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Montag, den 6. Juli 1896.

23. Jahrgang

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| Hier;« eine Keiiage

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Deutsches Reich.

Berlin, 4. Juli.

* Die Krisengerüchte dauern fort. Die »Leipz. .Neuesten Nachr.' veröffentlichen folgende- vom 3. Juli aus Berlin datirtes Privat-Trlegramm: „Ich erfahre an« sicherster Quelle, daß der KriegSminister Bronsart von Schellendorff feine Demission eingereicht habe." Daß General Bronsart v. Schellen­dorff, bemerkt dazu die ,Post', „schon seit Monaten den Wunsch hegt, von seinem aufreibenden Amte sich in's Privatleben zurückziehen zu können, ist bekannt. Darüber aber, ob der KriegSminister, welcher gegen­wärtig auf Urlaub auf seinem Gute Marienhof weilt, die einleitenden Schritte zu seinem Rücktritte jetzt wirklich unternommm hat, haben wir Bestimmte« nicht erfahren können." Rach den ,Berl. R. R.' scheinen sich zu den Differenzpunkten, welche hinsichtlich des vom Kriegsminister vertretenen Standpunktes der Zulässig- kett der Oeffentlichkeit im Militärstraf- gericht«>Berfahren bestehen, noch einige an­dere administrativer Natur gesellt zu haben, und e« wäre, fall« der Kriegsminister in der That auf seinem Rücktritt bestehen sollte, nicht unmöglich, daß diese Gesichtspunkte für ihn nicht minder bestimmend in die Wagschale fallen. Ein nicht auf der Rllitär- strafgericht« - Ordnung begründete« Ausscheiden würde auch verhüten, daß durch diesen Schritt in den Re­gierungskreisen weitere Folgen hervorgerufen werden. E« gilt als öffentliches Geheimniß, daß der Reichs­kanzler den Standpunkt drS Krieg«minister« in der MilttärstrafgerichtSfrage vollständig theilt, der Rücktritt de« Generals von Bronsart au« diesem Anlaß würde mithin die Stellung de« Reichskanzler« kaum unberührt lassen können. In gut unterrichteten Kreisen gilt jedoch al« sicher, daß auch in der Militärstrafgerichtsfrage da« letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

* 3m ,Reich«anzeiger' ist gestern da« Gesetz über die Umformung der vierten Bataillone oder, wie der offizielle Tttel laMet, da« „Gesetz, enthaltend Aenderungen des Gesetzes, betreffend die Frieden»Präsenz- stärke de« deutschen Heere«", veröffentlicht worden.

* Die offiziöse ,N. A. Z.' bestreitet in einem Leitarttkel, daß der Rücktritt de« Ministers von Berlepsch einen Stillstand in der Svztal- reform bedeute. Sie sollte lieber sagen, welche wetteren Schritte in der Sozialreform geschehen sollen. Solange man von solchen nicht« hört, wird man von einem Stillstände sprechen müffen.

* Die Verkündigung de« bürgerlicheu Gesetz­buches soll erst erfolgen, wenn der Kaiser von seiner

Standhaft und treu!

Novelle von Clarisse Borges.

9J ------ (Nachdruck verbot«.)

4. Kapitel.

Al« Fräulein von Saldern an jenem ftühen Wintermorgen heimlich und in aller Stille chre liebe, traute Heimath verließ, hegte sie nur den einen Ge­danken, fortzueilen, fort, so schnell und weit wie mög­lich, in eine ftemde, ferne Stadt, wo Niemand sie und Niemand eine Ahnung von ihrem früheren, glanzenden Leben hatte. So langte sie in der Rest- venz an. Ihr Kopf schmerzte, ihre Augen brannten bin vielen vergossenen Thränen und schlaflosen

»3$ kann keinen Entschluß, kaum einen festen Veoanlen fasten; oh! wenn ich nur sterbe« und allen Kummer vergessen könnte," schluchzte sie.

Ihrer alten Gewohnheit gemäß ging sie in da« erste Hotel, wo sie bekannt war, denn sie hatte dort

»genug mtt ihrem Bater logirt. Dort, in der Ein- scunkeit ihre« Zimmer« fand sie endlich die Ruhe wieder, der sie so dringend bedurfte. Sie fand sogar m der Nacht « glückenden Schlummer, und neu ge­stärkt erwachte sie am nächsten Morgen.

Der Gedanke, jetzt selbst für ihren Leben-unter-

Nordlandreste zurückgekehrt ist. Wie die,Post' erfährt, wird die endgiltige Beschlußfassung de- BundeSrathes über daS bürgerliche Gesetzbuch erst dann erfolgen, wenn die Zustimmung der einzelnen Regierungen zu den vom Reichstage in dritter Lesung getroffenen Ent­scheidungen eingcholt ist.

