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M 128 Samstag, den 6. Juni 1896. 23. Jahrgang

FlilimerWZkitunls

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Kluwen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mar? 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

w* Erstes Blatt. -Wst

Deutsche» Reich.

Berlin, 5. Juni.

* Testern (am FrohnleichnamStage) hielt unter -em Vorsitze des Fürsten Hohenlohe das Staats- miutsterium eine Sitzung ab, welche fünf Stunden dauerte. An der Sitzung nahm auch der Staats- fekretär bei Reichszustizamtes Nieberding theil.

* Wie der .Reichrbote' mittheilt, ist unter Beihilfe des Landwirthschastsministers eine Centralstelle für ländliche Wohlfahrtsangelegevhetteu errichtet worden. Betheiligt sind daran UnterstaatSfekcetär a. D. Herzog, Landschaftsdirektor a. D. Sombart und LandeSökonomie- rath Robbe. Die Grundzüge der von Redakteur Sohnrey entworfenen Programms sind folgende: I. Besserung der wirthschaftlichen und sozialen Zustände.

1) Belebung jeder, auch der kleinsten Dorfgemein­schaft durch einen echten genossenschaftlichen Trist. Genossenschaftliche Verarbeitung der Rohprodukte in marktgängige Kansumartikel; Ergänzung der landwirth- fchaftlichen Vereine insofern, als auch die landwirth. schaftlicken Interessen der kleinen Leute wahrzunehmen sind. 2) Förderung vernachlässigter Zweige der Land- wirthschaft und Erschließung ländlicher Erwerbsquellen neben der eigentlichen Landwirthschaft. Wiederbelebung deS Flachsbaues und der damtt verknüpften Arbeiten und zwar nicht nur in Rücksicht auf seine wirthschast- liche Seite, sondern auch in rechter Würdigung seiner eigenartigen Bedeutung im ländlichen VolkSthum; Förderung des Obstbaues, Landgärtnerei, Geflügel- zücht und Geflügelerzeugnisse, Bienenzucht, Fischzucht, besonders Einführung des Dorfteiches zu einer Muster­anstalt für Fischzucht; Einführung der Korb- und Schälweidenkultur; Berwerthung von Naturkräften und Naturprodukten; Beschaffung von industriellen Neben- erwerdszweigen zur Förderung deS Hausfleißes, ins­besondere zur Ausfüllung müßiger Stunden im Winter als: Holzschnitzerei, Filetstricken und Nähen, Teppich- knüpferei, Glasarbeiten, Drahtarbeiten-Lehrgänge und damit Förderung des Handarbeitsunterrichts. 3) Be­schaff ang von Absatzstellen in den Städten für land- wirthschaftliche Erzeugnisse und auf dem Lande her- gestellter Konsum- und Gebrauchsartikel, andererseits Einführung von LebenSbedarftanstalten auf dem Lande, um insbesondere die Arbeiterschaft von den Städten unabhängiger zu wachen und der Verwahrlosung auf dem Gebiete des kleinen Kram- und Hausirhandel» entgegen zu wirken. 4) Förderung der Sparkassen- Einrichtungen. 5) Rechtspflege und Rechtsschutz, vor allem Bekämpfung des Wuchers und Schwindels in jeder Gestalt. 6) Reform der lardwirthschaftlichen LöhnungSwefenS, wo die reine Geldlöhnung herrscht. 7) Sorge für ein freundschaftliches, wohliger Heim. 8) Erhaltung oder Wiedergewinnung einer den Ge- meindeverhältniffen entsprechenden Allmende. 9) Förder­ung der idealen Beziehungen der Arbeiterschaft im Gemeindeleben: Betheiligung des sittlichen und geistig tüchtigen Arbeiters an den Ehrenämtern der Gemeinde. 10) Bildung von örtlichen Wohlfahrtsvereinen. 11) Bekämpfung deS Gestndemakler-UnwesenS. 12) Haus- wirthschastlrche Ausbildung der Mädchen und Frauen. 13) Sorge für eine ordnungsmäßige Gemeindepflege in sanitärer und humanitärer Beziehung. 14) Be- kämpfuvg der Trunksucht. 15) Kinderbewahrung, die Einrichtung von Kinderbewahranstalten, Kleinkinder- schulen, Spielschulen oder wie man die Anstalten dieser Art nennen will, sind auf dem Lande eine »nabweiS- liche Rothwrndigkeit, da die Eltern auS dem Arbeiter­stande, während sie fern von ihrer Wohnung in Ar- beit sind, ihre roch unermachsemn Kinder unbeauf- sicht daheim lassen müffen. 16) Orgamsirte Hilfe für die unverschuldet in Noth Gerochenen.

