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M 188 Dienstag, den 18. August 1896. 23. Jahrgang

FuliiimW Zeitung

mit ArrterhaLtrrngs-DriLase .Lterne unb Kirrme«".

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* Zum Londoner Sozialistenkongresse.

Gar Mannigfache Betrachtungen stellt man jetzt fchon auch in sozialdemokratischen Zeitungen über den vor Kurzem in Ändvu stattgefundenen internationalen Sozialistenkongretz an. Recht interessant in dieser Hin­sicht sind die Briefe, welche der Londoner Korre­spondent der ^Vorwärts' dem Londoner Kongretz und dessen Lehren widmet. Mit unleugbarem Scharf­sinn sucht der Londoner Gewährsmann der.Vorwärts' dem Kongreß allerlei gute Seiten abzugewinnen, es entschlüpft ihm aber dabei hier und da auch ein beachtenswerthes Geständniß.

Recht auffallend auf dem Kongrefle war unter ander« auch die Zurückhaltung der Vertreter der alten grotzen britischen Gewerk-Vereine; doch hier darf man nicht vorschnell urtheilen, sondern ei ist erst der nächste JahreS-Kongreß der TradeS Union- abzuwarten, bevor man über die Stellung der bri­tischen Gewerkschaften zu dem Londoner Kongreß klar urtheilen kann. Jetzt wird nun dem »Vorwärts' auS London geschrieben: „Thöricht wäre es, zu sagen, die Vertreter der Trades Union- seien von dem Verlaufe des KongresieS entzückt. Sie finden sich in ähnlicher Lage, wie die Henne, die junge Enten ausgebrütet har und sie in's Wasser gehen sieht. Sie haben den sozialistischen Kongreß ausbrüten helfen, und er ist in Bezug auf verschiedene Fragen andere Wege ge­gangen, alr sie erwartet haben und als ihnen für den Augenblick lieb ist. Dar zu leugnen wäre sinnlos." Hinzugefügt wird noch, daß die 185 Delegirten der englrfchen Gewerkschaften zum Theil „nichts weniger als erbaut" gewesen seien, wenn sie von den 235 Lekzirtev der ;w»i sozialistffche« Organisationen Eng­lands (der sozial-demokratiMen Förderation und der Unabhängigen Arbeiterpartei) überstimmt worden seien. Begrttflich ist das sehr, da diese zwei Organisationen auch nicht entfernt die Bedeutung haben, wie die Gewerkschaften. Die hohe Bedeutung und dar Lob, das ihnen der Korrespondent bei .Vorwärts' zuschreibt, verdienen sie keineswegs. Bei den letzten Parlaments­wahlen habm sie eine schmähliche Niederlage erlittm und dann ist ihre Taktik und ihre Mitgliederzahl auch in sozialdemokratischem Sinne nichts weniger als lobenSwerth. Gerade die Führer der Unabhängigen Arbeiterpartei haben auf dem Kongreß gar eifrig mit den Anarchisten koquettirt. DerGewährS- irtmit des .Vorwärts' verläßt sich indeflen, war die großen Gewerkschaften betrifft, ganz auf die „Logik der Thatsachen", die für kein Volk der Welt so zwingend sei, wie sür die Engländer. Die englischen Arbeiter hätten es oft versäumt, einen Schritt vor- ! wärt- zu thun, allein sie hätten niemals (?) einen j Schritt rückwärts getban. Die englischen Trades; Union- seien durch die Logik der Thalsachen gezwungen ; worden, dem Sozialismus zuzusteuern und die toter- » nationalen sozialistischen Kongresse zu besuchen. „In­dem sie nach Zürich kamen, haben sie A gesagt; indem

Stromaufwärts.

Roma» von 61. Lötschert (M. Brechten).

22] ------- (Nachdruck verboten.)

Ein Zittern lief durch Romanie'S schöne Gestalt; jäh aus dem Dunkel hervortretend, legte sie beide Hände auf die Schultern de- jungen Manne- — schwer drückend.

„Bruder." sagte sie erregt, „hast Du Beweise, daun nenne dieselben, so lange es noch Zeit ist!"

„Rem, Schwester, sei ruhig . . . ganz ruhig. Aber wenn er sie jemals in Bezug auf Dich gebe« sollte . . . dann wehe ihm! Die O'Dannes stammen von Urzeiten her von den Schotte« ab; jenes Volk führt eine Distel im Wappen, und mir ist schon in diesem Augenblick, als ob jeder Tropfen meine-Blutes

eine stechende, brennende Radel sich verwandelte für den, der Dir eia Leid zufügen könnte, und wäre er wein theuerster Freund!"

Es wallte in ihnen Beiden ein heißes Blut von chrer italienischen Mutter her. Aber Romanie war ««noch zusammengeschaudert bei seine« heißer geflüsterten Worten.

„Hänge Dein Herz «icht zu sehr an ihn!" bat »r ernst.

