Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

M 136

Dimstag, den 16. Juni 1896.

23. Jahrgang

illdakrWZkitlliig

mit Unterchattrrngs-Kettagr „Sterne und Kinmen".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Bierteljährlicher AbonnementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Juni.

* Al» außerordentlicher chinesischer Bot­schafter ist Bizekövig Lt-Hu«g-Chang in Berlin eingetroffen und am Sonntag M'ttag 12% Uhr vom Kaise- in feierlicher Audienz empfangen worden. Der Bizeköaig ertheilr? gestern Vormittag in seinem 8b» steigeguortier, im Hotel Kaiserhof, zahlreiche Audienzen und empfing u'. A. die Besuche des Staatssekretärs v. Marschall und der Reichskanzlers Fürsten Hohen­lohe. Herr v. Marschall verweilte bei dem Bizekönig nahezu anderthalb Stunden, der Reichskanzler etwa 20 Minuten. Herr v. Marschall überreichte ihm da» Großkreuz des Rothen Adlerordens. Der Bizekönig geleitete den Reichskanzler bis zum Treppenabsatz und drückte bei der Verabschiedung seine hohe Freude aus über den Besuch deS Fürsten, dem er in herzlichen Worten ein langes Leben und gute Gesundheit wünschte. Zolldirektor Detring fungirte während der Besuche he» Reichskanzlers und des Herrn v. Marschall als Dol­metsch. Heute Mittag ist der Bizekönig zur Kaiserl. Frühstückstafel in Potsdam geladen.

* Bon Friedrichs ruh her arbeitet man jetzt mit aller Macht gegen das bürgerliche Gesetzbuch und scheint zu hoffen, dasselbe zu Falle zu bringen. ES ist nicht unmöglich, daß der Plan gelingt, wenn nämlich die Nationalliberalen in letzter Stunde rück­fällig werden und mit den Konservativen zusammen- gehen. Die Konservativen thun mit großem Pathos so, als ob sie sich über die Bestimmungen über die Civilche nicht hinwegsetzen könnten, aber sie wissen ohne Zweifel recht gut, daß be Beseitigung der obli­gatorischen C vilehe völlig aussichtslos ist. Indem man sich für die Bffeitipur-g entscheidet, erreicht man lediglich, daß die Verbesserungen der EherechtS, die das Gesetzbuch enthält, rächt erreicht werden, und der jetzige mtnder erkr uliche Zustand bleibt. DaS wird in der nächsten Session so sein wie jetzt. Wartet man noch länger, so streicht «« anderer Reichstag mög­licherweise auch noch die Verbesserungen wieder. Wir vermuthea, daß eS auch gar nicht die Civilehe ist, die den Konservativen die Annahme des Gesetzbuchs so schwer ckacht. Viel größere Sorgen bereiten den meisten von ihnen die Bestimmungen über den Wild- schadenersatz. Da man nun aber einmal Protektor des Bauernstandes und des kleinen Mannes ist, darf man das natürlich nicht so laut sagen. Man zieht es vor, das Eherecht alS den größten Stein des An­stoße» auszugeben. DaS „Volk" sucht „unbeilbare Strebrrei und Fraktion Seitelk-it" hinter dem Bestreben, da» Gesetzbuch rasch zu erledige«. Unseres Erachtens hat das Centrum gar keinen Anlaß, ouS Gefälligkeit gegen die Regierung die Arbeit zu beschl-unigen, denn die Regierung hat sich ihm gegenüber doch auch nicht allzu gefällig erwiesen, sondernseinen wichtigsten Wünschen gleich ein „unannehmbar" entg-a»ng-setzt. Man tritt

für die baldige Erledigung ein, weil die Sache spruch- - reif ist und eine Hinausschiebung gar keine nennens» werthe Aenderung und Verbesserung erwarten läßt. : Wird da» Gesetzbuch erst in der nächsten Wintertagung ! erledigt, so kann man mit Sicherheit darauf rechnen, daß die Berathung sich ungemein hinschleppen i wird, vielleicht werden wichtigere andere Vorlagen ■ darum unerledigt bleiben müssen, und am Ende wird - e» „auch noch so" sein. Wer jetzt Obstruktion treiben will, hat e» freilich in der Hand, die Erledigung zu ; vereiteln, denn ein beschlußfähiges Haus wird nicht ■ lange Wochen mehr z'^ammmzuh.ilten sein.

