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Mittwoch, den 10. Juni 1896.

23. Jahrgang

uldlierWZeitiiiiß

mit Unterhaltnngs-Keilage „Sterne und Klnmen".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfenniq Inserate kosten bte einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Ein neuer Entrüstungsrummel.

Die Kommission für das bürgerliche Ge­setzbuch ist nahe daran, von der liberalen Presse, wie die Umsturzkommission vom vorigen Jahre, den Borwurf zu bören, den Entwurf bi- zur Unannehm­barkeit „klerikalisirt" zu haben. Mit großem Verdruß wird vermerkt, daß da- Centrum einige seiner Wünsche durchgesetzt hat, natürlich nur „im Interesse bei Klerikaliimui."

Den Hau Mein des Anstoßei für dai Centrum bildet bekanntlich dai Eherecht. Die Beseitigung der obligatorischen Civilehe hat ei aber in der Kom­mission nicht erreicht. Geändert ist nur, daß nicht der Standeibeamte „die Ehe für geschlossen erklärt/ sondern nur „zur Entgegennahme der Erklärungen" der Verlobten, die Ehe miteinander eingehen zu wollen, „bereit sein muß," und daß er nach Abgabe der Er­klärungen der Verlobten nicht aussprechen soll, „daß er krast Gesetzei sie für rechtmäßig verbundene Eheleute erkläre," sondern, „daß sie krast Gesetzei nunmehr recht­mäßig verbundene. Eheleute seien." Dai ist nur eine Rücksichtnahme auf die auch von den Protestanten an­erkannte Lehre, daß die Eheschließenden die Nup- turienten selbst sind und nicht der Geistliche oder der Standesbeamte. Daß die Ehe nur von dem Standei­beamten rechtskräftig geschloffen werden kann, ist nach wie vor Gesetz. Die Einfügung bei Kaiser - Para­graphen im Civilstanbigesetz: „Die kirchlichen Ver­pflichtungen in Ansehung bet Eingehung bet Ehe bleiben unbetühtt," in bai bütgetliche Gesetzbuch ist boch nicht von einet betattigen praktischen Bedeutung, baß sie ali große Errungenschaft bei „Klerikaliimui" auigegeben werben kann. Weiter finb noch einige Aenberungen bezüglich ber Ehescheidung beschlossen worden. Die Geisteikrankheit ali Ehescheidungigrund ist gestrichen. Nr« eingefügt ist, daß statt auf Schei­dung auf Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft geklagt werden kann; in diesem Falle dürfen die Getrennten sich nicht wieder verheirathen. Dai ist ein Zuge- ständniß an dai katholische Dogma von der Unauflöi- lichkeit der Ehe, seufzt die ,Boss. Ztg/. Aber ist denn dai so schrecklich? Wir halten ei fär einen großen Segen für dai Institut der Ehe. Uebrigeni ist dai Zugeständniß gar so bedeutend nicht, denn die Ge­trennten können hinterher die Scheidung beantragen.

Ei ist überflüssig, uni mit Nichtkatholiken über die Frage der Ehescheidung oder der bloßen Trenn- ung der ehelichen Gemeinschaft zu unterhalten; wir möchten nur denen, die so viel Gewicht auf das Zustandekommen bei bürgerlichen Gesetzbuches legen, bemerken, baß ei boch in ihrem Interesse liegt, bem Centrum die Zustimmung nicht unnöthig zu erschweren. Dai Centrum muß grundsätzlich gegen die Ehe­scheidung sein; dai bürgerliche Gesetzbuch, dem ei zustimmen soll, enthält ober die Ehescheidung. Biel- leicht kann dai Gentrum auch diesen Theil annehmen unter dem Gesichtspunkte, daß es sich hier um Bet-

die Krise« m« SMMttschendm-.

Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 41] ------- (Nachdruck verboten.)

Die Tiburtmer traten soeben mu allen Zeichen freubiger Erregung aus bem Thore.

„Fürwahr," rief Graf Otto, „ber Kaiser hat bte hochmüthigen Eisenköpfe ohne Strafe freigegeben. Dai ist schlimm. Wehe ihm, wenn Rom von der Begna­digung erfährt! Unsere Römer hegen langjährigen Haß gegen die stolzen Tiburtmer. Sie hofften, daß beten Stabt bem Erdboden gleich gemacht und baß beten Gütet Rom anheimfallen würben. Die Enttäuschung mag allzu groß sein. Ich sehe eine Empörung voraui."

Rach biegen heftig hervorgestoßenen Worten eilte ber treue Graf von Lomello, ber selber entrüstet mit den Römern fühlte, hinüber zu seinem Kaiser. Er wollte ihn warnen.

Der bentsche Künstler Klaus aber hatte wenig Theilnahme für bit Streitigkeiten ber italienischen Stabte. Ihm lag Anderes näher am Herzen:

„Meine Seele, meine Heißgeliebte, warum, o warum gestattest Du nicht, daß ich mannhaft vor Deinen Batet trete und Dich von ihm zum Wnbe begehre?" so fragte er stürmisch.