„Die Warnung kommt zu spät. Er hat's ge-

sie den Londoner Kongreß vollzählig und in Maffe besuchten, haben sie B gesagt, itnb sie werden nun auch C sagen und alle Buchstaben bis zum Ende des ABC. Richt schnell, nicht mit begeistertem Eifer — im Gegentheil, mit Zögern und Widerstreben — jedoch unweigerlich und in dem Bewußtsein, daß es sein muß, u«d daß, was rin Mal geschehen ist, geschehen bleibt."

Ob sie er wohl auch thun werden? Einstweilen möchten wir doch dem Berichterstatter einen guten Rath geben und ihm sagen: Ab warten! Gewiß sind die alten Gewerkschaften 1893 nach Zürich gekommen; der TradeS-UnionS-Kongreß in Norwich 1894 hat sogar eine kollektivistische Resolution angenommen. Aber schon der vorjährige JahrrSkongreß in Cardiff zeigte ein ganz andere- Bild, nachdem inzwischen der parla­mentarische Ausschuß deS KongresieS durch einen „Staatsstreich" die Geschäftsordnung abgkändert hatte. Es lag sogar der Antrag vor. die kollektivistische Re­solution von Norwich wieder umzustoßen, und nur der „Geschäftsordnung-Widrigkeit" des Antrages war eS zu danken, daß er nicht zur Verhandlung und An­nahme kam. Resignirt schloß damals derselbe Kor­respondent des .Vorwärts' seine« Bericht: „Sofie man dem Trades - Unions - Kongreß seinen Charakter als Mundstück der unmittelbaren Forderungen der Arbeiter­klasse: zu einer sozialistische» Parteiversammlung wird er doch nie taugen." Mit dem Hrrsagrn der ganzen sozialistischen ABC von Seiten der alten großen Ge­werkvereine dürfte es doch gute Weile haben.

Der Londoner Korrespondent des .Vorwärts' theilt uns ferner auch den Zweck der Agitationsreise, welche der Abg. Liebknecht im Mai und Juni in England unternommen, mit: die Verschmelzung der sozialdemokratischen Elemente EvalandSeiner ein­heitlichen, von den bürgerlichen Parteien scharf getrennten -Partei sei dar Ziel gewesen. Zunächst könnte eS sich da nur um eine Verschmelzung der unabhängigen | Arbeiterpartei mit der sozialdemokratischen Föderation handeln; aber die Gegensätze, besonders die persönlichen, sind auch hier so groß, daß an eine baldige Verwirk­lichung des schönen Wunsche- kaum zu denken ist. Er ist einleuchtend, daß den deutschen Soziakistenführern an einer großen einheitlichen sozialdemokratischen Partei in England viel gelegen ist, und es hat ja auch auf dem Londoner Kongreß der Abg. Bebel seine ganze Beredtsamkeit aufgeboten, um den britischen Gewerk­schaften die große Bedeutung eine- Handinhand- gehen- mit der festländischen Sozialdemokratie nahe zu legen; aber wie die Dinge nun einmal liegen, werden die deutsche« Sozialistenführer noch weiter auf die großen sozialistischen Parteien in England sowohl wie in Frankreich warte« müssen. In Frankreich ist der Gegensatz zwischen den verschiedenen sozialistischen Gruppe« nach dem Londoner Kongreß größer als zu­vor, und in England dürste der bevorstehende Jahres- kongreß der Trades-Union ebenfalls eine neue Ent­täuschung bringen.

normen . . . täglich ist er hier, und täglich spricht er beredter zu mir. Doch still .. . laß uns lauschen."

Nebenan erklangen einzelne Rote«, zaudernd, sprunghaft. Dan« verbanden sie sich, und aus dem prachtvollen Erard'schen Flügel ertönte eine Melodie, sanft beginnend, aber anschwellend zum brausenden Sturm, gleich dem, der um die Winterszeit über die weiten Steinwüsten der Vendeer Haide fährt.

Einander fest umschlungen haltend, traten die Ge­schwister in den Saal. Das starke Spiel machte ihre Schritte unhörbar. Der große Raum war weiß ge­tüncht und beinahe leer; vor dem in der Mitte stehenden Instrumente saß ein Greis mit wallendem silberweißen Barte.

Romanie glitt zu einer abgebrochene« Säule hi«, stützte den Ellbogen darauf und ließ den Kopf auf der Hand ruhen. In dieser Stellung — vorgebeugt lauschend, den einen ihrer kleine« Füße ewporgrhvben und auf den anderen ruhend, sah sie aus wie eine antike Statue.

Was aber war er, das den Künstlerblick Achilles' plötzlich verwirrte und statt der malerischen wirklichen Bilde» eine schauerliche Vision vor seinem geistigen Auge aufsteigen machte? ES kam ihm vor, al8 habe sein Vater zu spielen aufgehört, al» lägen deffen Hände fahl und erstarrt auf den verstummten Tasten,

Deutsches Reich.

