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Mittwoch, den 15. Juli 1896.
23. Jahrgang
ulduerWZkitiink
mit Uutrrhaltnngs-KeiLagr „Sterne mrd Klumen".
Erschemt ttgkich, 6*m» mtb geieriey ottSgenotnmoL — «iertrljährkicher Abonu« meutspreis shne Bringerlsh« itwb BefteLqrld m Fulda und auswärts 1 Start 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Standhaft nnd tren!
Novelle von Clarisse Borges.
17] ------- (Nachdruck verböte«.)
(Schluß.)
Die Vorstellung hatte begonnen, die weitläufigen Säle waren bis auf den letzten Platz gefällt; alr die eröffnende Ouvertüre gebührend applaudirt, da lief ein Murmeln dmch den Saal: „i)er Fürst — der Fürst."
Die fürstliche Hoheit war soeben mit Gefolge von wm Professor Müller in den Saal geführt worden.
»Haben Sie schon früher die Primadonna gehört, Maior von Haller?" wandte fich der Fürst an seinen Adjutanten.
»Nein, Hoheit," lautete die Antwort.
»Ha, das ist sie nicht?"
Der Adjutant schaute nach der Bühne. Dort stand d»e Sangerm, hoch aufgerichtet im langen Spitzen- llnde, die tiefblauen Augen leuchteten freudig erregt, die Wangen glühten.
Alfred stand wie gelähmt; er faßte mit der Hand »ach der Sttrn, um sicher zu sein, ob er wache, oder ob ein trügerisches Traumbild seine Sinne täusche. Es war ja Rose — seine Rose, die aufzustnden noch immer sei« Lebenszweck war. Gr preßte die Hand auf dar
* Welchen Werth hat das Bürgerliche Gesetzbuch für Deutschland?
(Bon einem hervorragenden Parlamentarier.)' (Schluß.)
Außer diesen besondem Standesvortheilen bietet das neue Bürgerliche Gesetzbuch aber auch noch zahlreiche große Verbesserungen allgemeiner Art. Wir wollen nur kurz die allergewöhnlichsten anführen:
Im Bereinsrecht ist die volle Freiheit der Erlangung der juristischen Persönlichkeit (Korporationsrecht) neu gewonnen für alle Vereine mit geselligen, wissenschaftlichen, sozialen, woblthätigen, ErziehungS- und UnterrichtSzwecken. Die Vereine von religiöser, polittscher und sozialpolitischer Tendenz bleiben zwar an eine StaatSgenehmigung geknüpft; diese wird aber nicht mehr im Streitfall vor der Verwaltungsbehörde im bisherigen geheimen Verfahren verhandelt, sondern im Verwaltung« st reit verfahren in öffentlicher Verhandlung vor dem mit Laienrichtern im Ehrenamt gemischten Kreis- und BezirkS-AuSschusse.
Sine bessere Regelung der Rechtsverhältnisse der Minderjährigen, die in Dienst oder Arbeit treten.
Einfügung des allgemeinen Grundsätze« des Wucherverbotes, während bisher nur Sach- und Kredit»ucher besonders geregelt war.
Einheitlichkeit der verschiedenen Berjährung-fristen dmch ganz Deutschland.
Befferer Schutz des Sonntags beim Ablauf von Fristen.
Einfügung des allgemeinen, überaus wichtigen Chicane-BerboteS: „Die Ausübung eine« Rechtes ist unzulässig, wenn sie nur den Zweck haben kann, einem Andern Schaden zuzufügen."
Herabsetzung der gesetzlichen und der Verzugszinsen von 5 auf 4 Prozent.
Beffere Regelung de« Schadenersatzes, wenn die Schadensursache nicht nur dem einen Theile zur Last fällt.
Eine mehrfache Berbefferung der rechtlichen Lage der Dienstboten (wenn es auch nicht gelungen ist, da« Dienstbotenrecht im Ganzen in das Bürgerliche Gesetzbuch hineinzuarbeiten), so namentlich die allgemeine Pflicht der Dienstherrschaft, im Falle der Krankheit die Dienstboten sechs Wochen lang zu verpflegen, und Wegfall de» in vielen Recht-gebieten noch geltenden Züchtigung-rechtes gegenüber den Dienstboten-
Beffere Regelung deS MaklervertrageS; Nichtigkeit de» Versprechens von Vortheilen für die Vermittelung von Ehen; Herabsetzung überttiebenerMlcklerforderungen.
Allgemeine Erklärung der Spekulation auf Kursdifferenzen als Spiel, wodurch die Einklagung solcher Differenzen unmöglich wird.
Einführung der Giltigkeit aller mündlich abgr- schloffenen Verträge, mit Ausnahme der Bürgschaft und des Leibrenten-BertrageS, welche schriftlich sein müssen.
