Freitag, den 10. Juli 1896.
23. Jahrgang
«L Die Lage auf Kreta
Jede dieser beiden Damen besaß eine Eigenschaft,
! Hoffnungen, und Wünsche seien die Väter bei Gedankens. Daß sich diese Quertreibereien gerade jetzt geltend wachen, sei allerdings verwunderlich. Die Arbeiten zur Militär - Strafprozeßordnung und zur Reform der Ehrengerichte gingen ihren Gang und keinerlei Entscheidung könne vor dem Herbst erwartet werden. Sollte aber eine den modernen Rechtigrundsätzen ent- sprechende Militär - Strasprozeßordnung nicht die
... „ — Er sah eine junge
bildschöne Dame, mit bleichem Antlitz und tiefen, seelenvollen Augen, die in einem düsteren Zimmer ein trauriges Dasein führte, und die jetzt nach schwerer
„Wo ist sie jetzt, was hast Du mit ihr gemacht?" fragte Leo ernst.
„Ich überlegte mir die Sache reiflich und kam zu dem Entschluß, daß eine Trennung die beste Lösung sei. Heute Morgen sagte ich ihr deshalb recht freund- lich, daß ich befürchtete, sie könnte die Stelle als Ge- sellschafterin in meinem Hause nicht erfüllen, zahlte ihr außer Hm- und Rückreise das halbjährige Salair und war froh, so leichten Kaufs davon zu kommen."
Ter junge Mann, der behaglich in einem bequemen Sessel lehnte, lachte herzlich.
„Na, die schlechte Stimme hat sich aber glänzend bezahlt gemacht. Dabei kann die Sängerin in kurzer Zeit Millionärin werden. Für einen schlechten Gesang bekommt sie die Reisekosten, ein halbjähriges Salair und einen Tag Logis. Liebe, arme Mama, Dein Haus wird noch erstürmt werden, sobald Deine Be- mühungen in der Welt bekannt werden."
Um den Armen stets nahe zu sein, wohnte er nicht in dem vornehmen Viertel bei seiner Mutter, sondern miethete ein Quartier in der Oststraße, wo sich hauptsächlich die Wohnungen der ärmeren Leute befanden.
Als er jetzt sein Auge über dar elegante Gemach, welches mit den seltensten Kostbarkeiten verschwenderisch auigestattet war, schweifen ließ, al» er sich bei üppigen Abendesieni erinnerte, das ihn soeben erquickt hatte, und dann seiner guten, alten Mutter gedachte, die in all' diesem Glanz sich doch so einsam und verlassm fühlte- beschlich ihn eine tiefe Wehmuth. — Seine
Aber nun war ei zu spät. Die nothgedrungene Nachgiebigkeit de» Sultans konnte den Aufständischen nicht imponire«. Hätte er sofort ihre berechtigten Wünsche erfüllt, so konnte ihm das als Großmuth auigelegt werden, die einen beruhigenden Eindruck auf
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juli.
Diese Unterhaltung fand in Frau Werdenbachs
höchst elegantem Boudoir statt. Sie war Aöittwe, und । iuuu'j vc>mncy tun eine i er standen ihr unbeschränkte Mittel zur Verfügung. ! Gedar kn schweiften zurück. Selbst sehr musikalisch, strebte sie darnach, verborgene ' musikalische Talente an's Licht zu ziehen, und daß ihr
guter Wille häufig getäuscht wurde, war leider nur „ ....... ... ___*
ZU natürlich. . i Krankqeit kaum im Stande war, hinreichend fü? ihren
Leopold, ihr ernzrgster Sohn, ihr Stolz und ihre , Lebensunterhalt zu sorgen.
Freude, sollte sich dem Staatsdienste widmen; allein j Jede dieser beiden Damm besaß eine Eigenschaft,
bett, wird die griechische Regierung dem Verlangen des Volker und der Anschluß - Erklärung der Kreter kaum .'widerstehen können. Dann aber ist ein Krieg zwischen der Türkei und Griechenland unvermeidlich. Die Türkei hat auch bereits auffallend starke Truppen- maffen an der griechffchen Grmze zusammmgezogen. Wir hoffen, daß dann die Großmächte sich nicht zu Gunsten der verrottetm Türkenwirthschaft einmischen, sondern dem über den Sultan herembrechendeu Strafgerichte freien Lauf lassen werden. Sein Maß ist übervoll!
