23. Jahraana
Dimstag, dm 30. Juni 1896.
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uldakrWZcitunß
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Letzte Rr. des 2. Quartals.
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rh Ist Centrum Trumpf?
In kaltmkämpserifchen Blättern findet man wieder öfters bewegliche Klagen darüber, daß „Centrum Trumps" sei im Deutschen Reiche. Da es auch unter uns Leute gibt, die das glauben, wnl er ihnen schmeichelt — man glaubt ja so gern, was man wünscht —, so ist er vielleicht nicht überflüssig, einmal zuzufthen, wie weit jene Auffassung berechtigt ist.
Wir sind die letzten, die bestreiten möchten, daß dar Eentrum »hitsächlich jetzt eine sehr angesehene Stellung einnimmt, und daß wir Katholiken auf die wachsende Bedeutung unserer parlamentarischen Vertretung im besten Sinne des Wortes stolz sein dürfen. Unstreitig ist daS Centrum im Reichstage die stärkste «nd ausschlaggebende, wie auch die führende Partei. Seit der Militärvorlage von 1893, die mit knapper Roth gegen dar Centrum durchgedrückt wurde, ist nicht» mehr ohne daS Centrum zu Stande gekommen, und alle Vorstöße seiner Gegner, wie z. B. der bei dem Bismarck--Wahnsinn de- März 1895, haben nur dazu gedient, daS Centrum immer mehr in die Höhe zu bringen. Aus ihm ist der Präsident und der zweite Bic Präsident der Reichstags hervorgegangen, um den Borsitz in der Kommission für dar bürgerliche Gefetz- buch führte ebenfalls ein CentcumSmann. Die Regierung sowohl wie d;e anderen Parteien müsien in erster Linie mit dem Centrum rechnen, mit chm verhandeln.
DaS ist die Vorderseite der Medaille; diese hat aber, wie alle, auch ihre Kehrseite. Erstens legt seine ausschlaggebende Stellung dem Centrum eine sehr groß; Verantwortung auf, und er ist klar, daß, wenn sich im Volke einmal eine Unzufriedenheit mit dem Reich-tagr geltend macht, die führende Partei davon zunächst betroffen wird. Weil die» aber nvthwend'g mit jeder entfcheidenden Stellung verbunden ist, so; brauchen wir uns deswegen d-e Freude an derselben nicht verderben zu laffen. Z reitens aber — und hier liegt die Sache ganz anders — müssen wir leider festftellen, daß die Regierung sich zwar sehr eifrig bemüht, dar Centrum für ihre Vorlagen zu gewinnen, und daß dar Centrum seinerseits auch mit d r grögten Uneigennützigktit und unter schwersten Opfern nicht
Standhaft und treu!
Novelle von Clarisse Borges.
4] ------- (Nachdruck verboten.)
Schnell eilte sie die Trepp; hinauf, doch auf dem Korridor machte sie Hali, um erst ihrem laut pochenden Herzen gewaltsam Ruhe zu gebieten. Dann schaute sie lächelnd über die winteruche Landschaft. Die Sonne warf soeben ihre matten Strahlen über die weiße Schneedecke, und Sträuche und Bäume schienen wie mit tausend Diamanten besäet, so glitzerten und funkelten sie.
„Wie glücklich bin ich doch," flüsterte sie halblaut, „wie froh müßte ich heute fein, und doch — kann ich mich nicht freuen! Ich habe einen liebevollen Vater, eine glückliche Jugend, ein herrliches Vaterhaus und
Bei dem letzten Gedanken glitt e- wie ein flüchtiger Sonn'nstrahl über dar bekümmerte Gesichtchen, dann öffnete sie leise eine Thür und trat in das Ankleidezimmer ihre- Vaters. Tas Gemach war leer. Rose ging weiter und klopste an die Thür der Schlafzimmers.
„Papa — lieber Papa, kommst Du nicht zum Frühstück? ES ist fchon so spät," rief sie durch die Thürfpalle. Keine Antwort.
