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Samstag, den 6. Juni 1896.

23. Iahramra

iiIdarrWZcitiiii!)

__________mitUnterhaltttnss-Keilage „Sterne und KLumen".

I dann darf sich der Kaufmannsstand nachher nicht be» klagen, daß sich die Verhältnisse verschlechtern, anstatt sich zu verbessern."

So schreibt ein Kundiger in der »Berliner Ge- I werbe- und Exportzeitung/ Mit einer Klage über den grenzenlosen JndifferentiSmus im Kaufmanns- stände schließt auch der folgende, im .Konfektionär" gebrachte Artikel:

„So vielseitig auch die Klagen über den Rückgang unserer Handelsverhältnisse sind, und so sehr man die großen und anwachsenden Verluste der letzten zehn Jahre empfunden hat, versucht man in Deutschland trotzdem nur in ganz verein,-lter Weise, dem Grund­übel dieser wirthschastlichen Verschlechterung entg'gen- zutreten. Die- ist unzweifelhaft die Art und Weise, wie sich die Kreditgewährung im Laufe der Jahre bei uns gestaltet hat.

Nicht allein, daß man zu lange Ziele gewährt, man gibt auch oft in geradezu leichtfertiger Weise solchen Personen Kredite, die sie nicht verdienen, man macht häufig wagehalsige Geschäfte, indem sich der Kreditgeber von vornherein mit dem Gedanken beruhigt: -Dies Geschäft wird noch glatt gehen." Daß solche Prinzipien verkehrte sind, unterliegt keinem Zweifel, und die unvermeidlichen Rückschläge machen daS Ge- schäft unsolide.

Man darf auch andererseits nicht unerwähnt taffen, daß die Kaufleute der kleineren und mittleren Plätze in einer ungleich schwierigeren Lage sind, als ihre Kol- legen in großen Städten. In letzteren finden die Hauptumsätze gegen Baarzahlung statt, während die ersteren ungleich mehr verborgen müssen. Auch diesem Uebel sollte mehr und mehr gesteuert werden, es ist unrationell für Käufer und Verkäufer, lange Kredite zu geben und zu nehmen: je mehr der Kauf gegen Baarzahlung eingeführt wird, desto bester kann allseitig gezahlt werden.

Man gewöhne sich daran, den Wechselverkehr mit Detaillisten möglichst zu vermeiden und ein Z'el von 3 Monaten stritte inne zu halten. Dann wird ein jeder Kaufmann bald selbst die vortheilhafien Folgen verspüren.

Was den zweiten der erwähnten Puntte, daS leicht­fertige Kreditgeben, betrifft, so tragen viele Kaufleute selbst die Schuld, daß sie ost unnöthig hohe Verluste erleiden. Erfahrungsgemäß kommen die meisten Fallissements auf neu etablirte Kaufleute, d. h. solche, die em oder zwei Jahre bestehen. Verfolgt man die Ursachen, wie idieS durch die Berichre de« deutschen Kreditoren - Verbundes leicht möglich wird, so ergibt sich fast Übereinstimmend, daß ungenügende B-triebS- mittel die Ursache dieser Bankerotte bilden. Und hier- bei kommt gleichzeit g der dritte Puntt zur Besprechung, nämlich, daß oft unsichere Geschäfte in der Hoffnung gemacht werden, daß sich dieselben noch glatt abwickeln. Ein solcher va-banque-Spiel ist natürlich gefährlich und sühn zu erheblichen Verlusten. Betrachtet man sich aber einzelne Fälle genauer, so staunt man oft, mit welcher Leichtigkeit belangreiche Waarenkredite gegeben werden. Käme derselbe Kaufmann oder Händler, der

I oft Tausende auf Kredit erhält und wollte nur wenige Hundert Mark baareS Geld geborgt haben, so würde er schroff abgewiesen — aber Waare gibt man ihm ost mehr, als er haben will! Wie viele Fälle gibt es, wo sich junge Leute ohne genügende Betriebsmittel i etabliren mit der ganz reellen Absicht, Jedem gerecht zu werden. Sie werden mit Maaren überschüttet und kommen zu einem viel größeren Lager, als sie ge­brauchen können. Geht das Geschäft nicht ganz nach Wunsch »nd ist nur eine Saison schwach, so stocken sie und kämen nicht weiter; die Kredite sind er, die sie ersticken.

Deshalb find weises Maßhalten in der Kreditgewährung und strikte Innehaltung de-Z'eleS die LebenSbedingungen für eine rationelle Entwickelung deS Handelsverkehr-; Frankreich und England hätten uns stets ein nachahmenSwertheS Bei­spiel geben können, aber man hat die Vorzüge der dortigen Prinzipien in Deutschland nie gebührend ge­würdigt. Ueberhaupt liegt Vieles an der Individua- lität des deutschen Kansmannsstande». Derselbe ist verschlossener und unzugänglicher, wie seine ausländischen Genossen, und viele N-rchtheile, welche dem Handels- stände seit den letzten 25 Jahren widerfahren find, hat er seinem grenzenlosen JndifferentirmuS zu­zuschreiben. ES fehlt daS Berständniß für eine weit­gehendere Zusammengehörigkeit, und dieses muß wachgerufen werden, wen» man vorwärts kommen und die wirthschastlichen Berbältniffe beflern will.