Berlin, 17. August.

* Gestern feierte der Centrnms - Abgeordnete »eh. Ober - Jnstizrath Dr. Bittor Rtntele« seine« siebenzigsten Geburtstag. Rintelen ist eines bet hervorragendsten Mitglieder der CentrumS-Frattion. Bekannt ist ja auch seine eifrige Thätigkeit in all« Fragen, zu deren Behandlung seine ausgedehnten juristi­schen Kenntnisse und reifen Erfahrungen ihn besonder» befähigen; wir erinnern u. A. nur an seine tiefein­greifende Thätigkeit in allen die Schul frage betref­fenden parlamentarischen Debatten, sowie an seine Be­theiligung an der Berathung de» Umsturz-Gesetze- und de- Bürgerlichen Gesetzbuches. Rintelen ist einer der tüchtigsten CentrumS-Redner und eifrigste« Kommisiionr- Mitglieder. Geboren ist er am 17. August 1826 zu W-fel. Er besuchte die Gymnasien zu Halberstadt und Berlin und studirte 1845—1848 auf den Universitäten Berlin und Heidelberg Rechts* und StaatSwissenschast. Im Jahre 1848 trat er in den Staatsdienst, 1883 wurde er für Neuwied - Altenkirchen (2. Koblenz) in das Abgeordnetenhaus gewählt, seit 1888 vertritt er Aachen-Eupen (2. Aachen) Im Reichstage sitzt er seit 1884 für Trier (Stadt- und Landkreis Trier). Auch wir bringen dem verdienten Parlamentarier unsere herzlichsten Glückwünsche dar und hoffen zu Gott, daß uns derselbe noch recht lange erhalten bleibe.

• Joseph Rapp, der langjährige Vertreter der Ober- amtSbezirks Saulgau in der württ. Abgeordnetenkammer, Mitglied der Centrumsftaktio», ist am vorigen Frettag im Alter von 64 Jahre» gestorben. Seit 1876 ge­hörte Rapp dem Landtag an und zwar bi» zur Gründung der Centrumlpartei al» Mitglied der sog. Landespartei, Lir auch andere seiner Glaubens- und Gesinnung». 3‘Hofiea.

* Wie der ,Frkf. Ztg.' telegraphisch mitgetheilt wird, wird der Gouverneur v. Pnttkamer Ende d. M. auf seinen Posten in Kamerun zurückkehren. Da» Auswärtige Amt hält die gegen ihn erhobenen An­schuldigungen sür durchaus grundlo» und hat dem- | entsprechend Klage gegen das ,Berl. Tageblatt' er- 1 hoben. Bon Seiten Hamburger Firmen, die in Kamerun Geschäfte treiben, wird eine Vertraue«», adrefse an Pnttkamer vorbereitet. Ein Buch über Kamerun wird au- seiner Feder nächsten» erscheinen.

h. Der au» dem neuesten Kolonialskandale bekannte v. Stetten, der wegen seine» verwundeten Arme» in Savar in Ungarn zur Kur weilt, wurde durch da» Auswärtige Amt telegraphisch nach Berlin zurückgeruf«. v. Stetten wird direkt von Savar nach Deutschland zurückkehren.

* Gestern wurde der Verband Stag deS Cen­trals erbandes deutscher Bäcker-Innungen in Breslau eröffnet. Bon dem HandelSmimster find die Oberregierungsräthe Dr. Sieffert und Dr. Wilhelm! dazu emsandt. Auch der Oberpräfident, der Regierungs­präsident, der Polizeipräsident und die hiesigen städtisch«

während die schöne Tochter müde und gebrochen zu seinen Füßen kniete, i« den großen Augen das er­schütternde Weh, den ganzen Sturm, der da auS den Seiten erklang.

Thorheit! Achilles O'Danne strich sich mit der Hand über die Stirne — eS war wohl nichts gewesen als die Stille, die einen Augenblick eingetreten, well Anne die leicht knarrende Saalthüre geöffnet und einen Gast eingelassen.

Der legte auch unwillkürlich den Finger auf de» Rund, als jetzt alle Drei einander erkannten.

Der Ankömmling tret zu Romanie und nahm ihre Hand. Sie sah ihn tief ernst und forschend an: sei» jugendliches Gesicht war nicht gerade schön, aber die Augen hatten einen weichen, gewinnenden Ausdruck, und um den hübschen Mund lag ein sorg ol fröhlicher Zug. Als er auf sie niederblickte, mußte ihr plötzlich eine Erinnerung gekommen sein — heiß erröthend griff fir »ach einem in der Nähe liegenden Tuche, toarf er um die Schultern und hüllte sich fest in die weiße flockige Wolle. Dann erst schmiegte sie fich näher an ihn und hauchte: „Leon."

„Meine süße Braut!" Er beugte sich nieder und küßte seinen Namen von ihren Lippen.

Das wilde Sturmlied des Flügels aber ging eben