfe an der Ver­sammlung theilnehmen, nämlich der hoch». Bischof Dr. Simar von Paderborn, die Weihbischöfe Dr. Gockel von Paderborn u. Dr. Schmitz von Köln, und der Erzbischof Dahlhof von Bombay. Der Kommissar der Versammlung, Fürst Löwenstein, ist leider durch Krankhett am Erscheinen verhindert. Er hat mit seiner Vertretung de« Herr« Abgeordneten Konststorialrath Dr. Porsch-Brellau beauftragt.

Den im Festblatt bereits veröffentlichten Mitglieder­listen entnehmen wir u. A. folgende Namen: die Reichl- bzw. Landtaglabg. Graf Hompesch, Prinz v. Arenberg, Dr. Bachem, Bender, Berckman«, Dasbach, v. Detten, Dieben, Fußangel, Herold, K-rsch, Mooren, Müll er-, Kircher-Fulda, Radbyl, Opfergelt, Ostorp, Lingen, Porsch, Schmidt, Schwarze, Im Walle, Wrsterschulte, Wender», Wellsteiner, be Witt, ferner bie Mitglieber be» Herrenhauses Frhr. v. Wendt unb v. Landlberg- Selen unb Steinfurt. Weiter Propst Racke-Pader- born, Reichsgraf v. ber Schulenburg, Prinz Schoen« bürg-Waldenburg-Regensburg, Graf Waldburg-Zeil, F. Brandt ans M.-Sladbach, v. Beselagen, Graf v. Hahn, Dr. Antoni-Fulda, Dr. DobSzay, Domherr aus Fünfkirchen-Ungarn, Sraf-Erbdroste Droste z. Bischering, Huviler, Apostol. Missionar, Stadtverordneter Haffner an» Mainz, Fürstbischöflicher Delegat Propst Dr. Jahnel aus Berlin, Fabrikant Richard Schmidt-Fulda, Graf Friedr. Galen, Rechtsanwalt Dr. Görtz-Trier, Generalsekretär der Berliner kath. Arbeitervereine Dr. Hille, Fhr v. Ketteler-Harkotten, Rechtsanwalt Kellerhof-Wielbaden, P. Kreutzer-Pari», Vikar Koch« meyer-Münster, Ehrendomherr Kroll-Arnlberg, General«

zum Fenster. WaS sie alle» gesagt hatte, wußte sie nachher selbst nicht; aber Hanna hatte eine Bewegung gemacht wie ei« verwundete» Wild, da» ausspringe« will. Da» ohnehin seit den letzten Wochen sehr bleiche Gesicht mühsam zur Ruhe zwingend, erwiderte sie kaum hörbar: „Wie Sie wünschen, Fräulein Herzog."

Auf dem Rückwege zum Thurm war sie dann eine Minute unter dem Portale stehen geblieben, vielleicht in der Erinnerung an die einst dort gehörten Worte: „Da» werde ich Dir nie vergessen, daß Du mich ge­tragen in meine» Vater» Hanl!"*

Arn Nachmittag, all Tante und Nichte zusammen- saßen — el herrschte seit einiger Zeit ein ganz wunder­bares Einverstäudviß zwischen Briden — da hatte die letztere gebeten, daß Fräulein Brüning küvfttg ihre« Stunden beiwohnen möchte.

Diese war entzückt unb versprach, für bie betref- feabe Zeit von allen HauShaltungS-Geschästen sich frei machen zu wollen.

„Hast Du übrigen! einen befonberen Grunb für Deinen Wunsch?" fragte sie.

„Rein, nicht gerabe." Gertrud war keine sehr mtt« theilsame Natur, auch wußte sie bie seit Kurzem sie beherrschenbe Empfindung gar nicht in Worte zu kleiden.

„El würde mir einfach lieber sei«," setzte sie hinzu,