Wie aber find d>e kaufmännischen Interessen nach außen hin vertreten? Im Reichstage kaum, denn die wenigen Großindustriellen in demselben können nicht alS Vertreter deS HandelSstandeS gelten. Als zweiten und wichtigeren Faktor muß man die Han­delskammern und Aeltesten-Kollegien be­nennen, die allerdings die einzige Instanz bilden, in welcher wichtige kaufmännische Fragen besprochen und untersucht werden. Diele aber können auch nicht viel erreichen, wenn die große Muffe nicht eingreift, wenn er nach oben hm nicht klar, daß dar, war die Handels- lamme-» erstreben, einen starken Wiederhol! in den Interessentenkreisen selbst findet. Nun aber sehe man sich die Einrichtungen an, bei denen solche Kund­gebungen in imposanter Weise zum Durchbruch ge­langen könnten, die kaufmännischen Vereine in HardelS- und Jndnstrie-Centren.

UeberoÜ stehen Männer an der Spitze, die vom redlichen Willen bereit sind; aber wie haben diese gerade mit dem Jndifferentismus zu kämpfen! — Bei wichtigen Verhandlungen erscheinen außer dem Vor­stände nur wenige Personen. Als die Gesetzesvorlage nbe- unlauteren Wettbewerb in dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller verhandelt wurde — ein «ewtz, welcher die tiefeinschneidendste Wirkung auf Eben Betrieb auSzuüben im Stande ist — erschienen einige 30 Personen! Das war daS Jntereffe, welch s we Handels- und Gewerbetreibenden der Großstadt Berlin einer so wichtigen Sache entgegenbrachten!

Ein solcher Vorfall charatterisirt dar Ganze. „Will van absolut nicht eins«hm, daß man nur durch ^geres Zusammengehen, durch Anschluß an gemeinsame Bestrebungen vorwärts kommen wnn, beharrt man auf dem einseitigen Jndifferenti-muS,

Betrachten wir den erst erwähnten Punkt, die langen Ziele, so werden wir finden, baß die leistungsfähigen Fabrikanten den Grossisten und ersten Abnehmern gegenüber dar bedungene Ziel strikte inne zu halten pflegen, daß die Grossisten aber, die mit der Provinzial- und kleineren Kundschaft arbeiten, meistens viel zu nachlässig sind. Ist ein Ziel von 3 Monaten bedungen, so werden 5, 6 Monate daran« und man nimmt dann womöglich -och Wechsel. Die natürliche Folge ist, daß sich die Schuldsummen entweder unge- bührlich erhöhen und der Kredit ein viel höher-r wird, alS wie eS beabsichtigt war, ober ober der Lieferant hält inne und schmälert den Umsatz, den er mit seinem Abnehmer machen könnte. Beides wirkt in seinen Folgen gleich ungünstig. Die übergroße Ausdehnung de» Zieles ist stetr ein Zeichen von Schwäche, und wenn ältere und kapitalSttäftige Finnen dadurch ihr Geschäft zu machen suchen, daß sie außerordentlich nachsichtig find und Kredite von 6—12 Monaten ge­währen, so ist dies ein nicht ungefährliches ^periment, welches dazu dient, die Verhältnisse zu verschlechtern, ober nicht zu verbessern. WoS man im kaufmännischen Leben mit dem Worte bezeichnet: „Der Kunde wird ! von unS gehalten," ist häufig weiter nichts olS ein aufgeschobener Bankerott.

Hit Stufte oae Äwmnschcobmz.

I Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 38] ------- (Nachdruck verboten.)

I Die beiden hohen Herren beschlossen, in nächster Zeit über die Stteitsache eine Synode in Rom zu halten. Sie versicherten aller zu thnn, um die Hildes- Heimer Rechte auf Gandersheim zu schirmen.

Der Kaiser duldete nicht, daß der geliebte Bischof Bernward wieder in feine erste Gastwohnung zurück- kehre. Er ließ ihn nicht mehr von seiner Seite und gab ihm neben feinen eigenen Gemächern im Palaste das glänzendste Unterkommen.

Das ward eine Zeit voll anregendsten Wechsel- Verkehrs; das waren Stunden und Tage gemeinschaft­lichen Nachdenkens, gemeinsamen Strebens. Bald in der Wohnung des Kaiser-, bald in den Gemächern Bernwards tauschten sie ihre Gedanken au8, besprachen sie die Angelegenheiten deS Reiches. Otto war glück­lich bei dem väterlichen Freunde Rath und Be­lehrung für alles zu finden, wo» noch unklar in feiner Seele lag.

