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Beilage jur Wulöaev Zeitung.

23. Jahrgang

J& 157

Dame. ,, , , ,

„3* weiß es noch nicht, Mama; ich habe noch keinen festen Entschluß gefaßt. Vielleicht nehme ich die Stellung, so ehrenvoll sie auch »st, gar nicht an. Du weißt, ich hasche nicht nach Ruhm und Ansehen; die Arbeit unter meinen Armen ist mir zu heb ge­worden, um sie leicht aufzugeben, und mente Kranken würden mich schmerzlich vermissen."

Rose seufzte erleichtert auf, sie wandte sich ab, um da» lebhafte Roth, da- mit einer tiefen Blaste ab- wechselte, zu verbergen. , „

»Nun, mein lieber Sohn, Du mußt e, ,a besser verstehen, war für Dich gut ist- Ich «-mestheilr freue mich, wenn Du in unferer Nahe bleibst. «aS sagen Sie dazu, Fräulein Rose?"

Die Gefragte erhob ihr reizender Antlitz. Ihre langen, dunklen Wimpern legten sich rote ent Schleier über dar freudig aufleuchtende Auge, und mit einer Stimme, die ihre innere Bewegung verrieth, ver- ^»3ch freue mich ebenfallr, Herr Doktor, wenn Sie

» Ein schlauer Streich. i

Dar 3ahr 1848 war ein höchst mißlicher für dar Theater and sämmtliche Schauspieler, denn die Politik »ericklana alle Poesie. Man ging lieber m Volks- versammtilngen L in die Komödie und sparte zweitens dar Geld, welches, wie bekannt, zu jeder Zeit bet der allaemeinen Theuerung bedeutend knapp war.

In einer ziemlich bedeutenden Stadt war ent Schauspieler engagirt, der schon lange auf das Stück gehofft hatte, das der Direktor als fein Benefiz be­stimmt und von dem ihm laut Konttakt die ganze Einnahme zu Theil werden sollte. ,

Unser Menschendarsteller, wir wollen ihn Schrei- hnl« nennen, bedurfte deS Geldes, wie ein trockener Acker in heißer Sommerzeit deS erquickenden Regens. Alle feine Gläubiger hatte er auf diefe Einnahme ver- tröstet. Aller Glück hing von der Vorstellung ab, denn nur mit dem Ertrage derselben war er ihm müg- lich, Ruhe und Zufriedenheit wieder ewkehren zu sehen, denn Schuhmacher, Schneider, Wäscherin und etliche Gastwirthe erkundigten fich ernstlich nach dem er­sehnten Tage. . , , ,,

Er verfitgte sich zu seinem Direktor und ersuchte ihn dringend, nun baldigst den Tag zu bestimmen, ein neuer Stück habe er schon auSersehen.

„Müssen warten!" entgegnete ihm der Prinzipal. »Erst hat die Madame Süßmann ihr Benefiz, dann Herr Seifert, und wenn diese vorüber, dann kommen Sie an die Reihe. Eins nach dem andern; mir nicht den Kopf warm gemacht, zumal in solchen miserablen Zeiten, wo man des Abends kaum die Kosten em- nimmt." ... .... u

Herr Schreihals ging, murmelte ewige unverständ­liche Worte und suchte mit neuen Griffen und Pfiffen sich Kredit zu verschaffe«.

Die Benefizvorstellung der Madame Süßmann nahte heran. An dem Tage, wo da» Stück gegeben wird, bringt die Zeitung ein großer politischer Er- eigniß, dar alle Köpfe der Stadt in Bewegung fetzt. Anstatt in dar Theater zu gehen, gingen die Männer in die Weinstuben und Bierkneipen. Nur etliche alte Anbeter der Madame Süßmann und ungefähr em Dutzend Damen saßen auf den Sperrfitzen und in den

9 Die tiefblauen Augen der Doktor- glänzten freudig. . Die wenigen Worte seines Schützlings, ihre innere Erregung, die seinem scharfen Auge nicht mtgangen war, erfüllten ihn mit einer nie geahnten Hoffnung.

