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M 134 Samstag, den 13. Juni 1896. 23. Jahrqana

FuldaerMZeitiiiig

mit Unterhaitungs-Keilage „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Hierzu eine Keiinge

Deutsches Reich.

Berlin. 12. Juni.

* Der Kaiser besichtigte heute früh auf dem Tempel- Hofer Felde das 1. und 2. Garde-Dragoner-Regiment. Morgen früh wird daS Garde-Kv''assier- und daS 2. Garde-Ulanen-Regiment auf dem Tempelhofer Felde besichtigt.

* Sine freie Kommission wird heute im Reichs­tage zusammentreten, um sich über die Bestimmungen der jüngst in zweiter Lesung angenommenen Ber- einsgesetzes zu verständigen, die Aussicht auf An­nahme von Seiten der Regierung hätten. Bom Centrum gehören die Abgg. Trimborn und Wellstein der Com- Mission an. Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach n chtS zu Stande kommen. Die Consertwtiven und die Reich-Partei betheiligen sich an der Commission nicht.

* Die Meldung, der Justizminister habe sich einem jüdischen Assessor gegenüber dahin ausgesprochen, er gehe von dem Grundsatz auS. nur so viel jüdische Richter anzustellen, als da» Berhältniß der Zahl der christlichen zur jüdischen Bevölkerung ergebe, ist, der .Berliner Korrespondenz' zufolge, erfunden. Der Justizminister habe weder diese noch eine ähnliche Aeußerung aethan.

* Die Ausdehnung der Krankenverficherungs- pfltcht auf alle diejemgen Handlungsgehilfen und Lehrlinge, die nicht mehr als 2000 Mark jährlich an Gehalt beziehen, kann ftst jede Stadt durch OrtSstatut erfolgen. Seitens der Ortskrankenkasse für Handlungsgehilfen in Berlin ist an die Gewerbe- Deputation deS Magistrats der Antrag gerichtet wor­den, von der bezeichneten Befugniß Gebrauch zu machen. Die Gewerbedeputation ihrerseits hat die wichtige Frage den zuständigen kaufmännischen Verbänden zur Begutachtung unterbreitet. Der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller hat sich für die Ausdehnung deS Krankenversicherungrzwanger auf alle nicht mehr als 2000 Mark Gehalt beziehenden Havd- delSangestellten ausgesprochen. Die Begründung dieses Gutachtens erklärt sich im Allgemeinen gegen die heute vielfach beliebte fozialpolitifche Gleich­stellung der Handlungsgehilfen mit den Industrie­arbeitern, bezeichnet jedoch die durchgehende Versiche­rung gegen die Erwerbsunfähigkeit durch Krankheit als ebenso nothwendig für die einen wie für die anderen.

* Durch Selbstmord endeten in Pr-ußea im Jahre 1894 6630 Personen, darunter 5287 Männer und 1343 Frauen, daS sind 21 auf 100 000 Lebende. Seit dem Jahre 1869 schwankt die Zahl zwischen 11 und 22, und er ist, von einigen Schwankungen abgesehen, eine Steigerung der Zahl der Selbstmorde unverkenn­bar. Die angestellten Ermittelungen über die Veran­lassung zum Selbstmorde haben ergeben, daß, wenn sich auch vielfach die Triebfeder nicht ergründen ließ, doch etwa der vierte Th il der Selbstmorde unzweifel­haft durch Geisteskrankheit verursacht wird. Nächstdem kommen in Betracht Kummer, körperliche Leiden, Laster, Reue, Scham und Gewissensbisse, Lebensüber- druck im Allgemeinen. Bezüglich der Art und Weise der Ausführung deS Selbstmordes ist zu bemerken, daß bei weitem die meisten Selbstmörder (3950 von 6630) ihr Leben durch Erhängen geendigt haben; nächstdem kommen in Betracht Ertrinken, Erschießen und Einnehmen von Gift.

Ausland.

