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Donnerstag, den 30. Juli 1896.

23. Jahrgang

mit Nrrtrrhaltirngs KeilaAe „Sterne und KLumeu".

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* Der Zug vom Lande nach der Stadt.

„So lange noch zwischen Reich und Arm ein breiter Mittelstand dazwischen liegt, werden die beiden Extreme selbst vom Zusammenstöße abgedalten. Nichts bewahrt sicherer vor dem Neide gegen die Höheren und vor der Verachtung gegen die Niederen, als eine ununterbrochene Stufenleiter der bürgerlichen Gesellschaft."

Diese Worte de- großen Nationalökonomen Roscher sollten in jeder der zahllosen Kanzleien der Ober­behörden in goldenen Lettern angeschlagen stehen, um so die Herren Geheimräthe, wenn sie Gesetze und Ver­ordnungen au-arbeiten, stets daran zu erinnern, daß nur die Erhaltung der Mittelstände die soziale Revolution verhindern kann. Da nun, wie allseitig zugestanden wird, die Gesetzgebung der letzten 50 Jahre den umgekehrten Erfolg hatte, den Mittelstand zu zerstören, anstatt ihn zu kräftigen oder mindesten- zu erhalten, so ergibt sich folgerichtig die Nothwendigkeit einer schleunigen Reform aller jener Gesetze, die in da- wirthschastliche Leben der Nation eingreifen.

Wa- bi- jetzt in dieser Richtung geschehen, ist vollständig ungenügend. Wir müssen, soll es besser werden, zum christlichen Staat zurückkehren, ein Staat-wesen wieder aufbouen, da- vom christlichen Geiste durchweht ist und auf den granitenen Funda­menten der Religion Jesu Christ» steht. Wie das katholisch-soziale Programm e- will, müssen wir an Stelle der heidnischen atomisirten Gesellschaft den in Berufsstände gegliederten christlichen Ge­sellschaftsbau setzen. Nur dann kann, nur dann wird er bester werden.

Die höchste Aufgabe de- modernen Staate- sollte also nicht darin teüehen, wie das bisher geschah, die Entwickelung von Handel und Industrie zu be­günstigen und so einseitige Jnteressenpolitik zu treiben, sondern Maßregeln zu treffen, um die Mittelstände zu erhalten, die Bildung kleiner Vermögen zu begünstigen. Die bisherige WirthschaftS- Politik ist unmöglich geworden. Leider müht sich der neue Kurs an der unmöglichen Quadratur des Cirkel» ab. Man will die Millionäre züchtenden und die Sozialdemokratie fördernden Wege nicht verlassen und die besitz- und fast rechtlosen Fabrikproletarier mit den bestehenden Verhältnissen au-söhnen, indem man chnen auf Kosten der Allgemeinheit dürftige Ge­schenke verabreicht. Den am 86grur.be stehenden Bauern- und Handwerkerstand versucht man durch „kleine Mittel" zu beschwichtigen und hinzuhalten, ohne an eine grundsätzliche Reorganisation zu denken. So befriedigt der „neue KurS" Niemanden. Börse, Großkapital und Industrie sind wild geworden, weil der Staat durch seine Eingriffe ihre Cirkel gestört hat, so daß sie nicht mehr so ganz „ungenirt arbeiten" können; die Arbeiter klagen, daß zu wenig für sie geschehe und die Landwirthe und Hand­werker find der Rolle dkS Aschenbrödels schon lange müde. Zufrieden sind eigentlich neben den Groß-

- kapitalsten nur die Herren Geheimräthe, die die Gesetzes- Vorlagen bearbeiten und Wunders glauben, wie schön sie Alle- vom grünen Tische leiten, so auSgleichend zu Stande bringen. Diese Herren rechne» gar nicht, welche Unzufriedenheit sie mit ihrem Laviren zwischen Manchesterthum und christlicher BolkSwirthschaft auS- säen, und eS wäre sehr zu wünschen, daß jeder der Herren Geheimräthe gezwungen würde, seinen Sommer­urlaub entweder in den Kreisen der Hand­werker oder der Landwirthe zuverleben. Viel­leicht würde man dann andere Ansichten bekommen.

Eines der dringlichsten Gesetze ist eine Revision : dkS Freizügigkeitsgesetzes. Diese nothwendige । Reform ist natürlich bei den Politikern drS Manchester- j IhumS sehr unpopulär, weil sie da« „Geldmachen" i schädigt, denn die Industrie besitzt das größte Jatereffe daran, möglichst viel „Hände" in Reserve zu haben, : um nach Belieben die Löhne zu drücken. Wenn man \ also die Beschränkung der Freizügigkeit fordert,, so i stößt man auf einen durch eine weit verbreitere, wöhl- i situirte Masse unterstützten Widerstand. Und doch ■ liegt diese Reform im Interesse der Groß- und i Industrie-Städte, die durch ihre wasserkopfartige i Vergrößerung nicht genug Geld für Schul-, Armen- : und Berwaltungskosten aufbrmgm können. ‘ Leider werden diese Städte, wenn auch nicht formell, : so doch thatsächl-ch von Vertretern der mit Börse und ! Kapitalismus verwandten und verschwägerten Kreise ; verwaltet, und so kommt eS, daß diese jeder Be- i schränkung der Freizügigkeit abhold sind.

