JK 137 Mittwoch, dm 17. Juni 1896. 23. Jahrgang
iildaerWZkitüng
mit N«terhaltnngs-Keilage ,.Ktrrnr und Klumen".
Erscheint täqlich Sonn- und Feiert»« ausgenommen. — «ierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten dir einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsche- Reich.
Berlin, 16. Juni.
ft Der preußische Landtag wird am Samstag Mittag geschlossen werden. Es ist klar, daß es dann im Reichstage erst recht schwer werden wird, die zur Beschlußfähigkeit nöthige Zahl von 199 Mitgliedern zusammenzuhalte». Waren doch selbst im diätenbegabten Abgeordnetenhause schließlich nur 36 Mann zur Stelle, sodaß der Antrag auf Besprechung der Jnterpellatton Albers nicht die geschäftsordnungsmäßig erforderliche Unterstützung durch mindesten- 40 Abgeordnete finden konnte. Obwohl da- Centrum fast vollzählig zur Stelle war, bewies sich auch der Reichstag als beschlußunfähig: nur 176 Mitglieder waren anwesend, und das, obwohl ein so wichtiger Gegenstand. wie die Schlußabstimmung über die Gewerbe- Novelle auf der Tagesordnung stand. Diese Abstimmung mußte daher abermals zurückgestellt werden. Unter solchen Umständen ist doch wirklich kaum noch darauf zu rechne«, daß fich zur Erledigung des Bürgerlichen Gesetzbuches am Donnerstag und an den folgenden Tagen noch ein beschlußfähige» Haus zusammenfinden wird. Was wir stets als das wahrscheinlichste bezeichnet haben, daß nämlich auch das Bürgerliche Gesetzbuch bis zum Herbst vertagt werden muß, wird heute nur noch von Wenigen bezweifelt. Und wir halten eine solche Verschiebung auch für gar kein Unglück. Dem Volke ist es ganz gleich, ob es mit dem Gesetzbuch etwas früher oder etwas später beglückt wird; auf katholischer Seite hat man dem Zustandekommen desselben nachgerade auch schon Opfer genug gebracht. Man täusche fich doch nicht darüber, daß dar Volk fich weit mehr für Militärforderungen und die zweijährige Dienstzeit interessirt, als für da» Gesetzbuch, und daß ihm ein weit größerer Gefallen geschehen wäre, wenn der Reichstag, statt für das Bürgerliche Gesetzbuch, sich etwa» ernstlicher für die Sicherung der zweijährigen Dienstzeit bemüht hätte. Statt besten nimmt der Reichstag dar Bataillonsgesetz sogar in dritter Lesung debatteloS an! Was wird die Folge sei»? Einfach die, daß die Regierung für weitere Militär- und Marineforderunge« die zweijährige Dienstzeit al» „Kompensation»-Objekt, d. h. al» Kaufprei» in der Hand behält und sich den „weiteren Versuch" mit der zweijährigen Dienstzeit sehr t Heu er bezahlen lasten wird. Wir möchten wünschen, daß wir mit dieser Vorhersage Unrecht behatten möchten, fürchten aber sehr, daß die» nicht der Fall sein wird.
* Vizekönig Li-Hung-Chang hat die Errichtung einer staubige« chinesische« Gesandtschaft in Brr- lin in Aussicht gestellt. — ES gilt nach der,Rational- ztg/ al» sicher, daß die Anwesenheit der chinesische» BizekönigS Li-Hung Chang mit der Ertheilung erheblicher Aufträge an die deutsche Industrie für die chinesische Regierung im Zusamm'nhavge stehe.
* Erst der Chinese, dann der Japaner! Run wird
Sie Kraft« von Smmrschenttrz.
Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 47] ------- (Nachdruck verboten.)
Sowie der Schöpfer den Künstler erblickte, ging er auf ihn zu und führte den Zaghaften vor den Kaiser mit dm Worten:
„Hier ist der Schöpfer unserer Domgemälde."
Heinrich blickte wohlwollmd auf den Jüngling, der mit gesmktm Lidern vor ihm stand.
.Junger Freund," also redete er hn an, „Euere Schöpfungen haben unfern vollen Beifall gefunden; wir möchtm selbige nochmals eingehmd beschauen. Wollt Ihr unser GeleitSmann sein?"
„Mit tausend Freuden, hoher Herr," sprach Klau» leise mtt verklärtem Angesicht und schlug voll die Manen Augen zum Kaiser auf. Dabei ttaf sein Blick auch den Grafen von der Isenburg, so neben Heimich stand. Jäh erbleichte er und wich einen Schritt zurück.
