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Donnerstag, den 23. Juli 1896.

23. Jahrgang

Ccfträrt tftgBg, @*w e* gtttrtaee (utfgenomme*. — vierteljährliche Abonu«me»t*pr«iz ohne Briugertohn trab v«ßr«g<L> in Kulda imb airSwid« 1 Sott 60 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Sarnwndzeüe oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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mit Knterhaltungs-Krttage Sterne und Ktumeu".

<K> Nachträgliches^ur^ Löwenberger

Er ist begreiflich, daß die „freisinnigen" Blätter, der Triumphes lange entwöhnt, die Gelegen­heit deS Löwenberger WahlergebnifleS, fich in Jubel- Hymnen zu ergehen, „voll und ganz" auskosten wollen und daher mit ihren Betrachtungen über dar Löwen­berger Wahlergebniß gar nicht zu Ende kommen können. Nicht minder begreiflich ist eS, daß sie dabei sich bemühen, den Antheil der Centrums an ihrem Siege so gering als möglich hinzustellen, um dadurch ihren eigenen — angeblichen — „Aufschwung" in desto hellerer Licht zu setzen. Diese Taktik läßt aber jetzt Herr Eugen Richter in seiner ,Freisinnigen Zeitung' falle»; er widmet der Centrumrpartei in Schlesien aus Anlaß der Löwenberger Wahl sogar einen eigenen Leitartikel. t-sj

In diesem Artikel zeigt sich nun eine n e u e T a k t i k, die vom freisinnigen Standpunkt gar nicht ungeschickt und jedenfalls viel klüger ist, als die bisherige Taktik, den Antheil des CentrumS am Löwenberger Wahlaui- fall möglichst todtzufchweigen. Herr Richter bemüht sich nämlich jetzt um den Nachweis, daß die städti- schm und die kleinbäuerlichen CmtrumSwähler fich immer mehr gegen dar Bestreben der „offiziellen" schlesischen CentrumSpartei toenben werden, „die Katho­liken vor den Wagen des JunkerthumS und der Agrarier zu spannen." Ja, Herr Richter glaubt freudigen GemütheS in einem großen Theile der Wähler richtige „Liberale" — soll wohl heißen: „Frei­sinnige" — erblicken zu dürfen, die sich nur durch eine Art katholisch-kirchlichen Anstrichs von der Partei der Herrn Eugen Richter unterscheiden. Im wetteren Felde spekulirt oann Herr Richter auf eine Spaltung deS Centrumr, wobei eS nicht zweifelhaft sein kann, daß er dabei auf die Angliederung der „freisinnigen" Katholiken an seine Partei rechnet.

ES ist nicht unklug von Herm Richter, dar Ver­halten eines Theiler der Löwenberger Centrmnrwähler alr einen Fortschritt der „freisinnigen" Ideen unter den Katholiken darzustellen. Unklug aber ist eS von ihm, im Anschlusie hieran seine ge­heimen Wünsche und Spekulationen auf Wählerfang unter den Katholikm allzu deutlich zu verrathcn. Daß doch felbst einem so nüchternen Politiker wie Herrn Richter zuweilen die Phantasie mit dem Verstaube durchgeht! Rein, Herr Richter, ebenso wenig wie die früheren Fälle, in denen darCentrumaus taktischen Gründen oder nach dem Grundsätze vom „kleineren Nebel" die „freisinnige" Partei in einer Reihe von Wahlkreifen unterstützte, ebmfo wenig beweist der „Fall Löwenberg," daß bte Centrumswähler nunmehr zur antiagrarischen Fahne deS „Freisinns" abschwenken wollen. SS gab Zeiten, in denen boshafte Gegner deS Herm Richter behaupteten, leine ganze ReichrtagS- fraktion sei nur „auf den Krücken deS CentrumS" in

Stromaufwärts.

Roman von Tl. Lötschert. (M. Brechten.)

1] ------- (Nachdruck verboten.)

1. Kapitel. In der Niederburg.

Ein Strom goldenen Lichte» durchfluchet den Garten bis zur Veranda hin.

Die einzelnen Strahlen tanzen an dem Geranke von wilden Rosen hinauf, sie brechen fich an den hohen Spiegelscheiben der zweiten Stockwerkes und umgeben, in den Salon eindringend, die Gestalt eines Herrn mit hellem, fteundlichem Schein.

Er lehnt in nachlässig graziöser Haltung an einem Pfeilerttschchrn, während seine wohlgepflegten Hände fich angelegentlich mit einer Cigarre beschäftigen. Ohne aufzuschaue», fragt er mit der ganzen vornehmen Gletch- gilügkeit seiner Wesens: „Ihr Name?"

„WillbruchS Hanne!"

Hart und rauh klingen die beiden Worte in d-m eleganten Raume wieder; von den dunkel polirten Flächen der kostbaren Möbel förmlich abpcallend, fcheinen sie in jedem Winkel ein höhnisches Scho zu wecken.