Wir verkennen nicht, daß auch die Landbewohner einen Theil der Schuld an der Landflucht trogen, ; doch stehen ihnen mildernde Umstände zur Seite. Dank unserer WnthschaftSporttrk und unserer Goldwährung, dre die Einfuhr geradezu be­günstigt, die Au-fuhr aber schwer schädigt, : arbeitet die Landwirthschafr ohne jeden Gewinn, ja, i wie durch zahllose Beispiele nachgewieftn wurde, mit • Verlust. Selbst Besitzer, die mit eigenen Kräften | wirthschaften, erwerben nicht so viel, als der lande»- ! übliche Tagelohn eines ihrer Familienmitglieder beträgt, j Die Mitschuld an der Landflucht trögt unsere : allgemeine Wehrpflicht und der Drang, bequemere Arbeitsgelegenheit in den Städten zu suchen! Viele i der ausgedienten Mannschaften finden es „zu dumm", in ihre Dörfer zurückzukehren, und jene, die das Hei- mathsgefühl nach Hause treibt, wirken nicht al- ! Leuchten deS HermathSdorfeS — im Gegentheil. Auch i der weibliche Theil der Dörfer wrrd in bie „Stabt" gezogen, geht ba zum Theil moralisch unb bürgerlich ; zu Grunde, waS aber nicht verhindert, daß die „An- i bern im Dorfe" gleich beit Mücken mit Wonne ins < Licht fliegen, um ba ebenfalls zum Theil unterzu­gehen.

Diesem unnatürlichen Zuströmen bet länd­lichen Bevölkerung in die verderbliche Raitenfalle der ! Städte muß mittels der Gefttzgebung ein Ende bereitet werden — und zwar im Interesse des Staate- selbst.

i Abgesehen von den volkswirthschaftlichen Nach- ; theilen, welche die Landflucht hervorbringt, führen ; wir noch andere Gründe an. Erfahrung-mäßig werden ’ die Landleute, sobald sie Stadtboden betreten, nach- - lässig im Gebrauch der Sakramente und so damit nach und nach reif für den Umsturz. Wie die Fliegen fallen sie in die mit so leckeren Ködern besetzte sozialdemo- s kratische Falle.

» Wir schließen also kurz mit der These, welche der > Altmeister der Nationalökonomie, der verstorbene Pro­fessor Roscher, die wir an der Spitze diese» Artikels abdruckten, ausgesprochen hat. Mögen die Herren der Regierung sich dadurch belehren lassen. Mögen dann endlich ernsthafte Maßnahmen getroffen $ werden, um die staatsgefährliche Land- ! flucht aufzuhalten.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juli.

In der hohes Politik ist augenblicklich gar nicht- loS; dar ganze innerpolitische Leben ist nahezu ringe- schlafen, lieber allen Wipfeln ist Ruh' und es rauscht so sanft im Blätterwald, als ob e- niemals ftiiien» ’ gerächte und Marin» plane gegeben hätte. In Er- mangelt!«g eine- Besseren beschäftigen sich viele Blätter auj's Eingehendste mit dem Stöcker'schen „kirchlich­sozialen Manifest" und den Phantasien deS Berliner Pastorenblattes von einem großen „evangelischen Kirchentage" und einer „freien evangelischen Ber­einigung" im Reichstage. Rur die Sauregurkenzeit, deren Ausgeburten ja auch derartige Pläne sind, ent­schuldigt b»e eingehende Beschäftigung eine- Theil- der Presse mit diesem wirren, von jeder Kenntniß der praktisch-politischen Verhältnisse unbeeinflußten Ideen. Da er absolut au-geschlossen ist, daß der Traum deS .Reichsboten' von einem „evangelischen Centrum" je­mals in Erfüllung gehen könne, so genügt eS, wenn wir al- gewissenhafte Chronisten der Zeitgeschichte auch von diesen GährungSprodukten einfach Akt nehmen.

ti. Eis schweres Unglück hat, wie wir schon gestern telegraphisch mittheilten, die deutsche Marine betroffen: daS Kanonenboot „Iltis" ist an der chinesischen Käste, nicht weit von Schantung, gestrandet und gesunken Bon der Besatzung, die aus vier Offizieren (Kommandant Kapitänlieutenant Braun, Lieutenants v. Holbach, Fraustädter und Prasse), einem Assistenzarzt (Dr. Hildebrandt) und 80 Mann bestand, wurden nur 10, nach anderer Meldung 13 Mann, kein Offizier, gerettet; über 70 Menschenleben also sind verloren. Der von 1877 bis 1879 in Danzig gebaute' „Iltis" war seit 1887 ununterbrochen in den ostasiatischen Bewässern und hat sich besonder- während deS japanisch-chinesischen Kriege- rühmlich hervorgethan. DaS kleine Schiff hatte nur 489 TonS Deplacement, 340 Pferdestärken und erreichte nur eine Geschwindigkeit von 9* 1 /» Knoten. Die gegenwärtige Mannschaft hat Deutschland am 26. März 1895 »er-

Stromaufwärts.

