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Donnerstag, den 16. Juli 1896.

23. Jahrgang

Uli) IUI

mit Unterhaltrmgs-Keilage „Sterne und Kimnrn".

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<ß Der geplante BalkanvnndHM

Bor einigen Tagen wurde aus Belgrad gemeldet, Kaiser Fr anz Joseph habe die Herrscher von Rumänien, Serbien und Bulgarien zu der im September statt- sindenden seierlichen Eröffnung des verbefferten Schiff­fahrtsweges durch dar „Eiserne Thor" eingeladen. Tine solche Begegnung der Fürsten aller vier Donau­staaten auf Einladung Oesterreich-Ungarns würde von Rußland an sich schon mit scheelen Augen betrachtet werden; ganz besonders gilt dies aber jetzt, wo das Mißtrauen Rußlands durch das Projekt einer engeren Verbindung der Balkanstaaten einmal geweckt ist. Allerdings kann man Rumänien nicht eigentlich zu den Balkanstaaten rechnen, und er mag ja auch fraglich sein, ob es in einen förmlichen Bund der Balkanstaaten eintreten würde; zweifellos aber könnte die Gründung eine» Balkanbunde», dem natürlich die Türkei nicht angehören würde, dem rumänischen Königreiche nur erwünscht sein. Rumänien» erster Grundsatz ist die volle Wahrung seiner Unabhängigkeit, und das bringt die Rumänen trotz der Religionsverwandtschast mit den Russen und trotz mancher Reibereien mit den russenfeindlichm Ungarn in einen stillen Gegensatz zu Raßland; denn da Rußland nach wie vor nach dem Besitze Konstantinopel» strebt, ihr Weg dorthin zu Lande aber nur durch Rumänien und Bulgarien gehen kann, so ist e» natürlich, daß man in diesen beiden Ländern — und wenn vorübergehend auch noch so viel von brüderlicher Liebe zu Rußland geredet wird — eine gute Portion Mißtrauen gegen Rußland nie los wird.

Da nun ein Bund der christlichen Balkanstaaten thatsächlich keine anderen Ziele verfolgen könnte, al» 1) Stärkung de» christlichen Element» gegenüber der Türkei und 2) eine Art Versicherung auf Gegenseitig­keit gegenüber Versuchen anderer Mächte, auf kriegerischem oder auch diplomatischem Wege einen beherrschenden Ein­fluß in den kleineren Balkanstaaten zu erlangen und dadurch bereit Selbstständigkeit zu schmälern, so könnte den Rumänen, die dasselbe Jntereffe haben, die Grün­dung eines Balkanbundes nur angenehm sei». Weitere Meldungen haben nun bestätigt, daß seitens Oesterreichs die Könige von Rumänien und Serbien Einladungen zur feierlichen Eröffnung des Eisernen Thores erhal­ten haben. Ob der Bulgarienfürst auch eine Einladung erhalten hat, ist bis jetzt noch nicht sicher bekannt. Wäre er em unabhängiger Fürst, so würde er, so un­sympathisch er persönlich auch dem Kaiser Franz Joseph sein mag, gemäß den Regeln der internationalen Höflichkeit gewiß nicht übergangen werden. Da er aber Vasall de» Sultans ist, so könnte er nur dann eine Einladung erhallen, wenn auch der Sultan ein geladen würde, an der Feier persönlich (was aber ganz ausgeschlossen ist) oder durch einen Vertreter sich zu detheiligen. Davon hat man bi» jetzt aber noch nicht» gehört; vielleicht wird darüber erst roch verhandelt.

Würden die drei Fürsten der unteren Donaustaaten

an der Feier thnlnehmen, so wären freilich noch nicht alle der bei dem Projekte einer Balkanbunde» in Be- tracht kommenden Fürsten versammelt. Ob Griechen­land eingeladen würde, in einen solchen Bund eiuzu- treten, ist allerdings fraglich, da eS durch türkische Provinzen ziemlich weit von den anderen christlichen Balkanstaaten getrennt ist und vielfach auch in seinen Interessen mit diesen nicht übereinstimmt. Dagegen ist e» sicher, daß ei« Balkanbund kaum ohne Monte­negro abgeschlossen würde. Montenegro ist zwar ein kleines und armeS Land, aber es hat eine tapfere Be­völkerung, eine an Kriegsruhm reiche Vergangenheit und da» älteste und angesehenste aller christlichen Fürstenhäuser auf der Balkanhalbinsel. Und da» fällt doch so sehr ins Gewicht, daß sogar bestimmt behauptet wurde, der Fürst von Montenegro solle da» Haupt deS Balkanbundes werden. Er ist ja auch von der serbischen Bevölkerung gerade in dieser Erwartung kürzlich höchst begeistert bei seinem Besuche in der serbischen Hauptstadt begrüßt worden. Dieser Besuch galt allgemein als ein vorbereitender Schritt zur Grün­dung de» so viel besprochenen BalkanbundeS. Um so mehr fiel es auf, daß der Fürst der „Schwarzen Berge" dann nicht auch die bulgarische Hauptstadt be­sucht hat.

