Einzelbild herunterladen
 

M 154

Mittwoch, den 8. Juli 1896.

23. Jahrgang

nliiitr

mit Unterhaltungs beilage „Sterne und Klnmen".

Erscheint täglich. Sonn nab Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnement svreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten dir einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

£ Die Zigeunerplage

tritt in diesem Jahre , wie auS den Berichten der Zeitungen zu ersehen, in besonder- starkem Maße her­vor. Aus den verschiedensten Gegenden, zumeist aber aus dem Westfälischen, dem Rheinlande, dem Olden- burgischen und zum Theile auS der Provinz Sachsen kommen lebhafte Klagen über da- Treiben der zer- lumpten braunen Horden, deren ganze Beschäftigung in Betteln, Stehlen und Wahrsagen besteht, und deren verderblichen Einfluß auf die Moralität nicht so gering veranschlagt werden darf, wie e- an­scheinend in der Regel geschieht.

Bor etwa zwei Jahren machte Schreiber diese- ebenfalls auf diese Landplage aufmerksam und nach einiger Zeit vernahm man von halbamtlicher Seite, daß dem Unwesen nach Möglichkeit gesteuert werden solle. Bon den Erfolgen der angestellten Bemühungen hat man indesien herzlich wenig gemerkt, zur Zeit ist e- offenbar schlimmer al- es jemals in den letzten Jahren. „Ja, wenn e- Jesuiten wären/ sagte mir damals jemand, mit dem ich die Frage besprach, mit beißendem SarkaSwuS, „dann würde man sie schon zu beseitigen wissen!" lieber die Grenze spediren kann man nun, wie die Jesuiten, die Zigeuner größtentheilS nicht, denn sie find leibhaftige deutsche R eich-- bürg er und stehen unter keinem Ausnahmegesetze. Ihren nominellen Wohnsitz haben sie in gewissen Distrikten, dort sind vollständige Zigeuner-Kolonien, so imBerleburgischen und imBraunschweigi- scheu; ein Theil der Zigeuner verlebt dort einige Wintermonate, im Sommer aber nomadisirt Alle- bis auf einige kleine Reste. Die Berechtigung zum Nomadi« firen erhalten die Zigeuner auf Grund ihrer Wander­gewerbescheine, und sie find schlau genug, dafür zu sorgen, daß diese zumeist in Ordnung sind. Da- Geschäft de- KeffelflickenS oder waS sie sonst angeblich betreiben, ist regelmäßig nur ein Vorwand für die unverschämteste Bettelei und Prellerei; eS wird schwerlich auch nur ein einziger vagabundirender Zi- • !fermer zu finden sein, der sich und seine Familie von einer Hände Arbeit nährt. Die größeren Städte meiden sie nach Möglichkeit, weil sie wissen, daß sie dort ersten- nicht betteln können, unb zweitens durch die Polizei haftbar gemacht werden, wenn sie sich an ftemden Früchten u. s. w. vergreifen. In solchen Fällen stimmen sie regelmäßig ein großes Gejammer über ihre Armuth an, wenn aber die Behörde ihnen die besten Pferde pfändet und sie sehen, daß eS Ernst wird, greifen sie in die Taschen und haben stet» Geld genug.

Auf dem flachen Lande, namentlich wo die Gehöfte einzeln liegen, ist eine solche Maßregel selten möglich; die Bewohner müssen zusehen, wie ihre schönsten Tristen und Aecker dem lumpigen Gesindel zum Opfer fallen und können froh sein, wenn sie ihre sonstige Habe und ihre — Kinder vor den Horden schützen. Die OrtSbehörde pflegt dann mit dem Oberhaupte der Bande zu unterhandeln, um „in Güte" einen mög-

Stanbhaft und treu!

Novelle von Elarisfe Borges.

11] ------- (Nachdruck verboten.)

ES war ein harter, entscheidender Kampf gewesen. Bon allen Seiten von Feinbrn umringt, batten die rolheu Husaren angesichts des Todes mit der letzten Kraft der Verzweiflung gekämpft, bis nach blutt ger Arbeit die Feinde endlich den Rückzug antraten. — Die tapferen Husaren hatten gesiegt, aber der heiße Kampf hatte viele schwere Opfer gefordert. — AlS ®n Abend sich die Treuen um ihre Fahne» schaarten, erst sah man mit tiefem Schmerz, wie groß die Anzahl der gefallenen Krieger war.

Auch Rittmeister von Haller zähtte zu den Ver­mißten. Lieutenant Steinfels konnte sich über den Verlust feines Freundes nicht trösten und beschloß, mcht eher zu rühm, bis er wenigstens die thmere Lerche aufgefunden habe. Obgleich fein linker Arm in der Bmde von eiier tiefen Wunde heftig schmerzte, durchsuchte er dennoch daS schaurige mit Leichen be­deckte Todteufeld.

