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M 183

Dienstag, den 11. August 1896.

23. Jahrgang

iildaerMZeitimi;

]-[ Es kriselt weiter.

Seit dem Falle der Zedlitz'schen Schulgesetzes kommen wir aus den Regierungskrisen gar nicht mehr heraus. Auch in diesem Jahre wollten die Krisen­gerüchte nie ganz verstummen. Bald war er Fürst Hohenlohe, bald Frhr. v. Marschall, bald Herr von Bötticher, dann wieder Frhr. v. Berlepsch, Dr. Miquel, Dr. Bosse, Gras Posadowsly, Herr v. Bronsart, Herr Schönstedt, kurz eS gub — ausgenommen vielleicht nur die Herren Thielen, Frhr. v. d. Recke, v. Stephan und Rieberding — kaum einen preußischen Minister oder leitenden Reichsbeamten, den das Gerücht nicht einmal als amtSmüde bezeichnete. Wirklich erhielt dann bisher nur Herr v. Berlepsch seinen Abschied, aber jeder wußte, daß der kritische Zustand in den obere« Regionen damit noch nicht ausgehört hatte. Der sozialpolitische Kurswechsel hatte sein Opfer ver­schlungen, aber er blieb vornehmlich noch eine militär­politische Frage von weittragender Bedeutung zu ent­scheiden, nämlich die Frage der Reform des Militärstrafverfahrens.

Schon einmal seit einem Jahre trug diese Frage daS Ihrige dazu bei, um eine Ministerkrisis herauf­zubeschwören, der dann Herr v. Köller, ein ent­schiedener Gegner der Reform, zum Opfer fiel. Aber Herr v. Köller mußte nicht etwa deshalb seinen Ab­schied nehmen, weil der KriegSminister v. Bronsart mtt seinen Reformplänen bereits die Zustimmung der Kaisers erlangt hätte — das war noch nicht der Fall —, sondern nm weil die Art und Weise, wie Herr v. Köller gegen die Reformabsichten de» Kriegsministers manövrirte und inttiguirte, neben einigen anderen Ursachen sei« wettereS Zusammenwirken mit dem KriegSminister, auf deffe« Seite der Ministerpräsident nnd Reichskanzler Fürst Hohenlohe mit der großen Mehrheit deS Minister kollegiumS steht, unmöglich machte. Die Entlastung Köllers vollzog sich aber in so huldvoller und auszeichnender Form, daß man in politischen Kreisen sich kopfschüttelnd fragte, ob dar wohl als ein gute» Vorzeichen für die Militärprozeß­reform zu betrachten sei — oder als daS Grgentheil.

Inzwischen tagte der Reichstag wieder, aber die so lauge schon verheißene Reform kam immer noch nicht. Der Reichstag wurde bedenklich und stellte deshalb die bescheidene Anstage an die Reichs Ver­waltung, wie eS denn nun mit der Militärprozeß­reform eigentlich stehe. Darauf gab Fürst Hohen- lohe die feierliche Versicherung ab, daß er bestimmt hoste, dem Reichstage zu Beginn der nächsten Tagung eine Gesetzesvorlage machen zu könne«, welche das Milttärstrafverfahrm auf den Grundlagen der moderne« RechtSanschaumgen der Oeffmtlichkeit und Mündlich, kett reformiren solle.

Seitdem sind mehrere Monate, vergangen, nnd es ist Zeit, daß der Seietzentwurf endgiltig festgestellt werde, damit er dem Bundesrath und darauf dem Reichstage nach seiner Sommerpause sofort zur Be­

schlußfassung vorgelegt werden kann. AuS diesem Grunde wird der schon in der ,Fuld. Ztg/ erwähnte Besuch, den Fürst Hohenlohe jetzt so überraschend dem Kaiser in WilhelmShöhe machte, allgemein dahin aufgefaßt, daß es sich jetzt um die endgiltige Entscheidung der Kaisers in der Frage der Militärprozeßreform handle, und man läßt fick in dieser Austastung auch durch eine Ableugnung der ,Münch. Reuest. Rachr/ nicht beirren, die ledigliä die orientalische Frage als Grund der Reise der Fürsten Hohenlohe nach WilhelmShöhe vorschoben. SS muß sich jedenfalls um hochwichtige Dinge handeln, sonst hätte der Kaiser sicherlich nicht seine Reise nach dem Niederrhein aufgegebe»; daS Unwohl­sein, das offiziell als Grund hierfür angegeben wurde, war so leicht, daß e» den Kaiser nicht hinderte, tägliä spazieren zu gehen. Daß nicht auch Herr v. Bron­sart in WilhelmShöhe wellt, thut nichts zur Sache, denn milüärisch liegt der Reformplan fertig vor, eß handelt sich nur noch um die Genehmigung des Kaisers, und diese einzuholen ist Fürst Hohenlohe berufen und verpflichtet. SS gibt jedenfalls auch zu denken, daß außer dem Fürsten Hohenlohe auch der hervorragendste Gegner der Reformplan», der Chef de» kaiserlichen MilitärkabinetS General v. Hahnke, augenblicklich sich beim Kaiser in WilhelmShöhe befindet.