II. Pflege des VokSthumS.

1) Revision des Volkschums und Fruchtbarmachung seiner ethischen und poetischen Gehalts im Jugend- und Volksleben. 2) Förderung und Veredelung des geselligen Gemeinschaftslebens, vor allem der BolkS- einrichiungen, welche dasBedürfniß nach geselliger Unter­haltung hervorgerufen hat. 3) Einwirkung auf unser gesammtes Bildungswesen insofern, als dieses auf die ländlichen Eigenthümlichkeiten mehr Rücksicht zu nehmen

| und die Nachtheile der einseitigen Berstandsbildung ! durch größere GemüthSpfl ge auszugleichen hat. 4 i Weckung und Stärkung der Heimgefühls. 5) Sorge i für eine gute Volkslektüre. 6) Förderung der Sonn- i tagSbestimmung durch eine rechte Sonntagspflege.

! III. Förderung der inneren Colonisation : vornehmlich durch die unterl. und II. bezeich­neten Aufgaben.

1. Beseitigung des nur in kapitalistischem und ego- ! istischem Sinne arbeitenden Agententhums; Rath und ; Beistand für alle AnsiedelungSlustiae» von einer ge- | nügend bekannten und vertrauenswürdigen AuSkunflS- : und Hilfsstelle. 2. Schaffung eine» leistungsfähige» ! technischen Kleingewerbestandes auf dem Lande, um die | Dörfer in allen Beziehungen lebensvoll auszugestalten.

Diese „Grundzüge" sind recht interessant und mit ' sozialem Berständniß entworfen.

* Die ,Lib. Corr.' berichtet, in BundesrathSkreisen ’ würden die Beschlüssr de» Reichstags zu dem Margariue- gesetz, die das Färben der Margarine verbietm und das Feilhalten der Margarine nur in besonderen Ver­kaufsräumen zulassen, al» unannehmbar bezeichnet.

* Hinsichtlich der Zahlung de» SuspeufionSgehaltS an städtische Gemetndeschullehrer hat sich der Unter- richtsminister unter dem 10. April damit einverstanden erklärt, daß einem vom Amte suSpendirten städtischen Gemeindeschullehrer vom Tage der SnSpensionsver- fügung bezw. vom Tage der Zustellung dieser Ver­fügung ab nur noch die Hälfte de» Gehalts gezahlt । werde.

* Bamberg, 5. Juni. Da» hiesige Franzis- j kan er kl oster hat die RegierungSgenehmigung zur Errichtung eines Konvikte» für Studirende an : den hiesigen Gymnasien erhalten und erbaut in j dem ihm von der Bürgersodalität überlassenen, dem S Kloster zunächst liegenden großen Anwesen, sogen. i WachterSyof, das für 60 Zöglinge berechnete Seminar- ’ gebäude. Am nächsten Montag wird nach vor­gängigem Gottesdienst der Bau in Angriff genommen. Das Seminar wird nach dem Landshuter Muster organisirt.

# Bremen, 5 Juni. In verschiedenen katholischen Blättern wird darüber Beschwerde geführt, daß die Bre-lauer Polizei die Aufführung des Rubinstein- < schen „Christus", eines modernen Musikwerke-, l deshalb untersagt habe, weil eine Verordnung bestehe, nach welcher Christus nicht auf der Bühne dargestellt werden soll. Wenn dabei darauf hingewiesen wird, wie nachsichtig man polizeilicherseitS gegen die Ver­höhnung de» katholischen Priesterthums und Ordens- wesens sei, so ist da» gewiß ganz berechtig; aber es berechtigt noch nicht, die Breslauer Polizei m diesem Falle zu tadeln, eher muß da» Gegentheil der Fall sein. Man kann schon darüber streiten, ob die Auf­führung einer „Passion" mit einer ChristuSrolle al» Konzert in weltlichen Räumen oder eine» Oratorium» unter gleichen Bedingungen, wenn nicht das Ganze einen kirchlichen Typhus trägt, mehr erbauend oder profanirend genannt werden muß, mindesten» will mir heute „Don Juan", morgen „Matthäus-Passion" nicht als eine höchst geschmackvolle Reihenfolge erscheinen. Mit dem Rubinsteinichen „Christus" ist eS noch etwas andere». In demselben wird die Rolle des Christu» nicht einfach vorgetragen, sondern eS ist eine Theater- Kostüm-Rolle rein mimifch-opernhaften Charakters. Hier in Bremen wurde das Stück vor einigen Monaten mehrfach aufgeführt, aber in gläubigen christlichen Kreisen hat man allgemein, unter Anerkennung der musikalischen Schörihntm, bedauert, daß der Komponist sich diesen Gegenstand gewählt hat. Die Aufführung war eine Prosanation, die Art und Weise, wie sich die auSwärttge jüdische Presse mit Behagen darüber her machte, ein Skandal. Unter diesen Umständen kann man meiner Ansicht nach der Bre-lauer Polizei nur Anerkennung zollen, daß sie die Profananon in Bre-lau unmöglich gemacht hat, und hoffentlich nehmen sich alle anderen Polizeiver­waltungen ein Beispiel daran. Will man religiöse Musik schaffen, so richte man sie nicht auf die Stätten ein, wo das Ballet sonst seine Heimath hat.

Ausland.

* Wien, 5. Juni. Der vierte allgemeine österreichische Katholikentag ist für die erste

Septemberwoche in Salzburg in Aussicht genommen' Die Vorarbeiten find bereit» im Gange.