Er dachte an fei« bescheidener, einsamer Heim m der Oststraße. SBie oft, wenn er nach angestrengter BerusSerfülluag ermüdet heimkehrte, brachte er einsam seine kurze Erholungrzeit zu. Wie ganz anders, weit behaglicher, würde sich sein Leben gestalten, wenn eme liebende Gattin daheim seiner harrte, wenn sie ihn mit süßem Lächeln auf der Schwelle seine» HauseS

------- (Nachdruck verboten.)

Rose sah erschreckt auf; sie fürchtete, er würde ihren Namen, ihre frühere Stellung erfahren haben.

»Fürchten Sie nichts," fuhr eindringlich der Doktor fort, der ihren bittenden Blick wohl verstanden halt^ „ich weiß nicht» von Ihrer Vergangenheit, will auch nichts wiffen, wenn Sie er nicht gern und freiwillig sagen, nur weiß ich, daß diese Lebensstellung Ihnen durchaus nicht zusagt. Darum stage ich nochmals, Fräulein Rose, wollen Sie der gute Engel mentet Mutter werden?" . . .

Rose barg ihr bleiche» Antlitz m den Händen, Thränen erstickten ihre Stimme, al» sie zitternd sagte:

»Ich weiß wirklich nicht, was ich antworten soll. Hier lebe ich verborgen und unbekannt —“

„Meine Mutter lebt sehr zurückgezogen, sie sieht nur selten Gesellschaft um sich," wandte der Doktor ein, der ihre Gedanken errieth. »Sie können in ihrem Hause wie ihr einziges Kind schatten tmb walten, nur daß Sie sie ab und zu durch Jhrm herrlichen

Sogen. ~. I

Wa» betrug die Einnahme? Zehn Thaler, daß eS pufft, und die Bühnenkünstlerin hatte auf zweihundert Thaler ganz sicher gerechnet. ,

Na, abgemacht! Jetzt kam vierzehn Tage später Herr Seifert an die Reihe. Er hatte sich em neues Stück kommen lasten und pofaunte besten Vortrefflich- kett in der ganzen Stadt au» und hob besonders her­vor, daß e» den neuen Freiheitsideen huldige, wider die Macht der Großen predige und von Sozialismus und dergleichen Tagesfragen durch und durch erfüllt fei.

Er irrte sich in indeffen gewaltig. Der Reiche, der Geldmann wollte gar nichts von diesem Stücke wiffen, und die demokratisch Gesinnten hatten an diesem Tage eine Urversammlung, zweitens auch kein Geld zu diesen Sachen; sie wollten selbst agiren, Nicht bloß sich dies von den Brettern herab mit Phrasen vor­machen laste«.

Ach, wie sah e» diesen Abend im Theater aus. Im Parterre, sowie in den Logen konnte man Hasche- Männchen spielen. Oben auf dem letzt« Platze saßen höchstens ein paar für Kommunismus begeisterte Pack­träger und tiefer unten nicht» wie Zuschauer, die — Freibillet» empfangen hatten.

AIS der Vorhang gefallen war und der Kassner dem Charakterdarsteller das Resultat der Emnahme meldete, vier Thaler und sechs Groschen, da wollte fich der getäuschte Herr Seifert in eine Versenkung stürzen, damit er auf ewig Abschied nehme vom Theater und dem undankbaren Publikum. , .__

Schlechte Aussichten für bett butten Benefizianten, Herrn Schreihals, der fich in der größten Noch befand. Er erwog, was anzufangen. Ein Stück, noch so schon, er zieht nicht; bei jetziger Zeit bringt man niemand in» Theater, die Politik hat Allen die köpfe verwirrt. Er sann nach wie Franz Moor zu Anfang de» zweiten tote». Endlich schien ein Hoffnungsstrahl zu dämmern. Mit den Worten: »Ich hab'», e» wird fich machen! springt er auf. »Rüstig an» Werk! nur so bringe ich sie in da» Theater und zwar alle auf die theuersten Sperrsitze und in die besten Logen. In acht Tagen »st der Tag da. Auf! e» geht, so wahr ich lebe."

