- Weilsgr Mv Wulösev Zeitung.
23. Jahrgang
Samstag, den 27. Juni 1896.
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'M Enthüllungen
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fönlichkeiten für unsere Kandidaten zu wirken. Man muß demnach auch die Priester, die Presse der Finsterniß und die Irregulären (Brüder), welche in der jetzigen Legi-latur die Freimaurerei unter titeln Vorwänden, wie z. B. die Frage deS Tabaksmonopol», angegriffen haben, unschädlich machen. Wir erinnern auch daran, daß alle Mittel, um uns zur Propaganda Geld zu verschaffen, legitim sind."
Der Erlaß des Groß-OrienteS schließt mit entern Aufrufe an den Genius der Humanität, auf daß mit den Steinen der zerstörten Vatikans der Tempel der emancipirten Vernunft errichtet werde.
Für dar große Publikum erließ Lemmi eine allgemeine Aufforderung zur Wahlberheiligung, worin als die einzige Partei, gegen die der Haß heilig sei, die der Klerikalen erklärt wurde. Und damit Niemand im Zweifel bleibe über feine Herrschaft über CriSpi, wählte er deffen eigenes Organ, dar offiziöse besoldete Blatt, die ,Risorm< zur Veröffentlichung der Aufrufes.
Und der Mann, welcher als gehorsamer Drener der universellen Freimaurerei sich zur Ausführung ihrer Befehle verpflichtet hat, Francesco CriSpi, war bis vor Kurzem der allmächtige Minister und als Besitzer der Annunciaten-OrdenS der Vetter Sr. M. des Königs Umberto. Derartige Verhältnisse führen ihre eigene beredte Sprache.
Die Wahlen fielen dann auch nach Wunsch aus. Die Präfekten thaten ihre Schuldigkeit, und da» vom administrativen Direktorium in Berlin (Bleichröder) gesendete und von der Banka Romana auSgepreßte Geld diente zur Bestechung der Wähler, wo e» nöthig war. Ein großer Theil der ernannten Deputirten gehörte nicht nur den untern Klaffen an; eS sollen sich unter ihnen sogar ehemalige Sträflinge, solche, die unter Polizei-Aufficht standen, weil sie an der Camorra, Piccrotteria und der Mala-Vita theilgenommen hatten, befunden haben.
Dar damals gebildete Ministerium CriSpi» war aber nur von kurzer Dauer. Es brach unter der allgemeinen Verachtung zusammen. Sein Nachfolger, der die Kaffe der geheimen Fonds gänzlich leer fand, wandte sich sofort an die Melkkuh der hohen Maurerei und der Minister, an dir Banka Romana, die 600 000 Lire für die neuen Wahlen liefern mußte.
Standhaft und tren!
Novelle von Clarisse Borges.
------- (Nachdruck verboten.)
Der Name von Saldern halte weit und breit einen guten Klang. Von einer Generation zur andern war der Burghof von Vater auf Sohn übergegangen, und stets waren die reichen Besitzungen im tieften Zustande übernommen und hinterlassen worden.
Der letzte Sprosse dieser edlen Geschlechts erfreute sich fast noch mehr der Hochachtung sseiner Untergebenen sowohl wie feiner Nachbarn, als seine Ahnen. Durch strenges Rechtgefühl und die gewissenhafte Pflicht- erfüllung lohnte er das Vertrauen, welches ihm in so reichem Maße entgegengebracht wurde. ES schmerzte ihn daher tief, als er von seinen Pächtern mancherlei Klagen über Wilddieberei hörte.
Er ließ die Wilderer zu sich kommen, redete dringend und ernstlich auf sie ein, und selten verließen sie sein Arbeitszimmer ohne den festen Entschluß, ihr böseS Handwerk zu lasten und fernerhin sich durch ehrliche Arbeü zu ernähren, wozu ihnen Herr von Saldern willig die Hand bot.