Sie, die dort an der Thüre steht und dieselben ausgesprochen hat — sie fühlt es selbst, und sie weiß auch mit einem Mal, daß sie ein unbeholfenes, kaum dem KindeSalter entwachsenes Mädchen ist und einen

den Reichstag gelangt. Etwas Wahret war immerhin daran. Hat man aber deshalb jemals gehört, daß da» Centrum „freisinnig," d. h. manchesterlich und antiagrarifch oder daß — die „Freisinnigen" „klerikal" geworden feien? Zu letzterem hätten die „Freisinnigen" — aus Dankbarkeit z. B. — vielleicht noch viel mehr Grund gehabt, als dar Centrum zu einer „freisinnigen" Mauferuug.!MM-^

Herr Richter möge fich auch jetzt vor der Selbst­täuschung bewahren, als mache das „freisinnige" Manchesterthum unter de» Katholiken ober überhaupt Fortschritte. War den Freisinn am Leben erhält, ist lediglich seine Opposition gegen die weitgehenden Militär- und Marineforderungen, nicht aber sein wirthschaft- licheS Programm. Auch die Löwenberger Katholiken, die für Kopsch stimmten, haben dar nicht deshalb ge- tha», weil Kopsch ein Gegner der MittelstandSpolitik und der „Agrarier" ist, sondern weil sie in ihm einen Gegner neuer großer Militär- und Marinelasten erblickten und weil fie zugleich gegen die sonderbare Unterstützung einer „konservativen" Grafe», der ihnen absolut keine kirchenpolttischen Garantie» geben wollte, mit dem Stimmzettel Protestiren wollten; dar war speziell auch ein Denkzettel für den Grafen Strach­witz, der — obgleich er Mitglied der Centtum»- ftaknon deS Abgeordnetenhauses ist — AgttationSreisen zu Gunsten des „konservativen" Kandidaten machte und sogar vor der Lächerlichkeit nicht zurückschreckte, diejenigen Katholiken, die nicht für die „Konservativen" stimmten, als „Räuber und Mörder an ihrem Glauben" zu bezeichnen! Nach dieser neueste» Leistung deS edle» Grafen, der schon vieler Merkwürdige fich gestatte« durfte, wäre wohl anzunehmen, daß entweder er selbst oder aber die CentrumSfraktion aus der Thatsache, daß er mehr „Konservativer" als CentrumSmann ist, die einzig richtige Folgerung zöge. Wir können solche „konservativen" Agitatoren nicht gebrauchen.

Wie Herr Richter sieht, protestiren auch wir gegen daS Verhalten deS Grafen Strachwitz, aber uns darf er S wohl glauben, daß wir deswegen noch lange nicht gesonnen sind, in die politischen Baharn einzulenken, in deren Verfolgung er seine Partei so gründlich „hinab" geführt hat, daß sie heute überall auf die Unter­stützung anderer Parteien angewiesen ist; diese wisien dabei: warum, — „freisinnig" werden sie darum jeden­falls nicht.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Juli.

* Der Kaiser wird nach Beendigung der Laiser- manöver in Schlesien sich wieder an Bord der Dacht „Hohenzollern" einschiffen, um auch den Haupt- und Schlußmanövern der Flotte beizuwohnen.

* Dem Domherrn Pohl in Frauenburg ist vom Kaiser der Rothe Adlerorden IV. Klasse mit bet Krone verliehen worden, welchen ihm am 20. dS-

abscheulich klingenden Name» hat, daß sie eine häß­liche Jacke trägt und noch dazu plumpe, große Leder­schuhe. Ein breiter Lichtstreifen, der fich von der Spitze der feinen Herrnstlfels quer über den bunten Teppich bis zu ihren einwärtsstehenden Füßen hin­zieht, mag das letztere ihr verrath n haben.

Eire zweite, halb spöttisch, halb ungläubig lautende Frage macht sie aussehen. „Wie . . .?"

„Hanne Äillbmch", kommt eS dieses Mal versetzt und weniger zuversichtlich ans ihrem Munde.

Die Spitze der Havanna ist entfernt; daS kleine Messer fällt in die »abestchende Schale zurück — em kurzer Aufleuchten der Zündhölzchens, ein paar kräftige Züge, von den ersten feinen Rauchwölkchen begleitet, und Herr Wolfgang Herzog blicke auf. Zwei scharfe, hellblaue Augen begegnen denen Hanna'S und messen sie vom Scheitel bis zur Sohle — haften einen Augen­blick an ihrer untersetzten Gestalt und gleiten dann zu einer in der Sopha-Ecke ruhenden Dame hinüber.

Diese legt die feine Stickerei nieder, an der fie gearbeitet hat, und erwidert de» Blick. Hanna glaubt eS in Beider Mundwinkel verrätherisch zucken zu sehen.

„Rehmen Sie er nicht übel, mein guter Mädchen; aber ich finde el, gelinde gesagt, anmaßend, daß Sie fich um diesen Pwtz bewerben." Herr Herzog spricht ; ganz in dem ruh gen Tone und mit der höflichen - Herablassung, welche er sich seinen Untergebenen gegen- -

MtS. der Oberpräsidialrath Maubach aus Königsberg überbracht hat.