Die KrifiS scheint also ihrer Entscheidung ent­gegenzugehen; fällt diese im Sinne der Reform, so werden Fürst Hohenlohe und Herr Bronsart im Amte bleiben, andernfalls ist ihr Rücktritt wohl unvermeidlich. Da im Reichstage nur die Konservativen gegen die Reform sind, müßte ein anderer Reichskanzler, der daS Reformversprechen der Fürsten Hohenlohe nicht einlösen würde, im Reichstage sicherlich einen schweren Stand haben.______________________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 10. August.

* Fürst Hohenlohe ist am Montag Morgen von Kassel wieder ab gereist; der Kaiser geleitete ihn selbst in offenem Wagen zum Bahnhofe. Es sollte na» freuen, wenn man hierin ein günstige» Zeichen für die Entscheidung der Krisis im Sinne deS Fürsten Hohenlohe erblicken dürste.

* Für da» OberetchSfeld und die Grafschaft Hohn­stein (Prov. Sachsen) ist bei der PräseutattonSwahl der Landrath v. Han stein-Heiligenstadt in» Herren­haus berufen worden.

O Ist wieder etwas los? Die beabsichtigte Reise nach Wesel hat der Kaiser plötzlich aufgegeben und eine Erkältung vorgeschützt, obwohl er in allen diesen Tagen Spaziergänge machen konnte. Gleichzeitig ging auch dar Gerücht von dem Rücktritt der Reichskanz­lers durch die Preffe, während dieser selbst nach WilhelmShöhe sich begab. Der Chef der Militär- Kabinett, General v. Hahnke, war schon vor ihm dort eingettvffen. Such Herr v. LucanuS ist dort. Da nun immer noch die Entscheidung über die Reform

de» Milttär-Sttafverfahren» zu treffen ist, so hat man e» leicht, wichtige politische Entschließungen und Ereig- niffe in Aussicht zu stellen. In der Reise deS Fürsten Hohenlohe nach WilhelmShöhe an sich liegt indessen nichts Auffälliges. Der Kaiser und der Reichskanzler warm beide lange auf Reisen. Da ist eS also ganz natürlich und selbstverständlich, daß beide wieder zu- sammentreffe« und politische Erörterungen pflegen. Die ,Münch. Reuest. Rachr? berichteten, daß Fürst Hohen­lohe gar nicht an seinen Rücktritt denke. Die Ver­anlassung zu der Reise nach WilhelmShöhe seien die orientalischen Angelegmheite«. Ob wohl alle» so stim­men dürfte?

ti Die Reichstags-Ersatzwahl in Schlettftadt am Sonntag hat mit einem glänzenden Siege der katholischen Bolkrpartei des Elsaß geendet. Da» LandeSauSschuß-Mitglied Spie», ihr Führer, ist mit 8150 gegen 5237 Stimmen, die auf den bisherigen Vertreter, Kreisdirettor Pöhlmann, entfielen, gewählt worden. Bei den allgemeinen Wahlm im Jahre 1893 siegte mittels einer unerhörte« amtlichen W ahlbeeinfluffung der Kreisdirektor (Landrath) mit 6686 gegen 4865 Stimmen der katholischen Gegenpartei und 175 sozial­demokratische, sowie 79 zersplitterte Stimmen. Und da wollte Herr Pöhlmann noch seine Wähler glauben machen, daß die Reichstags-Mehrheit ihm Unrecht ge- than, indem sie sein Mandat für «ngittig erklärte. Die Wähler haben die richtige Antwort darauf gegeben, indem sie klar und deutlich zeigten, daß die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung auf dem Boden der katho­lischen Bolkrpartei steht und zu unabhängig dmtt, al» daß sie sich von einem abhängigen Beamten im Reichs­tage vertreten lassen möchte. Auch die starke Wahl- Beteiligung macht ihnen alle Ehre. Ein Bravo den katholischen Wählern der Kreises Schlettstadt!

* Auch ein Zeichm der Zett ist e», daß nunmehr auch die sozialistische« Studenten internationale Kongreffe abhalten. Der letzte derarttge Studenten­kongreß tagte in aller Sttlle in Berlin. Der nächste soll im kommenden Frühjahr in Belgien abgehalten werden. Die Einladung dazu ist von den sozialdemo­kratischen Studenten der belgischen Universitäten er­gangen.