Schon früh hatte ihm der unerbittliche Tod die treue Gemahlin entrissen, ihm nur als theures Liebe»- pfänd die kleine Rose zurücklastend, die damals erst einige Jahre zählte. Jetzt hatte die liebliche Mädchen- blüthr das achtzehnte Jahr vollendet, und der glückliche Vater war dankerfüllt, daß er in Alfred von Haller, dem einzigen Sohne feines Freundes und Nachbarn, in Zukunft einen treuen Sohn umarmen konnte.
Doch da war plötzlich wie ein Blitz aus heiterer Höhe das Unglück über ihn herein gebrochen. — Er merkte leider zu fpät, daß er einem gewissenlofen Verwalter allzulange Vertrauen gefchenkt hatte, daß er von diesem schändlich bettogen und einen bedeutenden Verlust erlitten habe. Dazu kam, daß die ganze Ernte vollständig verhagelt wurde.
Trotz Unglück und Verdruß von allen Seiten, und so niedergeschlagen er auch war, bemühte er sich doch, seiner Tochter den Kummer zu verbergm. Da trat die Versuchung an ihn heran:
„Hast Du von dem großartigen türkischen Elsen- unternehmen gehört, Saldern?" fragte ihn sein Freund Gras Höchberg, den er zufällig in der Residenz traf. „Die ganze Stadt ist voll davon, und jeder will blitz- schnell Millionär werde«. Erst sett kurzer Zeit blüht
Wenige Tage, nachdem dar Parlament seine Ent- scheidung in der Angelegenheit der Tabake gefällt hatte, griff der Abgeordnete Tommasi-Andeli die Freimaurerei in heftiger Weise bei einem Feste zu Arezzo an. Er erklärte in einer Rede, schon seit seiner Jugend und infolge der Familientradition dem Orden angehört zu haben. Er erzählte, wie die sizilianische Freimaurerei seit dem Jahre 1860 sich geweigert habe, der italienischen beizutreten, und er als Vertreter des Groß-OrienteS von Italien dorthin geschickt worden sei. Im Laufe seiner Rede sagte er: „Ich habe die geheime Ursache dieser Weigerung und des Widerspruche- gegen den Beitritt entdeckt: das ganze Brigantenthum und die Maffia gehörten dieser Freimaurerei an."
Der Redner schloß mit dem Bedauern, daß diese in alle höhern Stände eingedrungen wäre und sich der ganzen öffentlichen Verwaltung bemächtigt habe. Tommasi- Andeli hatte im Jahre 1871 dm Orden all Gegner Lemmi» verlassen.
Ihm folgte im Bustritte der Bruder Unele Ca- vagnari, welcher um diese Zeit schrieb:
„Wir werden bald beweisen, wie mehr als fünfzig Artikel der Kriminal-Kodex ihre Anwendung auf die Freimaurerei sinden, und wie Adriano Lemmi und alle feine Herren vom 33. Grade früher oder später auf den Galeeren endigen werden: später, wenn sie nicht die Tollheit begehen, sich unserer zu entledigen, früher, wenn sie sie begehen.
„Auch wir haben Brüder — aber wahre Brüder —, welche unsere Kadaver, wenn man unS ermordet, stück- weste an die siebzig Freimaurer-Provinzen Italiens schicken und ein Labarum der Rache und Vertilgung daraus machen werden, und so werden wir das Glück haben, unferm Nächsten noch mehr tobt als lebend zu nützen . . .
„Ran glaube nicht, daß die Freimaurerei uns vernachläfsigen wird, weil wir klein sind! — Rein, die Freimaurerei verfügt über Verleumdung und Dolch und d«s Gift für alle Welt.
„In dem Hanfe und der Villa der verstorbenen Großmeisters Giufrppi Petroni beschäftigte man sich mit einer doppelten Reihe von theoretisch-praktischen Studien der mineralen, vegetatiilifchen und animalischen Toxikologie. Der dem Großmeister beigeordnete Raffaele Petroni war ein vollkommener Spezialist in der Kultur der Ptomänen. Und in Rom gibt es noch Leute, die hiervon so gut wie wir Zeugniß atilegen tönnen.