* In Betreff der Entschädigungen an Geistliche für Reisen bet AnSübnng der Seelsorge macht der \ Reichstags- und LandtaqSavgeordnete Dr. Rudolphi 5 solg'ndeS bekannt: „Wie der fürstbischöfliche Delegat > Probst Dr. Jahnel zu Berlin bekannt gegeben, hat er ; auf ein Gesuch um Bewilligung eines Reisefonds zur : Vertheilung unter d»e Geistlichen des Delegaturbezirkes, - welche in Ausübung ihres Amtes Reisen zu machen j haben, seitens des Kultusministers die Antwort f erhalten, daß es nicht angezeigt erscheine, dem fürst- i bischöflichen Delegaten zu diesem Zwecke ein Pausch­quantum zur Berfügurg zu stellen, wie es den prote­stantischen Kirchenbehörden gegenüber geschieht, daß s er aber bereit sei, den katholischen Geistlichen, welche in Sachen der Se.lw ge Rasen zu machen haben, : nach Maßgabe der verfügbaren Mittel außer- ■ ordentliche Unterstützungen zu gewähren. Seldstver- ■ stündlich ist diese Berertwill'qkeit des Ministers nicht auf den Berliner Deleqaturbezirk be­schränkt. Es darf darum die Hoffnung ausgesprochen werden, daß auch die katholischen Geistlichen in anderen Bezirke», die in Sachen der Seelsorge mit Auslagen verbundene Reisen zu ma hen habenden Kulturminister nm Entschädigung aus den ihm zur Berfügnng stchenden Fond? angehen. Heber den Erfolg d?r Gesuche bitte ich mir kurze Msttdeilung ru macken."

* Der Antrag zum Beretnsrecht liegt jetzt im Wortlaut vor. Er verlangt, daß Vereine jeder Art mit einander in Verbindung tretet dürfen und daß । entgegenstehende landesgefetzliche Bestimmungen auf» ? gehoben sein sollen. Unterzeichnet ist dieser Antrag | von führenden Mitgliedern fast aller Parteien; nur ; die konservative Partei schließt sich aus. Eine große Mehrhut ist dem Antrag also sicher.

* Der Artikel der Gewerbenovelle, welcher i das Tetailretsen betrifft, lautet in der Fassung, welche : ihm der Reichstag gegeben hat, also: „An Stelle des § 44 Absatz 3 der Gewerbeordnung treten folgende Bestimmungen: Das Aufkäufen darf ferner nur bei Kaufleuten ober solchen Personen, welche die Maaren produziren oder in offenen Verkaufsstellen verkaufen, i erfolgen. Im Gleichen darf das Aufsuchen von Bestellungen auf Waaren mit Ausnahme von Druck- \ schuften, anderen Schriften und Bildwerken und soweit ■ nicht der Bund-sratb für and-re Waar-n oder G-qmden

oder Gruppen von Gewerbetreibenden Ausnahmen zu­läßt, ohne vorgängige ausdrückliche Aufforderung nur bei Kaufleuten in deren Geschäftsräumen oder bei solchen Personen geschehen, in deren Geschäftrbetrieben Maaren der angebotenen Art Verwendung finden. Hinsichtlich deS Auf suchens von Bestellungen auf Drucksachen, andere Schriften und Bildwerke finden die Vorschriften deS § 56 Absatz 3 entsprechende Anwendung." Die Gewerbetreibenden, welcke reisen lassen, »erben gut thun, genau auf diesen Paragraphen zu achten, damit sie nicht zu Sckaden kommen.