Wird für die Türken immer schwieriger. Der Sultan entschließt sich zu Allem zu spät, und das zeigt fich auch jetzt wieder. Hätte er stets seine vertragsmäßigen Verpflichtungen den Kretensern gegenüber erfüllt, so wäre von einem Aufstand überhaupt keine Rede. Als aber der Aufstand einmal ausgebrochen war, konnte der Sultan nicht» Bessere» thun, al» sofort den be- rechtigten Beschwerden der Kretenser abzuhelfen. In diesem Sinne haben ja auch sämmtliche abendländischen Mächte auf den Sultan eingewirkt. Statt aber ohne langes Besinnen diesen wohlgemeinten Rathschlägen zu folgen, ließ er erst den Aufstand immer mehr sich ausdehnen und seine eigene Herrschaft auf Kreta immer wackeliger werden. Auch dann versuchte er e» erst «och mit einer gnädig-herablassenden, aber Unterwerfung fordernden Proklamation, natürlich ohne Er- - folg. Darauf erfüllte er einen Theil der kretrnfischen ' Forderungen, die Ernennung eines christlichen Statt- I ha^er», beließ aber den seitherigen muhamedanischen l
Billigung de» Kaisers finben, so wäre doch in erster Linie der Reichskanzler engagirt. Eine noch weitere Verschiebung der Angelegenheit sei aber mit der Erklärung des Reichskanzler» ebenso unvereinbar, wie auch der Reichskanzler keine Vorlage einbringm könne, die mit seiner Erklärung im Widerspruche stche. Statt dm Krieg-Minister träfen also alle Machinationen den Reichskanzler. Vielleicht oder wahrscheinlich sei da» auch das erstrebte Ziel der Unzuftiedmen, doch dürften die Vorgänge mit dem Grafm Limburg- Stirum und der Rücktritt des Minister» v. Berlepsch zeigen, daß vorläufig auf einen Wechsel in der Regie- rung nicht gezählt werden dürfe. Aus all' diesm Allarmgerüchten und den nachfolgenden Berichtigungen geht jedmfalls das Eine hervor, daß auch dem Rücktritt des HandelSministerI nicht die „luftreinigende" Wirkung einer Gewitter» innewohnt.
* Tine Beschimpfung einer Einrichtung der katholischen Kirche, nämlich des Priesterstandes, findet sich in der Nr. 27 (vom 3. Juli) der »Deutschen Berkehrszeitung', Organ für die Jntereffen der Deutschen BerkehrSbeamten, in einem au» den Bayerischen Verkehrsblättern entnommenen Auffatz: „Der Stellwagen." Hierin wird nach Karl Stieler die Idylle der Stellwagen, jener alten gelben Postkutschen geschildert und eine Charakteristik der Insassen einer solchm Wagenr gegeben: „In der Ecke lehnt ein geistlicher Herr; runde Wängleiu, runder Bauch, Spuren von Schnupftabak und ein gelbe» Brevier, da- find die Zeichen. Manchmal schließt er die Augen und nur die wulstigen Lippen gehen auf und nieder und ver- rathm, da» er betet Dominus vobiscum — Amen — Amen. Endlich schweigt er ganz und die Seufer seiner Andacht arten in ein grimmige» Schnarchen aus. Tief bescheiden, ja fast verlegen, blickt der kleine Bauernstudent um fich, den die Gemeinde aus öffmt- lichen Mitteln zum Theologen züchtet. Engbrüstig und eingeklemmt, bleich und philiströs mit 16 Jahren sitzt der gipäcklose Jünger der Geistes zwischen den fetten Rinbern biefer Welt. Wer möchte glaubm, baß er einst zum Umfang seine» geweihten Kollegen heranwachsen würbe. Die alte Köchin, die neben ihm sitzt, weil sie zu ihrem neuen Dienstherrn fährt, schimpft über den Alten unb blickt in den Pausen auf den Kleinen. Sie hat schon jetzt Respekt vor ihm, denn das idealste Avancement, das einer Köchin w erben kann, ist die Pf «rrerSköchm." — Die ,D. Berkehrsztg.^ ist dar offiziöse Organ der Postmeifterr v. Stephan. Dadurch gewinnt die Ungehörigkeit noch emen gewissen Beigeschmack. Die.Germania' schreibt dazu: „Wir sind überzeugt, daß wir bett Wünschen aller unserer katholischen Leser entsprechen, wenn wir hier gegen berartige Verunglimpfungen unseres Priesterstandes in einem otfiziösen Blatt ber Reichspostverwaltung, die doch mit Religion unb Politik nichis zu thun hat, öffentlich und ent- schieben Protest einlcgrn, und wenn wir vom Herrn Staatssekretär Dr. w. Stephan ein energischer Ein-
die vielfache Noch der leidenden Menschheit, die in der Residenz noch deutlicher wie in einer kleineren Stadt hervortrat, ließ den Entschluß in der Seele des Jünglings reifen, dem Elend nach Kräften zu steuern. Et wurde deshalb Arzt, nahm sich ganz besonders der Armen und Nothleidenden an, denen er nicht allein in jeder Krankheit und Gefahr treu zur Seite stand, sondern noch mit seinen bedeutenden Mitteln manche Freude bereitete.
Standhaft und treu!
Novelle von Clarisse Borges.
13] ------- (Nachdruck verboten.)
7. Kapitel.
-Leo, ich bin wirklich ganz rathlo», in Verzweiflung! Ich befürchte fast, daß eS mir niemals gelingen wird, eine Dame nach meinem Wunsche mit ben erforderlichen Eigenschaften als Gefellschafterin zu finden.