Roman von Cl. Lötschert (M. Brechten).

7] ------- (Nachdruck verboten.)

An dem untern Ende de- Garten-, da wo bie Manern der beiben benachbarten Grundstücke in ein­ander überginge», war eine niedrige Schaukel zwischen zwei hohen Ulmen angebracht. Bon dort her schimmerte ein Helle» Kleid.

Al- der Besitzer der Niederburg au- dem mittleren Wege in einen Seitenpfad einbog, bemerkte er ein junge» Mädchen, dar ganz in ein Buch vertieft schien. Er näherte sich ihr um einige Schritte unb verbeugte sich artig, während sein Blick mit dem Ausdrucke an­genehmer Ueberraschung ihrem jetzt aufschauenden Auge begegnete.

„Komtesse Irmgard von Ra»feldt?"

„Herr Herzoo, wenn ich nicht irre ..." Die hellen englischen Lederstiefelchen glitten zu Boden, im zier- lrchen Segengruße den blauen Kie» berührend.

„Da ich erst gestern Abend angekommen bin. so habe ich leider noch keine Zeit gefunden, um Ihren unb Gräfin Raunheim'S gütigen Besuch erwidern zu können," sagte Wolfgang Herzog und trat auf die linke Seite deS jungen Mädchen-, das wie in Gedanken feinen Weg fortsetzte.

Sie neigte den Kopf und entgegnete: „Ich benutze indessen gern bie erste Gelegenheit, um Ihnen für bie Freundlichkeit zu danken, mit welcher Ihre Frau s Schwägerin un- den Gartenschlüssel in die Burg sandte, i Meine Tante hofft, dasselbe bald persönlich thun zu ; können, unb ich habe mit, wie Sie sehen, inzwischen - Ihre gütige Eclaubniß schon zu Nutzen gemacht."

„DaS Gegentheil würde meiner Schwägerin auch ' gewiß leid gethan haben," erwiderte Herzog verbindlich.

Wie mir dieselbe mitth-ilte, haben Sie, Komtesse, Ihre - schöne schlesische Heimath verlassen, um auf einige Zeit i unsere stärkende Rheinluft zu genießen?"

„Ja, eS find dies meine sogenannten Ferien. Zn : i dem ist eS schon viele Jahre her, daß ich nicht mehr ! hier war." Ihr Blick schweifte träumerisch durch das ! große Gitterthor nach dem vorüberrauschenden Strome.

„In der That sehr lange," sagte ihr Begleiter und betrachtete sie aufmerksam.

Die Komtesse Irmgard von RaSfeldt war sehr

i hübsch. Sie mochte kaum fünfzehn Jahre zählen, aber ‘ sie sprach und bewegte sich mit der vollendeten Sicher­heit einer erwachsenen jungen Dame.

Gerade für einen Mann wie Herzog mußte die Unterhaltung mit einem so jugendlichen Wesen einen ; eigenen Reiz haben.

Man konnte sich ihr gegenüber frei und leicht

geben; denn umschloß auch da» gelbe, mit einer h:ll- rothen Schleife geschmückte Jäckchen, da» sie über dem kurzen Sommerkreide trug, nicht mehr die Formen eine» Kinde- unb sagten auch bie etwa- kalt ernsten Zge be» blassen aristokratischen Gesichter: Ich fordere unbedingt die Achtung, welcher einer Erwachsenen meines Stande» unb Geschlechte» zukommt, so sprachen boch bie graublauen Augen manchmal sehr deutlich: Ich weiß, daß ich trotzbem noch ein Kind bin, unb sehe sehr gern lernend zu Jenen auf, bie gut zu sein scheinen unb mir gefallen.

„Darf ich voraussetzen, daß Sie gern wieder ein­mal in unsere schöne Stadt gekommen find, Komteffe?"

„Ja, sehr gern sogar, Herr Herzog. Tante Ella holte mich in Bre-lau ab. Dann fuhren wir nach Ziegenhof zu Dohna» und blieben die erste Woche dort. Kennen Sie meine Mama und Onkel Kart, der bei un- lebt?"

„Bedauere, nur wenig; aber Ihr Oheim, Graf Dohna, ist mir seht bekannt. Wir begegnen einander oft im hiesigen Kasino. Was machen seine beiden Söhne? Die müssen ja auch um diese Zeit ihre Ferien haben."

„Meine Vettern? Gewiß, dieselben find eben mit ihrem Erzieher zu Hanse und ich hatte mich recht auf da» Wiedersehen mit ihnen gefreut."