„Ja, verehrter Staatsanwalt deS Kömgs, eS verhält sich wirklich so." ,,
Die prägnantesten Stellen auS diesem Schreiben sind hier in wörtlicher Übersetzung wieder gegeben, so widrig der Einblick in diese dem Teufel geweihte Verbrecherwelt auch fein mag, in welcher Habgier, Haß, Tyrannei und Furcht die Herrfchaft führen.
Unterdksfen fuhr Lemmi in seinem Kriege gegen die Kirche fort. Unter dem 10. Oktober 1890 sandte er einen Erlaß nachstehenden Inhaltes an alle „Ehrwürdigen" der italienischen Loge«:
„Das Gebäude, mit deffen Errichtung alle Brüder der Welt beschäftigt sind, wird so lange keine feste Grundlage erlangen, als bis die italienischen Brüder die Trümmer der Institution deS großen Feindes nicht der Menschheit ausgeantwortet haben werden.
„Unser Werk wird mit Eifer in Italien fortgesetzt, und der Groß-Orient im Thale der Tiber konnte am Jahrestage von 1889 erkläre», daß die Gesetze in Italien im Lichte des Geistes der allgemeinen Freimaurerei ausgearbeftet werden. Wir werden den Skalpel jetzt an die letzte Zuflucht des Aberglaubens legen, und die Treue deS Bruders, der an der Spitze der politischen Wacht steht, bietet uns die Sicherheit, daß der Vatikan unter den Stteiche« unseres Hammers fallen wird."
„Hierzu ist es aber nöthig, daß bei den nächsten politischen Wahlen wenigstens 400 unserer Brüder m die gesetzgebende Kammer kommen, in der gegenwärtigen befinden sich 300. Zu diesem Zwecke hat der „Ehrwürdige" CriSpi die Auflösung der Kammer aufgeschoben, um urs Zeit zu geben, unsere Liste» aufzustellen, die nunmehr den Logen zugehen. Alle Kandidaten find bereft, CriSpi zu folgen, welcher seinerseits sich unterwirft und seine Befehle von der Loge der Tiber erhält, welche den Willen nicht nur der italienischen, sondern auch der fremben Logen verkörpert.
„Die Brüder der verschiedenen Logen haben also bei den Präsekten, deren größter Theil u»S angehört, bei den Provinzial-Rätheu und bei einflußreichen Per-
das Geschäft, und schon spricht man von fünszig Prozent Dividende. Willst Du keinen Antheil nehmen? Ich besinne mich nicht lange und biete dem Glücke die Hand; wie ist eS denn mit Dir, alter Freund?"
Die Aussicht war verlockend; warum nicht zugreifen, solange Gelegenheit war? Damit konnten leicht die Verluste der letzten Zeit gedeckt werde». Er konnte leicht den Rest seines Vermögens flüssig mache», und wenn dieser fünfzig Prozent einbrachte, so würde in wenigen Jahren der erlittene Schaden minder empfindlich sein. _ Ä
In der folgenden Nacht konnte Herr von Saldern keinen Schlaf finden. Die Worte seiner Freundes, „ich will dem Glücke die Hand bieten, —• wie ist es mit Dir?" wollten ihm nicht auS dem Sin».
Kaum graute der Morgen, so schickte er schnckl einen reiteuben Boten nach ber Stabt, ber bem Grafen Hochberg überbrachte, einen bedeutenden Antheil für ihn in dem Eisentiahnunternehmen zu erwerben.
Anfänglich ging alles nach Wunsch. Das Kapttal trug freilich nicht die gewünschten Zinsen ein, aber sollte mit der Zeit schon besser kommen. — Graf Hoch- berg, der häufig in Geldverlegenheit kam, verkaufte bald seinen Antheil, fteilich ohne den erhofften Gewinn, aber auch nicht mit Schaden. Er riech feinem Freunde, dasselbe zu thun, da dar ganze Unternehmen eine sehr gewagte Spekulation fei; allein alles vergebens.
