Samstag, den 25. Juli 1896.
23. Jahrgang
mit Untrrhaltimgs-Heitagr .Sterne und Klnmen"
M 169
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w* Erstes Blatt.
xh Der „Liberalismus" aus kirchlichem und politischem Gebiete.
Die Gährung in den verschiedenen Religion»- und Kirchengenoffenfchaften, die man unter dem Namen „Protestantismus" zusammenfaßt, zeigt sich neuer» dingS wieder stark auf verfchiedenm Gebieten, inSbe- f‘' ' t£ auf denjenigen, die namentlich in der gegen»
.4$ Zeit die hauptsächlichsten find: auf dem V.- .ich religiösen und auf dem sozialen Gebiete. Zwar hat der große Kampf, der fich um die Aufnahme deS apostolische« Glaubensbekenntnisses in die Agende der „evangelischen Landeskirche" Preußens drehte, mit einem faule« Kompromiß sei« Ende ge» ». fanden, aber der kleine Krieg innerhalb der Gemeinden und zwischen den Hochschukprofefioren und der Geist» lichkett dauert fort. Namentlich aber steht in Süo» deutschland der Streit um das Apostolikum noch immer in hellen Flammen. Dabei tritt als eine besonders für uns Katholiken interefiante Nebenerscheinung die Thatsache wieder einmal klar hervor, daß der „Evangelische Bund" in diesem Kampfe seine satzungSgemäße Neutralität nicht zu wahren vermag Md fich mehr und mehr als eine BeranstaltMg der kirchlichen „Liberalismus" unter den Protestanten offenbart.
Eine andere alte Wahrheit bewährt fich dabei ebenfalls: der kirchliche Md der politische „Liberalismus" gehen Hand in Hand. Beide find ja Be- thätigungen derselben Geisterrichtung , «ur auf verschiedenem Gebiete, ohne daß aber die Grenze zwischen baden Gebieten, dem religiösen Md dem politischen, immer genau innegehalten würde. Eine scharfe Beobachtung der Grenze ist ja freilich auch gar nicht möglich, denn die politischen Anfchammge« find gerade in den wichtigste« Prinzipienfrage« nichts weiter al» die Ergebniffe der auf dar staatliche Leben angewandten religiösen Grundanschaunng. Ein Volk, dadurch den kirchlichen „Liberalismus" gelehrt wordeu ist, die kirchliche Autorität gering zu achten, wird mit logischer Konsequenz auch dahin kommen müffen, die staatliche Autorität zu mißachten und so eine Bahn einzuschlagen, die in naturgemäßer Entwickelung der Grundsätze durch daS UebergangSstadium de» politischen „Liberalismus" hindurch zum vollendeten Radikalismus, zur Sozialdemokratie und Anarchie führen muß. Damit stimmt die praktische Erfahrung überein, die uv» überall den Sozialismus als radikaleren und folgerichtigen Sohn des falschen „Liberalismus" zeigt. Hier und da zeigt diese Entwickelung allerdings eine Hemmung oder gar theilweise Umkehr, hervorgerufen durch die Srkenntniß der Konsequenzen, zu denen die bis dahin innegehaltene „liberale" Richtung führen müßte. Das ist der Grund, weshalb der „Liberalismus" immer mehr die stärksten Verluste nicht nur cn die Sozialdemokratie, sondern auch an die auf prsitivem, die Achtung der Autorität Pflegenden kirchlichen und pol tischen Parteien erleidet. Und au» demselben Grunde fängt auch dort, wo sett» her „liberal" regiert wurde, da» innige Verhältniß Mischen Regierung und „Liberalismus" lockerer zu ^werden an, oder es zeigen fich wenigstens die „Liberalen" schon mißtrauisch gegenüber der Regierung, fie fürchten, die Regierung habe allmählich eingesehen; baß sie beffere und stärkere Stützen auch für die staatliche Autorität bei den Bertretern der religiösen Autorität finden könne, alt beiden bisherigen Freunden, den „Liberalen."
Diese ErscheinMg zeigt fich besonder- in Oesterreich und in Baden. Was insbesondere den „liberalen Mu^erstaat" Baden angebt, so finden wir eine interessante Beleuchtung der Unbehaglichkeit deS religiösen und politischen „Liberalismus" Baden-in einer badischen Korrespondenz der protestantisch-konservativen „Kreuzztg." Hier wird namentlich auch auf die Beklemmungen hmgewiesen, denen die „Kirchliche Korrespondenz" deS „Evangelischen Bunde»" deshalb Ausdruck gibt, weil der großherzogliche Hof, zwei SRhvfter, der kommandirende General und — schrick sich! — auch der Präsident Wielandt des evangelischen Oberkirchenraths der Grundsteinlegung 5et katholischen St. BernarduS-Kirche in!
