JK 178
Mittwoch, den 5. August 1896.
23. Jahrgang
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mit UrrterhaLtrrngs-Keilasr Sterne und Ki«wr«".
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Wetterleuchten im Orient. __ in.
Die kretischen Christen von der türkischen Soldateska und den sanatisirten Muhamedanern niedermetzel« zu lassen und ihnen dabei für später moralische Unterstützung ihrer Forderungen in Aulsicht stellen — das ist einfach blutiger Hohn. Wenn die Mächte jetzt mit Anwendung von Gewalt gegen die Ureter die Türken in der Niederwerfung der kretischen Aufstandes unterstützen, so werden sie den Sultan dadurch i« seiner Auffassung stärken, daß er sich Aller erlauben dürfe und nicht zu fürchten brauche, von den Mächten zur Erfüllung feiner Versprechungen gezwungen zu werden.
Wmn die festländischen Mächte glauben, daß dar Verhalten der Kretenser und Griechenlands eine weitere diplomatische Unterstützung der kretensischen Forderungen ihnen unmöglich mache, so bleibt er ihnen unbenommen, diese Unterstützung einzustellen und er den Kretensern selbst zu überlasten, sich mit dem Sultan so oder so aureinander zu setzen. Wenn dann die Kretenser den Kürzeren ziehen sollten, so könnten die Mächte ihnen dafür die Schuld zuschiebrn. Wären aber die Kretenser siegreich und würden vielleicht auch in Macedonien die Griechen sich den Türken überlegen zeigen, so könnten die Mächte auch dem Sultan gegenüber ihre Hände in Unschuld waschen und ihm allerdings die ganze Schuld dafür zuweisen, daß er durch sein langer Sträuben gegen billige Zugeständnisse und durch die Unehrlichkeit seiner Versprechungen er unmöglich gemacht habe, irgend welche Schritte zu seinen Gunsten zu thun.
ES bleibt noch zu erwägen, ob die Wahrung bei europäischen Friedens etwa ein bewaffnetes Einschreiten der Mächte gegen die Kretenser nöthig mache. Wir müfleu diese Frage unbedingt verneinen. Wenn alle Mächte wirklich so uneigennützig sind, wie sie el vorgeben, d. h. also wenn keine der Festlandsmächte wirklich Anspruch auf den Besitz Kretas erhebt, dann ist nicht einzusehen,-wie so die Unabhängigkeit Kreta! oder sein Anschluß an Griechenland den europäischen Frieden gefährden könnte. Eine Großmacht, welche da! europäische Gleichgewicht auf dem Mittelmeer gefährde, würde Griechenland durch den Zuwachs Kreta'! ja doch noch lange nicht werden. Kreta kann nur dann den evropäischen Frieden stören, wenn e! ein Zankapfel zwischen den Großmächten würde. Welche Mächte aber sollten el sein, die nach dem Besitze Kreta! streben? Von den Großmächten können nach Lage der Dinge in dieser Hinsicht doch nur Rußland einerseits und England andererseits in Frage kommen. Die Haltung Englands beweist aber, daß e! nichts dagegen einzuwenden haben würde, wenn Kreta den Griechen zufiele. Macht aber Rußland Anspruch auf Kreta, so hätte el sich deswegen mit des Kretensern selbst und mit Griechenland auseinanderzusetzen. Wenn
Ktrorrmrrfwarts.
Roman von Cl. Lötschert (M. Brechten).
12] ------- (Nachdruck verboten.)
Dr. Röder schüttelte ungeduldig den Kopf. Diel war ein Gegenstand, besten Berührung er haßte.
Doch heute fuhr seine Mutter beharrlich fort. „Da! Bewußtsein, Dich einmal allein zu lasten, peinigt mich täglich mehr. Sage: wenn el denn diese Eine nicht sein konnte, warum ist el denn so unmöglich, eine Andere an ihre Stelle zu setzen?"
„Weil ich meinen Sinn niemall ändere. Wal ich einmal erfaßt habe, dal halte ich unwandelbar fest. Kann ich mich del Besitze! nicht erfreuen, so suche ich wenigsten! keinen erbärmlichen Ersatz dafür."
„Stark und treu, wie Dein Vater war. Aber Du bist keineswegs so ruhig, all Du zu sein scheinst. Sei versichert: dal Mutterauge dringt auch durch den dichtesten Mantel der Selbstbeherrschung."
Er sah vor sich nieder. Dann griff er in Ermangelung von etwa! Besterem nach ihrem weißen Baumwollen-Knäuel und tastete daran herum, all sei el ein verletzte! Kinderköpfchen, da! ihm eben zur Untersuchung hingehalten werde.
„Habe ich Unrecht, mein Sohn, ist e! nicht so?"