• * Budapest, 12. Juni. Die katholischen Ver­eine Ungarns werden den 17., 18., 19., und 20. August hier einen Kongreß halten. Das katholische VereinSleben machte in der neueste» Zeit einen großen Fortschritt in Ungarn. Im Jahre 1892 war die Zahl der katholischen Vereine nicht größer als 50, und heute sind schon mehr alt 400 katholische Vereine in Ungarn. DaS Ziel deS Kongresses wird eben das fein, daß daS katholische Vereinsleben noch mehr ent­

wickelt werde. Der Ehrenpräsident bei Kongresses wird Clausius BaSzary, der FürstprimaS sein, und der Präsident Graf Nikolaus Mauritius Esterhazy.

* Rom, 12. Juni. Der italienische KriegS- m in ist er hat einer Turiner Gewehrfabrik Auftrag ertheilt zur Lieferung von 120000 Gewehren eines neu erfundenen kleineren Kalibers. — Die Bestattung der bei Adua Gesallenen ist beendigt. Im Ganzen wurden 3000 Italiener und 36 ASkariS beerdigt. Die Genietruppen sind nach siebentägiger Arbeit zurück- gekebrt; ihr Gesundheitszustand blieb gut.

* Konstantinopel, 12. Juni. Die Pforte will zwei weitere Bataillone nach Kreta schicken. Die türkische Regierung beabsichtigt, die kretensischen Forderungen zu veröffentlichen, die Niederlegung der Waffen zu fordern und die Forderungen der Krrtenser der kretensischen gesetzgebenden Versammlung zu unterbreiten. Im Falle der Ablehnung werden die Truppen den Aufstand unterdrücken. Bon der Pforte werden wieder einmal verschiedene auS Athen stammende Meldungen über Ereignisse aus Kreta als falsch bezeichnet. Bezüglich der Meldung von einem für die Türken unglücklichen Gefechte bei Bukolie« erklärt die Pforte, daß die Auf­ständischen weder Kanonen noch Gewehre erbeuteten, sondern sich zurückziehrn mußten. Die Verluste auf türkischer Seite betragen 5 Mann. Die Pforte ver­sichert ferner, dar BeruhigungSwerk schreite fort. In BamoS feien die Dorfältesten bei dem türkischen Kom­mandanten erschienen und hätten erklärt, daß sie an dem Aufstande nicht theilnähmen.

K. Aus dem Reichstage.

103. Sitzung vorn 12. Juni.

Der Reichstag setzte heute die dritte Berathung der Ge­werbeordnungsnovelle bei Art. 11 {fort, welcher durch Hinzufügung neuer Nummern in § 56 der Gewerbeordnung das Verbot des Hausierhandels auf eine Reihe weiterer Waaren ausdehnen will, und zwar Nr. 10 auf Bäume aller Art, Sträucher, Sämereien unb Blumen­zwiebeln, Schnitt- und Wurzelreben sowie Futtermittel.

Zu Nr. 10 und 11 lagen eine Reihe Anträge vor; die­selben wurden jedoch abgelehnt bis auf den Antrag Siegle- Payer und Genossen zu Nr. 10, statt „Sämereien und Blumen­zwiebeln" zu setzen: „Sämereien mit Ausnahme von Gernüse- und Blumensamen."

Im Uebrigen blieb Art. 11 unverändert. Art. 12 betrifft Aenderungen an § 56;b der Gewerbeordnung. Nach den Be- schlüfsen zweiter Lesung hat Abs. 3 des § 56 b die Landes­regierungen autorifirt, den Hausirhandel mit Rindvieh, Schweinen, Ziegen oder Geflügel auf bestimmte Zeit zu untersagen oder Beschränkungen zu unterwerfen.

Auch zu Art. 12 lagen eine Anzahl Anträge vor, von denen ober nur ein Antrag Hitze, die oben genannte Befugniß der Landesregierungen auch auf Schafe auszudehnen, und ein Antrag v.Arnswaldt-Hardenbrotel angenommen wurden. Letzterer gebt dahin, daß die Landesregierungen von all diesen Befug­nissen nur Gebrauch machen dürfen „zur Abwehr oder Unter­drückung von Seuchen."

