Montag, den 10. August 1896. 23. Jahrgang
uldlierMZeitiing
mit Unterhaltung» Ketia^ .Ltrrne and Klmnen«.
* Zum „Bildungsdeficit" der Katholiken Deutschlands.
Recht inten siantr Wittheilungen geben abermal» zu diesem Kapitel die .Historisch-Polnischen Blatters denen wir folgende Angaben entnehmen.
Al» Friedrich II. durch die Besitzergreifung von Schlesien zum ersten Male ein große» katholische» Gebiet Preußen einverleibt hatte, erließ er den Befehl, kein Katholik dürfe eine Stellung erhalten, welche über 300 Thaler eindringe — die beste Illustration zu dem Worte Friedrich- II., daß in seinem Reiche jeder nach seiner gogon selig werden könne. Dadurch waren die Katholiken von vornherein von allen Stellen ausgeschlossen, welche eine höhere Bildung erfordern. Anders wurde e» nach dem Zusammenbruch bei Jena, wo Friedrich Wilhelm HI. an seine Minister den Befehl erließ, fortan die Katholiken ebenso wie die Protestanten zu allen Staatsämtern zuzulasien und bei der Anstellung der Beamten keinen Unterschied zu machen. Aber dieser Befehl ist größtentheilL ein todter Buchstabe geblieben; höhere katholische Beamte blieben auch unter Friedrich Wilhelm III. eine Ausnahme.
Die Bildung in den 1815 von Preußen erworbenen katholischen LmideStheilen war meist eine höhere, al» die im protestantischen Preußen. An befähigten Be- Werbern aus Rheinland und Westfalen um Stellen im Heer, in der Berwattung und Rechtspflege fehlte e» nicht. Aber die Aemter wurden mit Protestanten au» den alten Provinzen, aus Ostelbien, besetzt und die katholische Bevölkerung mehr und mehr entwöhnt, sich um solche Stellen zu bewerben. Ja sogar in rein katholischen Gegenden wurden für dieprote» stanttschen Beamten protestantische höhere Schulen errichtet, so in Ratibor und in Eleve. Und diese Verhältnisse haben sich in den katholischen Gegenden seit der Besitznahme kaum geändert.
Anfang» der sech-ziger Jahre gab er in des Rheinlanden 9 katholische und 8 evangelische Gymnasien, obschon die Bevölkerung etwa zu •/* katholisch war. Natürlich bevölkerten die protestantischen Beamten und Osfiziere die Gymnasien mit ihren Söhnen. Für die 930 000 Katholiken der Regierungsbezirke Trier und Koblenz gibt es 2 katholische Gymnasien, für die 300000 Protestanten aber 3 Gymnasien. In Posen, welcher zu "/» katholisch ist, gibt eS drei katholische, fünf protestantische und acht simultane Gymnasien. Letztere find thatsächlich ebenfalls protestantisch. Seit 1872 sind 42 protestantische Gymnasien und ähnliche höhere Anstalten in Preußen vom Staate gegründet worden, aber nur eine katholische Anstalt. Städten, welche katholische Gymnasien gründen wollten, zwang der Staat simultanen Charakter auf, wie dies in Benthe«, Rees, Preiskretscham u. s. w. geschah. In Berlpt, wo eS 37 protestantische Gymnasien und Realgymnasien gibt, verweigert der Staat den 150000 Katholiken jede höhere Schule, hat sogar eine höhere
TVXI itt litt plll litt
Roman von Cl. Lötschert (M. Brechten).
16] ------- (Nachdruck verboten.)
Er ist schon spät und Niemand kommt mehr die Hohlgüsse herauf. Im GiebelhäuSchen schimmert noch
„So, dar wäre abgethan," sagte die Wittwe Will- bruch zu ihrer Tochter. „Morgen gehst Du hinüber und bitt'st, wie sich'S gehört, um Deine Gntlaflung; denn wenn Du jetzt noch bleibst, so kannst Du e» nur all seine Magd."
Mit dem Wort kommt der alle, wilde Geist wieder über Hanna.
„Wa» war ich denn bi» jetzt andere», al» ein „Mädcheq für Alle»?" Ich denke übrigen» auch gar nicht daran, zu bleiben!" rüst sie und wirst die Thüre krachend in’» Schloß.
5. Kapitel. Sommerfäden.
Am anderen Morgen stand Hanna vor dem Privat« zimmer ihres Herrn.
Sie strich erregt über dal an den Schläfen gewellte Haar und drückte die weißen Zähne tief in die Unterlippe, ehe sie klopfte.