* Auch «ach Berlin soll nun der russische Kaiser kommen, so lauten wenigstens die neuesten Vermuthungen über die Zarenreise. Man begründet die- damit, daß Rckolau» II. doch auch nach Wien und darauf nach Paris gehe, und weil ja auch Wilhelm II. nach seiner Thronbesteigung von allen gekrönten Häuptern den Kaiser von Rußland und zwar in Petersburg zuerst besucht habe. Mtt Bezug auf Bre»lau wird, wie die,@ermania' berichtet, noch her- vorgehoben , daß, dort Zusammenkünfte russischer unb preußischer Herrscher auch in den letzten fünfzig Jahren stattgcfunden haben. So »eilten dort am 7. Oktober 1853 Nikolaus I und Friedrich IV. und am 23. Ott. 1859 Akxanber II. und der Prinzregent, der spätere Kaiser Wilhelm I. Jndeffen wird zugleich betont, daß

Stromaufwärts.

Roman von 61. Lötschert (M. Buchten).

17] ------- (Nachdruck verboten.)

Wenn sie und ihr Neffe einander auch nur wenig geneigt waren, so Wichte sie doch, daß Herzog ein bnrch- avs fein gebildeter, gerechter Mann war, der einer ätteren Dame und Verwandten immer nur höchst zn- voikommend begegnen nnd mit der Zett wohl, wie alle Männer, lenksam sein würde in den Händen einer klugen gftau.

Allein sie fühlte wenig Neigung dazu, ihren Platz schon so bald mit einer Heranwachsenden jungen Dame und gar mit der Tochter de» Hauses zu teilen, ehe ffr selbst noch vollständig „warm" war nnd die Herr­schaft sicher in ihren Händen hatte.

Sie sagte daher äußerlich sehr ruhig: „Lieber Neffe, wäre es nicht bester, Sie reisten nur hin, hielten sich dann zusammen em paar Wochen in Kgend einem der Vrrlich gelegenen Küstenplätze auf und brächten Ger-

dann wieder zu Madame Lebrüne zurück? Ihre K^iehung kann ja kaum vollendet sein. Was hat sie übrigens auch hier?"

, t „Gerade alles, dessen sie im Augenblicke am meisten bedarf: die beste Pflege, dir stärkende Rheinlust, an »vktor Röder einen M-gezeichneten Arzt, der ihre

Ratnr von Grund au» kennt, und vor allem: ihr Baterhau»! Ihre Briefe haben mir längst verrathen, daß sie an starkem Heimweh leidet. Wahrscheinlich ist sie auch zu schnell gewachsen. Ob ich sie nachher noch einmal wegthun werde, das wird sich zeigen. Sie hat gediegenere Kenntnisse, als andere Mädchen ihres Alter-, und wa- die gesellschaftlichen Formen anlMgt, so be­sitzt sie ja an Ihnen, liebe Tante, das beste Beffpiel einer fein gebildeten Dame."

Dieser Beweisgrund wirtte Wunder. Zudem war es wahr, bernt Fräulein Brüning besaß trotz ihrer eckigen Erscheinung das, war man eine „ausgezeichnete Tournüre" nennt.

„Ich werde nut kurze Strecken mit (Berti fahren," fuhr ihr Reffe fort unb setzte bann zu Hanna gewandt Hinz«: „Da dieselbe jebenfaOg wünschen wird, die früher gewohnten Personen um sich zu sehen, so bleiben Sie wohl hier? Sie treten dann wieder in die per­sönlichen Dienste meiner Tochter." Dabei warf er einen Blick auf den Grasbüschel, den sie noch immer in der Hand hielt.

Der Freudenschein, welcher über Hanna'S Gesicht flog, konnte als Antwort gelten.

Sie liebte Gertt, da» Kind des stolzen Mannes, die einzige Erbin der Niederburg.

Acht Tage später fuhr ein Wagen sehr langsam durch den mittleren Gartenweg.

Herzog sprang hetMs mtb bann erhob sich eine zarte junge Dame, umschümg bie zuerst an den Wagen geeilte Person unb rief: „O Hanna, liebe Hama, bist Du eS benn wirklich?"

Kaum fühlte Hanna die weichm Arme um ihren Hal», das blaffe Gesichtchen an ihrer Wange, als er in ihr aufwallte von einer fast mütterlichen Zärtlichkeit.

Sie umfaßte die elfenarttge Gestalt, hob sie empor und trag sie die wenigen Schritte bis zum Pottale jin, wo die Xante in feierlicher Haltung ihre Groß­nichte erwartend stand.

Nun Metten ihre Kniee, aber Getti rief: „Das werde ich Dir nie vergeffen, daß Du mich in meines BaterS Haus getragen hast."

Die Begrüßung zwffchen ihr und Fräulein Brüning war ziemlich katt.

DaS junge Mädchen war schmerzlich erregt und agte leise weinend: „O, daß ich Tante Bertha nicht mehr finde! Sitte, lieber Papa, nimm mich hinauf 'in meine lieben alten Zimmer unb bann laß mich für immer bei Dir bleiben unb bei Hamm!"

(Fortsetzung folgt.)