Regelung der Schuldverschreibung auf den Inhaber.
Unabhängigmachung de« dinglichen Rechtsgeschäfte- vom kausalen.
Einfügung de-Wildschaden-Ersatzes in da« Reichsrecht, wodurch eine Weiterbildung derselben sehr erleichtert wird; Ausdehnung desselben auf die Fasanen.
Regelung des Schadens, den Beamte in ihrer amtlichen Eigenschaft zufügen.
Beffere Regelung der Bienenrechter mtb der Fund- rechteS.
Befferstellung der Eheftau, die in Dienst oder Arbeit tritt.
Erhebliche Besserstellung der Lage der unehelichen Kinder und ihrer Mütter.
Allgemeine Möglichkeit für die Frau, Vormünderin und Mitglied der FamilienratheS zu werden.
Ausdehnung deS eigenhändigen Testamentes auf ganz Deutschland.
Regelung der gemeinschaftlichen Testamente, der Erbverttäge und Erbverzichte.
Einführung einer gesetzlichen Erbrechtes der Eheftau gegenüber dem Ehemanne.
Regelung der Testamentsvollstreckung.
Sorgfältige Regelung deS eheliche» Güterrechtes mit VerwaltungSgemeinschast für die besitzenden Klasse», die in der Praxis für die arbeitenden Stände zur Gütertrennung wird.
Daneben bessere Regelung der verttagSmäßigen Güterstände.
Dazu fast in allen Abschnttten Verbesserungen in sehr großer Zahl von bald größerer, bald geringerer Bedeutung.
Au» den vorstehenden knappen Ausführungen erkennt man schon die gewaltigen Bortheile, welche die Neuordnung durch da» Bürgerliche Gesttzbuch für dar ganze Vaterland mit sich bringen wird. Und wenn in einzelnen schwerwiegenden Punkten berechtigte Wünsche und Forderungen noch nicht erfüllt werden konnten, so ist doch eine gediegene Grundlage großen SttlS gelegt, auf welcher sich der weitere Ausbau ruhig und stetig entwickeln kann und sicher auch entwickeln wird.
Deutsches Reich»
Berlin, 14. Juli.
ft Der BuudeSrath hat heute dar Margarinegesetz abgelehnt, dagegen dem Bürgerlichen Gesetzbuch einschließlich deS EinführungSgesetze» nach den Beschlüssen des Reichstag? zu gestimmt. Dem Bürgerlichen Gesetzbuch fehlt also jetzt nur noch die Unterschrift de» Kaiser-, die nach der Verfassung nicht verweigert werden kann. Die Ablehnung de- Mar- garinegefttze» wird dem Bunde-rach noch einmal leid thun; wenn der „Bund der Landwirthe" diese Thatsache weidlich zu seine» Agitationen au-nutzt, so wird sich der Bundesrath darüber nicht bei Anderen beklagen können, sondern bei sich selbst die Schuld für die wachsende Uazuftiedenheit der ländlichen Bevölkerung
laut und stürmisch pochende Herz, um ihm gewaltsam Ruhr zu gebieten, aber eS wollte ihm nicht gelingen.
Doch ehe er Zeit zur Besinnung hatte, erfüllte die volle klare Stimme den weiten Saal.
Todtenstille herrschte; Jeder lauschte gespannt, athewloS; dann flüsterte man leise: „Wer ist sie?" — „Da- ist nicht Signora Renata!"
Dann belohnte ein nicht enden wollender Applaus die Sängerin, die mit lieblichem Lächeln sich tief verneigte. Jedoch der Beifall wurde heftiger, und Rose mußte die herrliche Arie wiederholen. — Als sie ge- endet hatte, befahl der Fürst die Vorstellung der Sängerin, und Dr. Werdenbach beeilte sich den Befehl ausführen.
Als er die Bühne bettat, gedachte Rose der Versprechung, die sie dem Doktor vor seiner Abreise gegeben hatte, und erbleichte.
„Fürchten Sie nichts," flüsterte er ihr leise, aber bedeutungsvoll zu. „Ich will jetzt nicht mein Uttheil hören — der Fürst will Ihnen jetzt für die genußreiche Stunde danken."
Doch al» sie fich umwandte, stand fie Major von ' Haller gegenüber.
„Bergeffen Sie nicht, mir die Sängerin vorzustellen," hatte der Fürst seinem Adjutanten wohlwollend nachgerufen, al» diefer in kurzen Worte« seinem Herrn
suchen müssen. Aber dann ist e» zu spät, dann wird chm kein reuevolle- »Mea culpa, mea maxima culpa“ mehr nützen.
* Der Lippe'sche Schtedsvertrag bedarf, wie mehrere Blätter melden, zu seinem Jnkrasttteten nur noch der Erklärung des Königs von Sachsen, daß er da» Schiedsrichteramt übernehme.