»Herein! ... Ah, Hama, da find Sie ja. So-
Privatschule abgethan. Die Absicht, mittel! der Schule die Katholiken zu protestautisiren, geht aus all' diesen Einzelheiten zu klar hervor. In den protestantischen oder sogen, simultanen Schulen werden die jungen Leute gleichgiltig gemacht und dazu noch ost mit Bor- urtheilen erfüllt; sie fallen ab, heirathen später protestantische Frauen und lassen ihre Kinder protestantisch werden. Aehnlich wurde auch in den Reichslanden verfahren. Obschon da» Land 4ls katholisch ist, so find öoch 56 Prozent der Lehrer Protestanten. Die Beamten sind fast ausschließlich protestantisch und die neugegründeten höheren Schulen find lonsesstonSlo». Deshalb schicken die Elsaß-Lothringer ihre Söhne mafienhaft nach Frankreich. Aehnlich wie in Preußen ist e» auch in den Kleinstaaten, ost sogar noch schlimmer.
Die Lage der Katholik« in Deutschland läßt sich darnach kurz so zusammenfasien: Der Staat hat überall die Schule von unten bis oben in der Hand; sie ist sein Monopol. Ueberall gebraucht er dasselbe mehr oder wemger zur Förderung de» Protestantismus und Liberalismus und zur Benach- theiligung des Katholizismus. Wenn die Protestanten in den höheren Schulen Überwiegen, so ist es vor Allem der Staat, der es so haben will. Zu Anfang diese» Jahrhunderts besaß Deutschland noch sechs katholische Univerfitätm. Die Regierungen glaubten, Protestant« an dieselben berufen zu müsien; umgekehrt aber ist eS ihnen nicht eingefallen, Katholiken an protestantische Hochschulen zu berufen. So find jetzt alle katholischen Universitäten protestantifirt oder überwiegend protestantisch. Da» Beispiel Preußens zeigt auch zur Genüge, warum dort kathol. höhere Beamte und Osfiziere eine Ausnahme bilden. ES hat sozusagen nie katholische Minister, Oberpräsidenten und dergl. gegeben, folglich find die Anstellungen in der Regel durch protestantische Räthe und Oberbeamte vorgeschlagen und bewirft worden. Die Frage nach der Rechtsgleichheit hat auch eine wichtige wirthschaft- liche Bedeutung. Etwa '/* oder 1ls des Volkseinkommens nimmt der S'aat durch Steuern weg. Wenn er Jahrzehnte hindurch diesen Bruchtheil zur Begünstigung der Protestanten gebraucht hat, müsien diese natürlich den größeren Theil de» VolkSvermözens an sich reißen und so reicher, die Katholiken aber ärmer werden. Dazu kommt nun noch die Bereicherung der Protestanten im Anfänge unserer Jahrhundert» durch die sogen. Säkularisation, durch die Wegnahme eine» so großen Theile» de» Vermögens der katholischen Kirche.
Daher dürsen wir nicht ruhen, bi» wir volle Freiheit für alle unsere Orden «nd deren Lehr- und Wohlthätigkeit haben; wir müsien daraus dringen, daß wir katholische Lehranstalten aller Stufen erhalten und kein Katholik mehr genöthigt ist, seine Kinder in nichttatholische oder Simultanschulen zu schicken; wir müsien dringen aus Anstellung katholischer Profesioren und Beamten
eben wollte ich Sie rufen lassen. Ich erwarte in Kurzem meine Tante, Fräulein Ida Brüning, welche künstig die Stelle der Dame de» Hanse» einnehmen wird. Zuvor gedenke ich jedoch eine Umänderung in der Anordnung der Zimmer vornehmen zu laflm. Sobald die Handwerker-Arbeiten vollendet find, werden die Geschäftsräume auf die hintere Seite diese- unteren Stockwerke-, die Wohn- und Speisezimmer dagegen in jene nach dem Garten zu verlegt werden. Diese Veränderung geschieht meinethalben auf den Wunsch meiner verstorbenen Schwägerin. Da Sie viel um dieselbe gewesen sind, kannten Sie wohl deren Sinn und Geschmack. Beides wünsche ich noch immer berückfichttgt zu sehen."
Rach diesen in gebieterischem, bündigem Tone ge- sprachen« Worten wandte der Gutsbesitzer sich nach dem Fenster.
Es war die erste längere Rede gewesen, deren er Hanna Billbruch gewürdigt hatte, fest sie in seinem Hause war.
Aber sonderbar — diese hatte sich einen derarttgen Fall schwieriger gedacht.
Er war etwa- in der Art be» hochmüthigen Mannes, da» sie aufrührerisch machte.
Je kälter, je herablassender seine Stimme etfiang, desto mehr Muth empfand sie jede» Mal, und dennoch
und jeden einzelnen Fall der Zurücksetzung öffentlich rügen. Da» gebietet die Pflicht der Selbsterhaltung.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. August.