Was that e»? — Man höre! Er ließ den folgenden Tag Nachstehende» in die Zeitung setzen:

»Reelle» Heirathsgesuch.

Eine junge Dame von 24 Jahren und einem dis­poniblen Vermögen von 20,000 Thalern wünscht fich mit einem Manne zu verheiratheu, der kein Vermög« zu besitzen braucht, sondern mit ein leidliche» Au»-

Wenige Tage später hatte sich Rose in ihre neuen Verhältnisse vollständig «ngelebt.

Au» ihrem enge», düste« Stübchen plötzlich in sonnige behagliche Räume — aus einem freudelosen Dasein in eine heitere, sorgenlose Existenz.versetzt, diese Veränderung hatte in kurzer Zett eine liebliche Röthe auf ihre bleichen Wangen gezaubert.

Jetzt stand sie gerade am T-sch und wandte ihre Sorge der silbernen Kaffeemaschine zu, welche vor ihr stand, und schickte sich an,den braunen duftig«.Tratst selbst zu bereiten, eme Arbeit, die sie sich von Frau Werdenbach auigebeten und die ihr gern übertragen WUti>aBie geschickt und zierlich sie da» macht, viel bester als ich! Sie gibt in der Thai eme anmuthige, kleine Hausfrau ab," dachte die alte Dame, die ihr freundlich lächelnd zuschaute. .

Rose schien ihr auch leben kleinsten Wunsch von ben Augen abzulesen, lebe noch so Ur»«»« Schwache ihrer mütterlichen Freundin zu etratheu, so baß dar Gemüth der Greisin sichtlich erheitert, ihre Mienen weniger streng unb kummervoll würben. Str konnte ihrem Sohn nicht genug banken, baß er bett glück­lichen Gedanken gehabt hatte, ihr eine Gesellschafterin °U,$älabenb8 saß bie kleine Gesellschaft, denn der Doktor war auch zugegen, vngnüglich plaudernd> im Gesellschaftszimmer, al» der Doktor erzählte, er habe einen ehrenvoll« Antrag al» Professor nach der ^Roft°erbleichte"^Stt hatte sich jede»mal gefreut, wenn brr Dottor mit seinen heiteren Erzählungen die Stunben bei ihnen verplauderte, unb sie fürchte eme Trennung für seine alte Mutter mehr rote fürsich selbst.

„Oh, Leo, das freut mich; da wirst Du gerade am recht« Platze fein. Wann willst Du geh«? rief aber freudig und zu Rosen» Erstaunen die alte

^Ja^ er war blind gewesen, bi» Rose unbewußt mit zarten Finge« leise und vorsichtig bte Binde von seinen Augen genommen hatte.

Nun erwachte er au» sein« vielfachen Träumereien, er stand auf, schritt einige Male heftig au und ob, und gab dann vor, «och einige Kranke besuch« zu "EAlM Du jetzt schon fort, Leo? bleibe doch zum Abendessen bei un»; Du bist immer gern bet uns ge­sehen. Fräulein Rose wttb un» auch später ewige Lieder vortragm, nicht wahr, meine Liebe?

Herzlich gem," lächelte Rose heiter, „ich^habe nocheiaige neue ober ich möchte boch alleLieder gefunben, als ich gestern bte Rot« im Musikzimmer bSlätierte. lie find so g-Mvoll und mewdie- reich, viel sinniger wie die Lieder, die heut zu Tage geschrieben werd«." „ , _ . . ,

* „DaS ist herrlich — wir wollen aber erst m da» Speisezimmer geh«. Fräulein Rose, voll« Sw der Köch n sag«, daß der Herr Dottor mtt tm» speist, und - sie flüsterte ihr bann «och «mge Worte zu. (Fortsetzung folgt.)

