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Donnerstag, den 2. Juli 1896. 23. Jahrgmg
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mit U«tert>a>tn»gs-Seit<,ge „Sterne und Flamen". _____________
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(») Die Kirche als Retterin in der sozialen Roth.
(Schluß.M _________
""güt aller dieses bietet die Geschichte Beweise in reicher Menge, namentlich die Geschichte de» Mittelalters. Wir sind weit entfernt, diese Zeit als eine in jeder Beziehung ideale Zeit frei von Mängeln und Schattenseiten hinzustellen, eine solche Zeit gibt es nicht. Aber damals, als der kirchliche Einfluß Alles und Jedes im Menschen, im Staate durchdrang, als das Christenthum ungleich mehr als jetzt allgemeiner BolkSgeist war, wurden gerade in sozialer Hinsicht eine Reihe von Zuständen und Einrichtungen geschaffen, auf die man jetzt a!S auf Borbilder hinblickt.
Allein wir brauchen uns bei unfern Hinweisen nicht auf daS ferne Mittelalter zu beschränken. Auch den komplizirten, so tief eingkfrchenen fozialen Mißständen dec modernen Welt gegenüber, die in manchen die Befürchtung einer furchtbaren Katastrophe wachrufen, hat sich die Kirche keineswegs unthätig oder ohnmächtig erwiesen. Trotzdem sie so vielfältig verfolgt und gebunden ist, hat sie die echte soziale Reform mit bewunderungswürdiger Kraft, Energie, Einsicht und Emsigkeit allenthalben in Angriff genommen. Das machtvolle Eingreifen unsere» heiligen Vaters nach dieser Richtung hin hat die Bewunderung auch der nichtkatholischen Welt erregt. Wenn in den letzten zwanzig Jahren daS Ansehen des Papstes und der katholischen Kirche zur Ueberraschung aller Kirchenfeinde mächtig zugeuommen hat, so ist das ohne Zweifel der von katholischer Seite auSgegangenen sozialen Thätigkeit in erster Linie zuzuschreiben. Wir haben in dieser Beziehung intereffante Geständniffe und Aussprüche von Akatholikea; die Erkenntniß dämmert allmählig, daß die Kirche allein die Macht und den Beruf hat, durch ihren moralischen Einfluß die unversöhnlich scheinenden Widersprüche in unserem sozialen Leben zu lösen.
So sprach sich unlängst der Protestant Gabriel Monod, Redakteur der,Ilovus historique* 1, solgmder- maßen auS: „Inmitten der Verwirrung und des Kampfes aller Geister und Interessen, hervorgerufen durch die wachsende Macht der arbeitenden Klaffen und ihr leidenschaftliches Ringen zur Herbeiführung eines glücklicheren und gerechteren sozialen Zustandes, fragt sich die Welt, ob nicht das Papstthum die einzige Autorität ist, die alrs Vermittler zwischen Kapital u«d Arbeit auftreten und die Lösung der sozialen Probleme erleichtern kann, indem sie den Reichen daS Bewußtsein ihrer Pflichten beibringt und die Begehrlichkeit der Besitzloses entwaffnet." — „Angesichts der Verderbtheit ... der modernen Literatur und Gesellschaft sind wir geneigt, in der katholischen Kirche die einzige orgamsirtr moralische Macht zu feljen, welche die Geister wieder zu erheben vermag" . . .
Standhaft und treu!
Novelle von Elarisse Borges.
6] ------- (Nachdruck verboten.)
Wer war wohl glücklicher, als Alfred von Haller, als er am nächsten Morgen, ein lustiges Liedchen trillernd, den wohlbekannten Weg nach dem Burghof einschlug l Es war ein klarer, sonniger Herbsttag. Muntere Eichhörnchen hüpften in den Zweigen der dichtbelaubten Bäume, die sich schon bunt zu färben begannen; lustige Rothkehlchen zwitscherten ihm einen WilUommengruß entgegen. Auf Flur und Feld entdeckte er neue Schönhenen, die sein Luge früher nicht bemerkt hatte. Jetzt erreichte er sein LieblingSplätzchen, die Rasenbank unter einer mächtigen, uralten Eiche. — Hier hatte er zuerst seiner Rose unverbrüchliche Liebe und Treue geschworen, hier hatten zuerst sich die treuen Herzen gefunden. Hierhin hatte es ihn mit unwiderstehlicher Macht gezogen, und die Enttäuschung de: kaum gehegten Hoffnung, sie selbst hier zu finden, malte sich in seinem edlen Antlitz.
Schnell schritt er weiter, — dort sah er schon die kleine eiserne Pforte, die in den Park führte, aber die war verfchloffen. Beftemdet rüttelte er an den eisernen Stäben, und jetzt erst bemerfte er, wie sehr die Wege vernachlässigt waren.
Berlin, 1. Juli.
das schwere Sisenthor.