Julia lächelte.

bessetungen des bisher geltenden Rechtes in Bezug auf die Ehescheidung handelt. Da sollte man ihm die Zustimmung doch nicht unmöglich machen, indem man die Verbesserungen auf ein Minimum beschränkt.

In dem Einführungsgesetze zum bürgerlichen Gesetz­buche hat die Kommission die Paragraphen gestrichen, wonach durch das B. G. unberührt bleiben die landes­gesetzlichen Vorschriften, welche den Erwerb von Rechten durch juristische Personen beschränken ober von staatlicher Genehmigung abhängig machen unb welche bie Wirksamkeit von Schenkungen an Mitglieder religiöser Orden von staatlicher Genehmigung abhängig machen, und nach welchen Mitglieder religiöser Orden nur mit staatlicher Genehmigung von TodeSwegen erben können. ES sollen also u. a. Schenk­ungen an Kirchen und kirchliche Institute, sowie an OrdenSmitglieder keiner Genehmigung des Ministers mehr bedürfen, wie eS bisher, wenigstens bei Schenk­ungen von gewfffer Höhe, ber Fall ist. ES gibt kaum etwas Ueberflüssigere» als diese bnreankratische Bevormundung, die zudem mißbraucht werden kann. Der Kommissionsbeschluß soll aber ein äußerst bedenk­liche» Zugeständniß an den „KlerikaliSmuS" sein. Denn — man höre! — erfahrungsgemäß ist die An­häufung deS Besitzes der „tobten Hand" sehr gefähr­lich, unb bei letztwilligen Verfügungen wirkt oft geist­liche Erbschleicherei mit. Bis ber Besitz bet „tobten Hand" zu gefährlichem Umfange anwächst, hat e» noch gute Wege, unb wa» die Erbfchleichereien an­geht, so gehören sie in bie Kolportage-Romane.

Richt von Zugestänbnissen an ben KlerikaliSmuS angesichts ber Kommisfionsbeschlüsie sollte man reben, sondern von kleinlicher Kulturkämpferei, angesichts der Nörgelei gegen diese Beschlüffe.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Juni.

* Der Kaiser hat auf bie Nachricht von bem Hin­scheiden Jule» SimonS an den Präsidenten bet französischen Republik nachstehende BeileibS-Depesche gerichtet:

Frankreich weint von neuem an dem Grabe eines seiner großen Söhne. Herr Jules Siinon ist tobt; ich werbe immer unter bem Banne seiner Person bleiben, inbem ich mich ber Tage erinnere, wo er mir seine werthvolle Unterstützung lieh, um bas Schicksal ber orbeitenben Klasse zu ver­bessern. Empfangen Sie, Herr Prästbent, ben Ausbruck meines lebhaften Beileibs. Wilhelm, I. R.

* Ein peinlicher Zwischenfall soll sich aus bem Bankett ereignet haben, welche» bie bentsche Kolonie in Mo-kau bem Prinzen Heinrich von Preußen, bem Prinzen Lubwig von Bayern, sowie ben Übrigen deutschen Prinzen zu Ehren gegeben hat. Der Präsident der Tafel brachte einen Toast aus auf den anwesenden Prinzen Heinrich und alle Fürsten, welche sich „im Gefolge" des Prinzen befinden. Sofort erhob sich Prinz Ludwig von Bayern, um gegen das Wort Gefolge Protest einzulegen und sagte:

„Du lieber Thörichter," gab sie zärtlich zur Ant­wort, „weil ich nicht will, daß dem fremden Künstler eine Abweisung zu Theil werde. Wenn mein gestrenger Batet Dich aber näher kennt, wird er Dich immer lieber gewinnen und Dir endlich die Hand seines KindeS nicht mehr versagen."

Klau» drängte ungeduldig:

„Du, meine Julia, Du liebst den deutschen Künstlet ohne Rang, ohne HauS unb Hof; Du willst als feine Gattin ihm folgen?"

„Gewiß, mein Klau»," antwortete Julia.

Da machte ber lebhafte Rheinlänber einen Freuden­sprung unb rief:

„Dann wirst Du meine Hausfrau werben! Sei versichert, Graf Otto vonLomello gibt mir feine Tochter."

Julia schüttelte bebenklich ba» Köpfchen. Eine ge­ringfügige Sache hatte ber Römerin mißfallen.

„Warum, lieber Freund," so fragte sie ernst, „warum stelltest Du Deine Streitkraft bei ber Belagerung von Tivoli Deinem Kaiser nicht zur Verfügung?"

„Warum?" Et schaute sie vorwurfsvoll an. „O Julia, Du kannst fragen, warum, unb weißt doch, welch' ein Magnet mich hier zurückhielt. Doch" — er starrte, qualvoll sinnend, mit sich selber kämpfend, vor sich nieder — „Julia, Hetzgeliebte, einmal mußt Du er doch erfahren, ehe Du mit angetraut bist," sagte

Wir sind nicht ein Gefolge, nicht Vasallen, sondern Ber kündete des Deutschen Kaisers. Als solche standen wir, wie Kaiser Wilhelm I. immer anerkannt hat, vor 25 Jahren an der Seite des Königs von Preußen, als solche werden wir wieder zusammenstehen, falls Deutschland wieder in Gefahr käme. Dies mögen die Deutschen aller Orten bedenken und neben dem großen Vaterland auch die engere H eimath und Anhänglichkeit au die angestammte Dynastie nicht vergessen.