Uns scheint dies aber leicht begreiflich. Ganz abgesehen von der geringen Achtung, die Fürst Ferdi­nand von Bulgarien genießt, konnte Fürst Nikolau» von Montenegro wohl verlangen, daß der abhängige Bulgarenfürst, zudem ein viel jüngerer Mann, zuerst zu ihm nach Cettinje komme, bevor er auf seinen Besuch in Sofia rechnen darf. Namentlich aber geht es doch überhaupt nicht an, daß vor aller Oeffentlich- keit die vorbereitenden Schritte zu einem Bündniß mit einem Vasallen des Sultan» geschehen. So lange Ferdinand nicht unabhängiger Fürst von Bul­garien ist, kann er keine formellen Bündnisse mit fremden Staaten schließen. Da» schließt allerdings nicht au», daß etwa geheime Abmachungen zwischen \ ihm und dm anderen Balkanfürsten getrost m worden, \ Abmachungen, bei denen u. A. dann auch seine völlige j Lostrennung von der Türkei bei der nächsten günstigen ] Gelegenheit zweifellos ausbedungen würde. ÄuS alle- ' dem ergibt sich für uns, daß zwar ein förmliches ' Bündniß der christlichen Balkanstaaten für.'» Erste kaum verwirklicht werden dürste, daß aber der Abschluß geheimer Verträge allerdings nicht zu den Unmöglich­keiten gehört.

-m- Arbeitsvereinigungen und Arbeits­bestrebungen.

Zwei imposante Kundgebungen der katholischen Arbeiterwelt zu Gunsten der in letzter Zeit la* * tholischerseit» aufgenommenen Mäßigkeitsbewegung legen ein ehrenvolles Zrugniß für den Geist unserer Arbeiter und ihrer Korporationen ab. Sowohl der 2. Dele- girtentag der katholischen Arbeitervereinigungen in C re-

! s feld am Dreifaltigkeit»sonntage d. I., wie auchMe I" auf dem VerbandStage zu Kupferdreh versammelten

Mitglieder der 17 Arbeiterkongregationen der Mark, westlicher Theil, begrüßten mit Begeisterung zwei An- s träge zur Bekämpfung des AlkoholmißbraucheS. Die j circa 130 Delegirten vertraten 20500 Arbeiter und i die 10 Kongregationen hatten ein paar Tausend । Männer zum Berbandrfeste gesandt. In beiden 3 Versammlungen wurden einstimmig die zwei Reso» " lutionrn gefaßt:

„1. Die Delegirtenv ersammlung begrüßt die Be­strebungen de» neugegründeten „Kath. Vereins gegen Mißbrauch geistiger Getränke zu Aachen" und fordert die Mitglieder der Arbeiter-Bereinigungen zur wirk­samen Unterstützung der Mäßigkeitsbestrebungen auf.

2. Die Delegirtenversammlung stellt an da» vor­bereitende Komitee der Katholikenversammlung zu Dortmund den Antrag, die katholischen MäßiAeitS- bestrebungen auf die Tagesordnung der Katholiken­versammlung zu setzen und insbesondere den „Kathol. Verein gegen Mißbrauch geistiger Gettänke," sowie die Gründung von kathol. Trinkerheilanstalten und die Einrichtung von Bolkskaffeehallen auf der Katholiken­versammlung zu empfehlen."

Mit Recht hat man wohl die Arbeitervereine Pflanzschulen der Mäßigkeit und guten Sitten genannt. Sie leiten ja die Mitglieder zu idealerer LebenSauffaffung an, bieten religiöse mtb wirthschaftliche Mittel mannigfacher Art. Sie fordem zur Sparsamkeit, geregeltem Familienleben und treuer Erfüllung ihrer Beruf-Pflichten auf. Diese Vereine könnten auch wohl dem „übermäßigen Fest­feiern" erfolgreich entgegenarbeiten. Denn daß wir gerade im Zeichen der Feste stehen, wie sie immer heißen und wie lange sie dauern mögen, zeigen UN» die Tagesblätter in ihren langen Festberichten mtb Annoncen. Die sozialen mtb religiösen Nachtheile biefe» zur Kalamität gewordenen Festfeiern» ließen sich wohl durch ein Mittel zurückweisen, welches zu­gleich den Korpsgeist unserer Vereine heben würde. Wir meinen gemeinsame BerbandSfeste an Stelle all' der einzelnen jährlichen Stiftungsfeste, welche von Nachbarvereinen besucht werden. In Wirk­lichkeit haben schon einige Bezirke solche Feste mit segensreichen Folgen eingeführt. So feiern fünf christ-

[ liche Arbeitervereine in Essen und Umgebung jährlich | nur ein gemeinsames Fest in einer durch da» Loo- bestimmten Reihenfolge. Ebenso die Kongregationen und Sodalitäten der Mark. Wegen ihrer großen Zahl haben sich dieselben seit vorigem Jahre in einen öst­lichen Theil (Dekanate Dortmund, Hagen, Iserlohn und Hamm) mit 16 Vereinen und einen westlichen Theil (Bochum, Steele u. s. w.) mit 17 Vereinen ge- theilt. Ihre Delegirten, Präsides und Präsekten halt« jährlich Ostermontag Versammlung; am Sonntag vor Psingften findet da» BerbandSfest, im Herbst eine gemein­same Versammlung bet Borstänbe beider Bezirke statt. Sehnlich feiert der katholische Knappenbund mit seinen

Der Milderer.

Eine wahre Begebenheit aus dem bayerischen Hochgebirge.

Die Sonne neigte sich zum Untergänge. Da» Dörfchen im Thale lag längst im Schatten der hohen Berge, welche rings dasselbe umschloffen, nur die Höch- sten Berge glänzten noch im Abendroth mtb die zackigen Fel-blöcke waren von flammenbem Golde gesäumt. Der Bergkeffel, in deffen mulbenförmiger Tiefe bie Hütten lagen, war so eng mtb bie himmelanstrebenden Berg­riesen so gewaltig, baß man sürchten konnte, bie Massen würben eines Tages bie winzigen Häuschen gleich Nuß­schalen erbtüden. Durch dünkte Tannenwaldungen hüpfte über Quadern ein silberhelle» Bächlein, da» sich mühsam den Weg durch die Blumen und den saftigen Rasen bahnte, um am Ende deS Dörfchens mit ge­schwätzigem Geplätscher das Rad einer Mühle zu treiben. Die Mühle war ein alte» Bauwerk au, Holz und Lehm, aber sie ernährte die Bewohner doch, wie sie schon drei Geschlechter ernährt hatte, und der jetzige Müller sollte sogar einige» Vermögen besitzen. Wetthvoll war da» Häuschen allerdings nicht, den» die weiß ge­tünchten Kalkwände mit den schwarzen Balken dazwischen, das Strohdach mit der dunkelgrünen Moosd^cke und dem großen Storchnefie repräsentirten keine hohen Summen; aber eine gewisse romantische Schö-heit

konnte man der Mühle nicht adsprechen, denn abgesehen von dem wilden Charakter der ganzen Umgebung, den mächtigen Felsen, den waldbewachsenen Bergen und der üppigen Vegetation war auch bas Häuschen selbst mit seinem wilden Wein mtb ben Ephruranken, bie sich an den Giebel anklammerten, ben kleinen Fenstern unb dem über der Thür an genagelten Falken eine ganz angenehme, vohlthueube unb anheimelnde Erscheinung.

Anna Maria, des Müllers einzige Tochter, stand an diesem Abend auf dem Stege, der von dem Hause au» über baS Bächlein führte, unb während sie mit ben Armen sich auf bie schmale Lehne stützte, ruhte ihr Auge gebankenvoll unb selbstvergessen bald auf bem muanelnben Wasser unb bem roQenben Rad?, bald schweifte ei in bie Ferne. Unb zwischen ben Föhren boxt drüben raffelte e» plötzlich; lustig ein Sieb vor sich her trillernb sprang unb hüpfte ein junger Bursche ben Bergabhang hinab mtb in wenigen Sekunden stand er an de» Mädchen» Seite. Diese» empfing ihn nicht fröhlich, wie er es wohl erwartet hatte, sondern fahr mit dem Schürzzipsel über die Haffen Äugen unb blickte vorwurfsvoll auf bie Büchse, welche stolz über ben Rücken bei Mannes hing.

Der Bursche war kräftig unb stämmig gebaut; schön war er nicht, aber feine Züge waren regelmäßig, unb unter ben bunten Brauen blitzten em paar

Augen, bie Alles zu durchbohren schienen mtb auf einen Hellen Kopf, aber auch auf Leidenschaftlichkeit schließen ließen. Joseph Falkner, oder wie er gewöhn­lich hieß, der Falkner-Sepp, war schmuck, gemanbt unb beliebt bei Allen, bie ihn kannten; nur tadelten viele feilten übermäßigen Hang zum Wildern, der ihn ost alles Andere vergeffen ließ, wenn er nur mit der

* Büchse durch den Wald und da» Gebirge streifen und ' den Förstern das Wild vor der Nase wegpntzm konnte, ä Die Wilddieberei, das unerlaubte Jagen, galt an und ■ für sich zwar für kein Verbrechen bei den Leuten, । denn die Bergischen waren alle ohne Ausnahme gute j Schützen und standen alle mehr oder weniger mit dem : Gesetze, d. h. mit ben bas Gesetz vertretenden Förstern > auf gespanntem Fuße; allein Sepp Übertraf doch alle i meilenweit in der Runde sowohl an Geschicklichkeit ’ und Verwegenheit wie an Leidenschaftlichkeit.

Wie er jetzt neben Anna Maria stand mtb bie f nassen Augen sah, rief er bestürzt:

„Warum flennst Du — ist wo» pasfirt? Red' “ doch! Wo taugt’» nit?“

„Es ist nichts paifirt", versetzte das Mädchen und \ wollte eine trotzige, feste Stirne zeigen, aber es gelang ihm nicht, denn die Wehmuth schlug durch, — „ich ! will Dir nur sage», daß es mit un» au» ist . . . daß I ich Dich nit hetrathev werd ..."