Art. 13 wurde unverändert angenommen, fodann auch Art. 14 mit dem Antrag Schwarze, der dem noch nicht 25- jährigen den Hausirschein ertheilt wissen will, wenn er Ernährer einer Familie ist, und bereits vier Jahre in dem Hausirbetrieb thätig war.

Im Art. 15 wurde aus Antrag Lenzmann beschloßen, daß die Versagung des Hausirscheines nicht auch wegen Land- sriedensbruch unbedingt erfolgen muß.

Der Rest des Gesetzes wurde unverändert angenommen.

Sodann wurde noch der Handelsvertrag mit Japan in dritter Lesung debattmlos erledigt.

Samstag: Schwerinstag.

K. Aus dem Landtage.

Abgeordnetenhaus. — 78. Sitzung vom 12. Juni.

Das Abgeordnetenhaus erledigte heute eine Anzahl kleiner Vorlagen. Fast debattenlos wurden die Vorlage betr. die Errichtung eines Amtsgerichtes in Zuim in dritter Lesung und die Vorlage betr. die Aufhebung des Amtsgerichtes in P e l l w o r m ebenfalls in dritter Lesung angenommen.

Nach tuner Debatte wurde der Staatsvertrag zwischen Preußen, Oldenburg und Bremen bett, den weiteren Ausbau der Fahrbahn in der Außen-W eser in zweiter Lesung und die Vorlage bett, die Familienfideikommisse in Neuvorpommern und Rügen in erster und zweiter Lesung genehmigt.

Sodann kam der Antrag Brömel (srs. Bg.) zur Be­rathung : die Regierung zu ersuchen, für die Uebelstande, welche auf der Berliner Stabt- und Ringbahn in Folge häufiger lieber- füllung der Wagenabtheile seit Jahren bestehen neuerdings durch den Verkehr nach und von ber Gewerbeausstellung noch gesteigert worben finb, mit aller Beschleunigung Abhilfe zu schaff».

Der Avttagsteller begrünbete seinen Antrag mit bem Hin­weise barauf, baß am zweiten Pfiugstfeiertage burchschnittlich 20 Personen in jebem Wagentheile befördert worden seien. Es mangele an dem nöthigen Aufsichtspersonal auf der ber Stabt- unb Ringbahn. Wenn nur ber Herr Minister öfter auf ber Stadtbahn fahren würde! Aber bann würben seine Be­amten wohl sagen: Exzellenz, bleiben sie lieber zu Hause.

Fahren sie jebensalls nicht aus ihrer Eisenbahn! Das Problem der Massenbeförderung möge schwer zu lösen fein; aber es könne manches geschehen, um die Uebelftänbc zu mildern. Ein Eisen­bahnunglück bei solchen überfüllten Zügen müßte furchtbare Katastrophen herbeiführen. (| 4 •

Ministerialdirektor Fleck erkannte die Begründetheit der vorgebrachten Klagen an, auf deren Abhilfe Bedacht genommen werde. Anerkannt muß werden, daß an solche verkehrsreichen Tagen die Beamten ihren Dienst mit anerkennenswetthem Eifer versehen. (Beifall.)

Geh.-Rath Schröder gab Auskunft über die getroffenen Vorkehrungen zum Zwecke der Verkehrs-Erleichterung und schilderte die Schwierigkeiten, welche einer weiteren Vermehrung der Züge entgeaenftänben.

Die Abgg. Frhr. v. Erffa-Werneburg (kons.) unb Schmidt- Warburg (Centr.) befürworteten den Antrag Brömel.

Abg. Dr. Langerhaus (frf. Vp.) wies die gegen die Stabt erhobenen Vorwürfe zurück. #‘*e*

Abg. Wallbrecht (natl.) fand den Verkehr auf ber Berliner Stabtbahn musterhaft. Berlin muß selber für seine Verkehrs- einrichtungen sorgen. In ben elektrischen Betriebseinrichtungen ist es zurückgeblieben.