* Aus dem Reichstagswahlkreise Illertissen-Krum­bach liegt nunmehr das amtliche Ergebmß der Re ich S- tagsersatzwahl vom 10. d. M. vor. ES -rhi-lt-n Georg Freiherr Dr. von Hertling (CeMrum) 8258, Johann Zimmermann (bayrischer Bauernbund) 2996, Joseph Wagner (liberal) 2500, Franz Joseph Erhärt (Kozialdem.) 469, Dr. Ludwig Quidde (deutsche Bolksp.) 71 Summen. Freiherr von Hertling ist somit gewählt.

* Potsdam, 15. Juni. Heute als am Jahrestage des Todes Kaiser Friedrichs erschienen um 9 Uhr der Kaiser und die Kaiserin im Mausoleum in der Friedenskirche und leoten je einen großen Kranz mit weißer Schleife und Namenszug nieder. Auch im Auf­trage vieler anderer Fürstlichkeiten wurden Kränze niedwg-leqt.

* Dortmund, 13 Juni. Die hier erscheinende katholische Zr-tung ,Tremonia' meldet in eigener Sache: „Der verantwortliche Redakteur der,T«monia', Herr Joh. De der le, hat heute im AmtSgerichtS-Gefänßmß zu Dortmund eine zweimonatliche Gesängniß- ftrafe angetreten, welche durch Urtheil der Straf­kammer vom 19. Oktober geae« ihn ausgesprochen war. Ts handelte sich bekanntlich um eine Beleidigung des Generaldirektor» Randebrock und Genossen in Murren. DaS Urtheil gegen Herrn Dederle erregte s. Z in der ganzen deutschen Presse Auftehen, zumal dieser trotz seiner 10jährigen journalistischen Thätigkeit bisher gänzlich unbestraft war und nun wegen einfacher Beleidigung einiger Gmbenbeamten, — eine Beleidigung, für welche die denkbar schwersten MilberungSqrünbe Vorlagen — gleich zwei Monate Gefängniß erhielt. Eine Reihe der angesehensten katholischen Mitbürger reichte für Herm Dederle, nachdem die Revision vom Reichs­gerichte verworfen war, ein Gnadengesuch ein. Es würde, wie wir erfahren, höchstwahrscheinlich an daher Stelle genehmigt worden sein, wenn nicht Herr Staatsanwalt Haarmann sich dagegen ausgesprochen hätte. Herr Haarmann hat gewiß nach seinem besten Eissen und Gewissen gehandelt, und wir nehmen an, daß seine Stellung als Vorstandsmitglied und Agitator deS naftonalliberalen Bürgervereins, in welcher Eigen­schaft er uns in letzter Zeit Unrecht gethan hat — die Sache ist bei seiner vorgesetzten Behörde anhängig gemacht —, bei seinem Gutachten in Betreff des Gnadenqesncke» nickt in Betracht gekommen ist. Zeit»

Die (Stofen non Smmlfchtndmg.

Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 46] ------- (Nachdruck verboten.)

Die liebliche Jungfrau Hathumod trat alsbald in kindlicher Unbefangenheit vor, neigte sich tief vor dem hohen Herrn und sprach mit heller, klangvoller Stimme eine Begrüßung in klassischem Latein. Es war eine Heldeudichtung der edl-n Roswitha, worin die Thaten deS sächsischen Kaifergcschiecktes, der Vorfahren Hein­richs, vorn Urahnen Hemrick I. an verherrlicht wurden. Was Roswitha vor ihrem Heimgang? nicht vollendete, da» b^te deren Schülerin, da» hatte Jung Hatyumod's kluge Mutre-, Frau Hilreswttha, ergänzt und vor­nehmlich den Schluß gar schön aus den guten und treuen Käfter Heinrich II. abgerundet.