* Der Ausschuß des Dentschev Landwirthschasts- rathes hat am 3. Juli beschlossen, in einer Ein­gabe an den BundeSrath diesen zu ersuchen, trotz seiner Bedenken gegen die vom Reichstage vor­genommenen Verschärfungen der Vorlage dem Mar- garinegesetz in der Reichstagsfassung zu stimmen zu wollen. Der Bundesrath thäte klug, hierin nach- zugeben und sich lieber den Dank der deutschen Land- wirthe, al« den der „Liberalen" zu erwerben.

* Der Rkichstnvalideufonds hatte nach dem dem Reichstag erstatteten Bericht Ende April 1896 einen Bestand von 430,824,125 Mark Schuldverschreibungen zum Nennwerthe. Außerdem warm noch darin ent­halten für 3,110,250 Gulden süddeutscher Währung an Schuldverschreibungen, dazu Baarbestände in Bank­guthaben zum Gesammtbettagr von 6,903,372 Mark. Er ist sehr erfreulich, baß der ReichSinvalidenfondr solch enorme Summen ausweist, aber es will uns be- dünken, als ob dieselben zumeist ihren Zweck gänzlich verfehlten. Die jetzt aus dem Reichsinvalidenfonds gezahlten Summen find so unbedeutend, daß sie jeder Beschreibung spotten. Trotz aller Prtttonen an den Reichstag sind die Penfionsbettäge nicht erhöht worden, obwohl die Lage einer sehr großen Anzahl von Invaliden die Erhöhung derselben gebieterisch erheischt. Nicht ganz mit Unrecht klagen manche In­validen eben wegen der gänzlich unzureichenden Pension da- Vaterland der Undankbarkeit an.

* Eine sehr drastische Illustration zu unserer Handwerker - Gesetzgebung und der dadurch herbei- geführten Zustände im Handwerk wird aus Dortmund gemeldet. Dort übt „selbstständig" ein 17jähriger junger Mann dar Malerhandwerk au«, trotzdem er nach den gesetzlichen Bestimmungen noch zum Besuche der Fortbildungsschule verpflichtet ist! Um aber die Art und Weise de« modernen Geschäftslebens recht drastisch zu beleuchten, sucht dieser „Meister", trotzdem er selbst die Erziehung und Anleitung noch sehr nöthig hätte, ein paar — Lehrlinge und verspricht, dieselben „gründlich" im Malerhandwerk au-zubilden!

* Eine weitere ReichstagSersatzwahl fand am Samstag in Löwenberg in Schlesien statt. Da« Mandat gehörte zuletzt den Konservativen, die vom Centrum — etwa 1k der Wähler ist katholisch — unterstützt wurden. Jetzt hat stch aber ein Theil der Cmtrumswähler geweigert, für den konservaüven Be­werber Grasen Nostiz zu stimmen. Der ,Boff. Ztg.' liegt das Ergebniß au» 72 Orten vor; danach erhielt Graf Nostiz bisher 3372, der freisinnige Rektor Kopsch-Berlin 3356, der Sozialdemokrat Nixdorf 113 Stimmen; eine Stichwahl wttd als wahrscheinlich bezeichnet.

halt sorgen zu müffen, hatte heute sogar etwas An­ziehende-, Verlockende- für fie, da ihr bi- jetzt noch jeder kaum ausgesprochene Wunsch erfüllt worden war. Rur, daß sie im Hotel erkannt worden war, berührte sie peinlich. Die Beschließerin hier war sogar vor einigen Jahren Kammerftau auf dem Burghof und ihrer jungen Herrin treu ergeben gewesen, daher be­schloß Rose, fie in'S Berttauen zu ziehen.

„Können Sie mir ein billiges Logis verschaffen, Agne«, welcher rein und sauber ist und meinen An­forderungen genügen würde?" fragte fie, als sie von chrem Unglück und ihren veränderten Leben-Verhält­nissen berichtet hatte.

„DaS kann ich, aber ich zweifle, ob e- Ihnen ge­fallen wird. Meine Tante, Frau Felner, wohnt in der Oststraße; sie vermiethet immer möblirte Zimmer. Aber diese Gegend ist meist von Arbeitern und Hand­werkern bewohnt, da- würde Ihnen doch wohl nicht passen!“

„Sie vergessen, daß ich nicht allzu wählerisch sein darf," scherzte Rose. „Früher, al- ich reich und glücklich war, al- ich einen geliebten Vater hatte, da war eS ander-; jetzt, da ich alle- verloren habe, muß ich selbst für mein Dasein sorgen. — Roch Ein-," sagte fie, eheste da-Zimmer verließ, „ich muß meinen Name«, von Saldern, Megen, da ich unerkannt bleibe«