„Wre, Mama, hat Dir denn Fräulein Paragon nicht gefallen? Sie wurde doch fehr gelobt und Dir warm empfohlen."
n°3 ^pkr ist geduldig; fte sandte ganz vorzügliche Zeugnisse ein. Es ist erstaunlich, wie hoch ihre ganz geringen Leistungeu angeschlagen wur- ! Den — —“
„Uebertreibungen!" schaltete der Sohn ein. l
„Selbst die Gräfin, bei der Fräulein Paragon zu- lktzt in Stellung war, sprach sich nur lobend über ihre Leistungen aus. Ich hatte ihr doch ein besseres Ur» All zugetraut. Glaube mir, Leo, als sie sich gestern Abend an das Pianino setzte, spielte sie so schlecht, daß cs einen Stein erbarmen konnte; als sie aber zu fingen ar fing, stieß sie so schrille, gellende Töne hervor, daß es mich schmerzlich durchzuckte und ich mit die - Ohren zuhalten mußte." 1
uldaerWZkitiliig
mit Unterhaltung» Keilagr „Sterne «nd Klmnen«.
Ratt'onalversammlrwg (der Landtag) soll Gesetze dekre- tiren dürfen, die Rechtspflege und die Polizei sollen nach europäischem Muster umgestaltet werden u. dgl. Auf solche Forderungen kann der Sultan allerdings freiwillig nicht eingehen, denn ihre Erfüllung würde bedeuten, daß et thatsächlich auf Kreta vollständig abdanken und nut noch dem Namen nach Beherrschet der Insel fein wollte.
Eine andere Frage ist die, ob der Sultan, wai er nicht wohl freiwillig zugestehen kann, nicht binnen Kurzem unfreiwillig wird zugeben müssen. Offen- bat fühlen sich die Aufständischen sehr stark, vielleicht gar in Folg; geheimer Abmachungen mit Griechenland, und ott militärischem Können scheinen sie den türkischen Truppen auch überlegen zu sein — wenigstens haben diese bisher nur Niederlagen erlitten —, und da ist allerdings die Möglichkeit gar nicht ausgeschlossen, daß schon in den nächsten Tagen die Nachricht eintrifft: eine revolutionäre Delegirtenversammlung ist znsammen- getreten und hat ben Anschluß Kreta'» an --------, Griechenland proklamirt. Wa» bann? Gegenüber Statthalter als Mrlttargouverneur mit gleichem Range i ber einmüthigen Volk-Meinung in Grirchenlanb, welche ti“ -liu t. dm Krxtxr selbstver- | die Unterstützung der Kretenser immer energischer for-
ständlrch nicht befriedigen; dw christlichen Abgeordneten ' ! t ~ '
hielten sich nach wie vor der einberufenett Nationalversammlung fern, die deshalb bis heute noch nicht er- öffnet werden konnte, und die Aufständischen schlugen die türkischen Truppen in einer bedeutsamen Schlacht. Nun erst that der Sultan Alles, was die Mächte verlangten und was er von vornherein hätte thun sollen: er versprach den Kretenser« eine erweiterte Selbst- Verwaltung und wie» seine Truppen auf der Insel an, ihr angriffsweises Vorgehen gegen die Aufständischen etnzustellen.
ausgetegt werveu vte einen beruhigenden Eindruck auf * Die Encyklika dkS hl. Vaters Leo XIII. vom mC en er 6' jetzt aber macht fein l 29. Juni 1896 über die Einheit der Kirche ist
Rachgeben, weil ferne Truppen inzwischen Schläge \ im lateinischen Texte mit offizieller deutscher U-ber« ^rnen haben nur den Eindruck der ; fetzung im Verlage ber Herder'schen VerlaaShanb- k « to“täkrIrl5e $° 9e bot’on ist dann | lunq in Freiburg i. Br. erschienen. (Preis 80 Pfa.)
ber Entschluß der Aufständischen, nunmehr erst recht - * Die Quertreibereien gegen den Kriegsminister
»nCse Änderungen an den Sultan zu i zielen eigentlich auf den Reichskanzler, wie im pellen. In der That hauen die christlichen Abgeord- - ,Hamb. Korresp.' neuerdings hervorgehoben wird. E» neten bereits eme ganze Reche von neuen Forderungen scheint ihm als gewiß, daß eine in dem vorjährigen aufgestellt Dieselben gehen darauf hinaus dem christ. Ministerrathe über die Militär - Strasprozeßordnung lichen Stlttthalter eine höhere, vom Sultan unab- unterlegene Richtung fortgesetzt thätig sei, und ihre hängigere Stellung zu geben, offenbar um ihn bann ' 7 " '■ ■ - M
bei paffender Gelegenheit vollends zum selbständigen Fürsten auSrufen zu können, unb ferner bie ganze Verwaltung ber Insel möglichst von ber allgemein» türkischen Verwaltung loSzulösen. Zu diesem Zwecke wird z B. die Verwendung aller Einnahmen der Insel für deren Ausgaben verlangt, sodaß also für den Sultan nicht einmal ein Tribut abficke; bie
täglich, S«m- und getertny anSgenoatmat. — Bierteljährkicher Abonnement-Preis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Kulda und auswärts 1 Mark 50 9Bfetatt * -nchmltige SarmondMe oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf, d^SrholuL en^re^^liab^ ™ *