„Zu gewissen Stunden ... ja, Mutter. Doch dann find el mehr die Selbstvorwürfe, die mich be-
Rußland sich aber fo lange Zeit den Widerstand Bulgarien!, al! diese! noch von Stambulow geleitet wurde, gefallen ließ, so würde el doch kaum gegen Griechenland zu den Waffen greifen, wenn diese! ihm nicht Ordre parirte, zumal e! in Bulgarien zweifellos dringendere Interessen zu vertreten hatte, all in Kreta. Jedenfall! sehen wir nicht ein, wie dadurch der allgemeine Friede Europa! gestört werden könnte. Run sagt man, dal Interesse Rußland! verbiete jede weitere Schwächung der Türkei, weil Englasd eine solche Schwächnng auSnützen würde, um seine Herrschaft in Egypten endgiltig zu begründen. Darauf ist zunächst zu erwidern, daß d'e englische Herrschaft in Egypten besteht, ob »un Egypten formell unter der Oberhoheit der Türkei bleibt oder nicht. Sodann aber ist el durchaul aussichtslos, auf die Dauer jede weitere Schwächung der Türkei verhindern zu wollen. Jeder, der den raschen Niedergang der türkischen Macht in den letzten Jahren auch nur oberflächlich verfolgt hat, wird sich sagen müssen, daß der Zerfall diese! verwesenden Reiche! nicht mehr zu verhindern, und kaum noch auf die Zeit aufzuhalten ist. Die europäischen Mächte sollten diese unvermeidliche geschichtliche Nothwendigkeit doch endlich einmal offen und furchtlos ins Auge faffen; vernünftige Staatsmänner sollten lediglich darauf sehen, daß der Zerfall der Türkei sich ohne Erschütterung des Weltfrieveu! und des allgemeinen Gleichgewicht! der Kräfte vollzieht, nicht aber an da! gänzlich aussichtslose Bemühen sich klammern, den türkischen Leichnam immer wieder galvanifire« zu wollen.
Bei aller Freundschaft zu Oesterreich können wir daher i« diesem Falle doch nicht wünschen, daß die deutsche Regierung den Blokadevorschlag der Oesterreicher, dir hierbei anscheinend im Einverstäadniß mit Rußland Vorgehen, ihre Zustimmung ertheile. Deutschland hat doch am allerwenigsten Ursache, sich so aktiv in die orientalischen Wirren einzumischen. Deutschland hat sich loyal an de» gemeinsamen diplomatischen Schritte» der Mächte betheiligt; sind dieselben gescheitert, so bleibt Deutschland nichts weiter | übrig, all alle! Uebrige den nächst Bethüligtrn zu \ überlassen und sich nicht eine Verantwortung aufzu- : bürden, die eS seiner Stellung nach und den Forde- ? rungen bei natürlichen Recht! gemäß nicht auf sich z nehmen karv.
Deutsche- Reich.
Berlin, 4. August.
* An ber Hoffnung, daß es möglich sein wird, dem Reichstage in der im Herbste wieder beginnenden Tagung einige der Sesttzentwürfe vorzulegen, die erledigt sein müssen, ehe dal Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft tritt, wie die ,Ä. P. N.' ausführen, immer noch festgehalten. El kommen hier vor Allem die Novellen zum Gericht!verfassunglgesetz, zur Kon
kurlordnung und zur Civilprozeßordnung in Bettacht, mit bereu Berathung bie BundrSrathS- aulschüffe beschäftigt ftnb. Nimmt man hinzu, baß ber Reichltag noch au! dem letztvrrflossenen Tagung!- abschnitte eine umfangreiche, hauptsächlich bie Juristen angehenbe Arbeit in ber Novelle zum Gerichtsverfassungsgesetz unb zur Strasprozeßorbnung in zweiter unb dritter Lesung zu erlebigen hat, so bürste man in ber Annahme kaum fehlgehen, baß auch ber zweite Theil iber Ende 1895 begonnenen ReichStagStagung den Juristen wieder die meiste Arbeit verschaffen wird, um so mehr, wenn noch eine Reform de! Militär- fttafprozesseS in Frage käme. Wal die Vorarbeiten für andere dem Reichstag im Herbste vorzulegende Entwürfe betrifft, so sind diese gegenwärtig wohl nur beim AuSwanderunglgesetz so weit gefördert, daß man mit einiger Gewißheit auf ihre Einbringung rechnen dürste. Erwartet wird ferner, daß der neue HandwerkSorganisationS - Entwurf sich im BundeSrathe noch für den nächsten Tagungsabschnitt wird fertig stellen lassen. Ob eS dagegen möglich sei» wird, auch noch auf dem Gebiete der Arbeiter- Versicherung einen Reformgesetzentwurf zur recht- zettigen Vorlegung fertigzustellen, ist fraglich.
* Vizeadmiral BaloiS, Chef der Marinestation ber Nordsee, hat beit erbetenen Abschied erhalten; zu seinem Nachfolger ist ber Bizeabmttal Karcher, ber zur Verfügung bei kommandirenben Admiral» stand, ernannt.