Karlsruhe beigewohnt haben. Daraus folgert das bündlerische Blatt, daß vou jetzt ab auch in Baden „katholisch Trumpf" sein werde, daß die Minister Eisenlohr und Rokk fallen Md dar Centrum zur Regierungspartei aufrücken werde! Die,Kreuzztg? zeigt, wie lächerlich diese Folgerungen sind, wobei fie u. A. auch die Rede der WeihbischofS Dr. Knecht von Freiburg, der die GrundsteinlegMg vollzog, tadellloS nennt. Die.Kreuzztg? erörtert dann die Gründe deS Unbehagens und Mißtrauens, da- fich der „liberalen" Protestanten Badens bemächtigt habe, mtb kommt zu dem Schluffe, daß daran nur das Gefühl schuld sei, „daß die einheitliche katholische Kirche eine größere Rolle spielt als die evangelische Landeskirche, welche in sich zerrissen und zerfahren erscheint." An dieser Zerfahrenheit sei aber nur der kirchliche „Liberalismus" selbst schuld.
Wie e» auf sozialem Gebiete im Protestantismus gährt und brodelt, sei beute nur gestreift: da» Vordringen der radikalen RMmann'schen Richtung, die Trennung Stöcker» vo« den Konservativen, fern neuester „kirchlich-sozialer" Aufruf mtb bie Sprengung be» evangelischen Kongreffe» — aller bieS beweist hinlänglich, wie groß auch in bieser Hinficht bie innere Zerrissenheit unb Zerfahrenheit bei Protestantismus ist. Die praktischen Folgerungen, bie fich hieraus auf bie Politik ergeben, bedürfen kaum einer näheren Darlegung._________________________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Juli.
* DaS Programm der diesjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschland» zu Dortmund wird im 2. Blatte der hcuttgen Nummer veröffentlicht.
* liebet den Znknustsstaat der Sozialdemokratie hat wieder einmal ein Genosse fich offen ausgesprochen. Der sozialdemokratische ReichStagSabgeordnete Dr. Lütgen an hat nämlich am 19. ds MtS. in Essen eine Reihe von Vorträgen zur Erörterung de» Erfurter Parteiprogramm» begonnen. Am Schluffe seiner ersten Vorträge» sagte er: „Nun stellt man häufig die Frage, welchen Staat denn die Sozialdemokratie an Stelle be» heutigen setzen wolle. DaS ist eine ganz müßige Frage. Ein Programm dafür hat die Sozialdemokratte nicht, wenn auch der einzelne Ge» nosie darüber seine persönlichen Ansichten hat (!!). Vorläufig erstrebt sie die Beseitigung de» heutigen Staatswesen», die sie mit Sicherheit erreichen wird (?), und dann wird die neue Ordnung der Dinge sich zur rechten Zeit schon ergeben." — Jawohl, bie Sozialdemokratte betrachtet es als ihre Aufgabe zu zerstören, ohne zu wiffen, wie später wieder aufgebaut werden soll; zuerst muß der große Kladderadatsch herbrigeführt werde«, dann wird im Trübe« gefischt.
♦ lieber die vom .Reichsboten' sehr lebhaft vertretene Idee einer großen „evavgelischm Kirchentage»," der «in Gegengewicht gegen bte kathoüchen Generalversammlungen sein soll, äußert fich die .Kreuzztg? ziemlich ablehnend. Sie verspricht fich nichts davon und weist auf frühere derartige Versuche hin, die alle an der zu verschiedenartigen Zusammensetzung solcher Kongrtffe gescheitert seien. Da-in hat die .Kreuzztg? Recht; Unrecht hat fie jedoch, wenn fie zugleich auch die Bedeutung der katholischen Generalversammlungen zu verkleinern sucht, während der .Reichrbote' den Werth derselben viel beffer zu schätzen wußte.
* Eine rohe Beschimpfung der katholischen Kirche finden wir im konservativen ,Reich»boten'. In einem „Born Cmtrum" überschriebenen Artikel diese- Blatte-, der fich grgen AuSfih-uvgen der .Köln. Ztg? und besonders gegen den Ausdruck „lebendige Gegenwart" richtet, heißt eS am Schluffe: „Diese „lebendige" Gegenwart, in der aller klare, kraftvolle, evangelische Einfluß schließlich zu Tode diplomatifirt wird, während bie große Kreuzspinne in Rom ihre Fäden immer erdrückender um die religiöse unb Poltische Entwickelung Deutschlands legt." Hat da- Organ der orthodoxen Pastoren vielleicht da- Privilegium, die katholiiche Kirche beschimpfen zu dürfen?
* Darmstadt, 24 Juli. Die zweite Kammer hat heute mit 30 gegen 16 Stimmen die Vorlage bett, den Staatsvertrag mit Preußen, sowie den Ankauf der hessischen Ludwigtbahn angenommen.