* Parts, 4. Juni. Der ,Gaulois' will wiffen, der deutsche Kaiser habe dem jüngst abberufenen Bot­schafter Herbette den Rothen Adlerorden geben wollen; Herbette aber, al» Großoffizier der Ehren­legion, habe auch die höchste deutsche Auszeichnung, nämlich den Schwarzen Adlerorden, verlangt; da der Kaiser darauf nicht einging, habe Herbette den Rothen Adlerorden abgelehnt.

* Rom, 4. Juni. Der Messagaro' erzählt all­dem kleinen Orte Sant' Arcangelo bei Rimini, daß seit zwei Tagen Hunderte von Frauen und Kindern in elendem Zustande unter den Rufen: „Brod! Wir haben Hunger l" die Straßen durcheilen. Diese Kund­gebung ist eine Folge de» in der Gegend herrschenden Elendes. Die Leute stürmten in Menge die Bäcker­läden. Carabinieri schritten ein und verwundeten mehrere Personen. Eine Compagnie Infanterie ist eingetroffen. Zahlreiche Verhaftungen erfolgten. Auf das Versprechen der StadtratheS, Hilfe zu schaffe», trat wieder Ruhe ein.

* Madrid, 5. Juni. In Folge eine- persönlichen Zwistes hatten sich Marschall Campos und General Borrero gegenseitig ihre Zeugen geschickt. Da» Duell sollte eben im Hause einer hiesigen Rentners beginnen, als der Grneralkapitän von Madrid einttat und eS verhinderte. Die Zeugen haben den Wott- wechsel der Gegner ausgezeichnet. Darauf beschäftigte sich der Ministerrath mit der Angelegenheit und beschloß, das Duell zu verhindern, sowie, daß die beiden Gegner bir auf Widerruf Hausarrest haben sollten. Wie eS heißt, hätte General Borrero das Kommando deS 7. Armeekorp» niedergelegt.

* Moskau, 5. Juni. Allgemeines Aufsehen hat es mit Recht erregt, daß trotz des furchtbaren Un­glückes die Festlichkeiten ruhig ihren Fortgang ge­nommen haben. Selbst in Rrgierungskreisen scheint man dar Verletzende dieser Thatsache zu fühlen. So versichert man jetzt, der Kaiser habe in Bezug auf fein Erscheinen bei dem Bankett auf der französischen Botschaft geäußert, daß er auf die politische Seite seiner Stellung Rücksicht nehme, wenn er auch mit schwerem Herzen dem Rufe der Pflicht folge. — Sehr scharf urtheilt sogar die Berliner freisinnige Presse über jene Vorgänge. So schreibt die ,Voff Ztg.': „Ein Ereigniß hat heute seine finstere» Schatten über den heiteren Glanz der Krönungszeit geworfen, da» — so müßte jeder natürliche Mensch annehmen — die Fortsetzung der Festlichkeiten, die Ausführung de» ganzen Programm» der noch folgenden Moskauer Kaisertage unmöglich machen, alle die farbigen Banner und Dekorationen mit Trauerfloren umhüllen lassen und alle Herzen in Jammer uad Gram versenken müßte. Aber er ist natürlich an eine derartige Ein­stellung der Hofbälle und Banketts um dieser Katastrophe willen nicht zu denken. Als neulich ein österreichischer Erzherzog starb, wurde daS angesagte Ballfest auf der österreichischen Botschaft abgesagt, und daß eS ge­schehen müsse, galt bei der ganzen vornehmen Gesell­schaft als steibstverständlich. Seit heute Morgen führen die Wagen der Sanitätsbehörden und die Feuerwehr unausgesetzt die schaudervollen Lasten der blutrünstigen Leichen Erschlagener, Erstickter, Zerttetener,Zerstampfter, zerrissener Weiber, Männer und Kinder mit den gleich Spänen zerknickten Gliedern, die man aus der Ver­hüllung über die Wagenräder herabhängen und neben den Rädern schlenkern steht, vom ChodynSkifelde, auf dem noch immer Haufen von ebenso Zugerichteten liegen, zur Stadt hinein. Aber die Gesellschaft und der Hof tanzen und bankettiren heute Abend darum sicher nicht weniger entzückt bei dem ihnen bereiteten Zauberfest beim französischen Krönungs­gesandten. Die draußen erdrückten und zertretenen rreizehn- bis fünfzehnhundert Unglücklichen sind ja nur armes Lumpengefinde!, die Geringsten des Volkes, die von der Erwartung der bescheidensten Freuden eine» auch einmal für sie, für alle kleinen und kleinsten Leute, die von der Noth und Last de» onnenlosen Dasein» wund gedrückten, geschundenen und zermürbten Existenzen, veranstalteten Festes hinau»- zetrieben wurden und statt deffen dm quäl- und chaudervollen Tod fanden. Hat doch auch ihren vor etzterem glücklich gewahrt gebliebenen Genossen du» Schicksal dieser Opfer die Lust an dem Fest kaum