Nach diesen Worten verließen Prinz Ludwig, Prinz Heinrich, die übrigen Prinzen und der deutsche Bot­schafter Fürst Radolin den Saal. Der Präsident der deutschen Kolonie, welcher den Zwischenfall veranlaßte, der Kaufmann KamefaScu, ist auch der Vorsteher des deutschen BiktoriastisteS in Moskau.

* „Glauben Sie an Gott?" hat vor Kurzem ein Gerichtspräsident einen Zeugen gefragt, und darob große Entrüstung in gewissen liberalen Zeitungen. So meint die ,Mind. Ztg/:

Stehe ich denn hier vor einem spanischen JnquisitionS- tribunal oder vor einem deutschen Gerichtshof, in einem Staate, unter dessen Grundrechten die Gewissensfreiheit sich befindet? Bis jetzt war es Sitte von deutschen Richtern, sich nicht in die Privatsachen der Bürger zu drängen. Wie der Mensch sich die Lösung der Weltenräthsels zurechtlegt, über seine religiösen Ansichten ist er auf der weiten Erde nur sich allein Rechenschaft schuldig. Darum kann ich Ihnen, Herr Präsident, sagen, ob ich an Gott glaube, oder nicht, das geht Sie, das geht keine Macht der Erde etwas an.

Wit sind ber Ansicht, daß e» dem Präsidenten sehr wohl etwas angeht. Der Zeuge soll schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden; für benjenigen, welcher an keinen Gott glaubt, verlieren diese Worte unb bamit ber ganze Eid ihre Bebeuttmg. Wa» vom sozialbemokratischen Eibe zu halten ist, wissen wir boch längst.

* Zu bem Affefforenparagraphen schreibt ber nationalliberale .Hannov. Cour.' ganz zutreffenb: „Jebermann wünscht selbstverstänblich, daß der Richter im Volke eine geachtete Stellung einnehme; Jeder- mann wünscht da» aber ebenso sehr von dem Pastor, dem Lehrer, von dem Arzte und anderen Be­rufen, die mit dem Vertrauen und also auch mit der Achtung de» Publikums vielleicht noch in höherem Grade zu rechnen habe» al» Richter unb juristisch tiorgebilbete Verwaltung! beamte. Man sagt: bie ge­sellschaftliche Stellung be» Richter» hat mit seinem Amte so gut wie nichts zu thun; wenn fein Lebenswandel rein ist, wenn er amtlich seine Schuldig- . feit in vollem Maße thut, hat sich um seinen außer­amtlichen Verkehr, wenn bieser in anftänbigen Kreisen vor sich geht, kein Mensch zu bekümmern unb bekümmert sich auch in der That Niemand darum. Keine Menschen- feele nimmt eS dem einer Bauern- ober Handwerker- familie entstammenden Richter übel, wenn er die Ber- binbmtg mit seiner Verwandtschaft ober mit den Freunden unb Bekannten seiner Elternhauses bis zu einem ge> wissen Grade wahrt, im Gegentheil, man hält dar für

i natürlich unb für pietätSvoll unb lobt ben Mann, ber das thut, unb verachtet ben, den es stört, den Vater im Bauernkleide an seinem Tische zu sehen. Daß er nicht aufgeht in bem Kreise, bem er entstammt, er mit plötzlichem Entschlüsse. „Julia — Du weißt eS nicht — ich konnte ja nicht kämpfen gleich ben Sachsenhelben — ich bin — ein Krüppel — ich habe nur ben einen, den rechten Arm."

Die Wirkung dieser BekenntniffeS war für ben armen Klaus eine furchtbare!

Bleich, taumelnd vor Entsetzen, wankte die schöne Julia zurück; wie ein Marmorbild lehnte sie sich an den nächsten Pfeiler.

„Du, KlauS, hast nur einen Arm — Du bist ein Krüppel? Entsetzlich! Wie formtest Du Dich mir nähern? Gehe und komme niemals wieder!"

Es war, als ob ein Fieberfrost die zarte Gestatt schüttelte, als ob Julia, völlig entnervt, mit au8ge- streckten Händen ein gespenstig drohendes Grausen, die Gefahr einer Berührung von sich abwehren wolle.

KlauS sprach keinen Laut. Einen großen, erstaunten Blick warf er auf die Erregte, bann wandte er sich um unb ging. In seiner Brust aber war etwa» er­storben. Ja, eS war, als ob er selber zu Eis er- starrt sei.

Betäubt ging er. Wohin? Er wußte eS nicht. Nur eins kam ihm dumpf zum Bewußtsein: Fort, fort aus diesem Hause, auS ihrer Nähe.

So gelangte KlauS, ohne zu wissen wie, hinab in die ewige Stadt. Hier unter den großen Trümmern,