* Cannstatt, 24. Juli. Unter großer Betheiligung namentlich feiten- der Sozialdemokraten von hier und Stuttgart, fand gestern Abend die Beerdigung be» sozialdemokratischen Abgeordneten Glas er statt. Eine Musikkapelle, welche dem Zuge votau-ging, spielte zuerst den Choral: „Jesus meine Zuversicht" und bann ben sogen. Beethoven'schen Trauermarsch. Im Zuge selbst wmbe eine große tothe Fahne mH» geführt. Am Grabe felbst sprach bei evangelische Stabtpfarrer Oehler, sowie mttet Rieberlegung von Kränzen mehrere Parteigenoffen beS Verstorbenen. Der katholische Stabtpfarrer hatte selbstverstänblich, bemerkt bazu ba- ,D. BolkSbl?, bie kirchliche Beer» bigung ablehnen müffen, nachbem Glaser sich offen als ungläubig bekannt unb ben Geistlichen unb bie hl. Sakramente beharrlich zurückgewiesen hatte. Daß Glaser zur evangelische« Kirche fibergetreten wär«, davon ist nicht» bekannt. Der evangelische Herr Stadtpfarrer Oehler muß daher ganz bestimmte Gründe gehabt haben, die ihn berechtigt (?) haben, die Beerdigung vorzunehmen unb so in bie kath. Kirchendi-ziplin einzugreifen.
* Bamberg, 24. Juli. Der verewigte Erzbischof Friebrich v. Schreiber hatte ein Legat von 18,000 Mk. zur Errichtung einer Logik» unb Verpflegung-Hanses für lebige Fabrikarbeiterinnen ausgesetzt. Z« bieser Summe trat Mch bet Erlös von 6000 Mark an» entern Legat. Da» Kapital ist nunmehr mit be« Zinse« au-reichenb, um an bie Errichtung be- Heimzu gehen. E» ftnb be-halb Unterhandlungen weg« Ankauf» eine» Anwesen» im Sange.
* München, 24. Juli. Die Rebemptoristen« Angelegenheit liegt onber», als seither geglaubt würbe. Der P. Provinzial bet Redemptoristen hat selbst sein an die Regierung gerichteter Gesuch, an der St. Joseph-Pfarrei ein Hospiz der Redemptoristen errichten zn dürfen, zurückgezogen, so daß der Kultusminister gar nicht in die Sage gekommen ist, eine« Entscheid gegenüber den Redemptoristen zu fälle«. Nunmehr werde« die Kapuziner dort einHospttim« einrichten; die GenehmigMg de» Kultusministers ist hierfür in Aussicht gestellt.
Ausland.
* Paris, 24. Juli. Der ehemalige Minister Eugen S p u l l e r ist gestern in Dijon gestorben. Spuller war im Jahre 1835 im Departement Cüte-d'Or geboren, stammte aber von deutschen aus Baden ringe- wanderten Eltern. Er widmete sich dem Studium der Rechte, gerieth dann als Freund GambettaS in die journalistische Laufbahn. Erst schrieb er in republikanischem Geiste für daS in Frankfurt a. M. damals in französischer Sprache erscheinende Blatt ,L'Europe', 1870 wurde er Chefredakteur der von Gambetta gegründeten .Republique Frangaise'. Bald darauf trat er in die Deputirtenkammer ein und gehörte in der Folgezeit nach einander mehreren Kabinete« als Minister an. Als Minister des Aeußetn fetzte er die Theilnahme Frankreichs am Berliner Arbeiterschutz- Kongreß durch. In den letzten Jahren, seit dem Rück» tritt deS ihm ebenfalls engbefreunbeten Casimir Perier, war Spuller polttifch nicht mehr hervorgetreten. Der Verstorbene litt schon seit mehreren Monaten an einer Venen-Eutzünbung. Unter ben ersten BeleidSbezeugun» gen, bie ben Angehörigen bei seinem Tode zugingen, befonb sich neben bet Casimir PerierS auch eine solche bei deutschen Botschafter- Grafen Münster.
* Pari-, 24. Juli. Der gegenwärtig in Lille stattfindenbe Sozialisten - Kongreß erließ ei« Manifest, in welchem er die Bevölkerung anf- forderte, die ausländischen sozialistischen Delegirte«, insbesondere die Deutschen Bebel, Liebknecht mtb Singer,im Triumph am Bahnhofe zu empfangen. Da» opportunistische Journal .ProgröS du Nord' erließ ei« Gegen manifest, da» die Bevölkerung aufforderte, gegen den offiziellen Empfang zu protestiren, bat bie sozialistische Gemeindevertretung für deutsche Delegirte vorbereite, nachdem sich die Gemeindevertretung geweigert, das französische Nationalfest am 14. Jult zu feier«. Eine große Menge Volk» und Studenten umdrängten den Bahnhof, der von der Polizei Md 60 GevSdarmen abgesperrt war. Die brutschen Delegirte«, von der Fnndseligkrit der Bevölkerung benachrichtigt, nahmen an dem Zuge, der bie au-länbische« Delegirte« nach bem „Hotel be Ville" führte, nicht