23. Jahrgang
Mittwoch, den 24. Juni 1896.
M 143
ulimkrWZeitung
mit Unterhaltimgs-KeUage „Sterne und Klnmrn".
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△ Die Unterhaltungslektüre
in der katholischen Familie ist ei» Gegenstand, welchem leibe : vielfach nicht diejenige Aufmerksamkeit geschenkt wird, welche sie verdient und ans den wichtigsten Interessen beanspruchen kann. Man muß dar ständige Zunehmen der Lesewuth bedauern, und wo man ihr vernünftige Schranken setzen kann, soll man ei nicht unterlassen; aber dabei wird man die Thatsache nicht aus der Welt schaffen, daß ein Lesebedüfniß in steigendem Maße vorhanden ist, mit dem gerechnet werden muß. Unsere Gegnerschaft hat es in kluger Weise verstanden, aus der Lffesucht für ihre Inter» effen Kapital zu schlagen; demgegenüber kommen wir mit der Taubmeinfalt nicht aus, wir müssen die berechtigte und pflichtmäßige Schlanger.klugheit zu Hilfe nehmen.
Es war eine beliebte Redensart: man lese, um sich zu bilden; diese wird aber jetzt wohl noch selten im Ernste zur Anwendung kommen. Man liest im Großen und Ganzen thatsächlich, um sich zu unter- halten, müßige Stunden hinzubringen, die Langeweile zu verscheuchen. DaS Kindermädchen auf der Promenadenbank, welches den kleinen Pflegebefohlenen aus voller Kehle Lungenübnngen machen läßt, ohne sich in der Lektüre ihres Hintertreppenromans zu unter»' brechen, thut das schwerlich aus BildungSeifcr, und die Schulknaben, welche die blutigen Jndiauergeschichten iu 20 Pfennig daS S'ück mit Gier verschlingen, geben onst wohl kaum besonderes Zeugniß unbezähmbaren Bildungstrieber. Ebenso wenig kann man der feinen Dame diese Eigenschaft zusprechen, welche im „Fauteuil" oder auf der „Chaiselongue" ihre fashionablen Journale „studirt," oder dem Geschäftsreisenden, wenn er im Eisenbahnwagen sich mit 50 PfennigSromanen die Zeit vertreibt.
Die Unterhaltungslektüre ist zu einem wichtigen Faktor geworden, und obwohl auf unserer Seite in den letzten Jahrzehnten erfreulich viel ge- schchen ist, um für sie Sorge zu tragen, so doch noch immer bei weitem nicht genug, noch immer nicht so viel, daß die große Gefahr, welche in ihr liegt, auch nur in etwa abgewandt fein könnte.
Mit letzterer Bemerkung^ fall nicht etwa den katholischen Autoren und Verlegern ein Borwurf gemacht werden; im Gegentheil: unter schwierigen Verhältnissen, mir dem Aufwand; bedeutender materieller und geistiger Mittel haben diese sich bemüht, uns eine Unterhaltungslektüre für die Familie zu schaffen, vor der man allen Respekt haben muß. Woran es noch
die Krise» m Somomscheubirg.
Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 53] ------- (Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
In Hildesheim hatte der Abt Goderam alle, so beim gottseligen Heimgang bei BischosS zugegen waren, in die G.uft von St. Michael geführt.
Da erblickten sie vor dem Altäre der heiligen Maria eine offene ausgemauerte Grube und davor einen Sarkophag aus Stein gemeißelt. Goderam teiei ernst darauf hin und fprach also:
„Sehet daS Grab, welches der zu Gott Gegangene sich selber hergerichtet hat! Als die schweren Leiden ihm das Nahen seiner Auflösung kündeten, da ergriff der Willenskräftige nochmals Hammer und Meißel. Sc schuf mit eigenen Händen diesen Sarkophag, auch meißelte er kunstvoll seinen Grabstein. Das geschah freilich in seiner Werkstätte. Außer Herrn Thangmar und mir hatte keiner Kenntniß davon."
Mit Rührung umstanden alle den Sarkophag. In dessen Tiefe lasen sie am Kopfende die lateinischen Worte: „ Bernward, Bischof, Knecht der Knechte Christr."
