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23. Jahrgang

Donnerstag, den 11. Juni 1896.

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(Nachdruck verboten.)

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lateinischer Sprache, unsere Dichter gießen den deutschen Heldengesang in die Form, welche wir an Virgil be­wundern. RoSwitha von Gandersheim verfaßte ihre Schauspiele nach dem Borbilde de» Terenz, und ich selber — nun, ich will meine christlichen Gedanken in die Form der römischen Kunstwerke kleiden, welche ich hier anstaune. Wer kann e» Dir verdenken, daß Du, was wir alle auf dem Gebiete geistigen und künst­lerischen Schaffen» erstreben, mit kühnem Griff auf das wirkliche Leben übertragen, daß Du auf christ­lichen Boden den Glanz de» alten römischen Kaiser­reiche» wieder beleben willst!"

Da flog zischend ein Pfeil zwischen ihnen durch.

„Hoho, der erste Gruß! Ihr Herren, da heißt'» die ktriegSkleider anlegen!" rief Thangmar.

Bernward schlang seinen Arm um den geliebten Kaiser.

„Mein Otto, setze Dich nicht ohne Roth dem Un­dank de» römischen Volke» aus. Wir wollen Dich schützen," so sprach er und zog den Niedergeschlagenen mit sich zu den festen Mauern der Pfalz.

Da» wurden schlimme Tage sür die Eingeschlossenen auf der aventinischen Burg, nicht weil die Römer allzu sehr mit Wurfgeschossen und mit Waffengewalt drohten, sondern weil eS geschah, wie der Burgwart vorhergesagt hatte, weil schon am zweiten Tage der Mundvorrath

Just in dem Augenblicke, al» er Befehl gab, die Zugbrücke aufzuziehen und die Burgthore zu verschließen, da kam Herr Thangmar keuchend an. In seinen Armen trug er einen Leblosen. Da» war Klaus. Er legte ihn sanft auf die Erde.

„Da! Habt Sorge für ihn. Vielleicht ist er noch zu retten," sprach er zu den Burglkuten. Dann wandte er sich zum Kaiser:

„Hoher Herr, die Römer wollen Such gefangen nehmen. Da» soll ihnen nicht gelingen. ES ist gut, daß Ihr Euch verschanzt und Surre Mannen bewaff­net. Auch sollen die Dienstleute ein großes Feuer an­zünden und Pech sieden. Wir wollen uns wehren, daß sie Euerer nicht habhaft werden. Schlimm genug ist'S freilich, daß Ihr Euere KriegSmannen alle zurück in's Lager nach der Campagna geschickt habt. Die wenigen Euerer Mannen, welche da drinnen sind," er deutete hinunter auf die Stadt, „läßt da» Römervolk nicht mehr herau». Hingegen war ich Zeuge, wie sie mehrere au» Euerem vornehmen Gefolge, mit Namen kenne ich sie nicht, erschlugen. In Sankt Peter hatte ich mich mit dem Gebete verspätet. Da kam ich gerade

eine bloße Förderung der Interessen der Industrie­arbeiter ohne gleichmäßige Berücksichtigung der Landarbeiter auf die Dauer nicht möglich war. Wenn die Lage der Industriearbeiter sich ver­besserte, mußte entweder auch die Lage der Land­arbeiter besser werde», oder es war zu befürchten, daß die Landarbeiter noch mehr al» bisher in die Städte und Jndustriebezirke wandern würden. Es ist doch überaus bezeichnend, daß vor wenigen Jahren von Vertretern der rechten Seite der preußischen Ab­geordnetenhauses gefordert wurde, die Bahnarbeiter sollten stärker zur Arbeit herangezogen werden, damit in den Landarbeiter» nicht das Verlangen nach kürzerer Arbeitszeit rege gemacht würde.

Wenn früher hohe Löhne und sonstige gute Ar­beitsbedingungen der Industriearbeiter vielfach als im Interesse der Landwirthschast liegend angesehen wurden, so hat sich diese Anschauung jetzt meist in ihr Gegen- theil verkehrt. Hohe Löhne der Industriearbeiter mag jegt mancher Großgrundbesitzer auch deshalb nicht mehr für so nothwendig halten, weil er bessere Preise für seine Produkte nicht durch die Hebung der Kaufkraft der Massen, sondern durch die Gesetzgebung, den An­trag Kanitz u. s. w. zu erzielen hofft.

Aber wo bleibt denn die Gerechtigkeit, spielt die denn bei den Konservativen gar keine Rolle? Sie sind ja doch Vertreter de» positiven Christenthum», welches Gerechtigkeit für alle fordert. Gewiß, aber die Ausübung der Gerechtigkeit ist nicht nur davon abhängig, daß man ganz allgemein gerecht fein will, man muß auch erkenne», was der Gerechtigkeit ent­spricht. Daran fehlt eS aber, wenn die genaue Kenntniß der Verhältnisse fehlt und die einseitige Vertretung der eigenen Interessen den Blick für die Gerechtigkeit abstumpft. Man muß doch beachten, daß die Frage, ob der Antrag Kanitz durchführbar ist, die Frage, ob derselbe sich mit der Gerechtigkeit verträgt, ganz in den Hintergrund drängt.