„Ich will auch meinen Herm suchen," sagte der Bursche Fritz Tauner und schloß sich dem Lieutmant auf seiner traurigen Wanderung an. „Vielleicht lebt er noch und ist zu retten."

lichst baldigen Abzug zu erwirken, daS „Abschieben" in die Nachbargemeinde ist in der Regel mehr Form al- Thatsache. So lassen sich die Zigeuner den größten Theil der Jahre- hindurch von einem Ort zum anderen „schieben" und fühlen sich wohl dabei; sie wisfen, daß sie der Schrecken der Landbevölkerung sind und nutzm diesen Umstand weidlich auS.

Gewöhnlich bleiben ihre Diebstähle und Gewalt- thättgkeiten ungeahndet; nur selten macht sich der Grimm de- Volke- durch eine Art Lynchjustiz, die sich an sich nicht rechtfertigen, aber sehr wohl begreifen läßt, Lust, wie eS z. B. Ende Mai d. IS. in Otzen­rath am Niederrhein der Fall war. Dort wollte eine 10 Wagen mit sich führende Truppe Zigeuner in dem Gehöfte eines LandwirthS nächtigen und in der Scheune Feuer anmachen. Als ihnen das mit Recht verwehrt wurde, gingen sie zu Thätlichkeiten über und brachte» dem Sohne des Besitzer- nicht unerhebliche Berletzungm bei. In Folge dessen wurde die ganze Bande von der Bevölkerung angegriffen, em Wagen demolirt und mehrere Zigeuner verwundet. Er ist dar, wie gesagt, nicht zu billigen, aber die That der Zigeuner ebenso wenig. Solche Vorgänge sind eben selten, in der Regel sucht man möglichst billigen Kaufe- von den braunen Gesellen bi- auf weitere- lo-zukommeu. Auf diese Weise bleiben die Zigeuner zumeist „ruhige und unbescholtene Staatsbürger," „quod non ost in actis, non ost in factis,“ denkt die Bureaukratie ja bekannt­lich, und so mag man denn keinen „Gmnd" finden, den Zigeunern die Wandergewerbescheine zu versagen.

Der verderbliche Einfluß auf die Moralität, den die Zigeuner al- Herumlungerer, Mißachter der EigenthumS die halbnackten oder ganz nackten Kinder beiderlei Geschlechter und die vielfach weniger als noth- dürftig gekleideten Weibspersonen — deren Sittlichkeit auf sehr tiefer Stufe steht — auSüben, ist nicht gering anzuschlagen und soll hier nur eben mit einem „Sapienti sät“ angedeutet werden.

Wenn gleich die Zigeuner seit Jahrhunderten im Lande herurnvagiren und die Bevölkerung brandschatzen, sollte man doch meinen, daß sich endlich die- Treiben entweder abstellen oder doch mindestens sehr stark eindämmen ließe. Eine stramme Kontrole jede- Zigeuners, verbunden mit genauer Prüfung der Legitimation-Papiere, würde schon viel helfen; wenn alle Uebertretungen, namentlich gegen daS Eigenthum sorgfältig gebucht würden, ließe sich für sehr viele schon eine Handhabe finden, um ihnen den Wandergewerbeschein zu entziehen oder die Ausstellung eines weiteren unmöglich zu machen. Mit ihrer Ehrlichkeit prahlen die Herren Zigeuner ja immer gern; man gebe ihnen Gelegenheit, dieselbe zu beweisen, indem man sie darauf sorgsam prüft. Wenn sodann thatsächlich nacb den bestehenden Gesetzen kein Anlaß vorliegt, den Männern den Hausirschein vorzu­enthalten, müssen denn auch die W e i b e r und K i n d e r überall mit dabei sein? Man verlange, daß diese in den Orten bleiben, wo sie „heimathSberechtigt" sind;

„Hier, unter diesen Tannen sah ich ihn zum letzten Male," seufzte der Offizier, „ich fürchte, Tanner, wir fachen hoffnungslos — ich sehe hier nur Leichen, Freund und Feind bunt durcheinander, aber von un­serem Rittmeister sehe ich keine Spur."

„Lasten Sie un- noch ein Mittel versuchen," bat der treue Diener, „vielleicht lebt noch Hettor, sein Rettpferd, bann wirb eS gewiß auf meinen Ruf ant­worten."

Mit biefen Worten zog er ein kleines Pfeifchen auS der Tasche unb ließ einen langen, gellenden Ton durch die Tobtenstille erschallen.

„Hören Sie — daS ist Hektor- Stimme," rief der Soldat lebhaft, al- er ein ferne- Wiehern vernahm, bann eilten beibe ber Richtung zu. — Ja, bort stand da- treue Thier, bei feinem gefallenen Herrn Wache haltend. Starr und regungslos lag er am Boden, der rechte Arm hing noch im Zügel des Pferdes.

Behutsam hoben fie ihn auf unb betteten ihn auf eine Bahre, ba- Blut strömte aus einer breiten Brust­wunde, doch ein leise- Zucken verrieth, daß da- Leben noch nicht gÄrzlich entschwunden war.

„Wen bringen Sie da?" fragte der Arzt, al- die Freunbe mit ber Bahre in da- Hospital traten.