Der tapfere Ritter hatte währmd besten schon wickerholt die Augm gerieben und erkl-ckliche Zeichen maßlosen Staunen» und unterdrückter Frmde wahr- vehmm lasten. Jetzt platzte er los:
„Bei der Lanze de» Herrn und beim heiligm Erzengel Michael! Klau», wein Junge, da» bist Du ja! Brauchst nicht zmückzuweichm, wie vor einem Schreck-
auch der japanische Marschall Aamngata am Mittwoch Bormittag vom Kaiser empfangen werde».
* I» Freiherr» v. Hertltng, dessen Wahl zum ReichStagrabgeordnetm für Illertissen wir schon gemeldet haben, gewinnt da» Centrum eine Arbeitskraft ersten Ranges. Profesior v. Hertling in Münchm ist 53 Jahre alt; er wurde 1875 zum ersten Male in den Reichstag gewählt und zwar an Stelle von Savigny» für den Wahlkreis Koblenz-St. Goar. Im Jahre 1890 verzichtete er zum allgemeinen Bedauern auf eine Wiederwahl; um so ftmdiger aber ist seine jetzige Wiederaufnahme der politischm Thätigkeit zu begrüße».
* Die Antisemiten haben in Verbindung mit einigen Konservativen im Reichstage eine Juter- ptllalion wegen der Angelegenheit des englischen Zeitungskorrespondenten Bash so rd eingebracht. (Herr Bashford hat sich bei Aufgabe eines Telegramm» ungebührlich gegen den Beamten benommen, so daß der Beamte Klage wegen Beleidigung erhob. Auf Veranlassung hoher Postbeamten mußte der Beamte jedoch die Klage zmückziehm und sich mit einer formelle» Abbitte von Seiten de» Engländer- begnügen.)
* Der deutsche Laudwirthschaftsrath veranstaltet zurZeir Erhebungen über die Lage der Landarbeiter und die Aussicht bestimmter Reformen. Die Erhebungen betteffen nach der.Deutschen Tageszeitung^ Geld- und Naturallöhnung, Gewinnbetheiligung und Wohlfahrtr-Einrichtungen.
* Eine wichtige Entscheidung hat am 11. Jun das Kammergericht gefällt; dieselbe ist um so bedeutungsvoller, als das Gericht dadurch selbst seine bisherige Rechtsprechung berichttgt. Zu den Vereinen, welche nach ihren Bestrebungen als solche angesehen werden, die „auf öffentliche Angelegenheiten einzuwirken bezwecken", gehört auch der Verband der deutschen Berg- und Hüttenarbeiter (Crntralstelle Bochum). Der Leiter der Wittener Zahlstelle desselben hatte zum 10. März 1895 eine Versammlung der Zahlstelle einberufe», ohne sie bei der Polizei anzumelden, und war deswegen nebst einigen andern, als Vorsteher u. f. w. bei der Versammlung Betheiligten auf Grund drS 8 1 und 12 der BereinSgefitzeS in der Berufungs- Instanz zu einer Geldstrafe vermtheilt worden. Da» Landgericht berief fich auf die jahrzehntelang vom Kammergericht verttetene Rechtsanschauung, daß nach dem Gesetz alle Versammlungen jede» Vereins, der auf öffentliche Angelegenheiten einwirke, beziehentlich ein- wirken wolle, unterschiedslos der polizeilichen Anmeldung bedürfte». Der Strafsenat der Kammergerichts hat nunmehr dieser Urcheil aufgehoben und ausdrücklich erklärt, daß er seinen so lange verttetenen Standpunkt aufgebe und mit dem Ober-Verwaltungsgericht annehme, daß Vorsts her von Vereinen, die auf öffentliche Angelegenheiten einzuwirken bezweckten, nur diejenigen Vereinsversammlungen polizeilich anmelden brauchten, in denen öffentllche Angelegen
gespenst. Komm an mein Herz, Bursche, Alle» ist vergeben!"
Mit derber Hand griff er nachdem jungen Künstler und preßte ihn derart stürmisch an seine Brust, daß dem fast der Athem verging.
„Hätte, weiß Gott, heute nicht an eine solche Freude gedacht!" Er ließ den Gefangenen los und fuhr heftig mit der Hand über die Augen. „Ist mir doch wahrhaftig schon eine Fliege in daS Auge gekommen !"
Und dann flüstette er, freilich so laut, daß ek Alle hören konnten:
„Junge, verzeih Deinem alten Vater, daß er Dich damals so rauh in die Welt hiuauSstieß, als Du Deinen Arm bei Ausübung der Dir verbotenen Farben- Hexerei verloren hattest und zum Ritter untauglich wurdest; es war freilich abscheulich von Dir. — Junge, sprich ein Wort, verzeihest Du?"
Da umschlang Klau» innig den Hals des Ritters und lehnte sein Haupt an de sie» Brust.
„Mein Vater, wie glücklich macht Ihr mich!" sagte er.
„Wie wird die Mutter fich freuen! Sie weinte fich fast die Augen aus," rief der Graf von der Isenburg und konnte vor Freude fich kaum faffen.