* Nach einer sehr sicher austretenden Wiener Meldung der „Post" hätte sich der katholische Kron­prinz von Italien mit der (schiSmatischen) Prinzessin Helene von Montenegro verlobt. Gleichzeittg behauptet aber ein Wiener Blatt, der König von Serbien werde sich demnächst mit der Prinzessin Helene verloben. Wer hat nun Recht? Der König von Serbien ist 20, der Kronprinz von Italien 27 und die Prinzessin Helene 23 Jahre alt.

* Wegen des Zweikampfe« zwischen dem Ober­richter Eschke und dem Finanzbirektor v. Bennigsen in Kamerun, bei dem der letztere leicht verwundet wurde, ist jetzt eine Untersuchung eingeleitet worden. Die Veranlassung zu dem Zweikampf im Frühjahr 1895 soll darin gelegen haben, daß der Gouverneur dem damaligen Landrath v. Bennigsen den Auftrag ertheilte, die dem Oberrichterunterstellten Bezirksgerichte zu besuchen und einer amtlichen Besichtigung zu unter­ziehe», was anscheinend den dienstliche» Verhältnissen nicht entsprach. Der Oberrichter Eschke erblickte in dieser Dienstreise der BerwaltungSbeamten einen Ein­griff in die ihm zuftehenden Befugnisse, die er offen­bar mit Hilfe der Pistole genauer abgrenzen wollte, wie man es beim.Arizoner Rider' auch thut.

* Das Schießeisen wird weiter benutzt. Wie Berliner Blätter melden, hat am Dienstag stütz im Grünewald wieder einPistolenduellstattgefunden. Die Duellanten waren ein Arzt aus einem bekannten böhmischen Badeort und ein Chemiker und Reserve- osfizier auS Berlin, Die Bedingungen deS Zwei­kampfes waren sehr scharf: fünf Schritt Distanz bis zur Kampfunfähigkeit der Gegners. Nach dem zweimaligen Kugelwechsel stürzte der Berliner Chemiker mit einem Schuß in den Unterleib zu Boden Der Verletzte wurde mittete Privatfuhrwerk nach seiner in einem nördlichen Berliner Vorort gelegenen Wohnung gebracht und befindet fich dort in ärztlicher Behand­lung ; doch gibt sein Zustand nicht Anlaß zur Besorgniß. Der böhmische Badearzt ist der Herausforderer zu dem Zweikampf gewesen, weil er in einem Ehescheidung-- Prozeß, den er mit seiner Frau geführt hat, den Ber­liner Chemiker des Ehebruchs beschuldigt hat. Der böhmische Arzt hat sich sofort »ach feiner Heimath zurückbegeben.

O Der Kampf Her Bismarckblätter gegen vaS Certtrnm scheint den ganzen Sommer ausfüllen zu sollen. SB’r brauchen uns dadurch um so weniger ausregen zu kaffen, als jene Hetze auch in konservativm und steikonservativen Blättern entschiedener Zurück­weisung begegnete. Herr v. Rarborff hat in der ,Post' dem Centrum sogar Worte höchsten Sofie« gewidmet, von dem man allerdings nicht weiß, ofi damit nicht irgendwelche Nebenzwecke verbunden werden. Bon dieser Seite läßt uns übrigen« Lob oder Tadel gleich kühl bis ans Herz hinan.

über zur Regel gemacht hat. „Mein Haus ist kein Ort, in de» man sich von der Schule oder von der Gasse auS hinein begibt, um sich für etwaige spätere, bessere Stellungen heranzubilden. Ich dächte, Sie hätten da« wisse» können," schließt er mit demselben Gleichnmth.

Dar Blut schießt Hanna ins Gesicht. Da- durch­dringende Parfum, das fie von allen Seiten umweht, droht ihre aufgeregten Sinne zu verwirren, aber fie hält die Augen fest auf den schönen Mann vor ihr gerichtet.

„Nun, wie kamen Sie überhaupt zu diesem Schritt?" „Die Mutter hat nie daran gedacht, daß ich schon jetzt einen Dienst annehmen soll . . ." stottert sie endlich; „aber da kam vor einigen Tagen die kleine Getti in unser Hau« ..."

„DaS kleine Fräulein," verbeffert die Dame vom Sopha au«.

„Da« kleine Fräulein Gerti," wiederhott Hanna zögernd, „und als die auf mich zulief, da meinte die Sabine . . . Sie würden vielleicht. .

„Ah, ich verstehe, also eine Bekanntschaft der Köchin! Bitte, Frau Schwägerin, klären Sie mich einmal auf! WaS ist Wahre« an der ganzen Geschichte?" Der schlanke Zeigt siager schnellt die Asche von der glim­menden Cigarre verächtlich hinweg.

„Aller, lieber Schwager," entgegnet Jene in fr«r