Wie manchmal weilten sie mit einander in den schattigen Saubgängen des Aventin, zu ihren Füßen den Schauplatz, auf dem sich das reich bewegte Leben der alten Völker abgespielt hatte, mit den gewaltigen Uebtrrefttn geschwundener Größe. Und neben den mächtigen Trümmern aus der heidnislben Zeit erhoben sich die hehren Teinpel, welche die Christenheit über den Gräbern der Märtyrer errichtet hotte. An Stelle der alten römischen Weltherrschaft regierte eine neue christliche Geisterherrschast.

Aber Otto wurde nicht müde, feinem Lehrer in schwärmerischer Begeisterung von seiner Aufgabe zu sprechen, wie et auch das Weltkaiserthum in Rom er­neuern wolle.

„Lieber Sohn, die Römer von heute sind wonkel- müthig und charakterlos; ich fürchte, daß Du Dein phantastischer Gebäude auf schwankendem Grunde er­richtest," warnte Bernward.

Der Kaiser neigte schwermüthig das Haupt. Er wußte selber allzu gut, daß seine Macht in Italien auf tbönemen Füßen stand. Hatten doch unlängst die Tiburttner im nahen Tivoli seinen Freund, den Herzog Matholinius, den er als Statthalter dorthin gesetzt, erschlagen. Und gerade in diesen Tagen, die ihm durch die Anwesenheit Bernwards trostreich wurden, hielt er durch seine Soldaten die aufrührerische Stabt belagert und enge eingeschlossen. Trotzdem er zahlreiche Belagerung-Werkzeuge in Bereitschaft hatte setzen und Gräben von ungeheuerer Größe ziehen lasten, um den Bürgern das Wasser abzuleiten, wollte die heftig be­drängte Stabt sich nicht ergeben.

Die sächsischen Ritter, so als Begleiter deS Bischofs gekommen waren, wie Tammo von Sommerschenburg,

Der Jndifferentismus im Kauf­mannsstande.

Wenn sich Kaufleute über allgemeine geschäftliche Dinge unterhalten und besonder« auf die Gesetzgebung zu sprechen kommen, soweit dieselbe kaufmännische Interessen berührt, so wird man stets einer ziemlich ausgedehnten Unzufriedenheit begegnen. Man klagt über das Handelsgesetzbuch, über da» Firmen­recht, vor Allem über die Konkursordnung; dem Einen passen Bestimmungen der Gewerbeordnung nicht, wieder Andere beklagen die Zollgesetzgebung der letzten Jahr­zehnte. Wird e» auch niemals möglich werden, allen Alles recht zu machen, fo wollen wir doch einmal der Frage näher treten, ob denn die Kaufmannschaft im Allgemeinen ihre Rechte in genügender Weise wahrzunehmen versucht. Hierauf muß man kurz und bestimmt mit „nein" antworten, denn die wich­tigsten Ereignisse, tief einschneidende Bestimmungen werden mit einer Lauheit behandelt, die oft erstaun- sich ist.

Biele Kaufleute denken, daß sie etwas Unrechtes thun, wenn sie sich auf kurze Zeit den allgemeinen Interessen zuwenden, und gerade dieser JndifferentirmuS — daß man die Dinge laufen läßt, wie sie wollen — trägt dazu bei, die Unzufriedenheit zu erhöhen. Nachher, wenn der Einzelne die Folgen spürt, dann beklagt er sich; ober er vergißt, daß Jeder fein Theil dazu bei­tragen sollte, wenn es gift, Gutes zu erreichen und Schlimmer zu verhüten. Gewiß gibt e» viele Männer 'm Kaufmannsstande, welche in hervorragender Weise für doS gemeinsame Wohl auftreten, welche erkennen, wie wichtig und nothwendig gemein­same Bestrebungen sind. Aber ihre Arbeit wird nicht unterstützt, sie finden häufig weder Ber­ständniß noch Würdigung und erlahmen deshalb oft w ihrer Tätigkeit, wenn sie sehen, wie indifferent die große Masse bleibt. Wir sehen, wie im politischen Leben der Jetztzeit die Massenbetheiligung eine Rolle spielt, wir sehen auf anderen Gebieten, wie viel durch ein zielbewußteS Vorgehen zu erreichen ist; ober nur im Handelsstande geschieht wenig ober gar nicht», um allgemeine Interessen zur Geltung zu bringen. Jeder verschließt sich gewissermaßen in fernen eigenen Wirk- ungSkrei», und man belächelt förmlich diejenigen, welche au» ihrer Sphäre hervortreten und dadurch zu er- kennen geben, daß sie einen weiteren Blick al» die Andern haben.