Damit schloß bie Berathung. Nach einem Schlußwort bes Antragstellers wirb der Antrag mit großer Mehrheit angenommen.

Samstag: Antrag Knebel bett. Staatszuschuß für Landwirthschaftskammern und Antrag Albers bei der Wäh­rungsfrage.

Enthüllungen, i.

Mit dem französischen Werke: „Erinnerungen eines Dreiunddreißigsten", dar auch initalieni- scher Sprache erschienen ist, tritt Domenico Mar- giotta in die Reihe derjenigen ehemaligen Mitglieder und obersten Leiter deS Freimaurerbundes, welche in der letzten Zeit in auffallend großer Anzahl sich mit Abscheu von der Loge wegwanden und als bekehrte Christen fceimüthig die wichtigsten Enthüllungen dem Publikum vorlegen. — Gottes Vor­sehung scheint gerade noch zur richtigen Zeit den Fürsten und Völker» die Augen öffnen zu wollen über daS Wesen dieses GeheimbundeS, der sich bereits der Regi r- rungen Italien«, Frankreichs und Ungarns direkt bemächtigt, den Krieg gegen die katholische Kirche in diesen Ländern, sowie seiner Zeit in Deutsch­land, geführt hat, der bei den übrigen Regierungen, wenn auch nur indirekt, seine Bestrebungen in der Gesetzgebung und namentlich in der Schule zur Geltung zu bringen weiß.

Die bis dahin unerhörte Sittenverderbniß, die in ebenso schäm- und strafloser Weise überall dort austritt, wo dar Ruder der Staates in die Gewalt der Loge gerothm ist, und das Bestehen einer inner» logischen Verbindung zwischen Loge und Sittenverderb­niß andeutet (Panama, Banca Romana rc) ist eine sehr bemerkenSwerthe Erscheinung, die auffallender Weise in der Presse und und in den Parlamenten, die ja sonst Alles ihrer Beurtheilung unterziehen, wenig besprochen wurde.

Welche bedeutungsvolle Umwälzung auch in dieser Beziehung die neuesten Enthüllungen verursacht baden, beweisen die dieser Tage im italienischen Parla­ment, daS nicht weniger als 300 Freimaurer zu seinen Mitgliedern zählt, eingebrachte Jnterpellauon in Betreff der geheimen Gesellschaften und die Ant­wort deS Ministerpräsidenten Rudini.

Werden nun auch durch die Enthüllungen von Margiotta, Diana Vaughan, Leo Taxil, de la Rine und Anderer die schlimmsten Vorstellungen, welche wir Katholiken von den Zielen und Verbrechm der Loge hatten, noch west übertroffen, so sind eS doch gerade die Tausende unwissende: Logenbrüder der symbolischen Grade, welche in der Freimanrerei bisher nur eine harmlose ehrenwerthe Bereinigung zur Unterhaltung, zu gegenseittger Unterstützung oder Philanthropie ge­sehen haben, auf welche die Mittheilungen deS oben­genannten Werke« (meistens öffentliche Aktenstücke oder Faksimiles derselben mittels Lichtdruckes, deren Echt­heit gar nicht angezweifelt wird) geradezu ver- bläffenb wirken müssen, und diese Herren werden heute nicht mehr umhin können, in ihrem Gewissen die Frage zu erledigen, ob sie schließlich dem Heere Chcisti oder dem Heere deS SatanS angehören wollen.

Bei Ferdinand Schöningh in Paderborn ist ein Auszug auS dem erwähnten französischen Werk unter dem Titel: „Die centrale Leitung der Frei- maurerei und ihr derzeitige- Oberhaupt" (Preis 1 Mk.) erschienen, der durch alle Buchhandlungen zu beziehen ist und auf welchen wir die Leser besonders aufmerksam machen.