Endlich öffnete sich langsam eine kleine Seitenthür des Hauses. Eine alte, gebeugte Frau näherte sich langsam. — Das war eine neue befremdende Ueberraschung.
„WaS wollen Sie?" brummte die Alte und steckte verdrießlich den Kopf durch das Eifengitter.
„Oeffaen Sie das Thor — ich will hinein," befahl Alfred ungeduldig.
„Haben Sie eine Karte?"
„Dar ist nicht dir rechte," brummte die Alte und drehte kopfschüttelnd die Karte hin und her, „solch' ein Ding wird mir nie gezeigt. Aber hören Sie, junger Herr, wenn Sie nur Scherz mit mir treiben wollen —“ ,
„Was wollen Sie denn weiter, Alte?" rief jetzt Alfted leidenschaftlich „Sie forderten meine Karte — ich gab sie sofort. Wollen Sie mir jetzt daS Thor öffnen oder nicht? Wenn Herr von Saldern erfährt, wie schlecht Sie Ihre Pflicht erfüllen, wird er Sie sicherlich Ihre» Dienstes entlaffen. — Oeffaen Sie,
* Die Kaiserin hat während ihres Aufenthalter in Plön den Oberkonsistorialrath Dr. Fromme!, den Re- ligionSlehrer ihrer beiden Söhne, außerordentlich ausgezeichnet. Die Kaiserin nahm, wie dem ,B. L. - A.' berichtet wird, bei Herrn Fromme! den Thee ein; die beiden Prinzen befanden sich in ihrer Bereitung. Als die Kaiserin später weiter fahren wollte, fah der kleine Enkel des Hauser verlangend nach dem Wagen hinauf. Die hohe Frau nahm da» Kind auf den Schooß, herzte es und ließ die Equipage mehrere Male um daS Gartenrondel fahren. Der Abschied von dem Geistlichen geschah dann in huldvollster Weise. Derselbe hatte am Vormittag eine Andacht int großen Saale der Prinzenhauses in Gegenwart der Kaiserin und ihres Gefolges abgehalten. — DaS schöne Beispiel, welches die Kaiserin mit ihrer Achtung vor dem geistlichen Stande und dem ReligionSlehrer ihrer Kinder gegeben hat, verdient in weitesten Kreisen nicht nur beachtet, sondern auch beherzigt zu werden. Der ReligionSlehrer ihrer Kinder ist es, dem die
i Kaiserin diese Auszeichnungen hat zu Theil werden lassen, dem Religionsunterricht hat die Kaiserin damit indirekt die hervorragendste Bedeutung in der Erziehung beigelegt. Die Konsequenzen daraus ergeben sich von selbst — wie die.Germania' ganz richtig bemerkt — auch für da» Kultusministerium.
* Wenn man umlausenden Gerüchte« Glaube« schenken dürfte, so schreibt die ,Boff. Ztg.', so wäre die Ministerkrisi» nach dem Abgänge der Frhrn. v. Berlepsch noch nicht al» abgeschlossen zu bettachten. Der KultnSminister Dr. Bosse soll ihm, wie ein parlamentarischer Berichterstatter wisse« will, in den Ruhestand nachfolgen wollen. Die ,Berl. Reuest. Rachr.' fchreiben: In gut unterrichteten Kreisen de» Reichstages erhält sich die Anschauung, daß mit dem Rücktritt de» Ministers v. Berlepsch die Reihe der ministeriellen Veränderungen noch nicht ab- geschlossen sei. Namentlich ist von einem bevorstehenden Wechsel im Kulturministerium die Rede. Befürchtungen, die sich au die dreimonatlich! Beurlaubung deS KriegSminister» knüpfen, find hoffentlich unbegründet.
'j O Da» Bürgerliche Gesetzbuch ist angenommen,
lystren? .
Wenn von der fozialen Befähigung der Kirche bte Rede ist, so werden wir von unseren Gegnern regelmäßig auf die katholischen Länder verwiesen, namentlich auf Frankreich und Belgien. Allein diesem landläufige« Einwande liegt eine vollkommene Verkennung der thatfächlichen Verhältnisse zu Grunde. Seit der großen Revolution ist die Kirche in Frankreich und Belgien in einen Kampf um Sein oder Nichtsein hineingestellt. Welch einen erbitterten , kombinirte« Kampf führten und führen mächtige Feinde gegen fie: die Schule, die Presse, die Literatur, die geheime« Gesellschaften, die Regierung — denn auch Belgien war Jahrzehnte lang liberal regiert. Statt die vorhandenen Uebelstände auf Rechnung der Kirche zu schreibe«, sollte man sich vielmehr wundern, daß sie unter diesen Umständen wirkt, was sie wirkt. Wen« sie ihren Feinden nicht erlegen ist, so bietet eben dieses einen glänzende« Bewei» ihrer unverwüstlichen Lsbenrkraft.