Der Kaiser war tief bewegt. In so finniger ge- mülhoollec Weise war ihm noch kein Smpfang zu Th ul geworden. Ec beugte sich nieder und drückte einen Kuß auf die reine Stirn der Maid. Dann sprach er mit weithin schallender Summe begeistert seinen Dank aus. ■<, L Wtz

Huldigend umritten die Herren vom Hild ^heimischen Adel dcn Kaiser. Darauf bewegte der Festzug sich uiter Trompetenschall in die innere Sla -t, dem Som» Münster zu. Der fromme Kaiser hatte in seinem Schreiben gebeten, daß man ihm zunächst an diese

; heilige Stätte leiten möge, auf daß er sogleich beim Einzug in den ehrwürdigen Ort feine Andacht in St.

• Mar-ens Dom verrichten dürfe.

Bor dem Portale harrte ehrfurchtgebietend, mit allen Abzeichen bischöflicher Würde geschmückt, der hohe Fürst des Stiftes, Bischof Bernward, um feinen Kaiser i zu empfangen.

Bei diesem Anblicke stieg Kaiser Heinrich vom Pferde und beugte sich demLhig vor dem Bischof, um fenrn Segen zu erbitten.

Dsfe Rührung, warnte Liebe spiegelte sich in deu edelgeformten Zügen Bernhards wieder, als er den ehemaligen Mwchüler in Hildesheim als Kaiser ein» ziehen sah. Er segnete Hemrick und sein Gffolge mit dem Zeichen des Kreuzer; da-m breitete er stumm die Arme au», uod Kaiser Heinrich, von gleichen Gefüh en beseett, sank, von Bewegung übermannt, wortlos an deS Treuen Brost.

A-Ldann ncfetetc Bftchof Bernward sich auf und hieft eine herzliche Begrüßm.gLrede an den Kaiser.

Wahrend der K^rchmfürst sprach, hafteten Heinrichs Augen mit steigender Bewunderung auf be i erzgegossmen Ftügelthüren, so die Vorhalle vo:- dem Innern des Domes trennten. Sinnreiche Darst Bungen ars dem alten und neuen Testamente in höchst habeo.er Arbeit schmückten selbige

Kaum hatte Bischof Bernward seine feierliche An­

rede beendet und der Kaiser geziemend seinen Dank ausgesprochen, da rief Herr Heinrich lebhaft und deutete auf die ehernen Thorflügel:

„Welch' großartige Schöpfung! Sie entstammt Euerem Geiste und ist au» Euerer Kunstschule hervor- gegangen."

Bernward sprach ernst:

„Dm Plan zu biefer plastischen Bußpredigt faßte ich in Rom vor den Thüren von St. Sabina. Ich wollte da» Drama von Eden und Golgattm in einer Reihe bildlich ausgeführter Gedanken meinen armen Büßern vorführen, so in der B""halle batten müssen i und an der Feier de» heiligen Meßopfers noch nicht • wieder theilnehmen dürfen Durch bie Bilder von der Sünde und von der Erlösung sollen die Harrenden erschüttert, aber auch wieder getröstet werden."

Er hatte nicht nölhig, dem fromm gelehrten Karser den tiefen Gedcrakemnhalt der Bilder, dm Sinn und i Zusammenhang eingehend zu erklären. Heinrich ver- \ stand ohne Worte die Gedanken de« groß n MelsterS.

„Fürwahr, da habt Ihr eine Bußpredigt für ewige ; Zeiten in @ri gegossen. Zu ipäten Geschlechtern noch i wird Euere Mahnung vernehmlich rederr," sprach er 1 bewegt.

„Sehet dort die Meister, welche mich in der AuS- l fü runa unternntzten, ja mit gewandter Kunstfertigkeit • mir dieselbe nur ermöglichter ," erklärte Bernward und