* Mainz, 4. Juli. Der Vorstand de-Canisiu-- ] Vereins richtet an die Mitglieder desselben folgende - Zuschrift: „Da» Hinscheiden unseres Vorsitzenden, i Frhrn. Felix von Los, römischer Graf, gibt den r! Vorstands-Mitgliedern de» CanifiuS - Vereins Ver- | anlaffung die hohen Verdienste in Erinnerung zu I bringen, welche derselbe sich in einer langen Reihe von Jahren um die katholische Kirche und da- katho­lische Deutschland erworben hat. Durch Gründung des CanisiuS-Berein- am 8. September 1879 hat der Verstorbene die für Deutschland brennende Schulfrage der fottwährenden Beachtung der Katholiken empfohlen, durch die 6.-.V.-Korrespondenz eiferte er die katholische Presst an, dieser so äußerst wichtigen Schulfrage eine gesteigerte Aufmerksamkeit zu widmen und durch die Caniffu«-Gebete hat er nicht nm in beit Herzen der Erwachsenen, sondern auch in den Herzen der Kinder den lebhaften Wunsch hervorgerufen, jeden Tag Gott zu danken und zu bitten, ihnen den wahren Glauben zu erhalten. Mit einer eisernen Energie nahm er jede Gelegenheit wahr, durch Vettheilung von Bro­schüren die unveränderlichen Grundsätze der katholischen Kirche in der Schulfrage zur Geltung zu bringen. Er scheute keine Reisen, keine Arbeit und keine Mühe in Deutschland sowohl wie in der Schweiz, diese unver­äußerlichen Rechte der Kirche auf die Schule in Wort und Schrift zu vertheidigen und alle diese seine Be­strebungen stellte er unter den mächtigen Schutz de« seligen Petru- CanisiuS, zu dessen Sedächtnißfeier die Wallfahrt nach Freiburg i. Schweiz im Jahre 1881 in großarttger Weise stattfand. Als im Jahre 1872 der sogen. Kulturkampf begann, dessen ausgesprochene« Ziel die Vernichtung der Freiheit und Integrität der katho­lischen Religion in Deutschland war, trat Frhr. Felix v. Los muthig an die Spitze de« Verein« der deutschen Katholiken, welcher sich in dieser schweren Zeit die einmüthige und energische Vertheidigung der Rechte der katholischen Kirche zur Aufgabe machte. Biele andere Vereine bestanden bereit«, welche dieser Auf­gabe sich widmeten. Auch hatte sich die Fraktion de» Centrums sofort unter Führung ausgezeichneter Männer im Einklang mit ihre« Wählern zu unbeugsamem Wider­stand gegen die kirchlichen Gesetze erhoben. Die ein­müthige Entschiedenheit de« katholischen Volke» zu wecken und zu pflegen, war ganz besonder« der Mainzer Verein der deutschen Katholiken bestrebt, und e« ist das Verdienst des Hingeschiedenen, diesen Verein mit unvergeßlicher Zähigkeit organifirt und mit einer be- wunderungSwerthen Energie geleitet zu haben. Möge Sott dem edlen, uneigennützigen und muthigen Manne reichen Lohn in der Ewigkeit gewähren. Im Herzen der deutschen Katholiken wird er fortleben al» leuchten­de« Vorbild treuer Hingabe an die Sache Gotte« und seiner heiligen Kirche. Mainz, 30. Juni 1896. (Folgen die Unterschriften sämmtlicher Mitglieder de« Vor­stände«, darunter als» Fulda die Herren Justizrath Rang und Profeffor Schick.)

* Karlsruhe, 3. Juli. Das Gesetz gegen den

muß, deshalb nannte ich mich schon gestern im Fremden­buch: Fräulein Rose. Wollen Sie mir versprechen, mein Geheiumiß zu bewahren, meinen Aufenthalt nicht zu verrathen, wenn nach mir sollte geftagt werden?"

Sie wußte wohl, daß, wenn auch alle ihre Freunde fie bald vergessen würden, Alfted von Haller doch bei seiner Rückkehr aus dem Feldzuge ihre Spur uner­müdlich aufsuchen würde.

„Ich veilpreche e«," sagte Agnes feierlich. Rose wußte jetzt, daß fie ihr verttauen durste, und drückte ihr stumm die Hand.

„Sie sind meine erste Freundin in meinem neuen Leben; besuchen Sie mich, sobald Sie Zrtt haben," flüsterte fie ihr beim Abschied zu.

Agne« schaute ihr sinnend nach.

„Wie gerne möchte ich chr wieder dienen," dachte sie bei stch selbst. „Sie nannte mich Freundin — diesen Namen will ich mir erst verdienen."

Rose stand bald mit leichtem Herzen vor einem kleinen, sauberen Hanse in der Oststraße. — Die zwei kleinen, zur ebene« Erde belegenen Zimmer waren zwar düster unfreundlich, die Möbel mit dunklem Kattun überzogen, damit fie nicht so leicht beschmutzten, wie Frau Feldner lächelnd bemerkte, dafür war aber auch der Preis verhältnißmäßig so gering, daß Rose mit Freuden einwilligte.