Wer also für die Freiheit der Kirche kämpft, zumal dem modernen LideraliSmu» gegenüber, der wirkt eminent sozial, wenn auch nur auf indirektem Wege. Denn er trägt dazu bei, die Menschheit dem Einflüsse der Kirche zugänglich zu machen, die Well, da» Volk wie die Gebildeten, die Volrschnle wie die Wiffenschaft, . ------
für die christlichen Ideen wieder zu erobern und ein i und zwar mit der großen Mehrheit von 222 gegen jeder Sieg der christlichen Weltanschauung ist ein Sieg 48 Stimmen, bei 18 Stimmenthaltungen. Leider war der wahren Sozialreform. e8 vorher noch der Linken mit theils offener, thellS
; heimlicher Unterstützung der Konservativen gelungen, $ die Geisteskrankheit als Ehescheidungsgrund । wiederherzustellen.
ti Die Sozialdemokraten haben im Reich»tage jetzt daS vierte Dutzend voll gemacht, indem bei
DaS war zu viel! Doch er zwang sich zur Ruhe, x suchte in seiner Brusttasche und fand glücklicher Weise
I noch eine Visitenkarte.
„Ich muß schon den etwas weiteren Weg durch da» Hauptthor nehmen", dachte er bei sich selbst, und eilte schnell der Richtung zu. — Hier dieselbe Erscheinung, auch dieser Eingang war verschloss.'«. — Der stets gastfreie Burghof pflegte sonst seine Thore geöffnet zu haben; jetzt hatte Alfred schon zu wiederholten Male« energisch die Glocke gezogen, und noch regte sich nichts im Haus-.
„Vielleicht ist Rose und ihr Vater verreist," dachte er, doch sogleich verwarf er diesen Gedanken, da sein Vater ihm keine Silbe davon gesagt hatte. Ec sah den breite« Fahrweg, der zum Hauptgebäude führte, dicht mit welken Blättern bedeckt, und eine unerklärliche Furcht beschlich sein sonst so tapfere» Herz. , — ------. - v, - .
„Sollte sie vielleicht erkrankt sein?^ dahte er wiederhole ich Ihnen, oder tch werde Sie dem Hau»- »eiter und schüttelte noch einmal mit riesiger Kraft ! Herrn anklagen."
— ' । Die Alte lachte höhnisch. , ~
„Herr von Saldern meinen Sie? Ha, ha! Da muffen Sie laut rufe«, und er wird Sie weder hören noch Ihnen antworten. Eörvfo werde ich auch nicht da» Thor öffnen, bis Sie mir eine Erlaubnißkarte zur Besichtigung von dem Anwatt Herrn Wellmann bringen, verstehen Sie," fügte die Alle mürrisch.
„Sie ist nicht zurechnungsfähig," dachte Alfred mitleidig, dann aber fuhr er laut fort, der Alten ein Goldstück zeigend: „Hören Sie, gute Frau, öffnen
Aus dem Dargelegten geht wohl zur Genüge hervor, daß es keine eitle Prahlerei, keine unbegründete Ansicht ist, wenn wir behaupten: die Kirche hat die Kraft, die Befähigung, den Beruf von oben, die Welt zu retten au» der fozialen Roth. El kommt nur darauf an, daß sie Zeit, Gelegenheit und Freiheit hat, sich zu bethätigen, und das ist ein Punkt, der viel zu wenig beachtet wird. Die foziale Erneuerung ist kein Werk, da» sich im Handumdrehen vollführen läßt; nut allmählig kann ein riesiger, fo komplizirter Organismus, wie die Gesellschaft e» ist, resormirt werden. ,
Die Kirche muß ferner Freiheit haben. Wre foll sie wirken, wenn sie ihre« Einfluß nicht geltend machen kann? Wie foll sie ihre göttliche Mission zur Mission zur Beglückung der Menschen erfüllen, wenn sie gebunden ist, wenn rohe Gewalt, feindfelige Gesetze, alle Mächte der Verführung ihre Anstrengungen para
* Der Kaiser hat heute Rachmtttag um 5 Uhr -------- . - _ „ -
von WlhelmShaven an» dir diesjährige Nordlandleise der Ersatzwahl in Halle an Stelle de» Abg.
angetreten. Die „Hohenzollern" dürste morgen Abend Alexander Meyer, dessen Mandat bekanntlich für un-
10 Uhr Sucidal (am Mauranger Fjord) erreiche« gilttg erklärt worden war, der Sozialdemokrat
und dort vor Anker q-hrn. — Die Kaiferi« trifft ftunert gleich im ersten Wahlgange gewählt wurde. Ec
heute Abend um 11 Uhr 23 Minuten au» Wilhelms- erhielt 15 688 Stimme«, während auf den bisherige«
Haven aus der Wildpaikstarton wieder ein und wird Abg. Meyer (fr. Bgg.) 7187, auf den konservatw-
dis auf Weiteres im Ne-en Palais residiren. I antisemitischen „Mittelstandskandidaten Kähne 4366