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Vellage jiw Mlösev Leitung.

M 192 Samstag, öen 22. August 1896. 23. Jahrgang

Stromaufwärts.

Roman von 61. Lötschert (M. Brechten).

26] ------- (Nachdruck verboten.)

Ju dem Komptoir mit den herabgelassenen Fenster- Borhängm brennt eine einzelne Lampe.

Bei ihrem gedämpften Licht öffnet der Gut-befitzer die eingelaufene Mittheilung. Ja, eS ist richtig. AlleS kommt, wie er'S vorhergesehen. Welcher war doch das Datum der zuletzt aut Frankreich eingegangenen Briefe-? Es muß wie gewöhnlich in dem kleinen besonderen Heft eingetragen fein, und daS liegt oben im Schlafzimmer.

Tie Flure sind Hill erleuchtet, aber öde; denn die Dienerschaft ist im Erdgeschoß versammelt und Fräu- lebt Brüning zu r: Thee bei der alten Gräfin Raun­heim. Assvr, der trübselig und gelangweilt herum­schleicht, springt seinem Herrn mit frohuu Gebell ent­gegen.

„Jetzt nicht, mein Bursche, später, wenn ich zurück- komme."

DaS kleine Heft ist gefunden und bei der Rächt- lampe «eben dem Lesepulte durchblättert. Alle- stimmt.

Im Begriff, wieder auf den Gang hmauSzutreten, ist er ihm, al« höre er einen lang gezogenen Laut. Er stutzt und wendet fich der Richtung zu. Da ist eS wieder, und fitzt klingt eS wie ein unterdrückter Wehe­ruf. Der Ton kommt von den Zimmern feiner Tochter her, und Herzog erinnert sich mit dem Gefühle unend­licher Beruhigung, daß er Gertrud auf dem TiSfeste gelassen.

Das nächste Gemach durchschreitend, öffnet er die Berbrndungsthüre. Der Mond ist jetzt vollends auf- gegcrngen und wirst breite fahle Lichtstreifen in den Salon. Einer derselben reicht gerade bis zu den weichen dunkeln Falten eines weit über den Boden hinschleppenden FrauengewaudeS, das zu einer vor dem Sopha kuieenden Gestalt gehört. Sie hat den Kopf tief in das Polster hineingedrückt und zuckt und zittert wie in verhaltenem Schmerz. Dann kommt wieder das lang gezogene Stöhnen: „O Gott, o Gott!" Die Hände pressen sich an die Ohren, die Schläfen, ur.d das Gesicht gräbt sich immer tiefer in den weichen Sammet ein.

Geräuschlos tritt Herzog näher und beugt sich

herab. Wer mochte das fein? Diese schweren tief- schwarzen Flechten im Racken — nur die verstorbene Schwägerin hatte ähnlich- gehabt. Ah doch — noch Jemand, von dem oder im Familienkreise längst Nie­mand mehr spricht.

„O Gott... o Gott!"

Da legt sich eine Hand auf die Schulter der Knieenden. „Hanna, was ist daS? Sind Sie un­glücklich oder krank?"

Sic zuckt zusammen in jähem Schrecken; dann scheint es, als ob der dieser stolzen Natur inne­wohnende eiserne Wille den Körper zwänge, wenigsten- jede äußere Kundgebung der Schwäche zu unterdrücken. Sine Minute verharrt sie unbeweglich und lautlos, aber auch nur so lang.

„Können Sie mit nicht antworten? . . . Lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen, ich wünsche eS."

Sie weiß nicht, ob sie allein den Kopf empor- gehoben, aber e$ liegt etwas Rührende« in der Art, wie sie gehorcht. Et sicht in ein dun k l gerö lheteS G-ficht mit geschloffenen Lidern — jede Fiber bebt in demselben, und der Mund steht krampfhaft offen. DaS ist nicht mehr Schmerz, jo aber« Qual, und wie groß wuß düse sein, wenn sie Hanna Willbruch zwingt, in einer solch n Stellung fast zu den Füßen ihre- Herrn zu verharren; der Mannes, den sie vor allen Menschen auf der Welt am meisten haßt, wenn sie ihm auch folgt als ihrem Gebieter!

„O, Sre leiden, ich sehe es! Nur noch einige Minuten Geduld, u d eS wird Hilfe zur Stelle sein."

Eine Sekunde später wird die elektrische Klingel in Bewegung gefetzt. Der schwingende Ton geht durch dar ganze Hau» und rüst einen Diener herbei, der einen hastigen Auftrag erhält.

Ine Lage tft unverändert; aber ihr auf den Mund gepreßtes Tuch wehrt dm lauten Klagerufen, dagegen erschüttert jetzt starke- Schluchzen ihren ganzen Körper.

Das Polster, auf dem ihr Kopf ruht, wird tief niedergedrückt, wie von einer zweiten Last. Sie ver­spürt die unmittelbare Nähe von Jemanden und eine Stimme dicht an ihrem Haar — so bekannt und doch wieder so fremd in dieser nie gehörten beruhigenden Sanftheit: „Warum habm Sie sich nicht niedergelegt, da Sie sich doch krank fühlten?"

„Ich konnte nicht ..." ringt es sich mühsam los; I „ich muß ... auf Fräulein Herzog warten."

„Rein, nicht länger, und . . . Hanna, weinen Sie nicht so. Ich kann da» nicht sehen!"

Die Thüre gehr auf — eS wird hell, und zugleich hört man der HaukarzteS Stimme. Zwei starke Arme heben Hanna empor und legen sie auf ein Ruhebett; daun verliert sie das Bewußtsein.

„Allem Anschein nach hochgradige Schmerzen in Folge heftiger Erkältung und Anstrengung," erklärt Dr. Röder.

„Vielleicht noch etwas von drüben zum Fest her- beigeschafst ... wer weiß! Sin geeignetes Beruhig- ungSmittel kann die Sache indeß vielleicht bald heben."

Al- Hanna am andern Morgen aus einem schweren, betäubenden Schlafe erwacht, find ihre Schmerzen bei­nahe geschwunden, nur eine große Mattigkeit ist zurück­geblieben.

Mühsam sucht fie ihre Gedanken zu sammeln und auf die Vorgänge am gestrigen Abend zu richten. Konnte der, welcher zu ihr gesprochen hatte, wirklich Gerti'S Vater gewesen sein? Sie erinnert sich dunkel, einmal gehört zu haben, eS sei trotz allem ein Zug von Weichheit in dem stolzen Charakter des Herzogs — auch der jetzige Inhaber der Niederburg könne Niemanden leiden sehen. Aber sie weiß gar wohl, daß, wenn sie ihm heute zufällig begegnen sollte, er sie eben so wenig beachten wird, al- sonst. Wer aber hatte sie getragen? DaS konnte nur Dottor Röd r gewesen sein, er war stark und sehr gütig gegen Kranke, das wußte sie.

Später, am Morgen, öffnete sie daS Fenster. Alr fie die Hand an den Griff legte, fällt auS dem empor- gehobenen Kleiderärmel ein goldener Herren-Man- schettenknopf mit einer großen Perle dann. Sie er­kennt ihn, aber ihre Schwäche muß noch groß oder die Luft angreifend sein, denn ein Schwindel kommt über sie, als sie langsam daS glitzernde Ding in Papier wickelt, um es in das untere Z'mmer im Thurm zu tragen. David Holster, der zweite Buch­halter, war in der letzten Zeit oft dort — er mochte eS übernehmen, das Schmuckstück auf seine- Chef- Pult zu legen.

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