* Kaiser Nikolaus hat dem deutschen Kaiser mit- getheilt, daß er mit der Zarin nach Breslau zu den Anfang September stattfindenden Manövern kommen werde. Der Besuch ist für die Zeit vom 5. bi» 7. September angekündigt. Im Gefolge werden sich 8 Herren und 2 Damen befinden. Anfangs September wird sich dann das russische Kaiserpaar nach Darmstadt zum Besuche an den dortigen Hof begeben. Der Großfürst und die Großfürstin Sergiu» werden bereit» Ende September daselbst eintieffen. — Ende September erwartet man den Zarenbesuch in Frankreich, wo man darüber vor Entzücken ganz außer dem Häuschen ist.
* Wie vorautzusehen war, werden jetzt schon die Rücktritts-Absichten des Reichskanzler- dementirt. Man wollte ursprünglich die Demission Hohenlohe'» mit dessen Reise nach WilhelmShöhe zusammenbringen, doch nunmehr stellt sich da» alles als unbegründet heran». E» wurden vielmehr jetzt al- einzige Ber- anlasiung der Reise des Reichskanzlers nach WilhelmShöhe die orientalischen Angelegenheiten bezeichnet, worüber der Fürst dem Kaiser einen Vortrag gehalten haben soll.
& Noch immer können sich gewisse liberale Blätter nicht beruhigen über de« Fall „Mnz Leopold uud die Freimaurerei." Natürlich wird da die Beschwerde des Prinzen, der bekanntlich der Protektor der drei Berliner attprenßischen Großlogen ist, gegen die Angriffe der Centrumspresie und bei AdelSblatteS ver- theibigt. Aber gerabezu lächerlich erscheint e» uns, wenn die ,B«l. R. Rachr.' meinen: „Gegen die aller- dinxs sehr gehäsfigen Angriffe der CentrumSbltttter (auf die Freimaurern) könnte der mäßigende Einfluß der Bischöfe oder de» Papste» angerufen »erben — ob mit Erfolg, steht dahin." Der Erfolg steht allerdings sehr — dahin. Der Papst hat die Freimaurerei in seiner Encyklika de secta massonum aufS Entschiedenste verurtheilt." Um so mehr muß uns dar Gebühren der ,B. N. N.' wundern, da dieselbe» gerade noch dem Tag zuvor „die hohe Weisheit" Leo'» XIII. gepriesen hat. Daß in der katholischen Kirche die Bischöfe in solchen Dingen gerade so urtheilen wie der Papst dürfte ihnen doch wichl bekannt sein. Wenn sie die Angriffe, die sich auf aktenmäßige Enthüllungen stützen, abwehren wollest, dann sollen sie doch wenigsten» eine akteumäßige Widerlegung versuchen. Ob e» ihnen aber wohl gelingen wird???
* Aus dem rheinisch-westfälischen Gebiet wird gemeldet, eS sei beabsichtigt, die vorwiegend industrielle» Regierungsbezirke Düsieldors und ArnSberg zu ein« nentn Provinz zu erheben. Dies« Gedanke, durch desien Verwirklichung die wiederholt aufgeworfene fühlte sie, daß er, w»e über Jeden, so auch üb« fie, eine Sewatt auSübte, daß fie trotz ihrem starken Wolle« nicht eigentlich z« widerstehen ««mochte.
„Nun, ich dächte, wir wären z« Ende?" Er hatte sich «mgedreht und übnflog, mit dem Rücken gegen das Fenster lehnend, flüchtig ihre ganze Erscheinung.
„Ja, deshalb kam ich eben; ich hatte um meine Entlassung bitten wollen, Herr Herzog."
„So . . . und warum? Haben Sie etwa eine« besseren Platz? Vielleicht schon vorgesorgt ob« wie?"
„Rein", erwiderte fie trotzig und tief verletzt.
„Nun, da ich Sie einst angestellt habe, so wird er doch wohl auch an mit sein, zu entscheiden, wann Sie in meinem Hause überflüssig find. Und da Sie sich nicht für zu gut erachtet haben, Frau Höchberg- persönliche Wartung in ihr« leid« so furchtbar« Krankheit zu übernehm«, so werden Sie wohl auch keine Erniedrigung darin «blicken, noch einige Woch« zu bleiben, bi- meine Tante fich eingewöhnt hat und Ihre Dienste nicht mehr bedarf. Nachher wird Niemand Sie gegen Ihren Willen zu halten suche«, davon können Sie überzeugt sein."
Da war e- wieder, da» seltsame Unvermögen dies« stärkeren Macht gegenüb«, die fie so haßte!
Zugleich siieg vor ihr« Seele da- Bild empor, da» fie fich von Kind auf von ihrem nie gekannt«