O Im Wahlkreise Brandeuburg-Westhavelland wollen die Sozialdemokraten der ,Post' zufolge den Privatdozenten Dr. LeoAron», den Schwiegersohn Bleichröders, als Kandidaten aufstellen. Er »et- hat bett Kreis bereits auf bem letzten sozialdemokratischen Parteitage in Breslau. Würde Herr AronS gewählt, so zöge der vierte Jude, und zwar ein Millionär, als „Arbeitervertreter" in den Reichstag ein. Die Sozialdemokraten find jetzt die einzige Partei im Reichstage, welche Juden unter ihren Mttgliedern hat; e» find die»: der Millionär Paul Singer, der srühere Rechtsanwalt Stadthagen und der Chemiker Wurm. Im klebrigen besteht diese „Arbeiter-Partei" hauptsächlich au» Männern der Presse (etwa 20), Gast- wirthen und Cigarrenhändlern. Alr „Arbeiter" find höchsten» noch 5 ihrer Mitglieder thätig. Schlechte Aussichten hat Herr Arons nicht; 1893 waren im ersten Wahlgange 7712 Stimmen auf die Sozialdemokraten, 5583 auf die Nationalliberalen (.Bund der Landwirthe"), 4121 auf die Freisinnigen, 577 auf d e Antisemiten und 314 auf eine Zähl - Kandidatur der Centrum» entfallen.
& In einer Polemik mit der ,Germania' schreibt die Berliner ,Bosfische Zeitung', die CmtrumSblätter sollten doch „endlich lernen, daß Luther weder mit dem Protestantismu» noch mit der evangelischen Kirche identisch ist." Wir wissm nun sehr wohl, daß die Zahl der Protestanten, die den „Reformator" von ihren Rockschößen ^»bschütteln möchten, stetig wächst, seitdem die ernsthafte Geschichtsforschung sich mit der Person und den Schriften Luther» befaßt, — aber wenn ein Centrumsblatt etwa» von diesen Rrsultaten der Geschichtsforschung wieder gibt, dann kann unter Umständen „Luther mit dem Protestantismus und der evangelischen Kirche identisch" sein, und der Redakt uc wird auf Grund des § 166 des Strafgesetzbuches bestraft — ttotz der ,Boss. Ztg.'.
ft Karlche« Mietzuick, der berühmte „ewige Q tot* toner", scheint die Sommerferien zu benutze«, um in der ,Nordd. Allg. Ztg.' sozialpolitische Leitartikel abzulagern. Da findet sich z. B. ein Artikel, der schlankweg die Existenz der sozialen Frage leugnet und e» als aussichtslos hmstellt, die „unbegrenzten Ansprüche der untersten Schichten der Bevölkerung zu beftiedigen." Das Austreten Napoleon» in. al» „Arbeiterkaiser" habe in Frankreich erst die Begehrlichkeit der Arbetter geweckt u. s. w. In diesem Satze ist die Anspielung auf unsere Verhältnisse unverkennbar; und eine solche Dreistigkeit gegenüber dem Kaiser leistet fich ein offiziöse» Blatt! Die Aera Stumm zeitigt sonderbare Blütheu.
seine Geschichte erzählt und gern die Erlaubmß erhalten hatte, Rose zuerst zu begrüßen.
Rose vergaß Aller um sich her, den Fürsten, da» Konzert, ihre Umgebung, sie lag in seinen Armen.
„Alfred!" war aller, wa» ihre Lippen flüstern konnten, aber es war genug.
Er zog sie in eine Fensternische und betheuerte, daß er sie noch ebenso treu und innig liebte, wie in den erften Tagen ihrer jungen Liebe. Flüchtig erzählte er ihr, wie schmerzlich er sie gesucht, wie e» ihm endlich gelungen sei, ihre Spur in der Oststraße aufzufinden, dann aber dieselbe wieder verloren habe. Kir Alma Steinfels habe er nie ein anderes Gefühl wie das der Freundschaft gehegt und habe an jenem Tage bei der Korsofahrt nur als Vermittler zwischen ihr und seinem Freunde so eindringlich auf fie eingeredet. »Run kaffe ich Dich nicht mehr, Geliebte," schloß Alfred seinen langen Redestrom, „j-tzt müffen wir vereint und enMid; glücklich werden."
„WaS wird aber Dein Vater sagen? Oh Alfted, ich fürchte mich vor ihm," gestand Rose zitternd.
Ein trauriger Schatten lagerte fich auf bem Antlitz be8 jungen OsfizerS.
„Mein Vater ist tobt, Rose," flüsterte er tief bewegt, „aber vor feinem Ende hat er seine Hätte gegen Dich noch aufrichtig bereut Er bat mich, in meinen