„Rein, nein, ich gebrauche dar Geld augenblicklich nicht, es mag nur da bleiben," versetzte Herr von Saldem folgenlos.
„Aber er scheint mir doch sehr gewagt," wandte der Gras ein; „wenn Du Unglück hättest, würde ich mir Vorwürfe zu machen haben, weil ich allein Dich dazu verleitet habe."
„Bah," lachte der Andere, „ich habe noch neuluh mit Geschäftsleuten darüber gesprochen, die mir versicherten, daß das Geld sehr gut angelegt sei."
So verging wieder eine kurze Zeit. Dann kam der nicht geahnte, verzweifelte Krach. Das ganze Unternehmen war mißglückt und der letzte Rest der ansehnlichen Vermögens war verloren.
Herr von Saldern war dadurch sehr Niedergedrückt, aber er verlor nicht den Muth. Ein letzter Hoffnungsstrahl leuchtete in seinem Herzen. Die russischen Staats- Papiere, welche augenblicklich sehr hoch standen, waren noch immer im Steigen begriffen, sie sollten seine zerrütteten Verhältnisse wieder ordnen.
Er fuhr nach der Residenz, fiel unglücklicherweise Wucherern in die Hände, welche ihm dereitwilligst enorme Summen vorstreckten, kaufte die gewünschten Papiere und kehrte mit leichterem Herzen als wie seft Monaten nach dem Bahnhofe zurück.
Jedoch ein unerbittlich harte» Geschick schien ihn zu verfolgen. Schon nach wenigen Wochen wurde ein Bries überbracht, den Herr von Saldern, nicht» Gute» ahnend, allein in seinem Arbeitszimmer lesen wollte.
Hier blieb alles still, nichts regte sich.
Als Rosa von Saldern cm nächsten Morgen zum Frühstück in das Speisezimmer kam, war sie erstaunt, ihren Vater, der sonst so musterhaft pünktlich war, nicht zu sehen. Doch da sie glaubte, er sei von fernem neuen Verwalter unerwartet abgerusen worben, hüllte sie sich in einen warmen Pelzmantel unb schritt i» den winterlichen Garten. Der Schnee knisterte unb krachte unter ihren Füßen; ein schneidend kalter Wind färbte ihre Wangen glühend roth und dichte Schnee- flocken streiften wie mit silbernem Flügel die winterlich kahlen Aeste unb Zweige ber Bäume.
So burchwanberte sie kurze Zeit ben Garte», immer ihre Blicke abwechselnd auf die Fenster bei Arbeit»- zimmer» des Vater» gerichtet, die zu ihrem Erstaune« noch fest verschlosfen waren.
„Wie sonderbar, daß mich mein Vater noch mcht zum Frühstück gerufen hat," dachte sie plötzlich, al» sie ihre mit Juwelen besetzte kleine goldene Uhr au» dem Gürtel zog und sich überzeugte, daß die gewohnte Stunde längst vorüber war.
Roch zögerte sie wenige Augenblicke; da erfaßte sie eine unerklärliche, namenlose Angst, über die sie sich selbst nicht Rechenschaft geben konnte. Sinern plötzlichen Gefühle folgend nahm sie einen Schneeball und schleuderte ihn gegen da» gefrorene Fenster; doch so oft sie diese» Spiel auch wiederholte, ihr Vater zeigte sich mcht.
Gerade im Begriffe, das Hau» wieder zu betreten, trat ihr auf der Terrasse ein Diener entgegen.
„Haben Sie Herrn von Saldem schon gesehm? fragte er ehrerbietig. „Ich habe an seinem Schlafzimmer und an seinem Arbeitszimmer geklopft, doch ich erhalte keine Antwort. Ist er vielleicht auSgegangm?"
Wieder beschlich sie diese unerklärliche Angst, doch sie bezwang sich und versetzte so mhig wie möglich:
„Ich glaube daS kaum, aber ich will selbst nach seinem Zimmer gehen." (Fortsetzung folgt.)