Plötzlich stand sie wie angewurzelt; daS Blut er-
nur in pekuniärer, sondern auch in prinzipieller Hinsicht für daS Zustandekommen der Regierungsvorlagen daS Aeußerste thut, daß aber das Entgegenkommen auf der Regierung-fette für die guten Dienste des CmtrumS aurbleibt. Wir wollen nicht nochmals auS- einanderfetzen, welche harten Brocken daS Centrum heruntergeschluckt hat, um daS bürgerliche Gesetzbuch zu Stande ru bringen, und wie eS sogar im Eherecht feinen grundsätzlichen Widerspruch gegen die obligatorische Civilthe einem einheitlichen Gesetzbuche, dessen Segnungen ganz entschieden überschätzt werden, zum Opfer gebracht hat. Und während daS Centrum ein so ungeheurer Entgegenkommen zeigt, daß in den Reihen seiner Wähler dadurch lebhafte Beunruhigung hervorgerufen wird, schleudert ihm der preußische Justizminister und Laufscheinkatholik Schönstedt vom Bundes- rathStifche die Worte ins Gesicht: „Rar daS protestantische Eherecht eignet sich zur Grundlage der Gesetzgebung, eine Uebereinstimmung mit dem katholischen Kirchenrecht wird von uns gar nicht erstrebt!"
Und wie steht eS mit unseren religiösen Forderungen ? Ihre Berechtigung wagt man kaum noch zu bestreiten, aber man hat dm traurigen Muth, öffentlich einzugestehen, daß die Furcht vor „Gefährdung de» konfessionellen Frieden»", d. h. die Angst vor den Hetzern der „evangelischen" Bunde» genügt, um alle unsere Forderungen und Beschwerden zu rück zürn eis en! Und in welchem noch dazu gereizten «nd anmaßenden Tone ist daS ost genug im Landtage, bei den Kulturdebatten und beim LehrerbesoldungS« gesetz geschehen! Im Reichstage müssen wir uns sagen lassen, daß der BundeSrath an dem schmachvollen Jesuitengesetze festhält, wenn er auch „erwägt", ob nicht noch die eine oder andere Ausnahme davon zu- gestanden werden foll.
Nächst den religiösen liegen unS am meisten die sozialen Fragen am Herzen, und wir verzeichnen es mit Gmugihuung, daß Herr Pindter, der ftühere Leiter der .Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", in seinem neuen Blatte, der .Charlottenburger Zeitung", von seinem gegnerischen Standpuntte auS das Cmtrum al» den eigmtlichen Träger einer „aktiven, fortschrtttlichen" Sozialreform anerkennt. Zngt sich nun wmigstenS in dieser Hinsicht der Einfluß unserer Grundsätze in der Politik der Regierungen? Geht die Sozialreform, wie wir wünschen, vorwärts? Leider nein! Es wird allseitig zugegeben, daß in der Sozialreform ein Stillstand eingetreten ist, der hier mit Rückschritt gleichbedeutend ist. Jetzt hat auch der Gewerbeminister Frhr. v. Berlepsch seine Entlassung nehmen muffen, weil er als Anhänger einer fottschreitendm Sozialreform, insbesondere auch einer gesetz ichen Organisation des Arbettrrstandes, von dm Fem)en der Sozialreform, zu benen jetzt leider auch b:e sogenannten Konservativen zu rechnen sind, aufr Heftigste bekämpft wurde, und weil auch seine Ministerkollegrn, Fürst Hohenlohe an der Spitz-, m der Sozialpolittk nicht wenergehen wollen. Ja der
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Sozialpolitik ist also keinesfalls bei den Reg'erungm jetzt da» Cmtrum Trumpf, sondern da dominirt der Herr v. Stumm, der mächtige „König von Saarabien."
Müssen wir daher den Sturz der Herrn v. Berlepsch bedauem, so können wir uns doch andererseits nicht verhehlen, daß er auch bei weiterem Berbleibm im Amte gegenüber dem beherrschenden Einflüsse der Stumm und Konsorten kaum noch etwas ausgerichtet habm würde. Jnsofem ist eS bester, daß die Freunde der Sozialreform durch Ernennung einer Rachfolgerr, der sich erst Verträum erwerben muß und daher keinerlei Rücksichten beanfpmchm kann, freie Hand bekommen, mit aller Energie, namentlich durch Einbringung von Jnttiativanträgm, wieder Fluß in die Sozialpolitik zu bringen. Völlig fteie Hand, dar ist er, was wir in der gegenwärtigen Lage überhaupt brauchen. DaS Cmtrum hat in jeder Hinsicht daS Aeußerste im Entgegmkommm gegen die Regierung gethan, weiter kann eS unmöglich gehm; eS muß von feiner Macht, von der in dieser Session die Regierung so großen Nutzen gezogen, nun auch für feine eigenen Bestrebungen den vollen Gebrauch machm, denn ohne Macht kein Recht! Wir erstrebm nicht, daß dar Centrum Trumpf werden foll, um alr Partei irgend einen Bortheil oder Machtgewinn zu erzielen, sondern um feine Grundsätze, die Gmnd- sätze der christlichen Weltanschauung, im Staattlebm zu segensreicher Wirksamkeit kommen zu laflm; mit einem Worte, wir wollen, daß man einst sagen kann: in unserem Vaterlande ist christlich Trumpf!