Der Sargdeckel aber, welcher daneben lehnte, war im Innern mft dem Lamm-GotteS-Bilde und mit einem einfachen Rreuge geschmückt. Auf der Oberfläche, so
immer zu sehr fehlt, ist die Unterstützung der katholischen UnterhaltungSlektürr durch diejenigen, für welche sie berechnet ist: durch die katholischen Familien. Wir wollen hier nur auf eins Hinweisen: die sogenannten belletristischen Zeitschriften. Deren Zahl ist außerordentlich groß, nicht ober die Zahl derer, welche für Katholiken, speziell für die katholische Familie passen. Wenn man sich die nichtkatholischen Familienzeitschriften genauer ansieht, so wird man sehr zweifelhaft, ob sich irgend etwas dabei findet, was für daS katholische Haus unbedenklich als gefahrlos bezeichnet werden könnte. Die einen stehen auf konfessionell protestantischem Standpunkte und sind deshalb selbstverständlich nicht geeignet, zumal sie, tote z. B. das ,Daheim', mit Vorliebe ungerechte Seitenhiebe gegen den Katholizismus auSzu- theilen versuchen. Die gefährlichsten sind solche Blätter immerhin noch nicht, weil sie noch auf positiv christlichem Boden zu bleiben versuchen und eine gewisse Sittlichkeitsgrenze wahren. Viel gefährlicher sind die „neutralen" Blätter, das große Heer der anderen UnterhaltungSzeitschriften nichtkatholischer und nicht ausgesprochen protestantischer Richtung. Mehr oder minder stehen sie allesammt unter dem Einflüsse des ungläubig-materialistisch-freimaurerischen Geistes, und daS macht sie für jede katholische Familie absolut ungeeignet.
Aber wie steht es thatsächlich mit dem Abonnement auf nichtkatholifche Familienzeitschriften in katholischen Häusern? Sicher nicht tröstlich. In den Wohnungen sehr wohlmeinender und überzeugter Katholiken findet man gar zu häufig, hier und da fast als Regel, Zeitschriften, die ganz und gar nicht hinein- passen. Söhne und Töchter bekommen auf diese Weise eine Lektüre, welche ihre religiösen Begriffe nur verwirren, die Gleichgiltigkeit ausbreiten und daS sittliche Feingefühl abstumpfen kann. Wenn man auf diese Ungehörigkeit in der schonendsten Weise aufmerksam macht, hört man allerlei Entschuldigungen: die Zeitschrift hat so schöne Illustrationen, bringt viele belehrende Artikel, sie ist schon seit Jahren im Hause gehalten worden (um so schlimmer!), ein guter Freund hat sie empfohlen, der Buchhändler hat dazu gerathm, man hat noch nichts Bedenkliches darin gemerkt, und schließlich oberschlau: „sie wird ja so viel gehalten." Alle diese Gründe sind daS Nämliche, was solche Zeitschriften für die katholische Familie sein sollten: unhaltbar. Merkt denn der katholische Familienvater, die katholische Familienmutter nicht, welche schwere Verantwortung sie sich aufladen, wenn sie das Gift des JndifferentismuS, der Kirchenfeindlichkeit, der laxen Moral so langsam in das Herz ihrer Kinder und Pflegebefohlenen und auch wohl in das eigene Herz träufeln taffen? Gerade dieser Umstand wird vielfach gar zu leicht genommen, obwohl daS elementarste Nachdenken zu der Einsicht führen müßte, daß durch den Einfluß der belletristischen Journale die katholtsche Ueberzeugunz, die katholische Sittlichkeit am
mit neun Engelsköpfen und vierzehn Rauchwolken geziert war, hatte Bernward die Worte eingegraben:
„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und ich werde am jüngsten Tage auferstehrn und wieder mit meiner Haut umgeben werden und in meinem Fleische meinen Gott schauen."
Schweigend, denn er konnte nicht reden vor innerer Erregung, deutete der Aöt zur Seite.
Da lehnte auch vollendet und auSgemeißelt die Deckplatte des Graber. Auf dieser Platte sahen sie einen Baum, dessen Stamm in ein einfacher, aber sinnig und schön gearbeiteter Kreuz überging. Die vier Enden des Kreuzer waren verziert mit den Zeichen der vier Evangelisten. Da, wo die Balken sich schnitten, erblickten sie daS Lamm Gottes, geschmückt mit dem Zeichen deS Kreuzes. Die Fläche aber über und neben dem Kreuze war ausgefüllt mit einer lateinischen Inschrift, in der die ganze Einfachheit, die Demuth und der Adel von Bernward's Gesinnung sich ouS» sprach. Sie lautete in deutscher Sprache:
„Bernward's Körper war ich dereinst;
jetzt bin ich umschlossen
Hier vom Dunkel der Gruft. Asche nur bin ich und Staub.
Ach, des erhabenen Amtes hab' ich nicht würdig gewaltet!
Herr, laß in Fricken mich ruh'n!
Betet das Amen für mich."
। leichtesten geschädigt werden kann und in der Tha ? geschädigt wird.