Mit Rührung waren Alle Zeugen des unerwarteten
heilen erörtert werden sollen. Maßgebend war hierfür der Wortlaut der § 1 des Vereins- gesetzeS.
* Rach sozialdemokratischem Muster will jetzt der Bnu» der Lavdwirthe für feine Mitglieder ein BereinSabzeichen einführen. Ein Cirkular an die Vertrauensmänner empfiehlt zu diesem Zweck eine Radel aus legirtem Metall in starker Versilberung, die ein Bild zeigt, auf dem ein Groß- und Klein- grundbefitzer sich unter der Devise „Das ganze Deutschland soll eS sein" die Hand reichen. Der Vorstand des Bunde» der Landwinhe hat mit einer Firma ein Abkommen der Art getroffen, daß bei dem Vertriebe der Radel (zu 1 Mark) der BundeSkaffe bei großem Absatz ein Ueberschuß von 10000 Mark und mehr übrig bleibt. ES kann um die Finanzen de» Bunde» nicht sonderlich bestellt sein, so bemerkt die ,Boff. Ztg/, wenn ihm schon an dem nöthigen „Nadelgelde" gebricht.
* E» ist ein seltener Fall, wenn ein Staat»anwalt au» seinem Amte scheidet, um lediglich — Journalist zu werden. Dieser Fall tritt jetzt in Baden ein, wo der Staatsanwalt Dr. Jolly in Karlsruhe den Staatsdienst aufgibt, um in den Dienst der Münchener Allgem. Ztg.' zu treten. Die Trennung vom Statt»- dienste wird freilich nur als vorläufig bezeichnet. — Wir möchten wünschen, daß alle Staatsanwälte und Richter wenigsten» in größeren Städten eine mehr oder minder lange Zeit als Journalisten fich beschäftigen. ES würde das für die Rechtsprechung, namentlich in Preßprozeffen, nur von Bortheil fein.
Ausland.
* Paris, 16. Juni. Die sozialistischen Deputirten gaben Liebknecht, der gegenwärtig Frankreich unsicher macht, gestern Abend ein Festmahl. Dieser sagte in Erwiderung mehrerer Trinksprüche: „Im Reichstag heiße ich, weil alle meine Reden an die französische Revolution anknüpfm, der Franzose. Mir ist e» gleich. Ich erkenne keine anderen Grenzen an als zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten." Jours» bemerkte: „Französischer und deutscher Seist verstehen einander vortrefflich. Diese beiden Genien fragen nicht nach mörderischen Kämpfen, welche sogenannte StaatS- nothwendigkeit gebiet« t" — Eine nette Komödie, wen» man die Herren an die mörderischen Kämpfe zwar nicht, aber an die Sreuelthaten der französischen Revolution und der pariser Kommune erinnert.
* Konstantinopel, 16. Juni. Ein am Sonntag in Kanea veröffentlichter Stabe de» Sultan» schreibt die Verantwortung für die Ereignisse auf Kreta den Christen (natürlich!!) zu, ermahnt dieselben zur Unterwerfung und verspricht, sobald solche erfolgt sei, die Forderungen der Christen zu „prüfen." 110 Flüchtlinge, welche Sonntag auf der Insel Santorin eintrafen, melden, daß die Au»schreitungen fortbauern.
Auftritts. Dem machte Graf HanS von ber Isenburg selber ein Hnde, indem er rief:
„Gnädigster Herr, laßt unS nicht länger zöger», vorwärt» zum Dom zu schreite». Auch ich möchte bedachtsam die Malereien meines Sprossen an schäum und sie von ihm selber gedeihlich etOaren hören."
E» geschah, wie er bat. Klau», der wohl selbstverständlicherweise nicht ganz bei der Sache war, wußte dennoch beit bankbaren Zuhörern seine Schöpfungm in anziehender Rede zu erklären, so daß Alle erbaut warm.
Am Au-gange de- Dome» bat Herr HanS von der Isenburg:
„Kaiserlicher Herr, entlaßt un» auf kurze Zett. Außer meinem wiedergewonnenm Sohne soll ich hier ja auch eine Tochter finden."
Die Bitte war leicht begreiflich, und Herr Heinrich gewährte sie lächelnd.
Der Kaiser schritt alsdann mit Bernward über dm Domhof. Da stand vor der Werkstatt, aus der eS hervorgegange» war, ein prächtige» Kunstwerk und erregte Heinrich» Bewunderung. CS war eine vcm Bilde der göttlichw Sieger», von Christus am Kreuze gekrönte metallene Triumphsäule. Ihr Schaft war achtmal von einem Bande mit kunstvollen Relief» umwunden. Die Bilder stelltm dm geistigen Krieg»- und Siegerzug Christi dar. Der Kaiser rief an»: