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Donnerstag, den 18. Juni 1896. 23. Jahrgang

mit Unterhallurrgs-HeUage „Sterne und KLmnen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertag« ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonne mentspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mart 50 Pfennig Inserate kosten die einsvaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsvreckiender Rabatt

* Die Reichstagsverhandlungen über die Jejuiten-Jnterpellation

haben einen Verlauf genommen, mit dem wir im Großen und Ganzen zufrieden fein dürfen. Die ReichStagS- mehrheit, welche wiederholt und zuletzt am 20. Februar 1895 die vollständige Aufhbung drS Jesuiten- gesetzt- verlangte, ist dieser Stellungnahme nicht nur treu geblieben, sie hat derselben vielmehr einen weit schärferen Ausdruck gegeben und geben müssen, rach- dem der Bundesrath fünfzehn volle Monate hindurch die Antwort auf dm Mehrheitsbeschluß des Reichstags verzögert hat und keine oder wenigstens keine aus­reichende Rechtfertigung dieser Verzögerung be^zu- bringen vermochte. Die im Wesentlichen ouS den ehemaligen Kartells) arteie» zusammengesetzte Reichs- tagSminderheit, welche noch am 20. Februar 1895 den CentrumSantrag auf Aushebung des JesuitengesetzeS vollständig verwarf, hat heute wenigstens eine theil» weise Aushebung des JesuitengesetzeS befürwortet, nämlich in Betreff deS § 2 des JesuitengesetzeS vom 4. Juli 1872, welcher folgendermaßen lautet:

§ 2. Di« Angehörigen des Ordens der Gesellschaft Jesu oder der ihm verwandten Orden oder ordensähnlichen Kongre­gationen können, wenn sie Ausländer sind, ans dem Bundes­gebiet ausgewiesen werden; wenn sie Inländer sind, kann ihnen der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orten versagt oder angewiesen werden.

Da» Schwinden deS Widerstands der Konser­vativen gegen die vollständige Aushebung deS Jesuiten­gesetzeS trat schon bei der letzten Jesuiien-Berhandlung im Reichstage am 20. Februar 1895 darin deutlich hervor, daß bei der endgiltigen Abstimmung über den Antrag Hompesch auf Aufhebung deS JesuitengesetzeS kaum ein halbe- Dutzend konservativer Abgeordneter im S-tzungSsaal anwesend war und an der Abstimmung sich betheiligte. Auch von den Nationalliberalen b.theiligte sich Niemand mchr an der Debatte und nur wenige Mitglieder an der Abstimmung.

Heute hat nun der BundeSrath bei den Reichstags Verhandlungen über die Jesuiten-J ntei pellation die Erfahrung machen müssen, daß die Lnber'sche Be­zeichnung „Krähwinkler Vormarsch deS bundeSrärhlichrn Landsturm-" in Bezug auf die Behandlung des Jefuiten- gefetz-S seitens deS BundeSrathS nach der Auffassung bei Reichstags eine durchaus zutreffende ist.

Der BundeSrath „erwägt" und „prüft" weiter, aber bis zu der Erkenntniß, bis zu welcher die Abge- : ordneten Graf Limburg-Stirum und v. Bennigsen sich : in Betreff bei JesuitengesetzeS durchgerungen habe», hat der BundeSrath sich noch nicht ausshwingeu können. ■ Ein Gesetz mit gehässigen Bestimmungen gegen ; die katholische Kirche läßt der Bundesrath fortbestehen, ein Gesetz, dai selbst bei einem Politiker wie Graf Limburg-Stirum die Erinnerung an Sibirien wach­rufen muß!! — In treffender Weise hat der Abg. Dr. Lieber darauf hingewiesen, wie in dem j tzigen : Jubi läumSjahre auch diejenigen Jesuiten schuliloS

Bit Grafen non Sonnnrrschendmz.

Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 48] ------- (Nachdruck verboten.)

VII.

Heriberti Werbung.

Herr, der Du alles wohlgemacht, '

Ich will nichts, was nicht Du willst schenken, Du machst es nicht, wie wir's gedacht; Du machst es bester, als wir denken.

Fr. Rückert. !

ES war im Spätherbst, wenige Tage vor dem Feste bei heiligen Martinus. Man schrieb Eintausend und sieben nach der Geburt des Herrn.

Auf ber Domfreiheit zu Hildesheim führte ein Knappe einen schön gezäumten mit bunt gewirkter Decke behangenen Streithengst vor. Der Ritter, so selbigen zu besteigen sich anschickte, glitz'rte im Waffen­rock von Silberschmuck, er war gar stattlich anzuschauen. Unter seinem blinkenden Helm quollen blonde Locken hervor, fein edler Angesicht sprach von Muth und Geist. ♦

„Grüß Gott, Herr Heribert!" so rief der Bischof Ekkehard von Schleswig dem Ritter zu und kam eilends über den Domhof herbei: „Euer Anblick belehrt mich zu meiner Freude, daß auch unser gnädiger Landes­herr, Bischof Bernward, wieder vom kaiserlichen Kriegs- zug aus Flandern heimgekehrt ist. Wann kamt Ihr?"

dar Brod der Verbannung essen müssen, die vor 25 Jahren mit dem Eisernen Kreuze dekorirt an dem feierlichen Einzüge der siegreichen Truppen theil- geuommen haben, wie man beim bürgerlichen Gesetz­buche den Ruf nach Rechtseinheit erhebe, beim Jesuitengesktz aber den Rechts bruch fortbestehen lasses

Wir dürfen im Großen und Ganzen mit Be- friedigung auf den Verlauf der heutigen Inter- pellationsvrrhandlungen im Reichstage zurückblicken. Wir haben zwar keinen vollen Sieg, sondern vorläufig einen weiteren Erfolg auf dem Wege zum Siege zu verzeichnen, einen Erfolg namentlich im Reichstage selbst, nicht beim Bundesrath, der bei seinen „Erwägungen" und „Prüfungen" schier kein Ende finden kann und dabei in dem Fortschreiten zu einer tefferen Erkenntniß sich von den eh-ma'igen Kultur- kämpfern weit überflügeln läßt.

Fallen wird und fallen muß ja das Jesuiten­gesetz, darüber kann kein Zweifel mehr obwalten, fallen ebenso sicher, wie das Priester au Sw eisungSgesetz gefallen ist und wie auch der Centrumsantrag auf Fceigebung deS Mrssckesens und SakramentesprndenS nach mehrfacher Wiederholung dieses Antrages in einer — Regierungsvorloge, die über diesen Antrag weit hinauSging, Annahme gefunden hat.

Muß denn der BundeSrath immer nachhinken? Könnte er nicht in 15monatlicher Erwägung und Prüfung längst zu einer Entscheidung gekommen sein und die Niederlage in der heutigen Reichstagssitzung sich erspart haben? Für die Aufrechterhaltung des JesuitengesetzeS trägt nunmehr der BundeSrath, und zwar in vollem Maß, die alleinige Verantwortung. Möge er sich auch derselben in vollem Maße bewußt werden und demgemäß jetzt wenigstens seine Ent- schließunqen beschleunige«._______________________

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Juni.

* Der Kaiser empfi ig heute Vormittag im Reuen PalaiS den japanischen Feldmarschall Iamagata und begab sich darauf nach Charlottenburg zur Ein­weihung deS auf dem Hofe der neuen Kaserne für das Königin Elisabeth Garde-Grenadier-Regiment errich­teten Denkmals.

* Die Kaiserdeptsche zum Tode JuleS Simons dürfte in der öffentlichen Meinung Frankreichs einen vortrefflichen Eindruck hervorgerufen haben. Der,Pol. Korr.' schreibt man hierzu aus Paris: „Man erkennt hier gern die Kundgebungen der Solidarität aller Völker bei großen Trauersällen und überhaupt bei großen Ereignissen an, und der deutsche Kaiser versteht eS bekanntlich in nicht gewöhnlichem Maße, gewisse Saiten im menschlichen Herzen anzuschlagen. Derartige Kundgebungen zählen zu den Imponderabilien, welche, ohne die Konsequenzen geschichtlicher Thatsachen aufzu- h bm, immerhin die Beziehungen zwischen den Völkern zu verbessern geeignet sind."

* Zum Bürgerlichen Gesetzbuch haben die frei- konservativen Abg. Pauli und Frhr. v. Stumm 5 Anträge im Interesse der Frauen zum Familien- und Erbrecht eingebracht. Ferner hat Abg. Rintelen (Centr.) in eigenem Namen 4 Anträge eingebracht zum Familienrecht. Nach diesen Anträgen soll die Ehe zwischen christlichen Verlobten nach den Vor­schriften desjenigen Bekenntnisses geschlossen werden, welchem die Verlobten angehören. Ebenso soll sich das Ehescheidungsrecht richten bei christlichen Eheleuten • nach dm Vorschriften des Bekenntnisses, welchem sie I angehören.

Die Einfuhr von Brodgetreide zeigt fortwährend i eine starke Zunahme. Wie die amtlichen Mittheilungen ergeben, wurden im April 1,942,786 D.-Ctr. Weizen (618,000 D. - Ctr. mehr als 1895) und 907,604 k D.-Ctr. Roggen (260,000 D.-Ctr. mehr) eingeführt. In den ersten vier Monaten dieses Jahres betrug die Weizeneinfuhr 5,216,400 D.-Ctr. (ungefähr 1 Million D.-Ctr. mehr wie 1895) und die Roggeneinfuhr 2,700,000 D.-Ctr. (1,047,000 D.-Ctr. m-hr). Es sind dies Zahlen, welche wohl auch den Freunden der t Handelsverträge zu denken geben. Bedenklich für den Westen scheint die starke Einfuhr von Weizen zu werden. Während bis zum Jahre 1891 mehr Roggen als Weizen vom Auslande bezogen wurde, hat seit dieser Zeit die Weizeneinfuhr den Bezug von Roggen aus dem AuSlande stark überflügelt. Wie aus vor­stehenden Zahlen hervorgeht, betrug im April dieses i Jahres die Weizeneinfuhr das Doppelte der Roggen- i bezüge. — Dem steigenden Import von Brod- ; Getreide steht eine Abnahme unseres Exports desselben - gegenüber.

? * Die Postschalteraffaire deS Engländers

i Bashford hat sich nach einer Darstellung desselben : wie folgt zugetragen. Am 10. Mai händigte Bashford ) Abends auf dem Haupttelegraphenamte eine Depesche k ein, deren Wortzahl nebst Betrag auf der Rückseite vermerkt war. Einem am Berliner Haupttelegraphen- amt bestehenden UsuS gemäß war Hr. Bashford ge- \ währet, daß bei längeren Depeschen, die stückweise auf- gegeben wurden, die Wortzahl entweder während oder j nach der Beförderung berechnet und der Betrag erst - nach Aufgabe der Schlußdepesche gezahlt wurde. Der ; an jenem Abend dienstthumde Beamte zählte aber vor ■ der Beförderung die Worte und gab, als er damit i fertig war, die Depefche noch nicht auf, so daß, als j Hr. Bashford mit der Schlußdepesche nach einer halben ; Siunde zum Schalter zurückkehrte, er seine Depesche noch vorfand. Infolge dessen entspami sich zwischen l ihm und dem T legraphenbeamtcn — Kaiser — ein ! Wortwechsel, in welchem sich ein zweiter Beamter mit ; dem Bemerken einmischte, Hr. Bashford habe sich noch ! vor einigen Tagen bezüglich der Wortzahl verzählt. ] (Nach BashfordS Angaben hatte er 15 Mk. zuviel l gezahlt). Hr. Bashford ließ sich dann zu beleidigenden l Äeußerungm hinreißen, worauf der Beamte Kaiser

„Gestern Abend spät," sagte der Ritter.

„Und wollt schon wieder weg?" fragte Ekkehard.

„Nur bis zur Sommerschenburg," gab Heribert zur Antwort, und sein jugendliches Antlitz strahlte vor Freude. „Ich soll d<m edlen Herrn Grafen Tammo vermelden, daß sein Bruder, unser bischöflicher Herr, glücklich heimgekehrt sei." Er schwang sich in den Sattel.

Mit Wohlgefallen schaute Ekkehard ihn an.

»War, Ihr tragt die goldenen Sporen? Glück zu, Herr Ritter!"

Und in aufrichtiger Freude reichte der Bischof dem jungen Herrn die Rechte.

„Wo habt Ihr Euch die verdient?" fügte er die Frage hinzu.

Heribert erröthete.

„DaS war vor Gent, 's ist nicht der Rede werth, was ich that; doch dcr Kaiser meinte, ich habe mich tapfer benommen, er schlug mich zum Ritter."

Herr Ekkehard dagegen meinte:

„Wenn des Kaisers Schwert Euere Schulter berührte, so habt Ihr'- verdient, denn Herr Heinrich thut nichts ohne Ueberlegung. Doch sprecht, des Kaisers Feldzug ist längst beendet, der Empörer Balduin von Flandern wurde ja schon im Erntemonat unterworfen. — Warum kehrte Bischof Bernward nicht zugleich mit den Vasallen und Krngsmannen zurück, so er dem Kaiser zugeführt

j hatte? Wo blieb er so lange, und wo meldet Ihr | mit ihm?"

Heribert jbg die Schultern hoch und lachte.

„Dort kommt Herr Thangmar aus dem Dom; der war dabei, er wird's Euch besser erklären, als ich das könnte." Sprach's, grüßte mit gesenkter Lanze und sprengte von dannen.

Ekkehard schaute hier verblüfft dem schmucken Reiter nach.

„Uebermüthiger!" rief er halb lachend hinter ihm her. Mit freudigem Gruß: „Willkommen in der Hei- math!" wandte er sich alsdann Herrn Thangmar zu.

Das war ein frohes Umarmen nach langer Zeit.

„Hätte wahrlich nicht gedacht, daß ich Euch erst heute Wiedersehen sollte, als wir gemeinsam am Feste der Erscheinung des Herrn in Gandersheim die Ein­weihung der Kirche feierten!" rief Ekkehard und seine Augen leuchteten beim Gedenken der Feier. „Ein herrliches, glanzvolles Fest, ein SiegcSfest für unfern Herrn Bernward war's, da er endlich erreichte, was er so lange vergeblich erstrebt hatte!"

Auch der Domdekan versenkte sich gar gern in die ihm besonders liebe Erinnerung; sein Antlitz strahlte. Er ergriff Ekkehards Arm.

„Kommt, Herr Bischof, wir wollen in dieser schönen Morgenfrühe ein wenig auf und nieder wandeln. Die Sache, über die wir noch nicht mit einander reden