Dasjenige Element aber in der konservativen Partei, welche» am meisten die Verhältnisse der arbeitenden Klaffen kennt oder wenigsten» kennen kann, und am meisten die ausgleichende Gerechtigkeit, die Unterordnung der eigenen Interessen unter da» allgemeine Interesse vertreten kann und muß, die Prediger, Haden auf die Ziele der Partei nie einen großen Einfluß au»geübt. Die evangelischen Prediger haben sich im allgemeine» viel später als die katholischen Geistlichen mit den Verhältnissen bekannt gemacht und waren zudem oft von den maßgebenden Personen in der Partei so ab­hängig, daß sie keinen bemerkenSwerthen Einfluß auS- üben konnten. Die Prediger, welche in der konser­vativen Partei seit dem Beginne unseres parlamentarischen Lebens eine bedeutende Rolle gespielt haben, kann man schnell aufzählen. Nachdem sie dann angefangen haben, soziale Verhältnisse zu studiren und darnach zu handel», ist der Riß bald eingetreten. Wenn die Prediger früher auf die praktische Politik der Konservativen nach der sozialen Seite hin nur geringen Einfluß auSgeübt

haben, so droht derselbe jetzt ganz zu verschwinden. Die Reformfreundlichkeit der Partei wird dadurch nicht wachsen, so lange nicht die Prediger die Massen für sich gewinnen und die Großgrundbesitzer dadurch zwinge», auf ihre Stellung bei den ReichstagSwahlm Rücksicht zu nehmen.

Die Freikonservativen braucht man nicht be­sonders zu behandeln. Was der Reformfreundlichkeit der Konservativen entgegenwirkt, wirkt bei ihnen eben­falls, nur noch in höherem Maße.

Die Nationalliberalen sind in erster Linie die Vertreter der Großindustriellen und der liberalen Profefforen. Die Masse de» protestantischen Volke» hat nur so lange hinter ihnen gestanden, als e» ihnen gelang, die Katholiken al» die gefährlichen Feinde des neuen deutschen Reiche» und der evangelischen Kirche hinzustellen und sich selbst al» die nothwendigen und sichersten Gegner derselben aufzuspielen. Eine innige geistige oder materielle Interessengemeinschaft zwischen den nationalliberalen Abgeordneten im Reichstage und ihren Wählern besteht nur in sehr geringem Maße. Die meisten Wähler wählen den nationalliberalen Ab­geordneten, weil sie nicht ander» können. In daS Ab­geordnetenhaus kommen sie einzig durch jene besitzenden Klassen, welche ihr Interesse durch eine durchgreifende Sozialreform für gefährdet halten. Der nationaliberale Abgeordnete des preußischen Landtage», welcher für eine entschiedene Sozialreform im Interesse der Arbeit­nehmer einträte, würde Gefahr laufen, sein Mandat zu verlieren.

Der Freisinn vertritt vornehmlich die Kreise der Börse, des Großhandel» und des grunsätzlichen liberalen manchesterlichen Gedankens auf allen mensch­lichen Gebieten. Er predigt die Selbsthilfe al» Uni* versal'Heilmitte! und will schon deshalb vom Ein­greisen deS Staates in die Verhältniffe der einzelnen Volkskiassen zu einander möglichst wenig wissen. Sein Interesse sür die arbeitende Klasse hat er ja durch die Gründung der Hirsch-Dunker'schen Gewerkvereine, Konsumvereine usw. gezeigt, aber echt volkSthümlich ist der Freisinn schon lange nicht mehr. Seine enge Verbindung mit der Börse, dem Großhandel und da­durch mit dem jüdischen Großkapital hat da» bewirkt. Es ist charakteristisch, daß der Freisinn auch in den Kreisen, in welchen die Arbeiter in so großer Zahl vorhanden sind, wie in den großen Städten, wohl nie daran gedacht hat, Männer, welche dem Arbeiterstande angehören oder aus dem demselben hervorgegangen waren, als Kandidaten für den Reichs­tag oder gar für das Abgeordnetenhaus aufzustellen. Wenn der Freisinn jemals einen Fehler gemacht, dann war das ein Fehler, der aber gar nicht hätte gemacht werden könne», wenn der Freisinn mehr Berständniß für die Arbeiterfrage gehabt hätte. UebrigenS bleibt sich der Freisinn wenigsten» treu, indem er die Selbst­hilfe al» Mittel zur Heilung der sozialen Schäden aufstellt, während die Konservativen zur Hebung der Getreidepreise da» radikalste Eingreifen der staatlichen

Hit Kralen van Sonmerschenbir-.

Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt

zur rechten Zeit, um den KlauS zu retten. Ich er­kannte ihn an seinem langen Haar. Sie hatten ihn vor eine Taberne geschleift und schlugen mit Knütteln auf ihn lo». Wie ein Ungewitter fuhr ich dazwischen, nahm ihn auf meinen Arm und ging. Stumm sahen die Leute mir nach, sie waren verblüfft."

„Habt Dank!" sprach Bischof Bernward. Der war inzwischen nahe gekommen und reichte seinem Freunde die Hand.

Die Thore waren geschlossen. Die Mannen eilten, sich zu bewaffnen und schlippten Haufen von Bogen und Pfeilen, von Aexten und Speeren herbei-

„Für ein bis zwei Tage wird unser Mundvorrath reichen," meinte der Burgwart; „dann aber miiffen unsere deutschen Helden zur Stelle sein, wenn wir n cht der Gefangenschaft oder dem Hungertode verfallen sollen."

Otto rief außer sich vor Schmerz:

„O welch' ein Vorgeh;n der Römer gegen ihren Kaiser! Welch' eine Verblendung von mir, eine Wieder­herstellung des römischen KafferthumS zu erhoffen! Durch meine hochfliegenden Pläne habe ich die Strafe verdient." Er barg sein Antlitz in den Händen.

Bernward legte seine Rechte beruhigend auf dessen Schulter.

„Klage Dich nicht an, mein Otto. Du bist ein Sohn Deiner Zeit: Unsere Chronisten schreiben in

*# Die Stellung der einzelnen Parteien zur Sozialreform.

i.

Die Verhandlungen des Reichstages wegen der Regelung der Arbeitszeit u. s. w. in den Bäckereien, und jene des preußischen Abgeordnetenhauses über die Schließung der Ladengeschäfte um 8 Uhr Abend» sind deshalb von so großer Wichtigkeit, weil sie die Stellung der einzelnen Parteien zur So- zialresorm überhaupt sehr klar darlegen. '

Die konservative Partei hat früher der Sozial­reform gegenüber eine freundliche Stellung eingenommen, jetzt aber trotz allen Ableugnen» eine volle Schwenkung gemacht. Auffallend ist das nicht. Die konservative Partei besteht ganz überwiegend au» Großgrundbesitzern; die Abgeordneten der Partei, welche diesem Stande nicht angehören, sind wenig zahlreich und durchgehend» ohne besonderen Einfluß. Die Wähler der konser­vativen Abgeordneten des preußischen Landtage» sind zumeist wieder die größeren Grundbesitzer und Beamte. Irgend welche Rücksichtnahme auf die Masse de» Volkes ist für dieselben, wenn es sich nm die Wiederwahl handelt, nicht nothwendig. Je weniger sie für die Sozialreform eintreten, desto mehr haben sie durch­gehends Aussicht, wieder gewählt zu werden. Eine besondere Kenntniß derjenigen Verhältnisse in der Industrie und im Handel, welche soziale Reformen verlangen, haben sie nicht, weil die meisten konser­vativen Abgeordneten keine Erfahrungen auf diesem Gebiete haben machen können und den arbeitenden Klassen in der Industrie und im Handel meist völlig fremd gegenüberstehen. Wie viele von den konser­vativen Abgeordneten de» Landtage» und selbst deS Reichstages mögen wohl mit Industriearbeitern, mit Angestellten au» dem Handelsstande zusammen gekommen sein? Kenntniß der Personen und der Verhältniffe ist aber in erster Linie nothwendig, um eine reform­freundliche Gesinnung hervorzurufen.

Früher hatten die Konservativen wenigsten» ein gewisse» eigene» Interesse für eine Sozialreform. Hohe Löhne der Industriearbeiter sind, wie z. B. Rodbertu» entschieden hervorgehob n hat, für den Landwirth von großem Werthe, damit er für seine Produkte einen angemessenen, wohl auch hohen Prei» erhält. Dazu kommt nun noch der naturgemäße Gegensatz zwischen den Grundbesitzern auf der einen, den Kapitalisten auf der anderen Seite. So ist eS wohl erklärlich, daß manche Anhängerder konservativen Partei schon auS eigenem Interesse für eine Sozialreform einge­treten sind, — so lange die Reform sich auf die Industriearbeiter erstreckte. Wir sehen ja, wie auch in England in den Bewegungen, welche die heutige Organisation und die heutige Lage der Industrie­arbeiter herbeigeführt haben, viele Großgrundbesitzer auf der Seite der Arbeiter standen, bis in Betreff der Landarbeiter ihr eigenes Jnteresie in Frage kam.

Bei uns hat es sich nun auch herauSgeftellt, daß

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mit Unterhaitungs-KeUagr „Sterne und Ktumen".