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juni.
* Sehr rafch ist eS mit dem neuesten Ministers wechsel gegangen; bereits am SamStag meldete nur der Telegraph die Gmehmigung der Entlastungrgesuchr der Frhrn. v. Berlepsch und die Ernennung der UnterstaatSsekretärr für Eisenbahnm Brefeld zu feinem Nachfolger als Minister für Handel und Gewerbe. Brefeld, ein Schwager der früheren Eisenbahn- Ministers Maybach, hat feine Laufbahn ausschließlich in der Eisenbahnverwaltung gemacht; politisch ist er nicht hervorgetreten. Ex »st katholisch getauft; so viel wir wissen, ist er unverheirathet. lieber seine Stellung zur Sozialreform ist nichts bekannt; zweifellor aber ist er nicht ins Amt berufen, um sie fortzuführen, wie Herr v. Berlepsch wollte. Wo» seine Stellung zur Handwerkerfrage angeht, fo hören wir aus zuverlässiger Quelle, daß er fein neues Amt unter der Bedingung übernommen hat, daß zwar eine Zwangsorganisation der Handwerks, aber ohne Befähigungsnachweis durchgeführt werde. Somit werden sich die Handwerker sicherlich nicht be- gnügm.
* Wie ein Grandenzer nationalliberaler Blatt meldet, hatte die Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise
starrte in ihren Adern — aus dem Arbeitszimmer chreS BaterS hatte sie einen grellen Schrei gehört.
„Wo ist mein Vater, Fischer?" rief sie bestürzt, „er ist nickt in seinem Zimmer--was bedeutet
der Schrei?"
Rose sah die vor Schreck zitternde Gestalt des alten treuen Dieners an den Thürpfostm lehnen, sah die verstörten bleichen Gesichter der Dienerschaft, die sich inzwischen versammelt hatte.
„Gehen Sie nicht hinein, keinen Schritt weiter, Fräulein Rose," flehte die Köchin, die soeben händeringend daS Gemach verlassen hatte, „Herr v. ©albern ist--krank--sehr krank--"
„Mein Vater krank? und ich soll nicht zu ihm? wo denken Sie hin, Anna? — Lassen Sie mich vorbei, an seiner Seite ist mein Platz."
Bleich und zitternd betrat Rose das Gemach. — Dort saß ihr Vater, auf seinem gewohnten Platz in dem alten, ledernen Lehnstuhl, starr und regungslos --eine kalte Leiche.
Der schnell herbeigerufene Arzt konnte nur den vor wenigen Stunden erfolgten Tod in Folge eines Herzfchlage- konstatiren. In den erkaltete» Fingern hielt er noch das unglückliche Schreiben, welches den gänzlichen Verlust feines Kapitals enchielt, worauf er feine letzte Hoffnung gefetzt hatte.
So stand Rose plötzlich allein in der Wüt, arm und einsam, verlassen von ihren Freunden, die sich in glücklicheren Tagen so zahlreich um sie vrrsammelt ; hatten. Rur der Gedanke an Alfred v. Haller hiett sie noch aufrecht, und jetzt — o harte» Geschick — jetzt sollte fie auch ihn, ihre letzte Hoffnung aufgeben. — Nicht umsonst hatte in dm letzten Tagen der alte Kommerzienrath stolz und geringschätzmd auf die arme l Waise hrrabgeblickt, — jetzt konnte Rose dm Blick j wohl verstehen; sie war ja arm, nicht mchr die reichste | Erbin der Umgegend.
„Wohlan denn," sagte sie mdlich, und ein schnerz» | licht» Lächeln bewegte ihre bleichen Züge, „Du sollst I nicht durch mich unglücklich »erben, mein geliebter Alfred. Hatte mich für Herz» und treulos,--es
ist für Dich besser, al» wenn Dem Bater Dtt zürnt, und vielleicht Dein ganzes Leben dadurch verbittert i wird. Es wird freilich für Dich auch hart fein, aber i Du wirst Deinen Schmerz überwinden;--ich
I hingegen--ich habe Alles verloren, was mir
। ba» Leben werth macht."
Jetzt, da ihr Entschluß unerschütterlich feststand, I würbe sie ruhiger.
„Lieber, lieber Bater," rief fie schmerzlich bewegt, „nur der eine Gedanke tröstet mich, daß Du dm »ammlosm Schmerz nicht kennst, der mein arme» Herz