„Siiber gar nichts, als etwas Schlechtes und Un- i brauchbares", ist allgemeiner Grundsatz des reellen Ge- : schäfteS. Sollten wir das nicht auch auf die belletristische Zeitschriftenleftüre anwenden können? Wir haben es aber gar nicht einmal nothwendig, denn auf katholischer Seite verfügen wir über eine respektable Reihe guter Unterhaltungszeitschristen, so daß unsere i Familien damit bestens versorgt werde» können. Wir haben z. B. den .Deutschen Hausschatz', die ,Alte und Neue Welt', die ,Katholische Welt', die,Heilige Stadt Gottes', die »Katholische Warte', die ,Katholischen Missionen' und neuerdings als illustrirtes Wochenblatt die ,Jllu- strirte Zeit' u. s. w. Wenn die Katholiken sich allgemein sagen: „Wir haben unsere eigenen Familienzeitschristen, die sollen in unserer Familie heimisch sein, und keine anderen", wenn also die gegnerischen aus den katholischen Häusern verbannt werden, dann wollen wir einmal sehen, welchen Aufschwung unsere katholisch» Belletristik nach dieser Richtung hin nehmen und wie sie sich der gegnerischen Konkurrenz auch illustrativ ebenbürtig zeigen wird, wie sie ihr textlich schon an Gediegenheit den Rang abgelaufen hat. Zeigen wir doch in dieser Hinsicht Korpsgeist, lassen wir den berechtigten Katholikenstolz walten; es steht wahrlich genug in Frage: das sittliche und religiöse Wohl unserer Familien! Wir dürfen uns nicht eher befriedigt erklären, als bis die letzte unkatholische Familienzeitschrift aus dem katholischen Hause entfernt ist.
ES sei gestattet, hier eins anzufügen, was mit dem obigen Thema nicht direkt, wohl aber indirekt im Zusammenhänge steht. Im katholischen Männerveretne zu Paderborn wurde kürzlich ein Vortrag über die Unterhaltungslrktüre in der katholischen Familie gehalten und anknüpfend daran theilte der Vorsitzende desselben, Prälat Propst Racke, mit, es sei dort seitens der Lehrpersonen eine Nachforschung darüber gehalten worden, ob und was die Schulkinder außerhalb der Schulzeit lesen. Dabei habe sich heraus- gestellt, daß verschiedentlich bei Kindern Schriften gefunden worden feien, welche sittlich als höchst bedenklich und gefährlich bezeichnet werden müßten. Die Kinder hätten angegeben, fie von Kindermädchen oder Dienstmädchen erhalten zu haben, und letztere wiederum hatten sie von ihrem „Schatz", einem Soldaten oder mit wem sie fönst „ausgingen". Es bedarf keiner weiteren Ausführung, um den Wink zu verstehen, der vielerorts für manche Kreise wenigstens insofern darin liegen dürfte, daß man nachforfcht, ob eine ähnliche Vergiftung auch dort vorliegt._________
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juni.
* DaS StaatSmtnistertum trat heute Nachmittag 2 Uhr im Reichstagsgebäude unter dem Vorsitz des
„Das ist dke künftige Grabstätte eines Heiligen," sprach Goderam mit bebender Stimme.
Der greife Thangmar trat vor und rief:
„WaS ist lobenSwürdiger, als diefe Erniedrigung deS frommen Bifchofs! Je tiefer er sich in Demuth herabdrückl, um so höher glänzt er als Leuchte der Kirche. Ich bin der Ansicht, daß wir trotz seiner Bitte um dernmhige Bestattung die Leichenfeier unseres gott- geliebten Herrn nach kirchlichem Brauche würdig und erhoben gestalten, denn sein hohes Verdienst erscheint uns leuchtender als der Taz, obgleich er selber sich in seiner Herzensdrmuth ganz anders beurteilt hat."
Thangmar'S Meinung stimmten alle bei.
Und so wurde des heiligen Bischofs Leiche mit großem Gkpränge und mit unsäglicher Andacht der Gläubigen in der von ihm selber erbauten Gruft dem Schooße der Erde übergeben. Das ganze Bisthum war durch den Todesfall in tiefe Trauer versetzt. Die Hildesheirnische Kirche wurde zur Wittwe, die Stadt beweinte den Verlust ihres Erbauers, das Vaterland seinen Bertheidiger und weisen Lenker, besonders aber beklagten die Armen. Wittwen und Waisen den Verlust ihres theuern VtterS. Hohe und Niedrige, Reiche und Arme warben durch den Heimgang dessen schmerzlich betrübet, der Allen Alles gewesen war. Klagen und Weinen, untröstlicher Schmerz um den Hinge-