* Die ,Stettiner Abendztg.' theilt eine neue auffallende Begnadigung mit. Sin Polizeiwachtmeister aus Trebnitz in Schlesien, der wegen Erpressung einer GeständniffeS zu einem Jahre Zuchthaus verurthellt war, ist zu vier Monaten Festungshaft begnadigt worden. Dem ,Reichsboten' scheint e» unumgänglich, daß die Justizverwaltung sich zur Erklärnng diese! Falle! äußere. Die verantwortliche Instanz fär die Begnadigungen ist der Justizminister.
* Seiten! ber ReichSpostverwaltusg ist eine Ab- äuderuug del PostzettnngStarifS vorgesehen, und zwar beabsichtigt man die Zettungen nicht mehr nach ber Zahl ber erscheinenben Nummern unb ber Höhe ihre! Abonnementlpreisel, soubern nach ihrem Gewicht zu besteuern. Diese Neuerung wirb — wenn sie zur Durchführung kommt — eine förmliche Revolution im Zeitunglwesen zur Folge haben, bentt mit einem Male bürsten bann bie billigen Blätter vom Schlage ber »Berliner Abenbpost', .Deutsche Warte', bie,General- Anzeiger' vov Berlin, Leipzig, Frankfurt u. s. w. auf dem Laube fast ganz von ber Bilbfläche verschwinben, ba bie höheren Postbeförderungskosten eine bedeutende Erhöhung bei Abonnementlpreisel bedingen. Um mm einer derartigen Erhöhung bei PostzettungStarifS ent- gegenzuarbeiten, hat sich vor einiger Zeit in Berlin eine Kommission gebildet, bie kein Mittel unversucht lasten wirb, bie Pläne ber Reichspostverwaltung zu burchkreuzen. — Wir hoffe» unb wünschen im Interesse
brücken. All ich noch ein junger, seine Laufbahn kaum beginnenber Arzt war, da hielt falsche Scham ober sagen wir lieber vernünftige Ueberlegung mich ab, um bie einzige Tochter jene! reichen Hause! zu werben. All sie nachher wicberum frei war, ba war d zu weit getriebene Vorsicht, welche mich über bie von ber Sitte festgesetzte Zeit warten ließ. Ich wollte erst sonbiren, ob sie wirklich trotz allem noch bie Alte sei . . . ich Thor sonbirte zu lange! Hebet all bent Prüfen unb Beobachten . . . Doch genug davon, jetzt ist'! za spät für immer."
„Wahr; doch laß nun auch mich eine medizinische Redensart gebrauchen: Du hältst die Wunde geflistentlich
offen, Emst."
„Wie so?"
„Du gehst hin und siehst sie, und so ost Du von dort zurückkommst, ist Dein gleichmäßig ruhige! Wese« ein andere!."
„Du bist in der Thal ein strenger Arzt, Mutter. Du läßt nicht lol, wenn man sich Dir auch zu entwinden sucht. Allein, verzeihe, wenn ich bie Spitze Deine! Instrumente» für einen Augenblick umkehre. Gib mir bie Hand . . . so. Als man mich im vorigen Jahre bat, allwöchentlich einen Abend dort zuzubringen, und ich darauf einzugehen zögerte, weil ich in der That für meine Ruhe fürchtete, wer sagte da: „Willst Du Dir auch dal noch versagen? El könnte Dir
wenigsten! Über einen Abend angenmehm hinweghelfen. Warum den Dust sich mißgönnen, wmn man auch die Blüthe nicht pflücken darf?"
„O, Sohn, Deine Mutter war'»!" gestand die Matrone traurig ein. „Ich meinte el gut, und so hätte ich'» denn wirklich schlimmer gemacht?"
„Nein, bemhige Dich. Wal mich quält, wenn ich sie sehe und von dort komme, bezieht sich nicht auf mich, fondem auf sie, beziehungsweise auf eine Ber- muthnng, die ich schon seit längerer Zeit nicht lol werden kann."
„Willst Du mir dieselbe mittheilen?"
„Gern. Daß diese! weiße, stolze Gesicht von keinem Kummer mehr wisse, darüber täuscht sich mein erfahrener Blick nicht. Seit kurzem halte ich el für aulgemacht, daß trotz ihrer kräfttgen Erscheinung auch ein körperliche! Leiden vorhanden ist, da! sorgfältig geheim gehallen wird. Ich gehe all Haularzt jahraul, jahrein hin. Der Haulherr Befragt mich für sich und sein Kind, aber sie ... ist el nicht unnatürlich, daß ihr nicht wenigsten» einmal eine Kleinigkeit fehle« sollte? Und dabei diese öfteren, nur einen Tag währende» Reisen »ach Bonn, wo die Famttie weder Verwandte noch Freunde hat. Da kommt dal Mädchen. Keine Bestellung für mich abgegeben wordm, Agne!?"
„Rein, Herr Sanitätlrath," antwortete diese und tauschte verstohlen einen zufriedenen Blick mit ihrer