Gesang erfreuen." . , c t

Rose streckte ihm bankbar bte Hanb entgegen.

„Ich banke Ihnen," flüsterte sie, »bars ich heute Ihre Mutter besuch«? ich habe heute ein« freien Tag." , , _ .

Sie hatte leider allzu viele freie Tage, da sich neue Schülerinnen noch immer nicht erngefunden hatten. , , , . ..

„Thun Sie ba», gehen Sie zu chr, aber fort mit diesen quälend« Rechnung«! Hier ist die Adresse; ich bin fest überzeugt, ich sehe Sie rnorgm vergnügter wieder." m „

»Heute habe ich ein doppelt gute» Werk gethan, dachte der Doktor, fich seelmvergnügt die Hande reibend, »meinet Mutter habe ich eme vorzügliche Gesellschafterin unb Fräulein Rose eine; Stelle ver­schafft, bie gerade für sie paffend ist."

Samstag, öen 11. Jutt 1896.

komm« hat, dabei aber sanft, verträglich und gebildet I sein muß, um einer Frau da» Leben durch inneren Fried« und häusliches Glück wahrhaft angenehm zu mach«. Betreffende Offerten unter Adreffe B B. erbittet man sich poste restante. DaS tiefste Still­schweigen wird zugesichert."

Der Schauspieler ging zwei Tage spater zur Post I und fragte nach. — Ja! Er öffnete bte Brieftasche, um bie Briefe in Empfang zu nehmen. Du meine Güte! er hätte fallen einen Handkorb mitbrrngen. Briefe in ungeahnter Menge, alle zierlich aus, das feinste Papier geschrieben. Die Sache hcttte furchtbar eingeschlagen. AuS all« Ständen hatten sie zur Feder gegriffen, bie von zwanzig Jahren bis hinauf m die Regionen bet Grauköpfe.

®er britte, vierte unb fünfte Tag brachte noch mehr. Die Heirathslustigen stiegen an wie Sanb am I Meere.

Drei Tage vor be» Schauspielers Benefiz fing er an zu wirken. @r schrieb fast an Alle "» zierliches Brieflein, angeblich von ber Tante des Mädchens, und bestellte ein jede» zur näheren Bekanntschaft m da» Theater. Bald gab er die Logennummer, bald I einen Sperrfitz an, wo sich das Mädchen einfinden werde; bestellte auch, daß der Betreffende rn da» Knops- loch eine Rose oder ein Beilchensträußchen stecken möge, um ihn daran gleich zu edetmen.

Donner und Doria! Der Kassirer traute kaum seinen Ohren, als auf einmal so viele Blll-tS bestellt I wurden. Da» ganze Parquet war schon m Beschlag genommen, bie LogenbilletS gingen tote zur Seit, als zum ersten Male bet .Freischütz" gegeben wurde

Unb bann am Tage ber Vorstellung! Die Gartner in ber Stabt konnten nicht genug Veilchen und Rosen schaff«; die Handschuhmacher verkauften em Dutzend Glacehandschuhe über'» andere.

Direktor, Kassiert und Logenschließer fingen an, an Wunder zu glaub«; denn kaum waren bte Thiiren I geöffnet, so kam ein solch' nobles Publikum, Herren in feinster Wäsche unb schwarzem Frack, al» wenn tm Theater eine Kinbstanfe wäre unb alle Gevatter stehen

DDet Tausendsassa! In eine Loge hatte er allem sechrzehn Heirathskandidaten gepreßt und — keine Braut! Auf den Sperrsitzen der rechten Galerie saß ein liebeglühender Zwanziger neben einem angehenden Vierziger. Alle toupirt, parmfümirt und — angeführt.

Nut einer gewann: der Benefiziant. Er führte einen Schatz heim von dreihundert Thalern und zwar «ach Beendigung de» Stückes: .Die Kunst, fern Glück zu machen." ,

Lieber Leser! Nachmachen darfst Du e» nicht!

Standhaft nnd trerr!

Novelle von Clarisfe Borges.