„Rittmeister von Haller!"

„Wie, er ist eS? Soeben habe ich seinen Namen

bann wird eß den Männern schon lange nicht einfallen allein im Lande umherzustreifen, vielleicht wird ein großer Theil der Wanderer dann dem „ungastlichen" Deutschland den Rücken wenden und an die schönen Ufer der Theiß zurückkehren, zum „Bruder Jano»."

Unter allen Umständen dürfen wir erwarten, daß angesichts der zunehmenden Klagen über diese häßliche Landplage die obere Behörde dieser Frage näher tritt unb durch strenge Hanbhabung ber bestehenden gesetz­lichen Bestimmungen den schädlichen Unfug mit Ent­schiedenheit eindämmt.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Juli.

* Duelle in den Hofkreisen werden bereits wieder in Aussicht gestellt. Zum Fall Kotze erscheint in Hagen bei Herrn. Riesel u. Co. eine neue Broschüre, in welcher der Urheber der anonymen Briefe, wenn auch nicht mit Namen, so doch deutlich genug gekenn­zeichnet wird. Wie der ,Lok.-Anz.' au» zuverlässiger Quelle erfährt, steht die Familie v. Kotze selbst der Veröffentlichung dieser Broschüre vollständig fern. Zugleich wird jedoch mit Bezug auf eine Notiz der Brofchüre, weitere Duelle betreffend, mitgetheilt, daß der Berfaffer mit dieser Angabe die Stimmung wiedergegeben habe, welche in den dem Ceremouien- meister v. Kotze nahestehenden Streiken herrscht. Jene Stelle in der Broschüre lautet: „Die Angelegenheit ist durch den Tod Herrn v. Schrader's noch nicht zum Au-trage gebracht worden. Die Parteien stehen sich unversöhnt und unversöhnlich gegenüber. Es ist nur eine Frage der Zeit und der größeren Geschicklichkett im Pistolenschießen, ob und wann dieser ober jener von ben Gegnern Herrn v. Kotze'S ober bieser selbst auf bem Kampfplätze bleibt. Selbst nach bem Tode Herrn v. Kotze'S könnte eS sich ereignen, daß seine nächsten Verwandten die Blutfehde »etter aufnehmen. Die Familie v. Kotze will eine unbedingte Genugthuung für die schwere Beleidigung, die ihr zugefügt wurde, erkämpfen." ES ist wahrlich die höchste Zett, daß von maßgebender Stelle auS energische Schritte gemacht, dem Duellunfug ein Ende zu machen.

* Das Ergebniß einer „ Klotteusammluug", welche- ein Schwärmer für uferlose Flottenpläne veranstaltet hatte, wird jetzt veröffentlicht. Dasselbe ist ganz da­nach angethan, zwischen dem Entrüstungr-Patrioti-mu- in Borten und bem opferwilligen Patriotismus in Thaten einen lehrreichen Vergleich zu ziehe». Im Marineverorbnung-blatt wirb nämlich unter ber Ueber« schrift „Patriotische Gabe" folgenbe Bekannt­machung be- Staatssekretärs Hollmann vom 20. Juni veröffentlicht: „Der Weinhändler Franz Zingler in Berlin hat die von ihm zum Zwecke des Baue- eines Schiffes gesammelten Gelder im Betrage von 204,50 Mark der Marinestiftung „Frauengabe, Berlin-Elber­feld" zur Verfügung gestellt, was ich mit dem Aus­drucke des Danke» für diese Zuwendung zur Kenntniß

in die Liste der lobten eingetragen unb ist schon leibet fortgeschickt."

Aber Alfred von Haller war nicht tobt, obgleich fein Zustanb sehr bebrnklich war. Lieutenant Stein­fels, obgleich felbst Jnvalibe, wich nicht von feinem Lager, kühlte bie brennende Stirn und netzte die fieber­haft trockenen Lippen des Freundes. — In wild er­regten Fieberphantasten verlangte der Kranke bald un- geftiim Rose wiederzusehen, bald flehte er sie schmeichelnd an, sich nicht länger zu verbergen. Ost trug ihn ein süßer Traum in den Burghof zurück, wo er ihr kosend holde LiebeSworie zu flüsterte, ober er staub ernst unb finster seinem Cater gegenüber, von bem er Rechen­schaft über ihren Ausenthalt forberte.

Enblich wurde der Kranke ruhiger und SteinfelS, der selbst ein wenig ausruhen wollte, wurde plötzlich am Lager des Freundes gerufen.

„Rur keine Aufregung, wir gehen der Krisis ent­gegen," warnte der Arzt.

„Alfted," schluchzte der Frmud und kniete vor seinem Lager, denn daS geisterhaft bleiche Gesicht er­schreckte ihn, „jetzt wirst Du bald genesen und wir kehren zusammen in die Heimath zurück."

„Richt doch, Arthur, aber ich danke Sott, daß meine Augen Dich noch einmal gesehen haben," hauchte matt ber Kranke. „Wenn Du zurückkehrst, so gche zu